103 Mittwoch, den 6. Mai 1891. !8. Jahrgang
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-i- Der Kückgang der Ackerbau betreibenden SevölKerung im deutschen Leiche.
ii.
Der Grundfehler unserer Zustände liegt darin, daß der Ackerbau, die Grundlage unseres wirthschaftlichen und staatlichen Daseins, nicht auch die Grundlage unserer wirthschaftlichen Gesetze und Einrichtungen ist, nicht bei allen politischen Fragen, in der Verwaltung, im Heerwesen, an erster Stelle berücksichtigt wird. Anstatt als Hauptsache, wird er überall höchstens als Nebensache, oder gar nicht, berücksichtigt. Für den Neustaat ist der Ackerbau fast nur da, um Steuern zu zahlen und Soldaten zu stellen. Besonders im letzteren Punkte wird die Last immer unerträglicher für ihn. Die starke Mehrung der Bevölkerung bringt gesetzlich eine entsprechende Erhöhung des Friedensstandes des Heeres mit sich. Die Mehrung aber besteht ausschließlich aus Stadt- und Fabrik-Bevölkerung, welche so wenig wehrtüchtig ist, daß sie die ihr zukommende Zahl Soldaten nicht zu stellen vermag. Den Fehlbetrag muß die Landbevölkerung stellen, welche also im stärkeren Maßstabe zum Wehrdienst herangezogen wird und eine größere Last zu tragen hat, was bei dem empfindlichen Mangel an Feldarbeitern um so einschneidender empfunden wird.
Die Ertragslosigkeit des Ackerbaues ist übrigens selbst bei den jetzigen ungünstigen Verhältnissen doch nur theilweise vorhanden. Schon die Klagen über Arbeitermangel beweisen doch auch, daß der Ackerbau noch lohnenden Ertrag zu liefern vermag, denn mit Verlust will Niemand den Acker durch bezahlte Arbeiter bebauen. Gewiß ist jedenfalls, daß der Ackerbau hinsichtlich der Ertragssähigkeit es noch mit dem kleinen Gewerbe aushalten kann. Ist letzteres nicht, bei dem Alles beherrschenden Großbetrieb, in einen Kampf ums Dasein gedrängt worden, wie er erschreckender kaum gedacht werden kann? Die Zahl der Kaufleute und Gewerbetreibenden, welche in diesem rasenden Sturme untergehen und Alles verlieren, ist doch unendlich größer als diejenige der untergehenden Grundbesitzer.
Die tiefste und wichtigste Ursache des Rückgangs oder ungenügenden Fortschrittes unserer Bauernschaft ist nicht in äußeren Umständen zu suchen; sie besteht in der Abwendung von der Landwirthschaft und Feldarbeit, welche unsere moderne Schulung bewirkt. Die heutige Schule leitet Blick und Gedanken eher auf alles Andere, denn auf den Ackerbau. Sie ist einzig auf „Bildung", auf die gelehrten Berufe zugeschnitten, selbst schon in der Volksschule wird auf „Höheres", „Besseres" gewiesen, als auf Ackerbau und was damit zusammenhängt. Noch schlimmer ist es, daß die Schule die Landkinder der Feldarbeit entwöhnt; wenn bis zum vollendeten 14. Jahre die Schule besucht werden muß, wie es heute erzwungen wird, kann sich das Kind kaum an die Feldarbeit gewöhnen, wenigstens gewöhnt es sich nach der Entlassung aus der Schule nur schwer
Verfolgt.
Frei nach dem Englifchen des Marion Crawford von Cora von Schönburg.
(35. Fortsetzung.)
Die Worte des Arztes hatten Mr. Juxon viel zu denken gegeben. Er brauchte einige Zeit, um sich an die überraschende neue Darstellung der Sachlage zu gewöhnen. Sollte Stambul wirklich keinen Antheil an dem eventuellen Tode des Verbrechers haben? Es war ihm schwer geworden, den Wunsch um dessen Lebenserhalter auszusprechen, und doch suchte er ihn auch mit der ganzen Festigkeit seines Charakters im innersten Herzen festzuhallen. Wenn Goddard der Tod beschieoen war, so wollte er sich keines freventlichen Gedankens anzuklagen haben. Die Lage, in welche ihn eine sonderbare Verkettung der Umstände hinein gezwängt hatte, war allerdings jeder Berechnung spottend. Der Mann, welcher unter allen Menschen der Welt einzig und allein der Erfüllung seiner Wünsche im Wege stand, der Missethäter, welcher seinem Leben nachstrebte, er war jetzt seiner Sorgfalt anvertraut.
Der Gründe, welche ihn veranlaßten, Goddard zu hassen, waren so viele, daß es seiner menschlichen Natur fast zu viel zugemuthet war, dieses Gefühl gänzlich zu überwinden. Selbst in dem Gedanken, daß Goddard nach seiner Wiederherstellung doch wieder in das Gefängniß zurückkehren müsse, lag wenig Trost. Mr. Juxon wußte nicht, daß er bereits durch einen
daran. Ein Paar Jahre später kommt der Wehrdienst, welcher den jungen Mann gewiß auch nicht sehr für Feldarbeit, wohl aber oft gar sehr für städtische Vergnügen interessirt. Tatsächlich haben die Verlängerung des Schulzwanges auf das vierzehnte Lebensjahr, sowie das dritte Dienstjahr unter der Fahne eine Steigerung der Landflucht bewirkt. Die höheren Schulen wenden die Bemittelten grundsätzlich von der Landwirthschaft ab, die Volksschule entwöhnt überdies noch die Landkinder von der Feldarbeit. Deßhalb fehlt es der Landwirthschaft an Geld- und Menschenkräften, welche sich in Städten und Fabrikorten übermäßig anhäufen, daher zum guten Theile brach liegen und verloren gehen.
Die Landflucht wächst in Deutschland seit zwei Jahrzehnten mit der Schnelligkeit einer Lawine. Gerade in den letzten Jahrzehnten sind die Schul- und Wehr- schraubeu immer schärfer angezogen worden. Die moderne Schulbildung verschiebt alle Verhältnisse, hebt Staat und Gesellschaft aus den Fugen. Anstatt sich den Lebensbedingungen der Gesellschaft, der Familie anzupasseu und für dieselbe vorzubereiten, ist die Schule gänzlich in den Staat aufgegangen, der Einfluß der Familie und der Kirche sind von ihr großentheils ausgeschlossen, sie dient nur den Zwecken des Staates und arbeitet demzufolge der Sozialdemokratie in die Hände. Nicht Bebel, Liebknecht und die Genossen allein schaffen die Sozialdemokratie, sondern zum guten Theile auch die moderne Schule. —n.
Deutsches Keich.
Berlin, 4. Mai.
* Behufs Bildung eines Komitees für die Errichtung eines Moltke-Denkmals sind gestern in Lübeck etwa 50 Herren aller Berufsklassen zusammengetreten.
* Fürst Bismarck wird, wie verlautet, sein Reichs- tagsmandat noch vor der Vertagung des Reichstags ausüben.
* Das Einkommensteuergesetz, das man bereits als vollkommen gesichert ansah, erscheint neuerdings gefährdet. Das Abgeordnetenhaus wird, wie die Be- rathnngen in den Fraktionen ergeben haben, mit sehr großer Mehrheit auf dem Steuersatz von 4 pCt. für die größeren Einkommen beharren, und es wird selbst für einen so gewandten Mann, wie Herrn Miquel, feine leichte Arbeit sein, das Herrenhaus zur Nachgiebigkeit zu bewegen.
* Ob es möglich sein wird, die Reichstagssessian bereits am nächsten Sonnabend zu schließen, steht noch sehr dahin. Es sind noch zu erledigen: Die dritten Berathungen des Arbeiterschutzgesetzes, des Zuckersteuergesetzes und der Branntweinsteuernovelle und außerdem der Nachtragsetat in allen drei Lesungen.
* Der Geh. Oberregierungs- und vortragende Rath im Ministerium der öffentlichen Arbeiten Hübner ist heute früh am Herzschlag im kräftigsten Mannesalter gestorben.
Mord sein Leben verspielt habe. Von dem Attentate im Park wollte er vor Gericht nichts aussagen. Der Sträfling sollte einfach wieder nach Portland abgeliefert werden, um seine Strafzeit abzusitzen. Wenn er stürbe, sollte er namenlos, aber in einem anständigen Grabe bestattet werden.
Noch ein Bedenken drängte sich dem Squire auf. Mrs. Goddard mußte von dem Zustande ihres Mannes in Kenntniß gesetzt werden, sie war berechtigt, wenn sie es wollte, an feinem Bette zu wachen. Dabei durfte man aber nicht außer Acht lassen, daß ihr Erscheinen sowohl bei Dr. Longstreet als bei dem ganzen Dienstpersonal gerechtes Aussehen Hervorrufen würde. Nur die Begleitung von Mrs. Ambrose hätte der Sache vielleicht einen natürlichen Anstrich geben können. Diese genoß den Ruf einer vorzüglichen Krankenpflegerin, und der Gedanke, sie um ihre Hülfe zu ersuchen, lag daher nicht allzu fern. Um Mrs. Goddard das Kommen und Gehen zu erleichtern, hätte sie allerdings ganz im Schlosse bleiben müssen und — was das Schlimmste dabei war, — man war gezwungen, ihr ein volles Geständniß von allem Vorgefallenen abzulegen. Der Fall war sehr zu überlegen. Und wer konnte unter den obwaltenden Umständen auf das sympathische Einverständniß der sonst vortrefflichen Pastorin rechnen!
Während dieser Betrachtungen waren Mr. Juxon's Augen sortwährend den Handlungen der um den Kranken Beschäftigten gefolgt. Goddard stöhnte bei jedem Athem-
* Düsseldorf, 4. Mai. Der Kaiser traf um 9 Uhr Vormittags ein; er wurde von den Spitzen der Militärbehörden empfangen. Er begab sich, mit Albedyll fahrend, nach dem Triumphbogen auf dem Cornelius- platze, wo der Oberbürgermeister eine Ansprache hielt. Der Kaiser dankte mit dem Ausdrucke seines Wohlwollens für die Stadt, fuhr in das Präfidialgebäude und empfing hier die Civilbehörden. Um 10 Uhr fuhr er nach der Holzheimer Heide zum Manöver.
* Köln, 4. Mai. Um 10 Uhr 30 Min. traf der Kaiser in Garde-Kürassier-Uniform von Düsseldorf im hiesigen Centralbahnhof ein, schritt die Ehrenkompagnie ab und trat nach kurzer Begrüßung durch den Oberbürgermeister eine Rundfahrt durch die illuminirte Straße um den feenhaft erleuchteten Dom an. Der Kaiser stieg im Regierungsgebäude ab, dem gegenüber eine prächtige Kolossalgruppe, die „Wacht am Rhein", errichtet ist. (Frkf. Ztg.)
* Dem Kaiser wird am Abend nach seiner Ankunft in Bonn von 400 Sängern eine Serenade und von den Studirenden ein Fackelzug gebracht. Während der Fahrt des Kaisers von Bonn nach Köln ist der Schiffsverkehr auf dem Rheine beschränkt, theilweise ganz untersagt.
* Frankfurt a. M., 4. Mai. Die hiesige Strafkammer verurtheilte den Redacteur Wiedmann in Stuttgart wegen eines in der Frankfurter Zeitung erschienenen Artikels, durch den sich das Offizierkorps des würtembergifchen Ulanenregiments König Karl beleidigt fühlte, zu zwei Monaten Gefängniß.
* München, 4. Mai. Die sog. Redemptori sten- frage wird jetzt endlich doch ihre Erledigung finden und zwar im Sinne des Centrumsantrages in der bayer. Abgeordnetenkammer. Die Regierung bereitet nämlich für den Bundesrath einen Antrag vor, nach welchem die Söhne des heiligen Akphonfus als nicht verwandt mit den Jesuiten erklärt und in Folge dessen die ihnen auf Grund des Jesuitengesetzes auferlegten Beschränkungen in Bezug auf Ordensniederlassungen aufgehoben werden sollen. Der Antrag stützt sich bekanntlich auf verschiedene Gutachten, darunter auch ein solches von Döllinger, worin die Nichtverwandtschaft nachgewiefen wird. Ein diesbezüglicher Reichs- tagsbeschluß ist nicht nöthig, da durch das Gesetz vom 4. Juli -1872 es dem Ermessen des Bundesrathes Zerlassen wurde, die jesuitenverwandten (Kongregationen zu bezeichnen. An der Bereitwilligkeit des Burides- rathes zur Beseitigung dieses Ausnahmegesetzes dürfte es nicht fehlen, denn unsere Regierung, die ja ängstlich alles vermeidet, was in Berlin Anstoß erregen könnte, hat sich jedenfalls vorher der Zustimmung der übrigen Bundesstaaten versichert. Der neue Kultusminister aber hat mit der Einlösung dieses bezüglich der Redemptoristen der Kammermehrheil s. Z. gegebenen Versprechens ein schweres Unrecht wieder gut gemacht, und das wird, wenn derselbe im Herbste zum ersten Male vor die Abgeordneten tritt, seinen Eindruck nicht
zuge in einer für die Zuhörer sehr nervenangreifenden Weise.
„Man kann nicht viel machen," erklärte Dr. Longstreet endlich. „Die Wunden müssen genäht werden. ,— Geben Sie ihm abwechselnd etwas Beestea und etwas verdünnten Branntwein. Wir müssen die Kräfte zu heben suchen — das ist die einzige Aussicht. Die Medizin, welche ich verschreiben werde, kann der Kutscher gleich mitbringen. Bis um 10 Uhr bin ich wieder hier. So lange wird er wohl noch leben. Es ist auch kein besonderer Zwischenfall zu fürchten. Gute Nacht, Mr. Juxon. Alle Viertelstunde abwechselnd Branntwein und Beeftea."
Er wandte sich an John. „Gute Nacht, Mr....."
„Short," erklärte John. „Gute Nacht, Dr. Longstreet."
Er war fort, ehe die beiden Herren Zeit hatten, ihm'zu folgen. Mr. Juxon fühlte von Neuem die Last der Verantwortlichkeit auf sich zurückfallen.
„Sie sollten lieber zu Bette gehen, Mr. Short," sagte er freundlich. „Ich bleibe doch auf."
John legte lebhaften Protest gegen den Vorschlag ein. Er wollte den Squire nicht allein lassen. Schließlich kam man überein, daß nur immer Einer wachen und der Andere sich während dessen auf dem Divan in dem anstoßenden Toilettenzimmer ausruhen solle. John mußte sich zuerst niederlegen. Es war bereits Mitternacht vorüber und doch konnte er bei aller Müdigkeit keine Ruhe finden. Das monotone Ge-