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18. Jahrgang

Dienstag, den 5. Mai 1891.

MrrWZeitilig

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,Rathgeber für Landwirthichaft, Gartenbau und Hauswesen m Fulda und auswärts I Mark ou Piennig.

-*- Der Rückgang der Ackerbau betreibenden DevölKerung im deutschen Reiche.

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Die Ergebnisse der letzten Volkszählung liegen noch nicht vollständig vor, aber sie bestätigen alle die That- sache, daß sich nur die städtische Bevölkerung gemehrt hat, rund um 21/a Millionen, so daß Deutschland jetzt fast 491/2 Millionen Einwohner zählt. Bei der 1885er Zählung betrug die Bevölkerung nicht ganz 47 Mil­lionen, wovon 48 Prozent sich mit Ackerbau beschäf­tigten. In Bayern hat nun die Landbevölkerung um 850 Köpfe abgenommen, so daß die ganze Zunahme, 170,000 Seelen, auf die Städte kommt. In Preußen hat eine Provinz (Ostpreußen), welche fast ausschließ­lich Ackerbau treibt, ebenfalls abgenommen, obwohl ihre Städte (Königsberg, Aüenstein, Elbing u. s. w.) eine starke Zunahme ausweisen. Die Mehrung ist am stärksten in den gewerhreichen Provinzen Rheinland, Westfalen, Schlesien, Sachsen, in denen aber wiederum diejenigen Kreise, welche nur Ackerbau treiben, ihre Einwohnerzahl vermindern sahen. Die allerhöchste Meh­rung zeigt das Königreich Sachsen mit 10 Prozent, indem seit 1885 die Bevölkerung von 3,182,000 auf 3,500,500 Seelen gestiegen ist. Berlin, Hamburg, überhaupt alle großen Städte sind riesig angeschwollen. Deutschland zählt jetzt 26 Städte mit mehr als 100,000 Seelen, darunter Berlin mit 1,600,000, Hamburg mit 510,000, München, Breslau, Leipzig und Dresden mit über 300,000, Köln und Magdeburg mit über 200,000 Seelen. Kein Land Europas hat jetzt so viele große Städte wie Deutschland.

Da die Mehrung ausschließlich auf die Städte kommt, das flache Land sogar eine Einbuße erlitten hat, dürften heute kaum 42 Prozent unserer Bevölke­rung dem Ackerbau angehören. Geht, die Mehrung in der bisherigen Weife fort, fv wird die Landbevötkerung, felbst wenn sie ihren jetzigen Stand behauptet, binnen höchstens 15 Jahren nur mehr ein Drittel der gesamm- ten Einwohnerschaft ausmachen. ES ist nicht mehr in Abrede zu stellen, seit 50 Jahren hat Deutschland eine wirthschaftliche Umwälzung erfahren, wie früher nie binnen mehreren Jahrhunderten, und wie sie kein Volk in Europa, selbst England nicht ausgenommen, inner­halb dieses Zeitraumes durchgemacht hat. Wir sind auS einem Ackerbau- oder Bauern- zu einem Stadt­oder Fabrikvolk geworden. Vor 50 Jahren betrug letzteres kaum ein Fünftel oder Viertel der Gesammt- zahl.

Gewisie Volkswirthe geben die Gebundenheit deS Grundbesitzes als Ursache dieser Landflucht an. Die kleinen Leute verließen dies Dorf, weil wegen der Untheilbarkeit des Grundbesitzes es ihnen unmöglich sei, sich anzusiedeln. Aber in der Stadt vermögen sie dies erst recht nicht, sie bringen es dort nur ganz aus­nahmsweise zum Erwerb eines Häuschens. Ueberdies ist die Landflucht in den Gegenden, wo die Freitheil- barkeit des BodenS herrscht, kaum geringer als da, wo der Boden sich in festem und Großbesitz befindet. In

Verfolgt.

Frei nach dem Englischen des Marion Crawsord von Cora von Schönburg.

(34. Fortsetzung.)

13. Kapitel.

Dr. Longstreet war nicht der Arzt von Billings- field. Dieser war über Land gewesen. und der Kutscher hatte sechs Meilen weiter zur nächsten Stadt fahren müssen, um den dortigen Medikus zu holen. Der Doktor war ein alter Mann mit klarem Blick, tiefge­furchter Stirn, einem kahlen Kopf und glattrasirtem Gesicht. Sein Gang war auffallend elastisch, feine Sprache rasch und abgebrochen. Sein frischer Lebens- muth und die Sorglosigkeit, mit welcher er sein Alter trug, flößten Vertrauen ein. Es schien, als reizten ihn alle körperlichen Gebrechen zum Lachen, und als wünsche er, diese Auffassung auch seinen Patienten bei­zubringen. Er urthcilte rasch, aber mit merkwürdiger Sicherheit.

„Sehen Sie, da bin ich, Mr. Juxon," sagte er im Hereintreten. Es war stets seine Art, sich auf diese Weise anzumelden. Allerdings hätte man seine kleine bewegliche Person auch ohnedem kaum übersehen. Gleich darauf fiel sein Blick auf das Bett. „Mein Gott," fügte er in leiserem Tone-hinzu, „ich wußte gar nicht, daß unser Patient hier ist."

den Rheingegenden herrscht ebenso die Landflucht wie im Osten, und in Elsaß-Lothringen ist sie so groß wie irgendwo. Und in diesen Ländern ist doch die Frei- theilbarkeit so unbeschränkt und allgemein in Hebung, als man es nur wünschen kann.

Die niedrigen Löhne bei der Feldarbeit mögen eine Ursache sein, aber keinenfalls sind sie die Hauptursache der Landflucht. Geringer Lohn ist immer noch besser als gar keiner, und der niedrige Lohn auf dem Lande entspricht auch den niedrigen Preisen der Lebens-Bedürfnisse, wird einigermaßen durch andere Vortheile ausgeglichen, die in Städten und Fabrikorten wegfallen. Im Winter ist keine Arbeit auf dem Lande, heißt es. Leider ist dies wahr; aber in der Stadt und Fabrik gibt es auch fast jedes Jahr längere oder kürzere Feierzeit, während welcher die Arbeiter ebenso schlimm daran sind, als auf dem Lande.

Der Einwand endlich, der Ackerbau werde immer weniger einträglich, ist ein trauriges Armuthszeugniß. Der Ackerbau ist durchaus unent­behrlich, er ist die wirthschaftliche Grundlage der Ge­sellschaft, die Vorbedingung eines jeden staatlichen Da­seins. Zu behaupten, der Ackerbauer könne wegen zu geringen Ertrages seines Bodens nicht bestehen und flüchte daher in die Stadt, ist gleichbedeutend mit der Bankerott-Erklärung des Staates, und es liegt darin das Eingeständniß, daß unsere öffentlichen und wirth- schaftlichen Einrichtungen auf Abwege gerathen sind, da sie auf Zerstörung der Grundlage des Gemeinwesens, also des Staates selbst, hinarbeiten. Nicht der Acker­bau an sich ist ertraglos, sondern unsere Staats-Ein­richtungen machen ihn ertraglos, was doch viel heißen will in einem Lande, welches alljährlich für 1000 bis 1500 Millionen Ackerbau-Erzeugnisse aus dem Auslande einführen muß. Welches sind also die eigent­lichen Ursachen des Rückganges deS Acker­baues, des-Rückganges der Ackerbau trei­benden Bevölkerung im deutschen Reiche? Darüber Einiges im nächsten Artikel. _____

Deutsches Keich.

Berlin, 2. Mai.

* Anläßlich der Eröffnung der internationale« Kunstausstellung findet heute bei den Majestäten im Reuen Palais zu Potsdam eine größere Festtafel statt, zu welcher der Vorstand der Kunstausstellung, die Kommissare der auswärttgen Staaten, die Vertreter der deutschen Kunstgenossenschasten, ferner der Reichs­kanzler, der Kultusminister und andere hervorragende Persönlichkeiten Einladungen erhielten.

* Der 1. Mai ist sowohl in Berlin, wie im ganzen übrigen Deutschland ohne Ruhestörung verlaufen. Es wurde nur vereinzelt gefeiert.

* Die österreichisch-deutsche« Haudelsvertragsver- Handlungen sind noch nicht abgeschlossen; heute fand wieder eine Konferenz statt. Die Paraphirung des Verttags wird günstigsten Falls erst anfangs nächster Woche erfolgen.

Er blickte, nähertretend, forschend in das Gesicht des Kranken, befühlte den Puls und die Stirn, unter­suchte den Verband und sagte dann, indem er sich rasch umwendete: „Gehirnfieber, gnädiger Herr, Ge­hirnfieber. Verschaffen Sie mir so schnell als möglich etwas Beeftea (starke Bouillon) und Eis; es steht recht schlecht um ihn." „Sonderbar," fuhr er fort, „der Mensch fieht aus wie ein Mittelding zwischen einem Gentleman und einem entlassenen Sträfling. Sie sagen, er sei ein Landstreicher — nun, das würde Beides nicht ausschließen. Haben Sie keine Angst — er kann nichts hören, er ist ganz bewußtlos. Ich muß Übrigens auch seine Wunden nachsehen. Hm — recht böSartig — und noch dazu entzündet! — Dürfte ich Sie vielleicht bitten, mir zu sagen, wie er dazu gekommen ist? Wie lange ist er schon hier?"

Der Squire machte Dr. Longstreet in wenigen Worten mit dem auf ihn gemachten Attentate bekannt. Der Dottor sah nach seiner Uhr.

„Es find seitdem ungefähr 2*/2 Stunden vergangen," bemerkte er.

„Jedenfalls hat der Mensch schon den ganzen Tag im Fieber zugebracht. Er mag es gestern schon gehabt haben. Die Verletzung durch den Hund ist nicht ge­fährlich. Wenn Sie erlauben, will ich mir das Thier einmal ansehen. Vielleicht hat ihn der Schrecken allein schon bewußtlos gemacht. Sie können ganz unbesorgt

* Zum Präsidenten der Landesvertheidigungstom- misfion wird an Stelle des verstorbenen Feldmarschalls Moltke Prinz Albrecht von Preußen ernannt.

* Im Reichstage wurde heute vor ziemlich leeren Bänken die zweite Berathnng der Novelle zum Brannt- weinsteuergesetz beim Art. II fortgesetzt, welcher u. A. unter Festhaltung der Beschränkung der Betriebsdauer für die landwirthschaftlichen Brennereien auf die Zeit von 81/« Monaten, sowie des auf den 15. Juni fest­gesetzten Schlusses der landwirthschaftlichen Kampagne die Brennereibesitzer in den Stand setzt, ohne der Steuererleichterung verlustig zu gehen, schon vom 1. Sep­tember ob mit dem Betriebe zu beginnen, und welcher ferner im Interesse der kleinen Brennereien die Steuer für das geringwerthigere und alkoholärmere Material der Kernobsttreber auf 25 Pfg. herabsetzt. Bei der Berathung handelte es sich heute hauptsächlich um einen von dem Abgeordneten Lender gestellten und von den badischen Centrums-Abgeordneten unterstützen Antrag, wonach in Brennereien, welche blos eine einfache Bren­nereivorrichtung mit unmittelbarer Feuerung benutzen und nicht mehr als 1 Hektoliter reinen Alkohols in einem Jahre erzeugen, die Verbrauchsabgabe für Brannt­wein in einer JahreSmenge bis zu 20 Liter reinen Alkohols, welcher auS selbstgewonnenen nichtmehligen Stoffen hergestellt wird, nur 25 Pfg. für den Liter reinen Alkohols betragen soll. Befürwortet wurde dieser Anttag von dem badischen Centrums-Abgeord- neten Schattigen im Interesse der kleinen badischen Brennereien, unterstützt von den Abgg. Simonis und Wiffer und bekämpft vom Reichsschatzamtssekretär von Maltzahn. Im weiteren Verlaufe der Sitzung wurde der zur Zuckersteuer-Novelle gestellte Anttag des Abg. Bader angenommen, ebenso der Antrag III der Novelle in der Kommisflonsfastung, nach welcher der Zoll für Liqueure vom 1. Juli ab 180 Mark per 100 Kilo­gramm, für alle übrige« Branntweine in Fäsiern 125 Mark, in Flaschen, Krügen rc. 180 Mark betragen foH. Die Regierung hatte allgemein einen Zollsatz von 150 Mark vorgeschlagen. Eine Resolution des Abg. Dr. Barth auf Beseitigung der Maischbottich- und Brannt- toeinmaterialfteuer würde abgelehnt. Die zu der No­velle eingegangenen Petitionen wurden durch die ge- faßten Beschlüste für erledigt erflärt Ohne Debatte genehmigte sodann das HauS in dritter Berathung die Handelskonventton mit Marokko und das internationale Hebereinkommen über den Eisenbahnfrachtverkehr. Der Gesetzentwurf über das Reichsschuldbuch, welcher dem betreffenden preußischen Gesche nachgebildet ist, wurde ohne Debatte in erster und zweiter Lesung unverändert angenommen. Hierauf vertagte sich das Haus. Nächste Sitzung: Montag 12 Hhr: Nachtragsetat und dritte Berathung der Arbeiterschutzvorlage. (Germania.)

* Im Abgeardueteuhause war heute mit der prinM piell wichtigen Polendebatte, in welcher Herr v. Caprivi die Polen aufforderte, auf dem Wege der Versöhnung weiter zu gehen, die Regierung werde dann nachkommen, das Jntereffe erschöpft. Beim Etat der Anfiedelungskommissiön erklärte auf eine Anfrage des fein, Mr. Juxon, die Krankheit würde auch ohnedem ihren jetzigen Verlauf genommen haben. Es war für den Kerl sogar ein besonderes Glück, daß er sich Ihnen gerade jetzt in den Weg warf. Er versicherte sich da- durch einer guten Pflege. Wenn er so im Parke liegen geblieben wäre, so würde er den morgigen Tag nicht erlebt haben."

Der Squire schellte und befahl, die von dem Doktor verlangten Hülfsmittel zu bringen.

„Halten Sie es für möglich, daß er wieder auf­kommt?" fragte er unruhig.

„Das kann ich nicht sagen," gab Dr. Longstreet offen zur Antwort. „Niemand kann es sagen; er ist sehr erschöpft — möglich, daß er noch zwei ober drei Tage in dieser Verfassung weiter lebt und bann stirbt —x möglich auch, daß er nach dem Schläfe bester ist. Er kann auch heute Morgen sterben — fo etwas passirt öfters. — Man kann gar nichts darüber sagen."

„Es liegt mir viel daran, daß er am Leben bleibt", sagte Mr. Juxon, indem er den Arzt bedeutungsvoll anblickte.

„Sehr liebenswürdig von Ihnen, ohne Zweifel," erwiderte Dr. Longstreet heiter. „Nur Wenige würden sich um einen Landstreicher so viele Mühe geben. Ich begreife, wenn er stirbt, so würde es natürlich heißen, Ihr Hund hätte ihn umgebracht. Aber, ich kann be­zeugen, daß dem nicht so ist."