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MV Hierzu eine töeiIage.*1B©

Deutsches Keich.

Berlin, 30. April.

* Die Maifeier ist in Berlin ziemlich spurlos vor­übergegangen. Für den Abend sind circa 40 sozial­demokratische Versammlungen angesetzt. In den meisten Betrieben wurde tagsüber gearbeitet.

* Der Kultus-Etat wird erst in der nächsten Woche zur zweiten Berathung im Abgeordnetenhause gelangen. Vorher soll die Einkommensteuer - Vorlage erledigt werden, und zwar hofft die Staatsregierung, daß das Abgeordnetenhaus sich dem Beschluß des Herrenhauses wegen Herabsetzung des Steuersatzes für die hohen Einkommen anbequemen werde. Was die zweite Lesung des Kultus-Etats bringen wird, läßt sich schwer Vor­aussagen. Die Centrums-Fraktion, welche diesen Etat bereits in der sogen. Beschwerde-Kommission (unter dem Vorsitz des Abg. Sperlich) vorberathen hat, be­schäftigte sich mit demselben in ihrer gestrigen Sitzung. Es liegt auf der Hand, daß der in der Leitung des Kultusministeriums ein getretene Wechsel — sowohl der Minister als der Unterstaatssekretär sind neue Männer — dem Centrum bei der diesmaligen Etats- berathung eine gewisse Zurückhaltung auferlegt. Der Minister hat noch keine Zeit gehabt, in den ein­zelnen Zweigen seines ausgedehnten Ressorts sich ge­nauer umzusehen, es wäre daher unbillig, von ihm zu verlangen, daß er auf alle möglichen Fragen Rede und Antwort stehen sollte. Bezüglich mancher Beschwerden wird es richtiger sein, daß dieselben zunächst außerhalb der Plenarberathung durch die Vertreter der besonders betheiligten Kreise an den Minister gebracht werden. Dazu kommt, daß Graf Zedlitz in der kurzen Zeit seiner Amtswaltung in verschiedenen Angelegenheilen, so insbesondere in der Cöpenicker Schulangelegenheit und der Frage des Religions-Unterrichtes in den polnischen Landestheilen theilweise Remedur hat ein­treten lassen, jedenfalls Entgegenkommen gezeigt hat. Die großen allgemeinen Gesichtspunkte müssen selbst­verständlich auch in diesem Jahre geltend gemacht werden, wie es regelmäßig bei der zweiten Berathung des Etats zu geschehen pflegt. Unter diesen Umständen wird die Berathung vielleicht weniger ausgedehnt werden als in den Vorjahren. Wir sagen: vielleicht; denn man weiß nie, wie im Parlament das Bächlein rinnt. Wird irgend eine Frage angeschnitten, so bringt, wie man im gewöhnlichen Leben sagt, ein Wort das andere, und es entwickeln sich oft große Debatten, ohne daß die Absicht bestand, zu einer solchen den Anstoß zu geben.

* Im Reichstage wies Abg. Liebermann von Son­nenberg vor Eintrirt in die Tagesordnung die Unter­stellung zurück, daß die Ehrenscheine, auf welche Abg. Münch gestern Bezug genommen, unbezahlt feien. Abg. Münch legte die betreffenden Schriftstücke auf dem Tische des Hauses nieder. Alsdann wurde in die 2. Be­rathung der Branntweinsteuergesetz-Novelle eingetreten.

Verfolgt.

Frei nach dem Englischen des Marion Crawford von Cora von Schönburg.

(33. Fortsetzung.)

»Nein, thun Sie es lieber nicht," wehrte ihm der Squire. „Sie würden mich dadurch in Verlegenheit bringen. Nicht als ob ich Ihnen kein Vertrauen schenkte, Mr. Short," fügte er gutherzig hinzu, „aber ich möchte mich selbst keiner Indiskretion schuldig machen. Stirbt der Kerl hier, so wird er als unbekannter Landstreicher begraben; seine Sachen geben keinerlei Anhaltspunkt über seinen Namen. Wenn er sich wieder erholt, nun, so müssen wir sehen, was wir mit ihm anfangen. Was für ihn geschehen kann, soll geschehen, es ist eine zu heikle Angelegenheit. Vielleicht würde uns der arme Mensch sehr dankbar sein, wenn wir ihn ruhig sterben ließen, allein das dürfen wir nicht."

„War er für lange verurtheilt?" fragte John. Der Ernst der Lage verfehlte nicht, einen tiefen Eindruck auf ihn zu machen.

„Ursprünglich, glaube ich, für zwölf Jahre. Die Flucht und der Angriff auf mich werden seine Straf­zeit jedoch auf mindestens zwanzig Jahre verlängert haben."

„Vorausgesetzt, daß er wieder aufkommt," warf John ein.

Ein Antrag der Freisinnigen, der auf Beseitigung der Maischbottich- und Materialsteuer hinauslief, wurde nach längerer Debatte abgelehnt. Fortsetzung morgen. Außerdem kleine Vorlagen und Anträge.

* Das Abgeordnetenhaus nahm heute den Gesetz­entwurf betreffend Aenderung des Wahlverfahrens in nochmaliger zweiter Abstimmung an und setzte bann die Berathung des Justizetats fort. Für das Ober­landesgericht Breslau wird ein sechster Senatspräsident gefordert, den die Kommission auch mit 9 gegen 8 Stimmen bewilligt hat. Die Abgg. Munckel, Steffens und Dr. Friedberg suchten bei dieser Gelegenheit Ver­geltung zu üben an dem Oberlandesgerichts-Präsidcnten wegen dessen gestern besprochener Verfügung. Sie machten ihm sogar seine vielen Dienstreisen zum Vor­wurf und stellten das Bedürfniß nach einem weiteren Senatspräsidenten in Abrede. Die Abgg. Simon v. Zastrow, Korsch, Graf Simburg»<Stirum und Olzem befürworteten dagegen die Bewilligung und verurtheil- ten es entschieden, daß man aus Abneigung gegen die Person des zeitweiligen obersten Beamten eine sachlich begründete Forderung beanstande. Die Abstimmung ergab indeß die Ablehnung der Forderung. Abg. Frhr. v. Hammerstein brachte den bekannten Fall in Hildesheim zur Sprache, wo Referendare durch Ver­setzung gemaßregelt wurden, weil sie einen jüdischen Referendar nicht in ihre Tischgesellschaft aufnehmen wollten. Justizminister Dr. v. Schelling trat im Prin­zip der Auffassung des Oberlandesgerichtspräsidenten v. Bardeleben bei, daß eS Aufgabe der Justizverwal­tung sei, für ein kollegialisches Verhältniß der Refe­rendare zu sorgen. Indes hätte den Referendaren, bereit Versetzung nicht als Disziplinarmaßregel, sonbern im Interesse bei Dienstaufsicht erfolgt sei, Gelegenheit gegeben werden müssen, Ich zu rechtfertigen. Es sei ja möglich, daß nicht eine grundsätzliche Abneigung gegen die Angehörigen einer anderen Konfession, sondern Antipathie gegen eine einzelne Person Vorgelegen, wie es zwei bei der Oberftaatsanwaltschaft beschäftigte, aber nicht versetzte Referendare für sich glaubhaft gemacht haben sollen. Der Minister erklärte, von dieser An­schauung dem Oberlandesgerichtspräsidenten Mitthei­lung gemacht zu haben, hielt aber die Rückversetzung der Referendare im Interesse ihrer Ausbildung nicht mehr für empfehlenswerth. An diese Angelegenheit knüpfte sich natürlich wieder eine längere „Judendebatte". Abg. Cremer (Teltow) beschwert sich darüber, daß die Staatsanwaltschaft sich geweigert habe, ihn gegen den Vorwurf des Abg. Richter in Schutz zu nehmen, daß er sein Mandat für 20,000 M. verschachert habe. Nachdem regierungsseitig noch einer Reihe von Wünschen aus dem Hause Abhülfe eventuell wohlwollende Erwä­gung zugesichert worden, wird das Ordinarium des Justizetats genehmigt. Nächste Sitzung: Sonnabend. Tagesordnung: Etat, kleine Vorlagen. Schluß 4*/2 U.

'* Ein sozial-politisches Schreiben Moltke's. Der in London lebende Dr. Emil Dorn hatte unter dem 5. Dezember v. I. dem jetzt verstorbenen Fekdmarschall das Manuskript einer: „An Alle, die es angeht,"

„Natürlich. In dem Falle glaube ich auch nicht, daß ich mich besinnen würde, ihn wieder auszuliefern."

„Ein ftiedlicher Tod hier muß ihm allerdings sehr Wünschenswerth erscheinen," bemerkte John, „und ich kann mir auch nicht denken, daß es Mord wäre, ihn nicht daran zu verhindern."

„Nach unseren gesetzlichen Begriffen würde man es fahrlässige Tödtung nennen. Es ist zwar kaum zu ver- muthen, daß man mir einen Vorwurf daraus gemacht hätte, wenn er ohne ärztliche Hilfe geblieben wäre. Sehen Sie ihn nur an; wenn nicht bald etwas für ihn geschieht, so glaube ich nicht, daß er es noch lange aushält."

Es war keine besondere Veränderung in Goddard's Aussehen zu bemerken. Er lag mit starr in die Höhe gewandtem Blick auf dem Rücken und murmelte bei jedem Athemzuge laut vor sich hin.

„Er muß schon krank gewesen sein, ehe er mich anfiel," fuhr der Squire beinahe wie zu sich selber redend fort. „Er hat offenbar hochgradiges Fieber, Gehirnfieber, wie mir scheint. Das wird auch der Grund sein, warum er mich gefehlt hat, das und die Dunkelheit dazu. An dem Knüppel hat es jedenfalls nicht gelegen. Sie haben Recht, Mr. Short, es wäre Barmherzigkeit, ihn ruhig hier sterben zu lassen. Aber wer von uns würde sich nicht später einen Vorwurf daraus machen, wenn er etwas versäumt hätte, um

überschriebenen Arbeit eingesandt und den Grafen um gütige Beurtheilung gebeten. Schon unter dem 12. desselben Monats lief folgendes Schreiben in Lon­don ein:

„Berlin, 10. Dezember 1890. Geehrter Herr! Sie haben mein Urtheil gewünscht über das mit dem verbindlichsten Dank anliegend zurückerfolgende Schriftstück aus Ihrer Feder. Ich trete Ihrer Ansicht bei, daß ein wirklicher Fortschritt der Gesell­schaft sich nur langsam und gradweise vollziehen kann. Natura non facit saltum, die Gesittung eben so wenig. Bor allem kommt es darauf an, die untern Volksklassen aufzuklären über ihr eigenes Interesse. Das ist die Arbeit von Schule und Kirche durch ein Jahrhundert. Wir stehen aber nahe — vielleicht un­mittelbar — vor dem Ausbruch einer gewaltigen Bewegung und müssen der Gefahr schon letzt in's Auge sehen. Sie wünschen nun (Seite 19), daß die Sozial-Demokraten durch ein weniger revolutionaires Verhalten es „der großen Zahl von besitzlosen Gebildeten" gestatten mögen, in Kameradschaft mit ihnen zu treten, es werde sich dann eine unblutige und segenbringende Umwälzung von selbst vollziehen. Glauben Sie, daß der ein­sichtige, wohlwollende Gebildete in der Lage sein wird, die auf Umsturz und Plünderung gerichtete Bewegung der unzufriedenen Massen auf ein vernünftiges Ziel zu lenken? Ich fürchte, daß er als das erste Opfer derselben fallen wird. Gerade gegen den gebildeten Mittelstand, gegen die Bourgeoisie, wendet sich der Haß der Proletarier zunächst. Blicken Sie zurück auf die Kom­mune von Paris 1870/71. Sie hat die Denkmäler des fran­zösischen Ruhms zertrümmert, die Priester ermordet, die Bouti­ques geplündert, aber das Haus Rothschild ist unbelästigt ge- geblieben. Die Revolution hat jederzeit Die zuerst verschlungen, welche sie zu leiten versuchten. Stets sind die gemäßigten Par­teien vvn den extremen mit fortgerissen worden. Fast keiner der Männer, die in der großen französischen Revolution eine Haupt­rolle gespielt haben, der nicht unter dem Fallbeil geendet hätte. Auch die Führer der deutschen Sozial-Demokraten fangen schon an zu erkennen, daß sie die Massen zwar in Bewegung setzen, nicht aber leiten und zügeln können. Nach meiner Ueberzeugung kann die dringend nöthige Sozial-Reform nur durchgeführt wer­den von oben herab, durch ein starkes Königthum, welches den Willen und die Macht dazu besitzt, und das haben wir in Deutschland. Schon sind — wie billig auf Kosten der Besitzen­den — die Steuern für die Unvermögenden, herabgesetzt, ja auf­gehoben. Die Kranken- und Unfäll-Bersicherung steht in voller und segensreicher Wirksamkeit. In wenig Tagen tritt das große Gesetz über Invaliden- und Altersversorgung in Kraft. Das weitere Fortschreiten dieser staatlichen Fürsorge kann nur gehemmt oder doch verzögert werden durch den Unverstand Derer, für welche sie wirkt, und hier tritt die eiserne Rothwendigkeit der Machtentfaltung ein. Das Gesetz gegen die Sozial-Demokratie war das humanere Verfahren, es wirkte präventiv. Nach sejner Aufhebung bleibt nur die rücksichtslose Repression. So scheint mir, geehrter Herr, daß die besitzlosen Gebildeten sich lieber den konservattven Elementen anschließen sollten, welche die Regierung in ihren heilsamen Bestrebungen unterstützen, als Kameradschaft zu suchen mit Denen, welche derselben und damit ihrem eigenen Wohl entgegenarbeiten. Hochachtungsvoll ergebenst gez.: Graf Moltke, Feldmarschall."

* Hamburg, 1. Mai. Für heute Abenb sinb hier unb in ber Umgebung neun große Volksversammlungen einberufen, in benen für ben Achtstunben-Tag eine Re­solution wirb vorgeschlagen werben. Vvn allen Leitern ist bie Parole ausgegangen: eSbürfen Weber heute noch Sonntag irgenbroo Unruhen vorfallen; jebe Störung wirb sofort unterdrückt. (Frkf. Ztg.)

* Das Ergebniß ber Stichwahl im 19. hannover­schen Reichstagswnhlkreise ist, baß Fürst Bismarck mit ca. 10,000 Stimmen gewählt ist; mit nahezu ber hoppelten Stimmenzahl, bie auf feinen sozialdemokrati­schen Gegenkiuibibaten Schmalfeld fiel.

fein Leben zu erhalten? Es ist ein gar zu verwickelter Casus."

„Sehr verwickelt, in ber That," wiederholte John.

„Unb bann ist noch etwas zu bebenlen," fuhr ber Squire fort. „Nehmen wir einmal an, ich hätte ben Mann mit meinem Stocke erschlagen ober Stambul hätte ihm ben Garaus gemacht. Was anbers könnte man in biesem Falle sagen, als baß bem Kerl sein Recht geschehen sei? Meinen Sie nicht auch? Nun, wenn ich aber ben Mann nicht ganz tobt schlage, ober wenn er, wie es hier geschehen, ben Angriff meines Hunbes überlebt, so verlangt bas Gesetz, baß ich Alles aufbiete, um ben letzten Lebensfunken in ihm zu er­halten. Unb wozu? Nur damit das Gesetz bie Dis­positionsfreiheit über bas Leben des Unglücklichen be­hält. 'Das erscheint von diesem Gesichtspunkte aus be­trachtet lächerlich. Denke ich aber weiter über bie Sache nach, so tritt mein Gewissen gegen bie bessere Ueber­zeugung auf unb befiehlt mir ebenfalls, ben (Sterben« ben zu retten. Das Gesetz ist toieber gerechtfertigt. Wer sagt nun, wo ber Ausweg aus biefem Dilemma zu finben ist? Ist bas Gesetz ber Ausdruck des Ge­wissens oder ist das Gewissen nur ans dem Einflüsse ber bestehenben Gesetze hervorgegangen?"

John hatte ben moralifirenben Betrachtungen des Squires mit einigem Staunen zugehört. Er konnte nicht ahnen, daß ber gute Mann auf biefe Weife nur