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Beilage zu Nr. 101 der „Fuldaer Zeitung".

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda. Druck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).

Sonntag, den 3. Mai 1891.

Maiglöckchen.

(Novellete von Erich Krafft.)

(Nachdruck nicht gestattet.)

Der praktische Arzt Dr. med. Joseph Hubert König war ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Fußsohle. Seine Gewissen­haftigkeit und Pflichttreue im Berufe waren fast sprichwörtlich geworden, die Armen verehrten in ihm ihren Helfer und Wohl- thäter, viele Familien, deren Hausarzt er war, ihren treuen Berather. Im Umgänge mit der Außenwelt zeigte sich König ernst und gemessen, ja, es lag zuweilen ein Hauch von Schwer- muth über seinen Zügen, der schwer zu deuten war. Er war Junggeselle, hatte jedoch von den Sonderheiten, die sonst unver- heiratheten Männern nicht selten anhaften, keine einzige. Auch von ausgeprägten Liebhabereien merkte man nichts bei ihm, es sei denn, daß seine große Vorliebe für Maiglöckchen eine solche zu nennen wäre. In seinem Arbeitszimmer fehlte zu keiner Jahreszeit diefe duftige Frühlingsblume. Auf Königs Schreib­pulte prangte ein schönes Doppelporträt in einem herrlichen Rahmen, besten Seiten mit kunstvollen Maiglöckchen aus Marmor geschmückt waren und oben in einen vasenartigen Behälter aus­liefen. Diese Base war der ständige Platz für die Lieblingsblume des Arztes. Das Porträt zeigte die Bildnisse eines jungen Paares. Der Mann hatte edle, geistvolle Züge, die Dame war zierlich schlank und von bezauberndem Liebreize. Ich zweifelte nicht, daß diese Bilder in einem gewissen Zusammenhänge mit Königs Schwärmerei für Maiblumen stehe, und da ich mich seines Vertrauens einigermaßen erfreute, bat ich ihn einstmals um Aufklärung hierüber. Er willfahrte mit gewinnender Liebens­würdigkeit meinem Wunsche und erzählte mir salzendes:

Vor Jahren weilten mein Freund Albert Wernek und ich in Bad Ems; wir suchten und fanden hier Erholung von der anstrengenden Berufsarbeit, die uns in den letzten Monaten des Winters und den ersten des Frühjahrs abgelegen. Albert war mir recht zugethan Er besaß ein treugoldenes, ächtdeutsches Herz iznd wäre für mich durch Wasser und Feuer gegangen, ich selber liebte und schätzte den Freund wie einen Bruder. Wir genügten uns daher gegenseitig vollkommen, lebten ausschließlich der Festigung und Stärkung unserer Gesundheit und unterhielten wenig Verkehr mit der Außenwelt, die in dem weitberühmten Badestädtchen so geräuschvoll und wechselreich auftritt.

Es war an einem der letzten Tage des Maimonates, als wir uns zu einem Morgenspaziergange in die prächtige Um­gebung von Ems anschickten. Ems ist zu dieser Zeit ein kleines Paradies. Wie eine leuchtende Perle in der geöffneten Muschel­schale erstrahlt es in seinem Lenzesglanze, gar lauschig und tausendschön eingeengt in seine grün- und blütenbestreuten, sonnigen Berge. Langsam schritten wir der Lahn entlang. Unser Auge hing bald an den blauumflorten Anhöhen, die mit ihren reizenden Schweizerhäuschen und geschmackvollen Denkmälern eine stets fesselnde Abwechselung bieten, bald an den Ufern des Flustes, die hier mit stolzen Villen, Jagdschlößchen, fremdlän­dischen Kapellen und friedlichen Kirchen geschmückt sind, dort aber einen Hain von blühenden Ziersträuchern oder wunder­hübsche Anlagen aufweisen.

Bald lag dieses Kleinod der Natur und Kunst hinter unserem Rücken, wir betraten einen Waldweg. Tiefathmend sogen wir die köstliche, blütenduftige Forstluft ein. Scherzhafte und freund­liche Gespräche flössen von unseren Lippen. Albert war sehr gut gelaunt, sein blaues Auge glänzte freudeklar wie der Maihimmel über uns, seine Unterhaltung klang frisch und froh wie der Vögel Lieder, die aus Bäumen und Busch hervortönten. Unser Weg schlängelte sich im Zickzack um eine Anhöhe, fast Niemand begegnete uns. Da plötzlich bot sich unseren Blicken, als wir eben um eine Rundung des Berges bogen, eine anmuthige Waldidylle dar: Ein junges, kaum den Kinderschuhen entwach­senes Mädchen stieg an dem Abhange auf und nieder und sammelte in ein Körbchen Maiglöckchen, die in seltener Fülle und Schönheit rings erblüht waren.

„Eine Waldfee!" flüsterte Albert.

Fast hatte er Recht. Was wir sahen, war einem duftigen Waldmärchen ähnlich. Golden fielen die Sonnenstrahlen durch das frischbelaubte Baumgezweig und umspielten mit ihren Ringeln die schöne Blumensammlerin, wie 'kostbares Geschmeide blitzten die Thautropfen auf den Blüthenstengeln und Waldstauden, die sie von allen Seiten umstanden. Einer flüchtigen Elfe gleich schwebte sie selber leichtbeschwingten Fußes von Blume zu Blume, ein Bild zum Malen, so schön, voll frisch pulsirenden Lebens und unbewußter Anmuth in jeder Bewegung. Eine Fülle hell­blonder, goldener Locken umflatterte das allerliebste Köpfchen.

Wir blieben wie angewurzelt stehen und schauten unver­wandt auf die liebliche Erscheinung. Das Mädchen stellte eben ihr Körbchen auf die Erde, reckte sich empor und nestelte eine Schleife in ihrem Haare fest, die sich an einem Laubzweige auf­gelöst hatte. Dabei fiel ihr Blick auf uns Beide; sie schrak zu­sammen, griff hastig nach ihren Maiglöcklein und eilte wie ein verscheuchtes Reh davon.

„Sonderbar," meinte Albert. „Wer mag dieses Mädchen wohl sein? Ihr Aeußeres und ihre Bewegungen deuten auf die beffere Gesellschaftsklasse; aber würde sie sich, wenn sie dieser angehörte, so ftüh am Morgen allein in den Wald begeben haben ?"

Ich pflichtete der Ansicht des Freundes bei. Wir ergingen uns bei der Fortsetzung unseres Spazierganges in den seltsamsten

Vermuthungen über unser Erlebniß, konnten jedoch zu keinem bestimmten Schluffe kommen. —

Am Abende desselben Tages veranstaltete die Emser Kur­kommission eine „venetianische Nacht". Da bei solchen Gelegen­heiten viel Volk aus der Umgegend auf dem Festplatze zusammen­strömt und meist ein großes Gedränge entsteht, so begab ich mich mit meinem Freunde schon früh in den Kurgarten. Die Mondscheibe stieg gerade langsam über den Firsten der Lahn­hügel empor; zuerst flimmerten wie flatterhafte Gedanken die Strahlen des Mondlichtes um die breiten Bergstirnen, dann aber flössen sie gleich Silberwcllen ins Thal. Im Flusse spiegelten sich die Sterne.

Albert hatte bald einen Platz ausfindig gemacht, von dem aus das Leben und Treiben der Festtheilnehmer mit Muße ßu überschauen war. Mit Interesse betrachteten wir das vielgestal­tige, internationale Bild, welches sich alsbald vor unseren Äugen aufrollte. Franzosen und Engländer, Spanier und Deutsche wandelten hier einträchtig neben einander im Kurgarten auf und ab; die buntscheckigsten Kostüme und Gewandungen lockten überall das Auge.

Ich war ganz in das Anschauen der buntbewegten Menge versunken, als Älbert plötzlich meinen Arm faßte und mir zu­raunte: „Sieh da, unsere Waldfee!"

In der That drängte sich das junge Mädchen ganz in unserer Nähe durch die Menschenmasse. Sie bot Maiglöckchen zum Verkaufe aus und hatte dasselbe Äussehen wie am Morgen, nur war ihr reiches Haar in einen Zopf geflochten.

„Wir wollen ihr einige Sträußchen abkaufen", meinte mein Freund und winkte das Blumenmädchen zu sich heran. Sie er» röthete verlegen, als sie Alberts Aufforderung folgte und zu uns herantrat. Sie hatte uns offenbar wieder erkannt. Ihre Stimme zitterte ein wenig bei der Frage, wie viel Sträußchen wir begehrten.

Wie freundlich die Stimme des Mädchens klang! Wie rein und tadellos war ihre Aussprache! Und der erste Blick den sie uns zuwarf! Eine Mischung von zarter, jungfräulicher Scheu und Angst, von Seelenqual und Herzeleid, wird er mir nie mehr aus dem Gedächtnisse entschwinden. Der leidende Zug, der auf ihrem feingeschnittenen Gesichtchen lag, die durchsichtige Blässe, die nach der ersten Aufregung sofort wieder an ihre Stelle trat, erregten in hohem Maße meine Neugierde und Theilnahme.

Unwillkürlich folgten ihr deshalb auch meine Blicke, als sie sich von uns entfernte und alsbald in der Menschenmasse ver­schwand. Albert mußte ähnliche Empfindungen haben, wie ich, denn als ich mich nach ihm umschaute, war er verwirrt und meinte: „Ein solches Blumenmädchen ist mir noch nirgends be­gegnet. Dieses edle, liebreizende Gesichtchen, dieses zartsinnige, feine Benehmen! Hier stehen wir sonder Zweifel vor einem dunklen Lebensschicksale, dessen Gang schwer zu enträthseln ist. Ich hege den lebhaften Wunsch, über das Geschick der Kleinen Näheres zu erfahren und womöglich helfend in dasselbe einzu­greifen."

Ich wollte dem Freunde gerade denselben Gedanken aus­sprechen, als vom Musikpavillon die Melodien des ersten Konzert­stückes zu unfern Ohren herüberklangen. Zugleich begann das Feuerwerk, und die „venetianische Nacht" nahm ihren Anfang. Das ganze Ufer der Lahn strahlte in einem Feuermeer. Lichter und Lampions, die in mannigfaltiger Gestalt und Farbe an Bäumen, Büschen und Häusern hingen, wurden angezündet, un­zählige kleine Flammen glühten an den Säulen und Triumph­bogen.

Auch that sich in der Lahn mit einem Male eine Riesen­fontäne auf, die ihr Wasser in erstaunlicher Höhe spielen ließ. Sie fußte auf einer winzigen Insel, die künstlich angebaut und aufs geschmackvollste ausgeschmückt worden war. Rothes, grünes, bläuliches Licht ergoß sich in bengalischen Flammen auf dieses Eiland en miniature und hüllte auch die ausströmenden Wasserstrahlen in seine zauberische Färbung. Im Nu wim­melte die Lahn von Gondeln und Nachen, die Insel und Wasserfall umkreisten. Das Ganze bot einen köstlichen, märchen­haften Anblick.

Rakete auf Rakete kiachte jetzt vom Ufer der Lahn in die Luft und zertheilte sich oben in buntfarbige Sterne und Kugeln; Frösche sprangen in den Fluß und wühlten sich kreischend in die Wellen ein, eine Sonne drehte ihr Rad und spie Feuer und Flammen. Dazwischen spielten die Musiker eine muntere Ga- loppade, so daß die ganze Kurgesellschaft in die gehobenste Stimmung gerieth.

So ging es noch eine geraunte Zeit lang fort, Ueberraschung folgte auf Ueberraschung, so daß ich Albert gerne beistimmte, als er nach Schluß der Festlichkeit meinen Arm nahm und sagte: „Das war ein interessanter Abend; gehen wir heimwärts."

Die Festtheilnehmer zerstreuten sich nach allen Windrichtungen. Um aus dem Gewühl der drängenden Massen herauszukommen, schlugen wir uns links in die Kuranlagen, die einsam dalagen, und steuerten langsam unserer Wohnung zu. Doch wer beschreibt unser Staunen, als wir Plötzlich von einem Nebenwege der Promenade her die Stimme unserer Waldfee vernahmen!

„Ich bitte Sie, mein Herr, belästigen Sie mich nicht weiter", flehte sie weinerlich. „Meine arme, kranke Mutter harrt meiner mit Sehnsucht."

Eine Männerstimme antwortete ihr etwas in gedämpftem Flüstertöne, was wir jedoch nicht verstehen konnten.

(Fortsetzung folgt)

Vermischtes.

§ In einem in Nürnberg im Jahre 1680 gedruckten Büch­lein, betitelt: „Allgemeines natürliches Präservativ- oder Ver­wahrungs-Mittel wider alle von gifftiger Lufft herrührende, höchst gefährliche, und gar leichtlich ansteckende Seuchen .... von Jacobo Joanne Wenceslao Dobrzensky von Schwarzbrnck, der Philosophiae und Medicinae Doctorn, und der Kayserl. und Königlichen Carl Ferdinandifchen hohen Schul zu Prag extraordi- nar-Professorn" findet sich eine Stelle, die als echtes Muster vollkommenster Speichelleckerei der Vergessenheit entrissen zu werden verdient. In der Widmung des Buches an Kaiser Leo­pold I. heißt es u. A.: „Es wollen demnach Jhro Kayserl. Majestät, als ein mächtiger Welt-Monarch, der'dem grossen Himmelsliecht, der goldstrahlenden Sonnen, auf das vollkommenste in allen natürlichen angebohrnen Tugenden nachahmet, diesen neuen, wiewohl schlechten, und einer so großen Majestät unwür­digen Gast mit dero lieblichstem Anschauen würdigen und er­freuen. Klein ist der erwehnte Gast, der an Jhro Majestät höchst­gepriesenem Hofe nicht eiffersüchtig nach einen weitläufftigen Platz trachtet, sondern nur hiemit sich vergnüget befindet, im fall er einen dem Speichel gewidmeten Ort vor deren höchst- geachtesten Füsfen Jhro Kayserl. Majestät einzunehmen, wird be­gnadiget werden. Welches wie mit tieffester Ehrerbietigkeit von Jhro Kayserl. und Königl. Majestät ich demüthigst verlange. . . ." Auch das Präservativmittel gegen alle ansteckenden Krankheiten, das der hochgelahrte Jünger des Aesculap in so marktschreieri­scher Weise als die größte von den Heilkünstlern seiner Zeit ge­machte Entdeckung in dem erwähnten Büchlein angibt, möge hier Platz finden. Nach einer schrecklich langen, mit einem ganz über­wältigenden Wortschwall vorgetragenen Erörterung wird das wunderbare Schutzmittel folgendermaßen verrathen: „Wer mit Krancken handlet, sie mögen auch mit einer Kranckheit behafftet seyn, wie sie immer wollen, der soll keines wegs, so lang er mit ihnen umbgehet, den Speichel verschlucken, sondern allzeit aus dem Munde werffen. Und also gelebe ich der Hoffnung, daß ein Solcher durch Göttlichen Beystand und natürliche Hülffe von aller sonst gewiß ansteckenden Seuche wird besreyet bleiben."

f Wie schlafen die Frauen? Ein deutscher Arzt antwortet auf diese Frage: Es ist eine Thatsache, daß die Frauen im All­gemeinen ein größeres Bedürfniß zum Schlafen als die Männer haben. Die Nervosität des weiblichen Organismus ist gewöhn­lich größer, als Beim starken Geschlecht und deshalb sind bei den Frauen die Träume häufiger und ihr Schlaf ist leichter. Ihre Träume sind lebhafter und bleiben besser in ihrem Ge- dächtniß eingeprägt. Die Frauen, welche viel träumen, schlafen meistens eine Stunde länger als diejenigen, welche nicht träumen, denn das Träumen macht müde. Wer ohne Träume zu haben schläft, erhebt sich des Morgens neugekräftigt vom Lager, was im anderen Falle nicht geschieht.

Haushaltungs-Katechismus.

Motto: Jeder Mensch, ob alt und jung, Lernt im Leben nie genung!

Die Zimmer gelüftet des Morgens gar bald, Bei jeglichem Wetter — ob's warm oder kalt!

Vorsichtig geh' mit Feu'rung um; — Brauch' nie dazu Petroleum!

Petroleum, vergiß das nicht, — Hat schon viel Unheil angericht! Es liegt ein allgewalt'ger Zauber In dem kleinen Wörtchen „Sauber"! Polstermöbel muß man klopfen;

Wasserleitung nicht verstopfen!

Unsaubere Fenster betrachte als Feind, Doch putze sie nie, wenn die Sonne d'rauf scheint. Parquet-Fußböden, — merke das — Die macht man nie mit Wasser naß!

Wer unachtsam etwas zerbricht, Sei ehrlich und verhehl' es nicht!

Portieren und Teppiche schmücken das Haus, Doch weil sie Staubfänger sind, klopfe sie aus.

Das Mittagessen sei bereit

Stets pünktlich zur bestimmten Zeit!

Das Wasser zum Spülen, das sei immerdar So rein wie das Herz, wie die Augen so klar. Durch Messer, die Hering und Zwiebel geschnitten, Hat Mancher am guten Geschmack schon gelitten! Kupfernes Geschirr ist herrlich: —

Grünspan aber sehr gefährlich!

Was immer man thut, auch das Schließen der Thüren Man soll es womöglich geräuschlos vollführen.

Die Lampen, sie setze am Tage in Stand, Dann sind sie auch fertig des Abends zur Hand! Wer immer bedacht ist, zu schnüren sein Bündel, Zählt nicht zum Gesinde, — zählt nur zum Gesindel.

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