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Beilage zu Nr. 95 der „Fuldaer Zeitung".

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda. Druck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).

Sonntag, den 26. April 1891.

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,Fuldaer Zeitung'

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Das Kochecht Heilverfahren.

Bor etwas über acht Monaten wurde auf dem zehnten internationalen Aerzte-Kongreß zu Berlin die erste Andeutung von Herrn Geheimrath Robert Koch darüber gegeben, daß er nach eingehendem Studium, nach vieljährigen Versuchen auf dem Wege sei, ein Mittel zu finden, welches die Heilbarkeit der Tuber­kulose zu versprechen scheine. Fünf Monate ist es her, daß die erste genauere Nachricht über die Entdeckung in die Oeffentlichkeit kam, abermals von Herrn Ge­heimrath Koch ausgehend, und von diesem Zeitpunkt an ergriff ein merkwürdiges Fieber die ganze zivili- sirte Welt. Von überall her und selbst aus weitester Ferne kamen Aerzte, Sommitäten der Wissenschaft darunter, nach Berlin, um das wunderbare Heilmittel nnd seine Anwendung kennen zu lernen. Reiche Wohl- thäter beeiferten sich, Grundstücke und große Summen Geldes für die Errichtung von Krankenhäusern herzu­geben, in denen das Koch'sche Heilmittelverfahren geübt werden sollte. Kommunen und andere Verbände zeigten einen Eifer, durch große Aufwendungen prak­tisch nutzbar werden zu lassen, was die Wissenschaft ersonnen. Nur ganz vereinzelt wurden von ärztlicher Seite Stimmen laut, welche zur Vorsicht mahnten und das abschließende Urtheil verzögert wissen wollten. Diese Stimmen fanden nur wenig Gehör, und selbst die Autorität eines Virchow schützte die Dissentirenden nicht vor dem Verdacht, als ob ihre Vorsicht mehr durch Bedenken der Rivalität, als durch Bedenken sach­licher Art begründet seien.

Inzwischen ist es stiller und stiller geworden. Wiewohl sich die durch das Koch'sche Mittel im großen Publikum und in der Tagespresse entstandene Erregung allmählich verloren hat und auch das Gros der Aerzte dem Koch'schen Tuberkulin mehr wie einem Kuriosum gegenüber steht, hat doch die Wissenschaft, die Bedeutsamkeit der Entdeckung allmählich unbe­fangener würdigend, die Beschäftigung damit keines­wegs aufgegeben. Wir befinden uns seit zwei Monaten in dem kritischen Stadium, welches allein gute Früchte zeitigen kann. Die beiden großen deutschen Aerzte- versammlungen, der Chirurgenkongreß oder, wie der offizielle Name lautet, die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie und der Kongreß für innere Medizin, welche beide ihre Jahresversammlung im Frühjahr abhalten, haben auf ihre Tagesordnungen die Koch'sche Ent­deckung gesetzt; auf dem Chirurgenkongreß in Berlin hat bereits in der ersten Sitzung vom 1. April die Koch-DiSkussion, welcher der Entdecker beiwohnte, ohne daran theilzunehmen, stattgefunden. Alsbald zeigte sich, daß unter den namhaften Chirurgen auch jetzt noch die Meinungen über den Werth des Mittels ein­ander ziemlich unvermittelt gegcnüberstehen, daß aber unbedingte Enthusiasten dafür aller­dings nicht mehr vorhanden sind. Eine sehr bemerkenswerthe Wandlung der eigenen Anschauungen zeigte, so entnehmen wir der .Nation', Professor v. Bergmann, welcher den Hauptvortrag über das Thema hielt. Er, der am 16. November v. I. mit lautem Enthusiasmus seine ersten Versuche mit dem Mittel vorführte und dessen Klinik Wochen lang das Pilgerziel der auf den Ruf der Koch'schen Erlös ungs- that aus allen Weltgegenden herbeigeeilten Aerzte war, ist auf Grund seiner fünf Monate hiudurch gemachten Erfahrungen schließlich zu einem im Ganzen recht un­günstigen Urtheil gekommen. Herr v. Bergmann gibt von vornherein zwei wesentliche Eigenschaften des Koch'schen Mittels zu: die, daß es an einer von der Anwendungsstelle entlegenen Körperpartie eine heftige Entzündung erzeuge und zweitens, daß es spezifisch auf tuberkulös erkrankte Gewebe wirke. Die Erzeu­gung einer Allgemeinreaktion theile das Mittel zwar mit anderen Fermenten, wie unter Anderem er selbst schon 1869 am „Sepsin" gezeigt habe; andererseits

erzeuge das Koch'sche Mittel eine Allgemeinreaktion auch bei nichttuberkulösen Erkrankungen, so z. B. bei Aktinomykose (Strahlenpilzkrankheit) und bei gewissen bösartigen Geschwülsten. Allein eine örtliche Reaktion, bestehend in einer von starken Exsudationen begleiteten Entzündung, hat Bergmann blos bei tuberkulösen Er­krankungen und nur als Wirkung des Koch'schen Mittels wahrgenommen. *)

Damit ist aber Bergmann's Anerkennung für das Koch'sche Mittel erschöpft; eigentliche Heilwirkun­gen kann er ihm heute nicht zuerkennen. Be­merkt sei, daß Bergmann sich ausschließlich auf soge­genannte chirurgische Tuberkulose: Lupus, tuberkulöse Drüsen, Knochen- und Gelenk-Erkrankungen beschränkte. Er läßt nicht undeutlich durchmerken, daß die „Periode der Nachprüfung", welche er von der ersten Publika­tion Koch's im November bis zur zweiten vom 15. Ja­nuar datirt, allzu stark unter dem Druck der von der November-Publikation Koch's erzeugten günstigen Vor- urtheile gestanden habe. Anders sei es vom 15. Ja­nuar ab geworden, wo die Bekanntmachung mit der Beschaffenheit des Mittels und mit einer Hypothese des Entdeckers über die Wirkungsweise seiner Substanz der Kritik endlich bestimmte Handhaben geboten habe. Nebenbei sei bemerkt, daß diese für die Geschichte der „Kochfrage" wohl brauchbare Unterscheidung doch nicht auf alle Beurtheiler zutrifft. Die Hypothese, daß das Mittel das die Bazillen umgebende Gewebe tobte, hatte Koch, wenn auch ohne nähere Ausführung, bereits am 14. November ausgesprochen und sie wurde auch bereits von Virchow am 8. Januar auf Grund seiner patho­logisch anatomischen Befunde bestritten. Das Wichtige an der klinischen Nachkritik Bergmann's aber ist, daß er nun über beinahe halbjährige Erfahrungen an Kran­ken berichtet und daß er die pathologisch-anatomischen Untersuchungen anderer Forscher durch werthvolle neue Untersuchungen an Objekten, welche unmittelbar von lebenden Kranken entnommen wurden, ergänzt.

Bergmann gibt die Möglichkeit der Weiterverbrei­tung der Tuberkulose in der Koch'schen Behandlung theoretisch zu, wiewohl er für den Beweis dafür, daß jeweilige Verschlimmerungen auch wirklich durch das Mittel hervorgebracht wurden, eine Reihe von Bedin­gungen stellt, welche vereinigt schwer zu erfüllen sein dürften. Immerhin aber berichtet er, daß er erhebliche Verschlimmerungen, und zwar nicht im Anfang der Be­handlung, sondern nach späten, nach wochenlanger Be­handlung erfolgten Injektionen wahrgenommen hat. Kranke mit Lupus im Gesichte bekamen tuberkulöse An­schwellungen der Halsdrüsen; ein Kranker mit Hüftge­lenk-Entzündung zeigte viele Wochen nach Beginn der Behandlung Entzündung des Kniegelenks; jedenfalls muß Bergmann sagen: Die Behandlung mit dem Mit­tel schützt nicht vor dem Ausbruch neuer tuberkulöser Herde. Was aber die eigentliche Heilwirkung betrifft, so kann Bergmann sie deshalb nicht zugeben, weil der regelmäßigen anfänglichen Besserung das regelmäßige spätere Recidiv gefolgt ist. Einer der schon im No­vember behandelten Lupuskranken, welchen Bergmann im Dezember zuerst als nahezu geheilt, später als ganz geheilt entließ, stellte sich einige Wochen nach der Ent­lassung mit neuen Tuberkeleruptionen der Haut auf der Klinik wieder ein und zeigt heute, nach erneuter wochen­langer Behandlung mit dem Koch'schen Mittel, ein Bild eines frisch an Lupus Erkrankten.

Ueber die Wirkungsweise des Mittels wurden auf der Bergmann'schen Klinik pathologisch-anatomische und experimentelle Untersuchungen angestellt, und zwar mit Hautstückchen, welche der Haut lebender, lange mit dem Koch'schen Mittel behandelter Patienten an den er­krankten Theilen entnommen waren, ein Versuch, der sich mit Zuhilfenahme von Cocain ohne erhebliche Be­schwerden für den Kranken ausführen läßt. Die erstere Untersuchung ergab die Unrichtigkeit der Koch'schen Hypothese von der nekrotisirenden, das heißt das er­krankte Gewebe zum Absterben bringenden Wirkung des Mittels. Die experimentelle Untersuchung bestand darin, daß man die erwähnten Hautstückchen, in denen man noch nach langer Behandlung einen fortgeschrittenen Heilprozeß vermuthen durfte, Meerschweinchen einimpfte und sie ergab, daß diese dennoch dadurch tuberkulös wurden. Dieser Befund ergänzt und bestätigt die er­wähnten Jmpfversuche von Dr. Oskar Israel, dem Assistenten Virchow's, welcher Thiere mit Auswurfs­massen impfte, welche nach Koch behandelten Kranken entnommen waren, und der dadurch ebenfalls Tuber­kulose erzeugte.

♦) Diesen Punkt bestritt übrigens später Prof. Küster (früher in Berlin, jetzt in Marburg), indem er von zwei Fällen örtlicher Reaktion auch bei nicht tuberkulösen Krankheiten berichtete.

vermischtes.

* Ein Windthorst-Denkmal in Afrika. Kein Vorschlag ist es, sondern eine Thatsache, welche diese Ueberschrift aukündigt, und ohne Zweifel eine Thatsache, welche vom katholischen deutschen

Volke mit Freude begrüßt werden wird. Wie die eben erschei­nende Nummer der Zeitschrift „Gott will es!" meldet, hat Mfgr. de Courmont, apost. Vikar von Nord-Zansibar, aus die Bitte des Herausgebers genannter Zeitschrift gerne'genehmigt, daß das neue christliche Dorf, welches unter dem Schutze der Mission von der unbefleckten Empfängniß in diesem Jahre am Kilima-Ndscharo begründet wird, den Namen Windthorst tragen soll. Dieses war bereits beschlossene Sache, ehe der Ver­ewigte auf sein Sterbelager sank. Dr. Windthorst war bekannt­lich ein warmer Freund der Afrika-Bewegung; er gab bereits 1888 in Freiburg die Parole aus, jeder Deutsche und jeder Katholik müsse dem Afrika-Vereine beitreten, auf allen späteren Katholiken - Versammlungen empfahl er auch den Afrika-Verein als einen Zweig der katholischen Liebesthätigkeit. Bekannt ist auch, mit welcher Wärme er im Reichstage für die Zulassung auf deutschen Boden jener Orden eintrat, welche durch ihre Mis- sionsthätigkeit die deutsche Kulturarbeit in Afrika so wirksam unterstützen. Der hochw. Herr Bischof de Courmont gehorchte also einem Gefühle der Dankbarkeit, als er genehmigte, daß der Name des ersten deutschen Katholiken mit dem afrikanischen Missionswerke auf ewige Zeiten eng verknüpft werde. Die neue Mission am Kilima-Ndscharo ist für die Patres vom hl. Geiste ein kostspieliges Unternehmen, denn sie liegt ca. 30 Tagemärsche von der Küste entfernt; sie ist aber ein Unternehmen von großer Tragweite, weil sie in gesunder Gebirgsgegend und unter unver­dorbenen Naturvölkern entsteht. Sie ist ferner die erste Station, welche nach Begründung der deutschen Herrschaft von ihnen gegründet wird, und ist deshalb auch von ihrem Begründer den deutschen Katholiken warm ans Herz gelegt, ihnen als ihr Adoptivkind empfohlen worden. Bereits sind bei der Zeitschrift „Gott will es!" namhafte Beiträge für sie eingegangen, und wer in Zukunft etwas thun will, um den Namen Windthorst in Afrika zu verherrlichen, der sende seine Gabe an den Heraus­geber, Redakteur Helmes in Münster i. W. oder an die Expedition der Zeitschrift „Gott will es" (A. Riffarth), M.- Gladbach.

* Ueber das Zeitungswesen ist einem Aufsatze im Post- archiv folgendes Bild zu entnehmen: Nach dem Ausweis der Zeitungs-Preisliste des Reichs-Postamts für das Jahr 1891, welche 9882 Blätter und zwar 7082 Stück in deutscher Sprache und 2800 Stück in fremden Sprachen enthält, hat die Gesammt- zahl der Blätter in den letzten 20 Jahren um 5189 Stück zu­genommen. Die Zahl der deutschen Blätter in deutscher Sprache betrug Ende 1870 6206, an deutschen Blättern in fremden Sprachen gab es 137, darunter auch 3 in Volapük-Sprache. Die bedeutendste Zunahme hat in den letzten 10 Jahren die Zahl der politischen Blätter erfahren.

Literarisches.

Wir glauben unfern Lesern einen Dienst zu erweisen, wenn wir sie auf den soeben ausgegebenen Maikatalag der A. Laumann'schen Verlagshandlung inDülmeni.W. aufmerksam machen. Der Katalag enthält eine große Anzahl bewährter, vielseitig empfohlener Schriften für die Mai- und Marienandachten. Namentlich sei auf das in 44., verbesserter Auflage erschienene, allgemein beliebte Büchlein „Maiaudacht" hingewiesen.

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