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Dienstag, den 28. April 1891.

88t die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (St. Dillmann).

* Der Kaiser, der sofort von der Familie Moltke

* Die heutige Sitzung des Reichstages eröffnete

worden. Die Letztere ging in der Freude des Wieder­sehens so wert, daß sie jeden Zweifel an seine Voll­kommenheit zu vergessen schien. Sie theilte ihm mit freudiger Genugthuung sogleich die Einladung des Squire s und dessen Wunsch, ihn unverzüglich bei sich

Greis, ernst und in sich gekehrt und ein Charakter, wie wn ihn m unserer Zeit leider gar zu selten finden. Als Schriftsteller ist er lange Zeit thätig gewesen und seine Werke, die sich mit dem Militärwesen beschäftigen, ?«e verschiedensten Sprachen übertragen worden.

Ist Moltke selbst auch tobt, so lebt sein Geist fort in der Armee, und diese und das ganze Volk wird nie vergessen, welch' großen Dank es schuldet dem großen Strategen Hellmuth v. Moltke.

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„Er sei tief erschüttert, er habe in Moltke eine Armee verloren." Der Kaiser unterbrach seine Reise und kehrte heute Nachmittag nach Berlin zurück, um

Deutsches Keich.

Berlin, 25. April.

die Finsterniß vor dem Lichte, und nach Verlauf einiger Stunden war der Squire so aufgeheitert, als habe er noch nie etwas von Walter Goddard gehört.

Man hatte versprochen, den Abend im Pfarrhause zuzubringen, wo auch Mrs. Goddard eintraf. Sie schien heute sehr gedrückt und niedergebeugt, obschon sie alle Kräfte zusammenraffte, um sich aufrecht zu er­halten.

Der Squire und Mr. Ambrose behandelten Mrs. Goddard mit einer Art väterlicher, fast feierlicher Für­sorge, tote man sie Schwerkranken ober durch einen harten Verlust Betroffenen zuzuwenden pflegt. Die beiden älteren Herren wechselten von Zeit zu Zeit Blicke miteinander, [ llJ welchen deutlich der Gedanke ausgesprochen war, wie viel Ungemach der armen Frau noch bevorstehe und wie viel sie noch zu ertragen im Stande sein würde. Die Unterhaltung war im Ganzen nichts weniger als lebhaft, und selbst Mrs. Goddard empfand es wie eine Erleichterung, als die Stunde des Abschiedes herankam.

Der Pfarrer hatte seinen Wagen für sie und Nellie bestellt. Der Kutscher vom Schlosse war der trockenen Witterung wegen nicht wiedergekommen. Mr. Juxon und John freuten sich, den Weg zu Fuß zu machen, Es hatte seit zwei Tagm nicht geregnet und die Wege waren ttocken.

Beim Fortgehen sagte der Squire: „Es wäre bester wenn Mr. Short die Damen im Wagen begleitete'

Verfolgt.

Frei nach dem Englischen des Marion Crawford von Cora von Schönburg.

* ®tTuire empfing seinen Gast mit der größten Herzlichkeit und drückte seine Freude aus, ihn endlich einmal unter seinem Dache beherbergen zu können. Bei größerer Aufmerksamkeit würde es John nicht entgan­gen sein, daß der Squire, gleich dem Pfarrer, eine un­gewöhnliche Erregtheit verrieth; aber er war zu sehr von seinem Glücks überwältigt, um auf dergleichen zu achten. Er faß seinem Wirthe in einem tiefen Sessel am Kamine gegenüber. Die behagliche Umgebung übte ihren vollen Zauber auf ihn aus. Jedes Gefühl der Unsicherheit für die Zukunft war entschwunden und auch die Gegenwart beängstigte ihn nur wenig. Bei der leutseligen Art des Squire's mußte jede Befangenheit weichen. Mr. Juxon andererseits war sich wohl be- i wußt, daß dieser frische, hoffnungsfteudige Mensch vor Allem geeignet sei, ihn seiner krankhaften Ueberreizung 1 zu entreißen. Unter dem Einflüsse lebensvoller Jugend mußte sich die eigene Hoffnung heben. Die schrecklichen Gedanken, welche die Warnung der Pfarrers in ihm geweckt, verflogen gleich bösen Traumgebilben. Die Furcht vor der Drohung des Sträflings schwand, wie

* Die heutige Sitzung des Herrenhauses eröffnete Präsident Herzog v. Ratibor um 12 Uhr 15 M. mit folgender Ansprache:

m Aeme Herren! Es ist mir ein Schreiben des Major v Moltke zugegangen (das Haus erhebt sich) „Ew. Durchlaucht beehre ichmich ergebenst anzuzeigen, daß der Generalfeldmarschall Graf v Moltke gestern Abend 9 Uhr 45 Minuten durch einen ! Herzschlag leicht und ohne vorhergehendes Unwohlsein aus diesem

Leben abberufen worden ist." — Dieses Schreiben verkündet uns ein tiefschmerzliches Ereiguiß. Noch gestern weilte der greise Feldmar,chall in unserer Mitte und nahm anscheinend im besten Wohlsein mit großer Aufmerksamkeit an unserer Verhandlung TheU. Fast 20 Jahre ist der Verewigte der Genosse unserer Arbeiten gewesen, denen er mit seltenen Ausnahmen pünktlich und gewissenhaft seine Theilnahme schenkte. Die Tugenden und Verdienste des greisen Feldmarschalls Ihnen hier vorzuführen ist hier nicht zur Stelle. Ich muß mich darauf beschränken, an me Ihnen allgemein bekannten glänzenden Erfolge zu erinnern die sein umfaflender Geist der Bethätigung feines Wahlspruchs' „Erst wägen, dann wagen" verdankt. Von dem Vertrauen seines KöniE getragen hat er in selbstloser Weise pro patria et gloria dem Vaterlande sich gewidmet und die Wege geebnet, auf denen es möglich wurde, einen entsprechenden Ersatz für die Opfer an Gut und Blut zu erlangen, welche das deutsche Vaterland semer- ftlts gebracht hat. Meine Herren! nicht nur wir in diesem Hause, das ganze Land, das ganze Reich hat einen großen Ber- lust erlitten und ich bitte Sie, zum Andenken des Mannes, der

lieber eine Nacht verging in bangem Harren, aber kein schleichender Fußtritt und kein Klopfen an dem Fenster wurde diesmal vernehmbar und mit der ein­brechenden Dämmerung verfiel die Geängstigte in einen sanften Schlummer.

John war inzwischon schon angekommm und von Mr. und Mrs. Ambrose mit offenen Armen empfangen

I Meine Herren! Ganz unerwartet und tief schmerzlich für unä und für das Vaterland hat Gott einem Leben ein Ende gemacht, so rnch an Ruhm, an Ehre, an Erfolgen, aber zugleich auch an Liebe, an Verehrung und an Vertrauen, wie selten einem Sterblichen bis in das höchste Greisenalter es zu führen vergönnt war. Unser greises Mitglied, der Feldmarschall Graf v. Moltke, ist gestern Abend 9»/« Uhr ohne vorheriges Unwohl' sein an einem Herzschlage sanft verschieden, nachdem er noch vor 2 Tagen unseren Sitzungen und gestern bis zum Nachmittage wenige Stunden vor seinem Tode einer Sitzung des Herrenhauses

I °fr bekannten freudigen Theilnahme beigewohnt. Mitglied des Reichstags von Anfang an, stets gewählt im 1. Wahlkreise Königsberg, hat der Heimgegangene diesem Hause angehört und ‘etLt 81^u Anfang Jeder Legislaturperiode das Alterspräsidium geführt. Meine Herren! Uns Allen ist bekannt, mit welcher Ge­wissenhaftigkeit er unseren Verhandlungen folgte und wohl kaum habe ich das Haus so aufmerksam gesehen als dann, wenn er das Wort nahm. Seine letzte jugendfrische Rede, die er am tl>. Marz hier gehalten, die Rede eines Neunzigjährigen wird * ups in steter Erinnerung bleiben. Meine Herren, ich kann es

I uicht unternehmen, von dieser Stelle aus zu rühmen, was der Heimgegangene für Kaiser und Reich geleistet; er selbst machte niemals Wesens davon und wohl niemals hat so viel Bescheiden­heit zu so viel bewunderten Erfolgen sich gesellt: Die Geschichte unseres Landes und die Weltgeschichte wird es mit goldenen Lettern verzeichnen und unsere Nachkommen werden stolz sein auf diesen Landsmann, wie wir stolz sind, ihn persönlich ge­kannt und als unser Mitglied unter uns gehabt zu haben. Meine Herren! Ein Mann, ein Held, ein gelehrter Denker) aber auch zugleich ein Vorbild menschlicher und bürgerlicher Tugenden ist von uns gegangen; seine Werke folgen ihm nach. Sein An­denken zu dessen Ehren Sie sich erhoben haben, wird stets ge­segnet fern und bleiben ewig. — Bon verschiedenen Seiten ist angeregt worden, daß wir unter dem Eindruck der Trauer um den Heimgegangenen in unsere Tagesordnung nicht eintreten Ich verstehe dies und schlage vor, die nächste Sitzung abzuhalten am Montag, 12 Uhr, mit der Tagesordnung: 2. Berathung der Zuckersteuer. ’ a

. ^7. Fortsetzung.) _ . ^HUllC !9 uuu

m ®tc J™9. "en ganzen Nachmittag über auf ihrem zu sehen, mit. Bette. Nellie saß neben ihr unb streichelte ihr, wäh­rend sie vorlas, bie Hänbe. Sie liebte ihre Mutter mit großer Innigkeit unb litt beim Anblicke ihrer Schmerzen fast ebenso viel, als hätte sie selbst leiben muffen. Als das wilbe Geheul bes Hundes an ihr W. drang erschraken Beide gleichmäßig zusammen. Nellie rannte bann an bas Fenster und beruhigte ihre Mutter, indem sie sagte: y

„Es ist nur Mr. Juxon mit Stambul. Höre nur tote er jagt." v '

Mrs. Goddard hatte einen Augenblick erschrocken °le Hand an die Schläfe gelegt, doch auf bie Erklärung des Kmbes hm lächelte sie matt und schloß wieder die Augen.

* lieber die letzten Stunden des Grafen Moltke wird berichtet: Der Feldmarschall wohnte noch gestern der Sitzung des Herrenhauses bis zum Schluffe bei, wäh­rend welcher er mit vielen Mitgliedern des Hauses in angeregtester Weise konversirte. Alsdann machte er feine gewohnte Spazierfahrt in den Thiergarten, an welche er, wie ebenfalls seine Gewohnheit bei günstigem Wetter gewesen, eine Fußpromenade anschloß. Um 5 Uhr kehrte Gras Moltke allein und zu Fuß in feine Wohnung zurück und verzehrte dann später mit dem besten Appetit sein Abendbrot. Aus des Grasen Wunsch mustzirten alsdann die anwesenden Familienmitglieder Sodann wurde das ebenfalls zu seinen täglichen Lebens­gewohnheiten zählende allabendliche Whist auch gestern noch begonnen, der Graf gewann einen Robber, wo­rüber er sehr erfreut war. Gegen 7210 Uhr stand Moltke vom Spieltisch auf, um sich in bie Nebenräume I ZU begeben, wobei er bie von seinem Neffen Major v. Moltke angebotene Begleitung und Unterstützung dankend ablehnte. Als der Feldmarschall nach einiger iJeit nicht zurückkehrte, wurden die Familienmitglieder unruhig, man suchte ihn auf und fand ihn in einem Zustande größter Schwäche. Man legte den Grafen ofort auf ein einfaches Feldbett, er athmete noch ein­mal tief auf — und Deutschlands großer Stratege war verschieden. Binnen 3 Minuten, nachdem man

------------------------- >8. Jahrgang

Fuldaer Zeitun

* Ans Berlin traf am Samstag bie Nachricht ein daß Graf Hellmuth v. Moltke, Generalseldmarschall unb Chef bes preußischen Generalstabes, im Lause ber Nacht gestorben ist, nachbem berselbe noch am Freitag ber Reichstags - Sitzung angewohnt hatte. Der Tob trat pwtzuch em in Folge eines Herzschlages. Gras Moltke ist geboren am 26. Oktober 1800 unb erreichte ein Alter von mehr als 90 Jahren. Von ber Picke au: hat er gedient unb durch seinen Scharfblick, sein kluges Wägen unb Wagen sich eine Ehrenstelle nach der an- beru erobert. Noch als junger Lieutenant wurde seine Befähigung und sein scharfer Geist erkannt, weshalb er schon im Jahre 1832 in den Generalstab ausgenom­men und nach der Türkei beurlaubt wurde behufs mbargamsation ber türkischen Armee. In seineHeimath zuruckgekehrt, trat er toieber in ben Generalstab unb benutzte bie freie Zeit, seine Erfahrungen schriftlich meberzulegen. Im Jahre 1858 trat Moltke an die Spitze des Generalstabes und erhielt im folgenden Jahre den Rang eines Generallieutenants. Der Operations- Entwurf zu dem dänischen, dem deutsch-österreichischen und deutsch-französischen Kriege war sein Werk. Die ohne all- Störung bewerkstelligte Beförderung der ge­waltigen Heeresmassen an die Grenze, der Abmarsch der drei Armeen an den Rhein, sowie ber Beginn der geschickt geleiteten Kriegsoperation im Jahre 1870 war ebenfalls sein W-ik. Schlachtendenker hat man ihn, der mit der Einigung Deutschlands so eng verbunden ist- genannt, und das mit vollem Recht. Hatte er doch schon ben ganzen Operationsplan fertig ausgearbeitet unb lenkte und leitete die Bewegungen der deutschen Truppen so, daß die Schlachten siegreich ausfielen und da geschlagen wurden, wo er wollte. „Getrennt mar- schirm vereint schlagen", war seine Maxime, und die Siege der deutschen Armee haben sie bewährt. Von Freund und Feind geachtet, hatte, wie ber verstorbene Dr. Winbthorst, so auch Gras Moltke, ber Schweiger

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