Beilage zu Nr. 89 der „Fuldaer Zeitung".
Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda. Druck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).
Sonntag, den 19. April 1891. ~
Rothe Lieber.
Wenn der vielgesungene Vers wahr ist: „Wo man singt, da laß' Dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder" — dann wäre wohl, schreibt man der ,Augsb. Postztg/, der wir diesen Aufsatz entnehmen, bei den Sozialisten recht gut sein und männiglich sollte sich dort Hütten bauen! Die Genossen huldigen nämlich in hohem Grade dem Sängerspruche:
„In Friede und in Streit Ein Lied ist gut Geleit."
Friedenslieder freilich dringen seltener aus der Sozialistenkehle, als Weckrufe zum Kampf und Streit und Sturm. Letztere erschallen, wo und wann Genossen sich die Hände reichen und im Bruderkreise auf die ersehnte Welterlösung trinken. „Sie wollen alle singen nach ihres Herzens Lust." Diese Lust will aber nicht ruhige Freude, nicht harmlosen Sing und Sang, sondern durch die meisten lyrischen Ergüsse zieht sich das „Schlagwort, das blutig schrillt," Haß gegen den Besitz und gewaltigesHoffen und Ersehnen des sozialistischen Zukunftsstaates ohne Thron und Altar.
Betritt der Bundes-Aspirant zum ersten Male das Vereinslokal, so tönt ihm als Gruß das Aufnahme- Lied entgegen:
Tritt ein Genosse!
Du sollst hier bei uns Dich heimisch blinken! Zum Willkomm
Wollen wir mit Dir auf Sozialismus trinken! Erhebt das Glas!
Stoßt auf ihn an!
Er folg' uns auf der Fortschrittsbahn Und sei ein freier, deutscher Mann, Ein freier, freier, deutscher Mann!
Freiheit mit den unzertrennlichen Schwestern Gleichheit und Brüderlichkeit sind, wie seit der französischen Blutzeit bei allen Unzufriedenen, so auch bei den Genossen die Schlagwörter und Losungsworte in Kampf und Streit. Nicht nach jenem süßen Engelsbilde sehnt sich der unzufriedene Genosse, das am Sternenzelt den stillen Reigen führt, auch bei grünen Bäumen in dem lust'gen Wald seinen Aufenthalt hat, das Friede, Freude und Seligkeit der Erde bringt: sein Freiheits-Ideal ist die Göttin der Vernunft mit der phrygischen Mütze, welche die Revolution auf die entweihten Altäre stellte. Sie soll Gleichheit und Brüderlichkeit bringen und statt des lebendigen Gottes von den Bürgern des Zukunftsstaates angebetet werden. Aber auch diesem geträumten Sozialisten - Eldorado gelten des Dichters Worte:
Freiheit und Gleichheit! hört man erschallen, Der ruh'ge Bürger greift zur Wehr, Die Straßen füllen sich, die Hallen, Und Würgerbanden zieh'n umher.
Nichts Heiliges ist mehr, es lösen Sich alle Bande frommer Scheu; Das Gute räumt den Platz dem Bösen Und alle Laster walten frei.
Daß die Verwirklichung der drei inhaltsschweren Worte nicht ohne Streit und Kampf bewerkstelligt werden kann, ist den Sozialisten klar, darum mahnt und hetzt der „Volksgesang":
Schon dämmert in der Ferne das Morgenroth, Verkündet uns Freiheit und Licht, Mag Nebel sich thürmen, von Wolken bedroht, Doch die Freiheit stets Bahn sich bricht.
Wir fordern für alle die Gleichheit im Recht, Ob sie auch von Lüge bedroht;
Wir wollen nicht dienen als sklavischer Knecht Und schwören der Lüge den Tod.
Voran denn, ihr Brüder, zum heiligen Streit, Ihr Männer der Arbeit gebt Acht; Uns führe die Liebe, die Brüderlichkeit, Zu brechen tyrannische Macht!
Wir brechen die Ketten der Lohnsklaverei, Die Habsucht und Wucher uns schuf, Zum Kampfe, ihr Brüder, die Arbeit macht frei, Zum Kampfplatz! ertöne der Ruf!
Kampf gegen Lüge und Tyrannei soll also die Losllng sein im heiligen Streit. Unter Lüge versteht der Sozialismus aber die geoffenbarte Religion, unter Tyrannei das Königthum von Gottes Gnaden. Altar und Thron sind die festen Stützen, welche bisher den Fluthen des Umsturzes Widerstand geleistet haben. Darum Haß ihnen und Allem, was damit zusammenhängt. Darum muß selbst der Welterlöser zum Sozialistenführer blasphemisch verwandelt, darum die Weltgeschichte im Sinne des Umsturzes zugerichtet werden. Das haben schon die beiden Hauptgötter der Genossen, die Juden Marx und Lassalle, und vor ihnen die Jakobiner der französischen Revolution fertig gebracht. Ersteren war der Gottmensch „der große jüdische Sozial-Refor- mator", letzteren „le bon Sansculotte Jesus Christ“. Sein Vermächtniß aber, die auf Petri Felsen gegründete Kirche, nebst dem Staate die größte Institution der Gesellschaft, wird verleumdet, geschmäht, bekämpft. Dafür läßt trotz alles Leugnens der Unsterblichkeit A. Geib, ein richtiger sozialistischer Leiermann, „Lassalle's Geisterstimme" den Genossen zurufen:
Brüder, was zaget ihr?
Helden der Zukunft stürmt durch's Leben, Treu dem Vermächtniß, das ich euch gegeben, Treu eurem Rechte, treu eurer Pflicht, Brüder, o zaget nicht!
Gott und die Kirche werden verworfen, dafür kennt der Sozialismus nur Staub und Materie. Wie er aber in seinem ganzen inneren Wesen voll Widerspruch ist, so auch hier. Zwei Unsterbliche zieren die Postamente der sozialistischen Tempel und ersetzen Gott und Himmlisches : Neben Lassalle auch Marx, der bekannte Hetzapostel, verehrt als zweiter Erlöser. I. Enders schmiedet auf seinen Hingang folgende Schlußverse:
Jahre kommen, Jahre schwinden, Menschen werden und vergehen, Was noch heute prächtig blühte, mag der nächste Tag verwehen, — Im Gedächtnis; der Geschlechter, unverwischbar durch die Zeit, Bleibt Dein Name, Marx, Du echter Bürger der Unsterblichkeit. ' _ Bezeichnender Weise sind die beiden Sozialistenheiligen Lassalle und Marx, Juden, wie denn überhaupt die Männer aus Palästina das Hauptkontingent unter den geistigen Nährvätern der Genossen stellen. Daß auch von dieser Seite Irdisches nicht gespart wird, ist längst bekannt. Nicht umsonst wurde Rothschilds Besitzung in Paris von den Kommunarden geschont und geschützt, während in der Nachbarschaft das Petroleum wüthete. Darum kann man auf die Frage des „Proletarierheer-Liedes" :
Wer gibt zu den furchtbaren Waffen das Geld Und schlägt damit blutige Schlachten?
ganz richtig antworten: Die sozialistische Judenschaft. Sie schürt „des Hasses nimmer zu stillende Macht", selbst haßerfüllt und geldmächtig. Sie allein, welche bie Schätze der Erde zusammenrafft, nimmt der Proletarier aus, wenn er das „Lied der Arbeit" singt:
Die Pyramide Cheops zeigt,
Welch' drückend Joch sie (die Arbeit) einst gebeugt, Die Arbeit brach es doch,
Drum hofft, des Kapitales Joch Die freie Arbeit bricht es noch.
Die „freie Arbeit" wird des Kapitals Joch nach der Genossen Meinung sicherlich brechen, wenn „der letzte Krieg die Brut des Pharao vernichtet hat, die Ketten gebrochen sind und über Land und Meer hin ein einig Feuerband die Völker umschlingt" als Vorbereitung zum großen, großen Sieg und darauffolgenden ewigen Völkerfrieden. Bis dahin
Hoch das Banner in der Hand, Steh'n sie mnthig, unverwandt, Steh'n die Nacht zu überdauern, Fest wie Eichen, fest wie Mauern, Daß, wenn einst der Bund vergeht, Er im Volksstaat aufersteht!
Volk und Arbeiter sind zwei weitere sozialistische Schlagwörter, die sich auf jeder Seite des Liederbuches wiederholen. Eine Strophe des Volksgesanges endete:
Jetzt un^er Feldgeschrei:
„Gebt uns das Stimmrecht frei!" Nicht Sklaven mehr und Herrn, Den Himmel in der Fern' — Wir woll'n ihn hier auf Erden!
Das werden die Herren wohl nie fertig bringen, daß sie hinieden im Paradiese wandeln. Es ist unwiderbringlich verloren und auf Erden herrscht durch der Menschen Schuld Noth und Tod, trotz Sing und Sang und Sturm und Drang. Der geträumte Völkerfrühling der Genossen graut nur in Utopien, trotzdem
Grüßend freie Männer sprechen Feurig zu des Volkes Ohr.
Der richtige Sozialist hat Überhaupt eine recht sonderbare Meinung von Volk und Staat. Nach ihm besteht das heutige Staatswesen aus den oberen Zehntausenden, der Königin des Weltbienenstockes, den „Philistern", welchen die Rolle der Drohnen zufällt und den Arbeitsbienen, „Volk der Arbeiter" benamst. Den ersten donnert Oskar Zerschke, einer der „Jüngsten", bie sich aus Mangel anderweitiger Anerkennung ben Sozialisten in die Arme geworfen haben, zu:
Ihr müßtet zittern, dächtet ihr int Düster Des Borstadtelends an der Schlösser Pracht, An Baldachin und Purpurbett und Lüster, An Wein und Sillery und Wonnenacht Und tausendmal müßt' euch von allen Mauern Vernichtung flammengrell entgegenschauern . . .
Das „Lied vom deutschen Philister, kläglich und gemein, hausbacken und ledern, der alles verdirbt, was man Gutes begann," besagt weiter:
So lang der Philister regieret das Land, Ist jeglicher Fortschritt daraus wie verbannt: Denn dieses erbärmliche, feige Geschlecht Das kennt nicht Ehre, nicht Tugend nicht Recht. Du Sklav' der Gewohnheit, du Knecht der Gewalt, O käme dein Simson, o tarn’ er doch bald! Du deutscher Philister, du gräßlichste Qual, O holte der Teufel dich endlich einmal! Doch leider hat Belzebub keinen Geschmack An unfern Philistern, dem lumpigen Pack, Und wollten sie selber hinein in sein Haus, So schmiß er die Kerle zum Tempel hinaus.
Hoffmann von Fallersleben, der zwar UM seiner „Unpolitischen Lieder" willen zu den politischen Dichtern gezählt wird und mit seinen Genossen die engherzige Bevormundung des Volkes und die Unterdrückung jedes nationalen Aufschwunges in edlem Unmuth beklagte
und für eine wohlberechtigte freiere Bewegung auf dem Wege gesetzlicher Parteientwicklung kämpfte, würde sich wohl bitter beklagen, wenn er sich in der Gesellschaft der sozialistischen Versekünstler in Kegels sozialdemokratischem Liederbuche sähe, wo unter recht obscuren Namen W. Hasenclever und sogar Joh. Most mit seinem „Proletarierlied" prangt. Gesungen wird das Philisterlied nach der Melodie: Wohlauf noch getrunken rc
Das „Volk", der „Arbeiter", allein hat nach der Sozialistenlyrik Recht und Geltung im Staat, ihm sind auch die meisten Lieder geweiht und die Lobhudeleien der Dichter von der Sozialisten Gnaden wetteifern mit jeder Schmeicheldichtung auf Herrscherruhm und Fürstengröße. Dabei gleicht der ganze Ton dieser Poesie „dem Klange der Sturmglocke oder der Lärmtrommel, bie ein Heer von Rebellen auf die Beine bringen will". Durch jeden Vers zieht die Fiebergluth der Revolution, durch jede Zeile der künstlerisch werthlosen Reimerei der blutige Haß.
Menfchenbienen, die Natur, Gab sie euch den Honig nur? Seht die Drohnen um euch her! Habt ihr keinen Stachel mehr?
Der Verbitterung entsprungen, wollen die Lieder der Sozialdemokratie auch in jedes Herz Groll säen und lassen hiebei keine Gelegenheit unbenützt. An fruchtbarem Erdreich für solchen Giftsamen fehlt es leider nicht. Alle verkrachten katilinarischen Existenzen, alle zerrissenen weltwunden Herzen, alle mit Gott und der Welt zerfallenen, an Glauben und Moral bankerotten Gemüther, verunglückte Genies und abgehauste Wüstlinge stimmen ein in das Feldgeschrei:
Ihr Armen reichet euch die Hand! Und ruft ein Halt! der Tyrannei Und brecht das Sklavenjoch entzwei! Es wirbelt dumpf das Aufgebot, Es flattert hoch die Fahne roth!
Diese Fahne soll führen durch Geistesnacht zum Licht, über Herrentrotz und Wahn hinweg zu freiem Menschenthum, zu der Erde Glück in den Tempel der Zukunft. An der Spitze des Bundes ist sie unüberwindlich.
Ein' feste Burg ist unser Bund, Durch eig’ne Kraft geschaffen; Er wurzelt fest auf Felfengrund, Im Sturm ein sich'rer Hasen. Ob auch die Woge braust, D'rob keinem von uns graust, Hoch, hoch das Schlachtpanier! Darunter kämpfen wir Für uns're Menschenrechte.
Glück auf, du glühend Morgenroth, Nach geistigem Erwachen!
Heraus, heraus, du blaffe Noth, Du finft’rer Elendsdrachen Du hast uns fest vereint, Sonst unser ärgster Feind, Jetzt unser Streitgenoß, Auf in der Feinde Troß — Durch Kampf zum eto’gen Frieden!
Welkt der Kämpfer dahin, ehe der letzte heilige Krieg für immer Erlösung bringt, dann singen die Genossen:
Schlaf in Frieden! Neues Leben blüht!
Dich umfing — noch eh' das Licht, das klare, Du geschaut im Freiheitsrnorgenroth, — Trauernd steh'n wir an der Todtenbahre.
Doch verstummen laßt nun Gram und Sorgen, Denn bald bricht er an, bricht an der Freiheit Morgen. Schlaf in Frieden! Neues Leben blüht!
Bis kein Druck auf den Enterbten lastet, Bis der Freiheit Morgenroth erglüht. Schwöret alle: daß ihr nimmer rastet!
Kein Gedanken an Unsterblichkeit, an Gott und ewige Vergeltung! „Kein Jenseits, kein Wiedersehen!" predigen die falschen Propheten und errichten dafür bett neuen Bund des Haffes gegen Staat und Kirche, gegen das Gesetz Gottes und die Ordnung der Natur; sie hoffen mit ihren Ideen und Grundsätzen den ganzen vierten Stand und alle Mühsamen und Beladenen auf Erden, deren Menge unzählbar ist, zu gewinnen und so ein neues Weltreich zu gründen, dessen oberstes und einziges Gesetz sein soll: Esset und trinket und brechet die Früchte, auch die verbotenen, vom Baume des Lebens, denn morgen seid ihr tobt. Leider hat solches Thun zur Folge, daß auch der beste Wille zur Lösung der sozialen Frage verkannt wird, daß man in sozialistischen Kreisen die helfende Hand des Staates und der Kirche von sich stößt und Forderungen aufstellt, welche weit über die Berechtigung hinausgehen. Die verschwommenen Ideen von Freiheit und Gleichheit, von Menschenrechten, Weltbürgerthum und Völkerbeglückung ohne positives Christenthum haben die Mehrzahl der Genossen blind und taub gemacht gegen alle Versuche, dem vierten Stande aus seiner Noth zu helfen; man will nicht mehr zuwarten und Hand mit anlegen zur Besserung, sondern hofft nur aus Ruinen neues Leben, aus dem Weltbrande Glück, Friede und Freiheit. _____________