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18. Jahrgang

Freitag, den 1. Mai 1891.

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LL Die Leichenfeier für Moltke.*)

Ein herrlicher Frühlingstag! Die Sonne leuchtet, als ob es nicht einem Trauer-, sondern einem Triumph­zuge gelte. Bei feierlichen Leichenbegängnissen spricht man gern von „düsterer Pracht". Aber wenn ein großer militärischer Pomp entfaltet wird, fo ist die Pracht nicht mehr düster. Die Hellen Büsche der Infanterie, die flatternden Fähnchen der Kavallerie, das ganze Farbenspiel der Waffen und Uniform ist hell, heiter, lebeusfrisch. Das Heer vermag seine Todten nicht zu beweinen und zu beklagen, sondern nur zu ehren und zu bewundern.

Bei dem Leichenbegängniß des großen Strategen mußte natürlich das militärische Element seinen Ehren­platz haben. Aber Moltke war doch etwas mehr, als ein normaler General und Generalstabschef. Er ge­hörte nicht der Armee allein, sondern dem ganzen Volke. Durch Abordnungen von Behörden, Parla­menten, Städten, Vereinen rc. war auch dem „bürger­lichen" Element eine gewisse Theilnahme an der letzten Ehre gegönnt; doch war nach meinem Gefühl für die unmittelbare Betheiligung der Masse des Volkes nicht in der rechten Weise gesorgt. Auch bei der Leichenfeier für den alten Kaiser beherrschte die Uniform zu fehr das Feld. Aber damals ging der Leichenzug vom Palais bis nach Charlottenburg durch ein meilen­langes Spalier von Bürgern, die sich Alle als Theil- nehmer am Leichenbegängniß fühlen konnten. Jetzt ge­staltete sich die Sache anders. Graf Moltke starb im Generalstabsgebäude, welches zwischen der Siegessäule auf dem Königsplatz und dem Lehrter Bahnhof liegt. Da die Leiche auf dem Lehrter Bahnhof zur Einschiffung in den Eisenhahnzug gelangen sollte, brauchte sie nur wenige Minuten weit über die Straße geführt zu werden. Man verlängerte den Zug in recht guter Weise, indem man um die Siegessäule, das Denkmal der großen Erfolge der Kunst Moltke's und der Kraft der von ihm geführten Armeen, den Leichenwagen und feine Begleitung herumgehen ließ. Aber trotzdem war der Weg zu kurz und der Raum zu eng, um eine ge­hörige Betheiligung der Volksmassen zuzulassen. Es wäre besser gewesen, wenn man einen andern, weiter ab liegenden Bahnhof zur Einschiffung gewählt hätte. Zum Ueberfluß entfaltete nun noch die Polizei einen außerordentlichen Absperrungseifer. Auch die dem Wege des Zuges zunächst liegenden Straßentheile wurden scharf abgesperrt, so daß zwischen dem Zuge und dem zuschauenden Volk ein leerer Raum blieb, der keinen erbaulichen Eindruck machte.

Und doch hätte gerade Graf Moltke ein recht volkSthümliches Leichenbegängniß verdient. Die Ver­ehrung, die er genoß, war allgemein, rückhaltlos und herzlich. Das Volk schätzte nicht bloß seine Erfolge,

*) Nachdruck nicht gestattet.

daß seine Thätigkeit in den letzten großen Kriegen vielen Tausenden das Leben gerettet hat. Denn ohne das gewaltige Talent Moltke's wären dleseKnege viel langwieriger und blutiger geworden.

Es ist ja eine bekannte Erfahrung, daß die Ver­vollkommnung der Waffen die Zahl der Opfer (im Verhältniß zu der Zahl der Kämpfer) nicht steigert, sondern vermindert. Ebenso wirkt die Vervollkomm­nung der Strategie. Je tüchtiger der Heerführer, desto geringer der Verlust. Und Graf Moltke's Feld- herrnkunst war so groß, daß er auch dem Frieden diesen Bortheil zuzuwenden vermochte, ohne fernen Zweck, die Vernichtung der feindlichen Widerstands­kraft, zu verfehlen. Man kann die feindliche Truppe unschädlich machen durch Niederschlagen oder durch Entwaffnung. Das ist der gewaltige Ruhm der Moltke'schen Kriegskunst, daß er die grobe Methode des blutigen Niederschlagens zurückgedrängt hat durch die kunstvolle Umzingelung und Gefangen­nahme. In keinem Kriege der Welt sind so viel Gefangene gemacht worden, als im Kriege von 1870 und 1871. Wenn unsere Truppen all' die Hundert­tausende, die bei Metz, bei Sedan, in Paris, an der schweizerischen Grenze zur Waffenstreckung gezwungen wurden, in offener Feldschlacht nach alter Manier hätten schlagen, verfolgen, abermals schlagen und verfolgen müssen bis zur Auflösung der letzten Korps — wie ungeheuer viel Blut hätte das gekostet? Er aber wußte die eine Armee nach der andern zu umfassen und zur Ergebung zu zwingen, wie der überlegene Mann einen tobenden Angreifer, statt ihn niederzu­schlagen, mit beiden Armen umschlingt und ihn ohne Beschädigung wehr- und hilflos macht. — Sieben Jahre nach dem glänzenden Beispiel der Moltke'schen Kriegsführung entbrannte der russisch-türkische Kampf am Balkan, der im Vergleich mit der Kunst von 1870 den Eindruck der rohen Metzelei macht. Trotz der zeit­weiligen Rückschläge bei halbcivilisirten oder leiden­schaftlichen Völkern wird der Fortfchritt in der Kriegs­wissen chaft, den Moltke mit bahnbrechender Hand in Gang gebracht, für die Wohlfahrt und die Kultur der Menschheit von durchschlagendem Bortheil sein. Und sollte je eine Aera des ewigen Friedens anbrechen, die den Krieg nur aus den Geschichtswerken kennt, so wird die Menschheit jener Zeit unsern großen Strategen gewiß nicht schmähen, sondern sein Verdienst um seine Zeit begeistert anerkennen.

Graf Moltke selbst hat nicht das größte Gewicht auf das Urtheil der Mit- und Nachwelt gelegt, son­dern auf das Urtheil des höchsten Richters. Der Prediger an der Bahre konnte in der Thal nichts Schöneres und Erbaulicheres der Trauer-Versammlung vortragen, als die Sätze, welche Moltke an seinem 80. Geburtstage schrieb: „ , _ . . .

„Welcher ganz andere Maßstab als hier wird m

„Er scheint nicht so schwer verletzt, als ich Anfangs annahm," antwortete der Squire. „Ich habe Wieder­belebungs-Versuche mit ihm gemacht. Vielleicht haben Sie Recht, was das Fieber betrifft. Daß das auch gerade während der ersten Nacht Ihres Hierseins pas- siren muß, Mr. Short! Es thut mir zu leib. Da mein Hund das Unheil angerichtet hat, so bin ich natürlich verpflichtet, den Menschen zu pflegen. Es wäre ihm ganz recht geschehen, wenn ihn Stambul gleich umgebracht hätte; es war ein ganz Perfider Schlag, welchen er mir versetzt hat. Ich kann ihn noch fühlen. Die Moral davon ist jedenfalls, daß man immer einen dicken Ueberzieher anziehen muß, wenn man Nachts allein geht."

„Ich wußte gar nicht, daß er Sie angegriffen hat, warf John erschrocken ein.

„Gewiß — springt der Kerl da aus dem Busch­werk heraus und schlägt mir mit einem Knüppel an dem Hut vorbei auf die Schulter. Ehe ich mich weh­ren konnte — fort war er — Stambul ihm auf den Fersen nach. Wäre ich nicht dazu gekommen, so wäre kein Stück von ihm übrig geblieben."

,Der Hund rettete Ihnen also daS Leben? ftagte John, welchen die schmucklose Erzählung des Squire s fehr ergriffen hatte. „Was kann nur der Mensch für

Verfolgt.

Frei nach dem Englischen des Marion Crawford von Cora von Schönburg.

(30. Fortsetzung.)

12. Kapitel.

John Short hatte, in vollständiger Unkenntniß der Sachlage, Mrs. Goddard's Aufregung allein auf den Squire bezogen. Ihre Behandlung war nicht so leicht gewesen, als er es sich vorgestellt. Die Besinnung kehrte allerdings schon während der Fahrt zurück, aber dann hatte es großer Anstrengungen bedurft, um die erregte Fran zur Heimkehr zu bewegen. Ihre Ver­fassung war derart, daß es unmöglich war, ihr mit Vernunftgründen beizukommen. Nur John's wieder­holter Versicherung, daß er ihr von Allem Bericht er­statten werde, war es endlich gelungen, sie zum Bleiben zu bewegen.

Der letzte harte Schlag, welcher die arme Frau bettoffen, war beinahe zu viel für ihre Natur gewesen. Jedoch auch den Leiden der Menschen ist eine Grenze gezogen. Wie die bewunderungswürdige Weisheit der Vorsehung angeordnet hat, daß in den Regionen des ewigen Eises die See nicht bis auf den Grund zu­friert, so giebt es auch in der menschlichen Natur

Fuldaer

FR, Sie Redaktion verantwortlich: Ludwig Deibel io Fulda.

eitung

Druck u. «erlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillman»).

sondern auch seine Persönlichkeit wegen ihrer Eigenart und ihrer Tugenden. Je mehr die Haltung des Fürsten Bismarck zu Zweifeln Veranlasfung gab, desto höher stieg der Respekt vor dem alten Moltke, dessen Selbst­losigkeit, Bescheidenheit und unerschütterliche Pflicht­treue sich immer glänzender abhoben. Mochten sich überall Flecken zeigen, sein Bild blieb vollständig makellos.

Das Volk spürte es längst mit sicherem Gefühl, was der evangelische Feldprobst der Armee in der Trauerrede schön aussprach: Er war ein Mann und zugleich ein Christ. Da lagen die starken Wurzeln seiner Kraft. Maßhalten auch in der Maßlosigkeit seiner Erfolge, bescheiden und schlicht bleiben auch auf der Höhe des Ruhmes, triumpbiren und doch schweigen — das kann nur Der, dessen Kraft nicht in dieser Erde wurzelt, sondern der etwas weiß und erfahren hat von dem: Herr Gott, du bist unsere Zuflucht für und für!

Wahrlich, Moltke verdient den Ruhmestitel des großen Siegers auch in dem Sinne, daß er sich selbst bezwang. Sein ganzer Lebenslauf von einer düsteren Jugend an durch rastlose Arbeit hindurch bis zu den großen Erfolgen im Greisenalter ist durch eine wunder­bare Selbstbeherrschung geregelt, so daß die 70 Jahre seiner Thätigkeit mit ihrem überreichen Wechsel von Geschicken und Ereignissen im letzten Grunde immer und überall dasselbe Bild bieten: Einen Mann, der ausrecht und ruhig den Weg seiner Pflicht geht, ohne rechts oder links zu blicken, durch Tiefen und über Höhen, über blumige Felder und an fchwindelnden Abgründen entlang mit derselben gelassenen Festigkeit dahinschreitend.

Graf Moltke fand die Verehrung Aller ohne Unterschied des Standes und der Partei, weil er als Mensch noch größer war, denn als Fachmann, und über den Einseitigkeiten und Fehlern seines Standes zu stehen wußte.

Einer der größten Kriegskünstler der Weltge­schichte, und doch ein Mann von außerordentlicher Friedlichkeit! Wer hat je gehört, daß Moltke mit irgend einem Menschen in Streit gerathen wäre ? Nicht ein­mal mit dem Fürsten Bismarck, der mit fast allen neben ihm wirkenden Größen seine Konflitte haben mußte. Auch im Reichstage wußte Graf Moltke den Frieden nach allen Seiten hin zu wahren, obschon er seiner Parteistellung nichts vergab. Sogar die Sozial­demokratie, die doch sonst gern alle Militärs wie Massenmörder behandelt, vermochte dem großen Stta- tegen gegenüber keine unfreundliche Haltung emzu- nehmen. Und doch hat Graf Moltke niemals als fentimentalen Schwärmer für die „Friedensliga" sich aufgespielt; im Gegentheil, er scheute sich nicht, die Theorie von der kulturfördernden Wirksamkeit des Krieges offen zu vertreten. Aber trotzdem wußte alle Welt, daß Moltke eine Säule des Friedens war und einen Punkt, über den kein Leiden hinaus kann. Jede Aufregung tobt sich mit der Zeit aus — jede Leiden­schaft verkühlt. Nach zwei Stunden hatte sich auch die erste Gewalt von Mary Goddard's Schmerz ge­legt. Sie begann aus einem bösen Traume zu dem trüben Gefühle der Wirklichkeit zu erwachen. Der Ge­brauch ihrer Vernunft kehrte allmählich wieder zurück. Sie machte sich klar, daß ihr der Squire sobald als möglich Nachricht geben werde, daß dies aber kaum vor dem Morgen geschehen könne. So lange mußte sie sich gedulden.

John Short war, wie gesagt sehr bleich, als er in das Krankenzimmer trat. Er hatte sich noch nicht ganz von seiner vermeintlichen Leichenwache in dem sturmumbrausteil Walde erholt. Junge Nerven sind in solchen Dingen empfindlicher wie alte. Er blieb einen Augenblick stehen, blickte auf das Bett und ent» fetzte sich abermals.

Wie, er ist doch nicht tobt?" rief er aus und näherte sich, um in Goddard's geröthetes Gesicht zu sehen.

Nein, tobt ist er nicht," sagte Mr. Juxon. „Ob er stirbt, weiß ich nicht. Ich habe zum Doktor geschickt."

„Ist er schwer verwundet?" fragte John. „Er sieht aus, als ob er Fieber hätte."