M 100
Samstag, den 2. Mai 1891
Für die Siedaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).
Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.
Di» .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen.
Anserate koste» dir einspaltige Zeile oder deren Nam» 1* W., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Deutsches Keich.
Berlin, 30. April.
* Der Kaiser und die Kaiserin haben sich heute von Weimar nach der Wartburg begeben, von wo Abends die Rückkehr nach Berlin erfolgte. Morgen Mittag wohnt der Kaiser, die Kaiserin und die Kaiserin Friedrich der Eröffnung der internationalen Kunstausstellung in Berlin bei.
* In der gestrigen Bundesrathsfitzung gab vor Eintritt in die Tagesordnung der bayerische Bevollmächtigte Graf von Lerchenfeld Namens der Versammlung unter allseitiger Zustimmung dem Gefühl der Trauer über das Ableben des Generalfeldmarschall Grafen Moltke Ausdruck.
* Einen bissigen Moltke-Artikrl, besten eigentlicher Zweck die Verherrlichung des Fürsten Bismarck zu sein scheint, bringen die .Hamburger Nachrichten': „Das unheimliche Gefühl einer Art von Verwaisung des jetzigen Deutschen Reiches gewinnt in solchen Augenblicken Gewalt über das deutsche Volk und verstärkt so manche Empfindung der- Beunruhigung, die es der ungewissen Zukunft, den neuenMännern gegenüber hegt, in deren Hand das Wohl und Wehe des Vaterlandes gegeben ist. Besonders schwer wird der Verlust Moltke's vom jetzigen Kaiser empfunden werden, der auf die Kunde von Moltke's Ableben hin sofort aus Thüringen nach Berlin zurückgeeilt ist. Die Gegenwart des gefeierten Helden an der Seite des jungen Monarchen bei allen festlichen und sonstigen Anlässen war ein Moment von nicht zu unterschätzender Bedeutung; das fällt jetzt fort. Mit schwerem Herzen mag auch Fürst Bismarck auf den vom Tode ereilten treuen Genossen blicken. Die im Leben vereint so Großes schufen — nun hat sie der Tod getrennt; gänzlich vereinsamt ragt die Riesengestalt des größten Repräsentanten jener ruhmreichen Epoche deutscher Geschichte, die seinen Namen trägt, in die Gegenwart hinein. Kaiser Wilhelm tobt, Moltke tobt — nur Fürst Bismarck lebt noch in bet Einsamkeit seines Sachsenwaldes. Nicht mehr „des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr hält ihn im Geleise", sondern der Wunsch, dem Vaterlande, das er mit Moltke's Hilfe unter Kaiser Wilhelm I. schuf, auch ferner zu nützen bis an's Ende seiner Tage, soweit feine Macht und seine Kraft hierzu reichen."
* Mitglieder aller Parteien haben eine Novelle z«» Juvaliditäts- und Attersversicherungsgesetz beantragt, wonach für Versicherte, welche zur Zeit des Inkrafttretens dieses Gesetzes das 40. Lebensjahr vollendet haben, sich die Wartezeit für die Altersrente um soviele Beitragsjahre und Beitragswochen verringert, als ihr Lebensalter am 1. Januar 1891 das vollendete 40. Lebensjahr überschritten hat.
* Der .Reichsanzeiger' veröffentlicht die Ernennung
des Geh. Raths Dr. v. Scheel zum Direktor des Kaiserl. Statistischen Amtest
* Der Reichstag nahm heute bett Handelsvertrag mit Marokko und die internationale Konvention bett, bett Eisenbahnfrachtverkehr in zweiter und die Gesetzentwürfe betr. die Prüfung der Handfeuerwaffen und den Schutz der Gebrauchsmuster in dritter Berathnnc; an. Dann wurden Petitionen berathen. Eine längere Debatte entwickelte sich zu Petitionen verschiedener Darlehnskassenvereine um Verschärfung des Wuchergesetzes. Abg. Liebermann von Sonnenberg gab eine Uebersicht der Verbreitung des Wuchers im Lande, identisizirte Wucherer und Juden und verlangte eine wirksame Gesetzgebung zur Bekämpfung des Judenwuchers. Abg. Rickert (frs.) wandte sich gegen den Antisemitismus als einen gefährlichen Auswuchs und Abg. Münch (frs.) erklärte, ausgestellte, aber nicht ein- gelöste Ehrenscheine in der Hand zu haben, die er Herrn Liebermann v. Sonnenberg einsehen lassen wolle. Letzterer unterbrach den Redner heftig mit dem Zuruf „Lüge!" und wurde deshalb vom Präsidenten zur Ordnung gerufen. Schluß der Debatte wurde beantragt, dabei aber Beschlußunfähigkeit des Hauses ton» statirt. Morgen: Novelle zum Branntweinsteuergesetz. — Am Montag beginnt im Reichstage die 3. Be- rathung des Arbeiterschutzgesetzes.
* In der heutigen Sitzung setzte das Abgeordnetenhaus zunächst die Berathung des Berg- re. Etats fort und beendete dieselbe; hierbei rvurde regierungsseitig die Erklärung abgegeben, daß nach Beendigung der Steuerreform die Reform der Bergwerkssteuer m Angriff genommen werden solle. In der nun folgenden Berathung des Justizetats gab die Anfrage, wie sich der Minister gegenüber einer Verfügung des Breslauer Oberlandesgerichts-Präsidenten behufs Ausschließung der Juden vom Geschwornendienst verhalten werde, Anlaß zu einer heftigen persönlichen Debatte zwischen den Abg. Munkel und Stöcker. In der Berathung über die Besetzung einer neuen Senatspräsidenten-Stelle beim Breslauer Oberlandesgericht vertagt sich das Haus. Nächste Sitzung Freitag. Tagesordnung: Wiederholte Abstimmung über das Wahlgesetz, Etat. Schluß 4 Uhr.
* Heber das Streberthum schreibt der Berliner Professor der Philosophie, Friedrich Paulsen in der soeben erschienenen zweiten Auflage seines „System der Ethik":
„Mit der wirthschaftlichen und persönlichen Abhängigkeit von dem Willen von Vorgesetzten ist eine bedeutsame Veränderung der Lebensbedingungen gegeben.....Jede Regierung wünscht
und muß wünschen, daß ihre Absichten von den Untergebenen schnell aufgefaßt und sicher ausgeführt werden. ..... Der Untergebene ist der beste, der sich als das bequemste und wirksamste erweist. Gefügigkeit nach oben, Energie nach unten, das ist, unter dem technischen Gesichtspunkt betrachtet, die erste Tugend des Beamten als solchen; er braucht nicht selbstständig zu denken.
er soll nicht selbstständig handeln, sondern ohne Bedenkens und ohne Zaudern thun, was ihm aufgetragen ist.....Solch eine
Lebenslage hat die Tendenz, die Entwickelung der miteinander verwandten despotischen und knechtigen Anlagen der menschlichen Natur zu begünstigen. . . Ein unruhiges, ungeduldiges Drängen nach oben, man will höheres Gehalt und höhere Stellung, man will andere überholen, man will aus der Landstadt in die Großstadt, aus der Provinz in die Hauptstadt, in der die Quellen alles Glückes springen . . .; kurz, man will nicht sich und seine» Arbeit leben, sondern Karriere machen. . . . Das Karrieremachen hängt nicht, wie in der Rennbahn, allein von der Kraft und Schnelligkeit der eigenen Beine, sondern zunächst von der Gunst und Gnade der Vorgesetzten ab. So bildet sich die Gewohnheit des schielenden Nachobensehens: was wird es oben für einen Eindruck machen? Allmählig entsteht eine Art moralischer Rückgratsverkrümmung, welche man als die spezifische Berufskrankheit der Angestellten bezeichnen kann . . . Nicht minder wird im Umgang ängstliche Auswahl geübt, Verdächtigen mit äußerster Behutsamkeit ausgewichen ... Der zweite Grad der Krankheit ist schmeichlerische Augendienerei. ... So ist der Typus des Strebers fertig; fügsam, liebenswürdig, unterthänig nach oben, rücksichtslos und herrisch nach unten; gegen die Sache gleich- giltig, auf den Schein erpicht; jeder Partei treu, so lange sie oben ist, der gehässigste Verfolger, sobald sich der Wind dreht."
* Einem Privatbriefe aus dem Strikegebiete entnimmt bie .Germania' fvlgenbe interessante Angaben: Ans bem allgemeinen Aufstand wird nun glücklicherweise Nichts werben; bie Resolution des Central- Vorstandes „Glückauf" hat, soweit sich bas jetzt übersehen läßt, einen durchschlagenden Erfolg auf der ganzen Linie. Es war allerdings bie höchste, aber auch bie richtige Zeit für einen derartigen Schritt. Die radikalen Schreier, welche am Sonntag in Bochum sich sehr wichtig thnend als bie „Vertreter von 166 Schächten" anffpielten, hatten freilich nicht geahnt, baß, während sie arbeiteten, auch anbere nicht müßig waren. Als in Essen bie bekannte Resolution angenommen war, würbe bieselbe gebrückt unb nach allen Richtungen bes Kohlenreviers bnrch besonbere Boten versanbt. Die von Bochum heimkehrenben Strike - „Genossen" fanben allenthalben bas Extrablatt von Essen vor unb machten zugleich bie Entdeckung, daß bie Bergleute wenig Neigung hatten, bie Bochumer Beschlüsse auszuführen. Nun würbe mächtig geschimpft, aber bas half nicht viel. Versammlungen konnten am späten Abenb nicht mehr abgehalten werden, und das Ende vom Liede war, daß am Montag Morgen auf den noch nicht im Ausstand sich befindenden Gruben, wenige Ausnahmen abgerechnet, die Bergleute ruhig die Arbeit aufnahmen. Der Absender des Briefes ist der Ueberzeugung, daß ohne die Resolution ein allgemeiner Strike allerdings zu befürchten gewesen sei. Obwohl man in diesen bewegten Seiten mit Prophezeien vorsichtig sein müffe, glaubt der Verfasser doch hoffen zu dürfen, daß bald wieder Alles im ruhigen Geleise sein werde. Dieses günstige Resultat, fügen wir hinzu, ist also dem energischen Auftreten des christlich-sozialen Verbandes „Glückauf" und seinen Führern zu verdanken, der „verkrachten ultramontanen Firma", wie sich die .Kölnische
Verfolgt.
0>rei nach dem Englischen des Marion Crawford von Cora von Schönburg.
(32. Fortsetzung.)
Zimmer und eilte an seinen Schrelbtisch, um dort ein Billet zu schreiben. Der Jn- chalt desselben lautete wie folgt:
„Lieber Mr. Ambrose! Der Mensch, von welchem wir gestern Morgen sprachen, hat mich heute Abend wirklich angegriffen. Stambul hat ihm tüchtig zugesetzt, aber er ist nicht tobt. Ich habe ihn hierher genommen. Er wirb gut gepflegt. Ich habe zum Doktor geschickt. Wenn es Ihnen möglich ist, kommen Sie morgen ftüh. Ich brauche keine Diskretion zu empfehlen.
Aufrichtig ber Ihrige
C. I. Juxon.
P. 8. Ich bin nicht verletzt."
Da Reynolbs noch immer im Schlöffe weilte, so wurde ihm das Billet unter Anempfehlung größter Eile übergeben.
John hatte sich neben den Verwundeten gesetzt und blickte von Zeit zu Zeit in dessen fieberndes Gesicht! Der junge Studiosus war durch Alles, was er erlebt, aufs Innerste erschüttert. Vor Allem beschäftigte ihn
die Aufregung, welche Mrs. Goddard bei dem Vorfälle gezeigt hatte.
Während er so, in Sinnen versunken, da saß, begann der Kranke sich plötzlich zu regen. Er heftete die Augen voll auf Johns Gesicht und starrte diesen mit blödem Erstaunen an. Dann hob er die verwundete Hand, durch deren Verband das Blut sickerte unter der Decke hervor und fragte:
„Wer sind Sie?" Seine Stimme klang dumpf und gebrochen, als habe er einen Stein im Munde.
John war aufgefahren unb blickte scharf in God- dard's Gesicht.
„Mein Name ist Short", antwortete er. Allein bas Bewußtsein war schon toieber verschwunden, ber Blick des Kranken war wieder starr geworden, nur seine Lippen bewegten sich. John lauschte aufmerksam.
„Mary Goddard! Mary Goddard! Laß mich ein!" drang es deutlich an des Wächters Ohr. John vermochte sein Erstaunen kaum zu bemeistern. Sein Herz pochte heftig. Er versuchte weiter zu hören, doch es folgten nur unverständliche Laute. John sah sich nach der Schelle um. Mr. Juxon mußte sogleich von dem Vorgefallenen in Kenntniß gesetzt werden. Ehe er aber dazu kommen konnte, trat der Squire wieder in das Zimmer.
„Er hat eben gesprochen," meldete John ohne Verzug.
„So, was sagte er?" fragte Mr. Juxon rasch.
„Er fragte zuerst: „Wer sind Sie?" und bann sagte er: „Mary Goddard, laß mich ein!" Ist bas nicht sehr sonberbar? Was in aller Welt kann ber Mensch von Mrs. Gobbarb wissen?"
Der Squire erbleichte unb schwieg einen Augenblick. Er hatte sicher gehofft, ber Kranke werbe vorerst kein beutliches Wort äußern können.
„Allerbings sehr merkwürbig", äußerte er, inbem er Gobbarb genau betrachtete. Dann schob er dessen verwundete Hand wieder unter die Decke. „Können Sie mich verstehen? Wissen Sie, wer ich bin?" fragte er mit erhobener Stimme.
Der Verwundete gab kein Zeichen des Verständ- nißes vyn sich. Sein undeutliches Gemurmel dauerte ort. Mr. Juxon wendete sich überdrüssig von ihm ab.
„Der Kerl ist im Delirium," sagte er. „Ich wollte, der Doktor tarne.“
Kaum hatte er den Rücken gedreht, als der Kranke von Neuem zu schreien begann:
„Mary Goddard, laß mich ein!“
„Sehen Sie, dieselben Worte," bemerkte John.
Mr. Juxon schauderte leicht zusammen, dann warf er einen forschenden Blick auf den jungen Mann und begann, leise pfeifend im Zimmer auf und ab zu gehen.
Sein Gefährte begann sich immer mehr über sein