95
Sonntag, den 26. April 1891.
18. Jahrgang
Sh ,Fulda« Zeitung' «Meint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen.
Inserate kosten die einspaltige Zeil« »d« deren Stau« tl Ps„ fei »ednholungen entsprechender Rabatt.
vierteljährlich« Abonnementspreis ohne Bring«- lohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.
-
ZWk" Hierzu eine Beilage. "MW)
* Der Marimalarbeitstag hat in den letzten Sitzungen den Reichstag beschäftigt, und zwar auf Grund eines sozialdemokratischen Antrages zur Arbeiterschutzvorlage, wonach für alle über 14 Jahre alte Arbeiter der zehnstündige Arbeitstag mit der Maßgabe eingeführt werden soll, daß derselbe am 1. Juli 1894 auf 9 Stunden, am 1. Januar 1898 auf 8 Stunden herabgesetzt werden soll. Außerdem soll bei Arbeiten unter Tage und in Betrieben mit Tag- und Nachtschicht die tägliche Arbeitszeit 8 Stunden betragen. Die Sozialdemokraten glaubten noch ein Entgegenkommen bewiesen zu haben, wenn sie für die gesetzliche Verwirklichung der auf dem internationalen Kongreß in Paris proklamirten Forderung des Achtstundentages eine Übergangszeit bis ersten Januar 1898 vorsähen, damit bis dahin die Industrien sich auf denselben einrichten könnten. Ihnen komme es hauptsächlich auf die Anerkennung des Prinzips an.
In der Arbeiterschutz-Kommission ist von den Vertretern des Centrums, wie schon in früheren Sessionen, die Einführung des elfstündigen Maximalarbeitstages beantragt und befürwortet worden, aber die Regierung erklärte die Einführung desselben jetzt nicht für rathsam. Am Freitag erklärte der preußische Handelsminister v. Berlepsch im Reichstage den Maximalarbeitstag zwar für diskutabel, und die Regierung sei demselben grundsätzlich keineswegs abgeneigt; aber jetzt, wo man sich anschicke, die Kinderarbeit nahezu ganz zu verbieten, den elfstündigen Arbeitstag für alle Fabrikarbeiterinnen einzuführen und die Nachtarbeit der Frauen zu beseitigen, sei es nicht angezeigt, noch weitere Maß- nahmen vorzuschlagen, die möglicherweise die Produktion verminderten und vertheuerten und dadurch die Konkurrenzfähigkeit unserer Industrie beeinträchtigten. Zudem habe sich auf der Berliner internationalen Arbeiterschutz-Konferenz fast allgemein eine Abneigung für eine gesetzliche Regelung der Arbeitszeit erwachsener männlicher Arbeiter kundgegeben. Jedenfalls dürfe der Maximalarbeitstag nicht schablonenhaft, sondern nur nach Berufszweigen eingeführt werden.
Angesichts dieser Aussichtslosigkeit selbst des elf- stündigen Maximalarbeitstages hat das Centrum zunächst auf die Wiedereinbringung feines Antrags, den es aber nach wie vor grundsätzlich für richtig hält, verzichtet, sich aber, wie der Abg. Dr. Schädler in einer Erklärung versicherte, ausdrücklich Vorbehalten, je nach den weiteren Erfahrungen den Antrag wieder einzubringen. Es ist zu berücksichtigen, daß der § 120e der Arbeiterschutzvorlage den Bundesrath ermächtigt, die Arbeitszeit für solche Gewerbe, in welchen durch übermäßige Dauer derselben die Gesundheit der Arbeiter gefährdet wird, entsprechend herabzusetzen. Es darf er-
Verfolgt.
Frei nach dem Englischen des Marion Crawford von Cora von Schönburg.
(24. Fortsetzung.)
Der Squire verrieth kein Zeichen von Aufregung mehr, aber er hielt Stambul noch immer am Halsbande fest. „Das freut mich außerordentlich," sagte er. „Der junge Mann verdient alle Anerkennung; es wird gewiß einmal etwas Bedeutendes aus ihm werden."
„Es wollte mir manchmal scheinen, als machten Sie sich nicht viel aus ihm?" meinte Mrs. Ambrose mit einem raschen Seitenblick.
„O, ich mochte ihn recht gerne. Ich habe sogar die Absicht, ihn jetzt, wenn er kommt, für ein paar Tage zu mir auf's Schloß einzuladen."
Diese Inspiration war Mr. Juxon ganz plötzlich gekommen. Er fühlte das Bedürfniß, irgend Jemandem etwas Freundliches zu erweisen; vielleicht um dadurch seine gehässigen Absichten vom Morgen wieder gut zu machen. Der Eindruck, welchen sein Vorschlag auf MrS. Ambrose machte, war größer, als er erwartet hatte. Ihr bei aller Gutmüthigkeit doch sehr praktischer Sinn ließ sie sofort alle Vortheile berechnen, welche für John selbst und für ihre Haushaltungskasse
Deutsches Deich
J&erLU. 24. April. der Mensch gepredigt wird, sie gehen doch au der
wartet werden, daß der Bundesrath von dieser Vollmacht ausgiebigen Gebrauch macht. Sodann wird aller Voraussicht nach die Einführung des elfstündigen Arbeitstages für die Arbeiterinnen in allen Fabriken, welche weibliche Arbeiter in größerer Anzahl beschäftigen, der Elfstundentag für den ganzen Betrieb maßgebend werden, was um so mehr ins Gewicht fällt, als gerade diese Jndustrieen: Textilfabriken, Bekleidungsgewerbe, Cigarrenfabriken u. s. w. meistens eine mehr als elfstündige Arbeitszeit haben. In England gilt bekanntlich der Zehnstundentag nur für die „geschützten Personen" (Kinder, junge Leute bis 18 Jahren und Frauen), aber in der Praxis hat sich herausgestellt, daß im Interesse der Betriebseinheit am Zehnstundentag auch die Männer Theil haben. So wird es wahrscheinlich auch bei uns werden, wenn erst der Elf- stundentag für die Arbeiterinnen durchgeführt sein wird. Bevor weitere Schritte zu unternehmen sind, werden also zunächst die bei der Durchführung der neuen Bestimmung gemachten Erfahrungen abzuwarten fein.
Auch die Konservativen erklärten sich grundsätzlich für den nach Berufszweigen geregelten Maximal- arbeitstag, aber zur Zeit sei diese Regelung nicht rathsam. Prinzipielle Gegner bleiben nur die Deutsch- freisinnigen, welche die Berechtigung des erwachsenen Arbeiters, seine Arbeitskraft nach Belieben zu ver- werthen, nicht beschränken wollen.
kleine Ausbesserung in seinem.Zimmer vorgenommen werden — wir haben es schon so lange verschoben." —
„Gerne," stimmte ihr der Squire zu. „Schicken Sie mir ihn, sobald er ankommt. Wenn es möglich ist, so komme ich selbst, um ihn zu bitten."
„Sie sind zu gütig, Mr. Juxon."
„Durchaus nicht. — Wollen Sie zur Cottage?"
''3n, warum?"
„O, ich meinte nur so," entschuldigte sich Mr. Juxon. „Ich hoffe, wir könnten weiter zusammen gehen. Adieu, Mrs. Ambrose. Sie sagen es also zu Short, sobald er kommt, nicht wahr?"
„Gewiß," erwiderte Mrs. Ambrose vergnügt, „ich werde ihn gar nicht im Pfarrhause auspacken lassen. — Adieu — vielen Dank!"
11. Kapitel.
Nach dem Fortgehen des Pfarrers war es Mrs. Goddard gewesen, als sei sie unfähig, noch größere Prüfungen zu ertragen. Dennoch hatte ihr die That- sache, daß sie sich ausgesprochen, eine fühlbare Erleichterung verschafft. Die Elastieität ihres Geistes ließ sie in dem Gedanken einige Ruhe finden, daß Mr. Juxon vor dem Tode und Goddard vor augenblicklicher Gefangennahme geschützt sei. Der Squire konnte sich mit Allem versetzen, was er zu seiner Sicherheit nothwen-
partei", besonders die Entlassung Stöcker's knüpften' zu Wasser geworden sind. Als beseitigt können eben nur die Kleist-Hammerstein'schen Bestrebungen gelten, nicht aber die Orthodoxie. Des Kaisers liebste Gäste sind, was die Theologen anbetrifft, der Hofprediger Frommel und der Feldpropst Richter, beide mildorthodox, d. h. weniger mild in der Sache als in der Form. Die orthodoxe Herrschaft in der Landeskirche ist auf ihrem Kulminationspunkt angelangt, denn unter der jüngern Theologenwelt faßt der Ritschlianismus immer mehr Boden, der von dem alten Rationalismus nur in der Methode, aber wenig in den Ergebnissen verschieden ist, und im Zusammenhang damit nimmt auch auf den theologifchen Lehrstühlen der Universitäten die Zahl der Ritschlianer immer mehr zu. Dabei haben die Orthodoxen schwerlich wissenschaftliche Vertreter, die gegen die drei Berliner Professoren Harnack, Kaftan und Pfleiderer auftommen können, in Berlin wenigstens gewiß nicht. In der evangelischen Kirche findet ein beständiges Schwanken der herrschenden Schulmeinungen statt, und vielfach ist die Meinung verbreitet, daß jetzt eine neue Periode des Liberalismus im Anzuge sei. Trotzdem ist die Stimmung der Liberalen sehr gedrückt. Ihr ganzer Kummer ist, daß ihnen die Sympathie von höchster Stelle fehlt. Aus eigener Kraft erwarten beide Kämpfer, Liberale wie Orthodoxe, sehr wenig, und die Ursache ist klar: es ist die Gleichgiltigkeit der Bevölkerung. Das große Publikum kümmert sich um Harnack eben so wenig wie um Dryander, es will überhaupt vorn Kirchengehen nichts wissen. Ob Christus der Gottessohn, oder Christus
* Die Rede, welche der Kaiser am Samstag bei dem militärischen Fest aus Anlaß der Fahnenweihe gehalten hat, wird jetzt in auswärtigen Blättern veröffentlicht. Es stellt sich heraus, daß der Kaiser von ernsten Zeiten gesprochen hat, in denen wir leben, von schlimmen, die in den nächsten Jahren vielleicht bevor- steheu und von seiner unerschütterlichen Zuversicht auf die Treue und Hingebung seiner Armee, die das deutsche Reich zusammengeschmiedet habe. Es wird bestätigt, daß der Kaiser' so gesprochen hat, wie jene Blätter berichten, aber es wird gleichzeitig darauf hingewiesen, daß seine Worte ausschließlich an M ilitärs gerichtet, auch nur von diesem Gesichtspunkte aus benrtheilt werden dürften und zu politischer Kombination keinen Anlaß geben. Der Soldat spricht bei festlichen Gelegenheiten von Kampf und Heldentod, ohne damit ein Urtheil über die augenblickliche Sage abgeben zu wollen. Das dürfte auch der Grund sein, weshalb diese Rede im.Reichsanzeiger' nicht veröffentlicht worden ist. _
* Zn protestantischen kirchlich-liberalen Kreifen herrscht eine sehr gedrückte Stimmung, da die Hoffnungen, welche sich an den Sturz der „Hofprediger- aus der Unterbringung des Gastes im Schlosse entstehen würden. _ ~
„Wie freundlich von Ihnen, Mr. Juxon! Sie können sich gar nicht denken, wie er sich darüber freuen wird! Er hat eine solche Passion für Bücher und bann, wissen Sie," fügte sie vertraulicher hinzu, „ich bin überzeugt, er ist noch nie auf einem Schlosse zu Besuch gewesen."
„Wann kommt er denn?" fragte Mr. Juxon. „Ich hoffe, recht bald."
„So viel ich weiß, morgen."
„Nun, werden Sie bann vielleicht bie Güte haben, ihn an meiner Statt zu fragen, ob er eine Woche zu mir herüber kommen wolle? Beraube ich Sie auch wirklich nicht, Mrs. Ambrose? Ich weiß, Sie haben ihn sehr gerne." ,
„O, sehr!" sagte sie nut Warme unb, um ihre Bereitwilligkeit zu entschuldigen, fügte sie hinzu: „Er wirb jedenfalls auf längere Zeit bleib :n."
Der Squire war sich bewußt, daß ihm die Gegenwart eines Gastes einigen Zwang aufertegen werde, aber er fühlte zugleich, daß ihm dieses in dem vorliegenden Falle nur zum Vortheile gereichen könne.
„Außerdem," fügte Mrs. Ambrose hinzu, „wenn Sie ihn vielleicht zuerst haben wollen — es muß eine
Kirche vorbei, und es sind nur kleine Kreise, die lebhaft für oder wider Partei ergreifen.
* Hr. b. Weyrauch, der neue Unterstaatssekretär im Kultusministerium, ist in parlamentarischen Kreisen wohlbekannt. Er gehörte dem preußischen Abgeordnetenhause von 1879 bis 1882 an und ist seit 1887 Mitglied des Reichstages. Seinen politischen Standpunkt bezeichnet er selbst im Parlaments-Almanach als „deutschkonservativ", fein Bekenntniß als „reformirt". Von Interesse ist folgende weitere Notiz im Almanach: Stand bis 1866 im kurhessischen Staatsdienst und war 1865 General-Sekretär des kurfürstlichen Gesammt- Staatsministeriums und mit dem Vortrage im Geheimen Civil-Kabinet Sr. König!. Hoheit des Kurfürsten betraut ; 1866 Legationsrath im Ministerium des Aeußern". Nach der Annexion von Hessen-Kassel fing Hr. v. Weyrauch in der preußischen Beamten-Hierarchie recht bescheiden wieder an als Landrath des Landkreises Kaffel. Unter Kaiser Friedrich wurde ihm, wie wir schon erwähnten, der Adel verliehen. Die ,Kreuzzeitung' bemerkt zu der Ernennung: „Der Uebergang des Postens eines Unterstaatssekretärs von Dr. Barkhausen auf Dr. Weyrauch kann als die vollste Kontinuität in der Hand