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Sonntag, den 19. April 1891.
?8. Jahrgang
Für bie RcSacrion verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
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2PO* Hierzu eine Beijage.
D.'L so^üle Programm der österrrichischrn Thronrede.
* Die sckon erwühnie Thronrede, mit welcher der Kaiser den Retchsrath crösiuete, wird in d.'r Geschichte Oesterreichs als ein großes Ereigniß bezeichnet werden, wenn das in derselben aufgestellte soziale Arbeis- programm zur Verwirklichung g langt. Am stärksten tritt in üi.sem Programme das kaiserliche Versprechen hervor, daß die Förderung der g en o s sen s ch a f t l i chen Organisation der land wirth schäft l ich en Berufe Gegenstand einer Gesetzesvorlage der Regierung sein werde. Die genossenschaftliche Organisation der Berufsstande ist bekanntlich das Ziel der katholischen Sozialreformer. Und gewiß muß diese Reform beim Bauernstände beginnen, denn derselbe ist die Grundlage der Gesellschaft und sein Sicchthum übt die raschesten und traurigsten Wirkungen auf die andren Stände aus und schwächt das ganze Staatswesen, dessen festeste Stütze der Beu rnstand ist. Die Förderung des Einvernehmens zwischen Unternehmern und Arbeitern, welche durch eine Vorlage der Regierung b zwickt werden soll, kann gleichfalls nur aus dem Wege der Organisation der sitzt atomifirten Arbeiter- massen und durch Ausstattung jener gesellschaftlichen Organe mit genügenden Rechten erreicht werden. Ausdrücklich hebt die Thronrede die Bedeutung des Klei n- gero erb es für die Gesellschaft hervor. Mit Freuden muß.das Versprechen begrüßt werden, dich eine eigene Regierungsvorlage der Regelung des Baugewerbes gewidmet sein soll. Die häßlichen Zustände in diesem wichtigen Gewerbe, deren traurige Folgen auf weite Kreise des Kleingewerbes und der Arbeiterschaft sind schon ost beklagt worden. Soll die Vorlage, welche der Verfälschung der Lebensmittel steuern soll, wirklich diesem schweren Uebelstande abhelfen, so muß sie Hand in Hand gehen mit einer Regelung der Verhältnisse des Kaufmann st an des, in welchem heut: gleichfalls der Kampf um das Dasein von dem Fälscher und Betrüger meist erfolgreich g-'gen den ehrenhaften Kaufmann geführt wird/ So eröffnet die kaiserliche Thronrede einen weiten Ausblick in sozial- tvirthschaftliche Reformen, deren Ausführung auch für das deutsche Reich wünscheuswerlh wäre.
Deutsches Deich.
Berlin, 17. April.
* Die heutige Ncichstilgsschrrng brachte bei der Fortsetzung der Berathung über den von den Sozialdemokraten beantragten zehnstündigen Maximal- arbeitstag, der am 1. Ian. 1894 auf 9 Stunden und am 1. Januar 1898 auf 8 Stunden herabgesetzt
werden soll, eine „Jungfernrede" des nationalliberalen Vertreters von Bochum, Müllensiefen. Derselbe knüpfte an denjenigen Theil des sozialdemokratischen Antrags an, welcher für Arbeiten unter Tage und in Betrieben mit Tag- und Nachtschicht schon jetzt die tägliche Arbeitszeit von acht Stunden einführen will. Herr Müllensiefen ist ein Gegner des allgemeinen gewerblichen Maximalardeiistags, weil er die Konkurrenzfähigkeit unserer Industrie vermindern und dadurch statt einer Wohlthat, Noch und Elend über die Arbeiter bringen werde. Was dagegen die Kohlengruben betreffe, so anerkenne er, daß die Arbeit in den Gruben ungesund sei, und daß deshalb nach feiner veisönlichm Ansicht eine Schichtdauer von acht Stunden für den Bergmann eine hinreichend lange sei. Er st he es auch als einen Uebclstand an, daß durch Hinzurechnung der Ein- und Ausfahrt bei den Gruben, namentlich bei solchen mit großen Belegschaften, der Aufenthalt unter der Erde um ein Bedeutendes verlängert werde. Es werde Sache der Techniker fein, zu unter- fachen, wie ohne Schädigung der Zechen, und ohne Steigerung der ohnehin für geiviffe Industrien bereits fast unerschwinglichen Kohlenpreife Abhilfe geschaffen werden könne. Zunächst gebe ja schon der § 12üe der Vorlage dem Bundesrath das Recht, die Arbeitszeit für solche Gewerbe, in welchen durch übermäßige Arbeitsdauer die Gesundheit der Arbeiter gefährdet wird, entsprechend herabzufetzen. Der Redner kommt dann auf seine Reichstagskandidatur zu sprechen. Er würde lieber bei feiner Familie geblieben fein, fei aber vom nationalliberalen Wahlcomitö in Bochum zur Kandidatur so NN uns gezwunMü wovi) -jsi weil 'er M" eMlü großen Theil der Arbeiter angesehen und beliebt fei. Seine den Bergleuten vor der Wahl abgegebene Erklärung halte er auch heute aufrecht, er sei noch heute dafür, daß die Ueberschichten freiwillige seien und höher bezahlt werden müßten. Daß seine Kandidatur von den Sozialdemokraten unterstützt worden sei, bezweifele er, denn sie hätten bis zum letzten Augenblick gegen ihn agitirt. Uebrigms habe fein Gegenkandidat ganz dasselbe versprochen wie er. (Große Heiterkeit.) Vizepräsident Graf B alle st rem erklärt, daß er geglaubt habe, dem Vorredner eine gewisse Freiheit lassen zu müssen, da er gestern vom Abg. Grillenberger provozirt wordcn fei. Er bittet aber, daraus feinen Präcedenzfall zu ziehen. (Heiterkeit.) Der nächste Redner ist der der Reichspartei angehörende Ober-Berg- und Hüttendirektor Leuschner jEislebm), welcher sich in scharfer Weise und unter lebhaften Zwischenrufen der Sozialdemokraten gegen die sozialdemokratischen „H.tzagitatorm" wendet, welche fort und fort zum Schaden der Landwirthfchaft und Industrie die Begehrlichkeit der Arbeiter cmf- stachelten und vielleicht noch beantragten, nur Löhne zu zahlen, aber nicht zn arbeiten. (Heiterkeit.) Wer aber nicht arbeite, fei einfach ein Faulpelz. (Heiterkeit
und Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Im Uebrigeit ist Redner gegen den gesetzlichen Maximalarbeitstag, weil kein Bedürfniß und keine prinzipielle Berechtigung bestehe, den erwachsenen Mann in der Verwerthüng seiner Aibeitskraft zu beschränken. Der Maximalarbeitstag werde ferner die Produktion beschränken und den Verdienst der Arbeiter schmälern. Die in Westfalen geltende Schicht von acht Stunden exklusive Ein- und Ausfahrt genüge, zumal sie durch Vesper- bezw. Frühstückspausen reduzirt werde, so daß die wirkliche Arbeitszeit kürzer als acht Stunden sei. Außerdem fei bie Luft in den Bergwerken besser, als in dumpfigen Fabriken. Die Bergarbeiter würden zufrieden fein, wenn sie nicht durch Hetzer anfgestachelt würden. Den fozialdemvkratischen Antrag möge man möglichst einstimmig ablehnen. (Beifall rechts und ironisches Bravo bet den Sozialdemokraten.)
Namens des Centrums gibt hierauf Abg. Dr. Sch ad le r eine Erklärung ab, welche nach dem Bericht der .Germania' wörtlich lautet:
Die Centrumsfraktion hat von je eine gesetzliche Begrenzung der Arbeitszeit vertreten, in dem Sinne der Festsetzung einer Obergrenze der zulässigen täglichen Arbeitszeit. Beweis hierfür sind der Antrag totalen 1877, die Interpellation v. Hert- ling 1882, die Anträge Tr. Lieber-Hitze 1885 und Dr. Lieber- Hitze 1887. Auch beute noch steht die Centrumsfraktion auf dem Boden des Maximalarbeitstages von 11 Stunden für erwachsene männliche Arbeiter mit der Mastgabe, daß der Bundesrath für solche Industrien, deren Arbeit mit besonderer Anstrengung resp. Gefährdung an Gesundheit und Leben verbunden ist, z. B. Bergbau, eine kürzere Bemessung der Arbeitszeit treffe. — Anläßlich der vorhin stattgehabten Diskussion darf ich hier hinzufügen, daß bereits im Jahre 1855 der Wortführer unserer Partei den Maximal-Arbeitstag von acht stunden Inr cknnr^Bergban-verketeu hat. — Wenn die Centrums- partei sich zunächst in den Bahnen, die in der Schweiz und Oesterreich maßgebend sind, hält, so leitet sie dabei die Rücksicht, daß das Ziel, der angemessene Maximalarbeitstag, nicht plötzlich und sprunghaft, sondern langsam und schrittweise unter genauester Bedachtnahme auf die Konkurrenzfähigkeit unserer Industrie und die wahren Interessen der Arbeiter erreicht werden könne. Aus diesem Grunde und int Hinblick auf die Erklärungen der verbündeten Regierungen werden wir auch jetzt gegen den sozialdemokratischen Antrag stimmen. Die Vertreter der Centrumspartei haben in der Kommission den Antrag eingebracht, die Dauer der regelmäßigen Arbeitszeit darf nicht mehr als 11 Stunden betragen. Wenn die Centrumspartei heute darauf verzichtet, diesen Antrag zu wiederholen, so geschieht es aus dem Grunde, weil nach dem Ergebniß der Abstimmung in der Kommission auf Annahme seitens des Hohen Hauses nicht zu rechnen ist Wir begnügen uns deshalb, diesen unseren Standpunkt hier nochmals zum Ausdruck zu bringen, ohne auf eine weitere Verfolgung unseres Antrages aus Rücksicht auf die Geschäftslage des Hauses zu bestehen. Wir begrüßen die Bestimmung des 11 stündigen Arbeitst-ges für Arbeiterinnen, die hoffentlich auch weiter dahin führt, daß allgemein die 11 stündige Arbeitszeit als Oberqr.enze Regel wird. Wir geben der Hoffnung Ausdruck, daß der Bundesrath von den Befugnissen des § 120e in umfänglichster Weise Gebrauch mache. Im übrigen behalten wir uns vor, im gegebenen Augenblick die Frage des Maximalarbeitstages auf Grund der weiteren Erfahrungen wieder aufzunehmen.
Der bfr. Abg. Dr. Barth bekämpft hierauf den fvzialdemvkraiischen Antrag vom manchesterlichen Stand-
Derfolgt.
Frei nach dem Englischen des Marion Erawford von Cora voit^Schönburg.
(19. Fortsetzung.)
Mr. Juxon überfdjrittt leichten Schrittes die Straße, welche die Cottage vm dem Parkihore trennte. Als er in den Park eintrat, bemerkte er den elend cmssehenden Landstreicher nicht, welcher an dem Gitter entlang schlich und so lange feiner fortschreitenden Gestalt nachsah, bis diese unter dm blätterlosen Bäumen verschwunden war. Wäre Stambul bei seinem Herrn gewesen, so würde der Strolch gewiß nicht unbeachtet geblieben sein. Die Wege warm jedoch in der letzten Zeit so schmutzig, daß der Hund, wenn Mr. Juxon Besuche machte, zu Hause gelassen wurde. Walter Goddard hatte den ganzen Tag auf der Lauer gelegen. Endlich hatte er sein Ziel erreicht. Zuerst war der Squire in Begleitung des Pfarrers vorbei gekommen, dann hatten sich Beide getrennt, der Squire war umgekehrt und Goddard hatte ihn in der Cottage ver- schwindm sehen. Die Sache war klar, er hatte seinen Besuch vor dem Pfarrer verbergen wollen. Der Schlechte sieht Andere immer auf dem Pfade wandeln, i>en er selbst gegangen. Der Herr im Jagdkostüm
konnte natürlich Niemand anders als der Squire sein. Die Art, wie er das Hans betreten, verrieth die Gewohnheit häufiger Besuche. Die Vorsicht, mit welcher er sich der Beobachtung des Pfarrers entzogen, ließ auf das Unstatthafte seines Verkehrs schlftßen. Goddard knirschte mit dm Zähnen und schwor, dem Spiele bald ein Ende zu machen. Ja, je länger er darüber nachdachte, desto verfülirerischer erschien ihm der Gedanke, in einer neuen Unthat Befriedigung zu suchen. Was konnte es ihm schließlich schaden, ob er dem Squire dm Schädel einschlug oder nicht? Mehr als einmal konnte man ihn doch nicht hängen, und wenn er der Polizei in London entgangen war, so brauchte er sich vor der in Billingsfield auch nicht zu fürchten. Außerdem hatte sich ihm in der verfallenen Gruft ein Versteck ausgethan, wie er es für seine Zwecke nicht besser wünschen konnte. Das Loch, welches ihm zum Hineinkriechen diente, konnte von innen heraus wieder durch einen Stein verschlossen werden; der Eingang war unsichtbar, die Existenz der Gruft überhaupt wahrscheinlich längst vergessm. Die Einsamkeit des schauerlichen Versteckes scheute er nicht; mochte er in Zukunft auch vielleicht zu anderen Gefühlen verurtheilt fein, einstweilen beunruhigte ihn fein Gewissen wenig.
Die Gruft hatte zudem den Vortheil, daß sie ver-
hältnißmäßig trocken war, jedenfalls war sie als Nachtquartier dem Innern eines feuchten Heuhaufens vor- zuziehm. Im W rthshause „Zum Anker" mochte er sich, der aasbedungenen Arbeit wegen nicht wieder sehen lassen. Die Nahrungsmittel, welche er am Abmd vorher mitgenommen, hatten genügt, während des Tages seiven Hunger zu stillen. Sobald der Squire in das Schloß zurückqekehrt war, schlich sich Goddard in fein Versteck, um dort die Nacht zu erwarten. Die Kirchenuhr ließ ihn den Gang der Stunden verfolgen.
Es war 9>/z Uhr vorbei, als er an dm Laden des, Wohnzimmers klopfte. Um das Hans herum herrschte liefe Dunkelheit. Er stand zwischen dem nassen Strauchwerk und lauschte auf ein antwortgebendes Geräusch. Gleich darauf wurde das Fenster geöffnet.
„Bist Du es?" fragte Mary mit leise bebender Stimme.
„Ja," antwortete er, „laß mich herein!"
Der Fensterladen wurde ein wenig zurückgeschoben. Goddard erkannte sein bleiches Weib. Sie reichte ihm etwas hin.
„Da ist das Geld," flüsterte sie, „eile so schnell als möglich weiter. Es ist ein Arrestbefehl gegen Dich erlassen."