JM 91
Mittwoch, den 22. April 1891.
18. Iahrgmy
Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).
Für die Redaktion verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
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Deutsches Keich.
Berlin, 20. April.
* Die Unterzeichnung des deutsch-österreichischen Handelsvertrages erfolgt, dem Vernehmen nach, am
* Die Ersatzwahl für Dr. Windthorst in Meppen- Lingen ist auf den 9. Juni festgesetzt.
* Die Stichwahl zwischen dem Fürsten Bismarck und seinem sozialdemokratischen Gegenkandidaten Schmalfeld ist auf den 30. April festgesetzt. Aus der Stichwahlwird wohl Fürst Bismarck als Abgeordneter hervorgehen, denn wenn auch Freisinnige und Deutsch- Hannoveraner nicht für ihn stimmen werden, um ihn in den Reichstag zu bringen, so werden sie doch durch Enthaltung seinen Sieg ermöglichen und auch so noch seine Wahl als eine nur durch sie geglückte kennzeichnen.
* Die .Post' schreibt: Gegenüber der in den letzten Tagen bemerkten Beunruhigung der öffentlichen Meinung ist es Pflicht, mitzutheilen, daß Mitte der vorigen Woche von maßgebendster Stelle die Versicherung gegeben worden ist, daß der Friede weniger denn je bedroht und daS Verhältniß mit Rußland so gut sei, wie seit langer Zeit nicht.
* Dem Landtage geht demnächst eine Denkschrift über die Entwickelung der Fortbildungs- und gewerblichen Fachschulen, soweit dieselben zum Ressort des Ministeriums, für Handel und Gewerbe gehören, zu.
* Der Reichstag setzte die Berathung des Arbeiter- schutzgesetzes fort. Angenommen wurden die Bestimmungen über Ausnahmen von der 11-stündigen Maximalarbeitszeit für Arbeiterinnen zu Gunsten der Saisonarbeit, über Ausnahmen von den Beschränkungen der Frauen- und Kinderarbeit sowie deren der jugendlichen Arbeiter bei Betriebsunterbrechung durch Naturereignisse oder Unglücksfälle und über Ausnahmen, welche der BundeSrath für gewisse Betriebe zulassen kann, ferner die Bestimmungen über die Aufsicht und endlich die Strafbestimmungen. Die Zulassung von Ausnahmen durch de» Bundesrath wurde durch einen Kompromiß- untrag erweitert. Zu den Strafbestimmungen fand ein Antrag der Sozialdemokratm Annahme, wonach mit Geldstrafe bis zu 2000 Mark eventl. Gefängniß bis zu 6 Monaten diejenigen Gewerbetreibenden bestraft werden sollen, die Zeugnisse mit geheimen Merkmalen versehen und die, welche den Vorschriften zum Schutze der Gesundheit und Sittlichkeit der Arbeiter zuwiderhandeln. — Weiterberathung morgen.
* In der heutigen Sitzung trat das Abgeordnetenhaus in die 3. Berathung der Landgemeinde-Ordnung. Abg. v. Kröcher (kons.) erklärt sich für sich persönlich gegen die Vorlage, die nur eine Bevormundung des Volks vom grünen Tisch sei. Die übrigen Parteien lassen ihre Zustimmung zur Vorlage aussprechen. In
Verfolgt.
Frei nach dem Englischen des Marion Crawford von Cora von Schönburg.
(21. Fortsetzung.)
Der Pfarrer schwieg und begab sich, wie das in zweifelhaften Fällen seine Gewohnheit war, an das Fenster. Die schreckliche Lage, in welcher sich die arme Frau befand, begann ihm mit einem Male klar zu werden.
„Denken Sie nicht schlecht von mir, wenn ich wünsche, er möchte entfliehen!" flehte sie. Ich fühle nur zu gut, daß es Ihnen unfaßlich erscheinen muß."
Der Pfarrer kam langsam zurück und stellte sich neben sie an den Kamin, dann sagte er herzlich: „Seien Sie überzeugt, liebe Mrs. Goddard, daß ich Ihre Lage vollkommen verstehe. Es war nur das Interesse für Ihre persönliche Sicherheit, welches mich an die Gefangennehmung des . . . des unglücklichen Mannes denken ließ —
„O, es ist nicht meine Sicherheit allein, nicht die meinige allein!" unterbrach sie ihn jammernd.
„Jawohl — ich verstehe — Sie sind natürlich auch für die seine besorgt; allein es liegt nicht in unserer Macht, dem Laufe de- Gesetzes Einhalt zu
der Spezialberathung werden sodann die §§ 1 bis 13 mit geringen redaktionellen Aenderungen angenommen, 8 14 an dieser Stelle gestrichen, um als § 146 in den Uebergangsbestimmungen zu figuriren. Nächste Sitzung; Dienstag. Tagesordnung: Fortsetzung. Schluß 4 Uhr.
* Der ,Staatsanzeiger' veröffentlicht die Ernennung des bisherigen Gesandten in Haag, Freiherrn v. Saurma-Jeltsch zum Gesandten am württembergis chen Hofe.
* Das, ,Berl. Tageblatt' veröffentlicht mehrere Briefe Emins, darunter einen vom 4. Dezember v. Js., worin Emin erklärt, falls Gravenreuth und Wiß- mann nicht mehr kämen, sei seines Bleibens nicht, da er persönlich nur an jene beiden gefesselt sei. Er theilt mit, daß er viel Elfenbein gesendet habe, diese Reise sei jedoch seine letzte. Aus dem Schreiben geht Emins Absicht, auf Stanleys Publikationen zu antworten, hervor. In einem Ende März in Sansibar eingetroffenem Schreiben ersucht Emin in Bagamoyo ein kleines Haus für ihn bauen zu lassen.
* Bon der Ruhr schreibt man der ,Köln. Vztg.' unter'm 16. ds. Mts.: Wie ein Lauffeuer eilte heute Nachmittag die Nachricht durch das Kohlenrevier daß auf den Zechen Sellerbeck bei Heißen (572'Arbeiter) und Eintracht Tiefbau bei Steele (1466 Arbeiter) der Ausstand ausgebrochen sei und weitere Arbeitseinstellungen, namentlich im Wattenscheider Bezirk, zu befürchten ständen. Es bedarf kaum der Erwähnung, welche außerordentliche Aufregung diese Nachricht nach der monatelangen Ungewißheit im Augenblick um so mehr Hervorrufen mußte, als man sich, auf Grund der an den meisten Stellen letzthin gemachten Beobachtungen und nach den Beschlüssen des Pariser Kongresses sowie der Bochumer Schützenhof-Versammlung vom letzten Sonntag eben erst einer ruhigern Auffassung der Lage Raum gegeben hatte. Selbstredend läßt sich heute mit keinem Blicke absehen, wie weit die Bewegung um sich greifen bezw. ob dieselbe zu einer allgemeinen sich gestalten wird. So wenig man sich im Augenblick noch in den weitesten Kreisen der Betheiligten zu dieser Voraussicht entschließen kann, so wenig darf anderseits außer Acht gelassen werden, daß sich wohl keine Frage derartig jedweder Berechnung entzieht, als eine Ausftandsbewegung, zumal unter dm besonders schwer in's Gewicht fallenden Verhältnissen des rheinisch-westfälischen Bezirks, wenn der Stein erst einmal in's Rollen gekommen und alle lang zurückgehaltenen Bitterkeitm, Mißstimmungen und Leidenschaften zum gewaltsamen Ausbruch dadurch gewissermaßen gedrängt werden. So viel aber läßt sich heute mit voller Bestimmtheit Voraussagen, daß, wenn es zur allgemeinen Arbeitseinstellung kommen sollte, wohl selten ein sozialer Kampf mit gleicher Hartnäckigkeit und gleicher Erbitterung geführt worden fein dürfte: von Seiten der Arbeiter mit der Ueberzeugung, daß
thun. Vorausgesetzt, daß wir nicht hindernd eingreifen. . . ."
„Nein, nein — es ist noch etwas Anderes," wimmerte sie, indem sie ihre bleiche Wange an die Lehne des Sessels drückte. „O, wenn ich es Ihnen doch klar machen könnte!"
Der Pfarrer begann zu glauben, daß man seinem geistlichen Rathe einen besonders schwierigen Gewissensfall unterbreiten wolle. Der Gedanke beunruhigte ihn etwas, denn als Seelsorger bei der arbeitenden Klasse hatte er wenig Gelegenheit gehabt, sich mit den Seelenschwankungen zart organisirter Naturen bekannt zu machen. Aber er sah, daß Mrs. Goddard aus tiefstem Herzen litt, und er war nicht nur ihr Seelsorger, er war auch ihr Freund. So setzte er sich neben sie, ergriff väterlich ihre herabhängende Hand und sagte freundlich, als spräche er mit einem Kinde:
„Vertrauen Sie mir, meine Liebe, sagen Sie mir, was Ihr Herz bekümmert. Ich will es an keinem Mittel fehlen lassen, wenn ich Ihnen helfen kann."
Mrs. Goddard erwiderte den Druck seiner Hand, aber ihr Gesicht blieb noch abgewendet.
„Es ist Mr. Juxon," flüsterte sie endlich. Hätte sie sich umgekehrt, so würde sie den Ausdruck des
ihre Niederlage, ebenso wie nach dem 72er Ausstand, die Bergarbeiter-Bewegung auf lange Jahre hinaus zurückwerfen würde, von Seiten der Grubenbesitzer mit der festen Entschlossenheit, die von vorn herein zu ihren Gunsten liegenden Verhältnisse mit allen Mitteln dazu auszunutzen, diese Niederlage zu einer vollständigen zu gestalten, um nach den Beunruhigungen der jüngsten zwei Jahre eine Entscheidung, hart auf hart, herbeizuführen, die ihnen auf absehbare Zeit wieder die unbeschränkte Macht über die Arbeiterschaft verleiht. Auf ein Nachgeben von dieser Seite ist heute nicht zu rechnen; und wie die ganzen Dinge stehen, wird man sich wohl kaum Zweifeln über den Ausgang hingeben können. Möge die Besonnenheit bei dem größern Theile der Arbeiterschaft die Oberhand behalten.
* lieber die Bahn Köln-Kassel liest man in der ,Köln. Volksztg.': Die Berathung der Sekundärbahn- Vorlage in der Budget-Kommission des Abgeordnetenhauses gab am 16. d. zu einer interessanten, mehr als zweistündigen und wegen des Gegenstandes sehr wichtigen Debatte Veranlassung. Die Staatsregierung hat bekanntlich den Bau einer Sekundärbahn Kassel- Wolfhagen-Volkmarsen beantragt. Der Ausbau der Linie Kassel-Wolfhagen als Sekundärbahn wurde nun von mehrern Seiten entschieden bekämpft, weil die Herstellung einer solchen Sekundärbahn die Herstellung der für das allgemeine Verkehrs-Interesse des gejammten großen Gebiets zwischen Köln nnd Kassel hervorragend wichtigen H a u p t l i n i e Kassel-Köln, deren erstes Glied Kasfel-Wolfhagen bildet, vereiteln würde. In diesem Sinne hatten sich nicht nur Petitionen der Handelskammern von Köln, Altena, Olpe, Siegen, Kaffel ausgesprochen, sondern es wurde — was die militärischen Gesichtspunkte betrifft — auch ein Schreiben des Grafen Schlieffen, des Chefs des Großen Generalstabes, vom 15. d. M. an das Comits für den Bau der Linie Kassel-Köln vorgelegt, in welchem derselbe sein lebhaftes Jnteresfe an dem Ausbau der Bahn als Bollbahn bekundet und seine Bereitwilligkeit erklärt, diese Ansicht zur Geltung zu bringen, sobald die Angelegenheit dienstlich an ihn heranttäte. Der Vertreter des Herrn Ministers für öffentliche Arbeiten erklärte, daß die Sekundärbahn Kasfel-Wolfhagen der Ausführung der Linie Kassel-Köln durchaus nicht präjudicire. Erstere sei so geplant, daß sie ohne erhebliche Kosten zu einer Vollbahn mit großem durchgehendem Verkehr gemacht werden könne. Auch wenn es sich um die Hauptbahn Kassel-Köln gehandelt hätte, würde die Sttecke Kassel- Wolfhagen ebenso wie die jetzt projektirte Sekundärbahn geführt worden sein. Die Sekundärbahn Kasfel- Wolfhagen stelle sich also eigentlich als eine theilweise Ausführung der Linie Kassel-Köln dar. Von verschiedenen Seiten wurde dagegen geltend gemacht, daß sie alsdann mit dem Hinweis auf diese Bedeutung dem
Schreckens wahrgenommen haben, welchen dieser Name in dem Gesicht des Pfarrers hervorrief.
„Jawohl — Mr. Juxon," stöhnte sie noch einmal. Dann, als müsse das Grauen, welches ihre Seele erfüllte, sich Luft machen, schrie sie: „Walter will ihn ermorden! O, mein Gott, mein Gott, was soll ich thun!" Laut aufschluchzend begrub sie das Gesicht in den Händen.
Der Pfarrer war wie gelähmt vor Entsetzen. Er glaubte kaum seinen Ohren trauen zu dürfen, und traute er ihnen, so verwirrten sich seine Sinne. Die Möglichkeit, daß sich so etwas Entsetzliches vor seinen Augen abspielen könne, war ihm selbst in seinen schrecklichsten Träumen fern geblieben,. Da er ein frommer und wenn er Zeit zum Nachdenken hatte, auch ein sehr Inger Mann war, so faltete er die Hände, beugte das Haupt und schickte für das arme, gequälte Weib an einer Seite ein inbrünstiges Gebet zum Himmel. Es war ein schrecklicher Augenblick.
Plötzlich raffte sie sich auf und wendete ihm ihr Gesicht zu. Es lag Verzweiflung darin.
„Sie müssen ihn retten!" flehte sie. „Sie müssen Beide retten! O, sagen Sie mir nicht, daß Sie eS nicht können; sagen Sie mir das nicht!"
Es war wie der Aufschrei eines in Todesangst