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J\£ 83 Sonntag, den 12. April 1891. 18. Jahrgang

Fuldaer Zeitung.

Kür Me Rebadton verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda. —ja Druck n. «erlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).

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MT Zweites Blatt. "WDWL

Maßregeln ;ur Verhütung der Verbreitung der Schwindsucht.

(Schluß.)

II. 1. An Orten, wo unter vielen Anderen auch Schwind­süchtige verkehren, sollten unvorsichtig ausgesäte Tuberkelbacillen unschädlich gemacht, der Auswurf unschädlich beseitigt, nämlich reichlich gut zu reinigende Spucknäpfe aufgestellt werden. Hier entsteht die Frage, in welcher Form und aus welchem Stoffe die Spucknäpfe gemacht sein sollen. Sie sollen flach und groß sein, damit nicht leicht daneben gespuckt wird. Letzteres soll nicht durch Randausbiegung, sondern durch die Größe des Ge­fäßes erzielt werden. Je nach dem besonderen Zwecke dürften Durchmesser von etwa 15, 20, 25 Zentimeter (Untertasse, Dessert­teller, Suppenteller) zu verwenden sein, flacher Boden, bis zu 5 Zentimeter Höhe, etwas nach Außen abweichender Rand, glatte Flächen, keine Henkel. Zwar gestattet Metall gründlichste Reinigung durch Erhitzen, wird jedoch leicht rissig und rauh, auch Porzellan bekommt leicht kleine rauhe Bruchflächen. Aus dickem Glas ließe sich, sobald einmal der Bedarf groß wird, billig und zweckentsprechend das Gefäß Herstellen, sicher auch so, daß es siedendes Waffer aushielte. Der Spucknapf ist so weit, daß leichtes Verschütten vermieden wird, mit Wasser zu füllen. Die verschiedentlich (z B. bei der Verhandlung in München) aufgeworfene Frage, ob der Inhalt des Speibeckens zu desinfi- ziren sei vor dem Ausgießen, möchten wir verneinen. Zhemische Mittel berühren die Ballen des Auswurfs nur von außen, be­wirken dort Gerinnung der Eiweißstoffe und dringen nicht weiter ■ein. Kochen wäre sicher, aber kaum zu erzielen. Somit bleibt nur Ausgießung in die Abfuhrrohre oder Tonnen, wo der Aus­wurf feucht und deshalb unschädlich bleibt.

II. 2. Am nothwendigsten ist die Vorkehrung in Kasernen, Krankenhäusern und Gefängnissen. Für Kasernen wird sie ohne­hin schon eingeführt. Mehr noch wie früher, dürfte auf abwasch­bare Wände, glatte Fußböden u. s. w. zu dringen, trockenes Abwischen zu verbieten sein.

II. 3. Was die Gefängnisse anbelangt, so sind schon in Bayern Versuche vorgeschlagen worden, dahin gehend, ein Ge- fängniß vollständig zu reinigen, darin strengste Reinlichkeit zu beobachten und zu sehen, ob sich dadurch die Häufigkeit der Tuberkulose mindern tafle rc. re.

II. 4. Für die Schulen sind die Erkrankungen der Lehrer von größerer Bedeutung, als der Schüler, wenigstens soweit es sich um jüngere Kinder handelt. Lymphdrüsen der Brust und das Gehirn erkranken bei Kinder häufiger als die Lunge an Tuberkulose, zudem sind Kinder im Aushusten nicht geübt und verschlucken den Auswurf. In den oberen, namentlich Knaben­klassen wird die Bedeutung des Spucknapfes schon größer sein. Ganz allgemein dürfte für Schulen anzuordnen sein: 1. daß Lehrer wie Schüler zur Entleerung ihres Auswurfes im Schul­gebäude sich nur der in geeigneter Beschaffenheit und genügen­der Zahl aufzustellcnden Spucknäpfe bedienen dürfen oder eines Dettweiler'schen Fläschchens, 2. daß in den Schulräumen Staub möglichst beseitigt, aber nur durch nasses Aufwaschen entfernt werden darf, 3. daß öfter hustende Schüler in Bezug auf 1 vom Lehrer besonders zu beachten sind, 4. daß brustkranken Schülern das Wegbleiben von der Schule zum Zwecke längerer Kuren mit besonderer Bereitwilligkeit erleichtert und gestattet werde.

II. 5. Für Gasthäuser dürfte die Aufstellung von geeigneten Spucknäpfen in den Wirthschaftsräumen zu verlangen sein, und die Desinfektion von Bettwäsche und Zimmern, die nachgewiesener­maßen längere Zeit im Gebrauche von Tuberkulösen standen, . z. B. in denen Tuberkulöse starben, sollte vorgeschrieben werden. Für Kurorte, die viel von Tuberkulösen besucht werden, sollte die Aufstellung weitergehender Anforderungen an Gastwirthe und Zimmervermiether (Desinfektion am Schluffe jeder Saison) durch Ortsstatut oder ortspolizeiliche Verordnung angeregt und begünstigt werden.

II. 6. Die Eisenbahnen würden das Ziel der Verminderung der Tuberkulose fördern helfen können durch Aufstellung von Spucknäpfen geeigneter Art in Bahnhöfen, durch Beschränkung der Anwendung von Teppichen, Faserndecken in den Wagen und dergleichen auf die kalte Zeit des Jahres, sowie durch nasses Aufwaschen der Wagenböden. Auch kann nicht unterlassen wer­den, darauf hinzuweisen, daß die glatten Stoffe, welche in manchen Ländern zum Bezüge der Sitzbänke verwendet werden, weniger Staub festhalten, als die Plüschstoffe, welche bei uns üblich find. Bon den Wagen sollen zum mindesten mit wasser­haltigen (vielleicht etwa urnenförmigen) Spucknäpfen ausge­stattet werden: Schlafwagen, Wagen für lange Fahrten (sog. direkte Wagen) und Wagen, die nach gewissen Kurorten hin den Verkehr vermitteln, z. B. nach Soden, Ems, Salzungen, Lipp- springe.

II. 7. Während tuberkulösen Hebammen die Ausübung dieses Berufes untersagt werden kann, muß man die Abwehr vielen Unglücks, welches in Familien durch tuberkulöse Ammen, Kinder­frauen, Erzieherinnen gebracht wird, von der fortschreitenden Aufklärung des Publikums über diesen Punkt und von gewissen­haftem Rathe der Hausärzte erwarten. In Penstonaten, Klein- kinder-Bewahranstalten, Krippen dürfte der Ausschluß Tuberkulöser ton der Ausübung der Kinderpflege durchzusetzen fein.

II. 8. Von den übrigen in den Heller'fchen Vorschlägen er­wähnten Klassen find noch besonders hervorzuheben: Verkäufer von Nahrungsmitteln. Während kaum bezweifelt werden kann, daß unter Umständen die Sputumbacillen eines Bäckers und dergleichen in seinem Laden so verbreitet werden können, daß

\ I schreckliche Wahrheit, welche mehr als irgend etwas 1 Anderes dazu angethan war, Mrs. Goddard die Lage : ihres Mannes klar zu machen. Das Wort „Land- : streichel" hat für den einsam auf dem Lande Wohnender

immer eine vielsagende Bedeutung.

„Armer Walter," sagte sie sanft; und zum erster Male, seit sie ihn gesehen, traten ihr Thränen in di- Augen.

„Vergeude kein Mitleid an mir und laß mich fort/ drängte er.

Sie packte den Rest Schinken und Käse, welcher noch auf dem Tische stand, zusammen und reichte ihm denselben.

„Da, nimm das lieber mit," sagte sie. Er griff begierig zu und verbarg das Packet unter seinem Kittel. Der Besitz der Nahrungsmittel schien ihm von großem Werthe zu sein. Dann stand er auf und begann die vor Kälte, Näffe und Hunger erlahmten Glieder zu regen.

„Laß mich hinaus," sagte er, der Thür zuschreitend. Seine Frau -folgte ihm schweigend. Im Gange hielt er noch einmal an.

„Nun, Mary," sagte er, „ich müßte Dir jeftt ver- muthlich dankbar sein, daß Du mich nicht der Polizei ausgeliefert hast?"

„Du weißt recht gut," antwortete Mrs. Goddard, „daß ich Alles thun werde, was zu Deiner Rettung dienen kann."

„So, dann handle auch demgemäß und vergiß vor Allem nicht das Geld- Wenn sie mich diesmal er­wischen, dann heißt es: „Baumeln!"

Mrs. Goddard stieß einen leisen Schrei aus und stützte sich gegen die Wand.

„Wie?" stammelte sie, „Du hast doch nicht . . ." „Ja, ich glaube, daß ich beim Ausbrechen Einem den Garaus gemacht habe," antwortete der Verbrecher mit herbem Lachen. Dann öffnete er die Thür und trat in den strömenden Regen hinaus.

Mary Goddard lauschte den sich mehr und mehr enffernenden Schritten, dann brach sie in ohnmächtiger Verzweiflung zusammen.

Er hatte sein Weib betrogen, er hatte die Ehre verloren, er war ein Fälscher und ein Dieb gewesen, und jetzt hatte er all diesen Unthaten auch noch die des Mordes hinzugefügt! Das war zu viel. Jetzt war er erst einen Steinwurf weit vom Hause entfernt — einen Augenblick vorher war er noch bei ihr gewesen — dort im Eßzimmer, ihr gegenüber sitzend, wie in den Jahren der Ehre und Rechtschaffenheit! Es war ihr gelungen, ruhig zu bleiben, so lange seine er­schreckende Gegenwart sie in die Nothwendigkeit zu handeln versetzt hatte — jetzt, da er gegangen, glaubte sie wahnsinnig zu werden. Sie fragte sich schaudernd, ob dieser zerlumpte Landstreicher, dieser gebrandmarkte Schurke, wirklich der Gemahl sei, den sie Jahre lang geliebt, dessen Schönheit sie bewundert, dessen Hand sie gehalten, dessen Lippen sie geküßt! War es mög­lich — war er wirklich der Vater ihres geliebten Kindes?

Jetzt war Alles vorbei, auf seinem Herzen lastete die Schuld, an seinen Händen klebte Blut. Wenn man seiner habhaft wurde, so hieß das Urtheil Tod oder lebenslängliche Gefangenschaft. Die Aussicht auf Freiheit war für immer dahin — er konnte nie wieder einen Anspruch auf Weib und Kind erheben. Wenn es ihm jetzt gelingen sollte, zu entweichen, so war ein in entlegener Gegend und unter dem beständigen Drucke der Furcht zugebrachtes Dasein sein sicheres Loos, würde er hingegen gefaßt, so ging das Gerücht von seiner Wiederergreifung unzweifelhaft durch alle Zei­tungen. Die Verhandlungen über seinen Mord — die Beschreibung seiner Hinrichtung würden folgen. — Und das Alles würde zur Kenntniß ihrer Nachbarn gelangen — das Landvolk selbst würde schließlich die Wahrheit über sie erfahren. Das Leben in dem stillen Erdenwinkel, den sie sich zur Heimath erwählt, durfte nicht fortgeführt werden, und sie würde genöthigt sein, ein neues, fernes Exil aufzusuchen.

Sie bereute bitterlich, ihrem Mann ins Gefängnis geschrieben und ihm ihren Aufenthaltsort genannt zr haben, es wäre viel richtiger gewesen, nur den Direktoi

Verfolgt.

Frei nach dem Englischen des Marion Erawford von Zo ra von Schönburg.

(14. Fortsetzung.)

Mary Goddard stand, ohne ein weiteres Wort zu sagen, auf und verließ das Zimmer. Als sie gegangen, setzte sich der Sträfling wieder hin, trank den Rest des vorgesetzten Bieres aus und begann sich in dem Ge­mache umzusehen. Er erblickte Vieles, was ihn an sein früheres Heim erinnerte. Die Form und die eingra- virten Buchstaben der Gabel, welche er in seiner Hand herumdrehte, waren ihm bekannt. Der Tisch, der Tep­pich zu seinen Füßen, der Stuhl selbst, auf dem er saß, hatten zu der Einrichtung seines Hauses gehört. Es war unbegreiflich, unglaublich, daß er — noch in dieser selben Stunde dies Alles — sein eigenes Weib nicht ausgenommen — wieder verlassen mußte, um draußen in der stürmischen Winternacht einen Zufluchts­ort zu suchen. Es konnte nicht wahr sein — er war kein Flüchtling. — Von jenem schrecklichen Tage an, wv er den fremden Namen auf das Blatt Papier ge- chrieben, war Alles nur ein Traum. — Jetzt war er erwacht, er war wieder zu Hause. — Da näherten sich Schritte'der Thür. — Er fuhr zusammen. Jedes Ge­räusch mahnte ihn an seine Verfolger. Er fühlte den nasfen Kittel, welcher seine Bekleidung bildete, und die Wirklichkeit trat wieder mit erschreckender Lebendigkeit vor ihn hin.

Die Hereinkommende war seine Frau.

„Hier sind etwas über neun Pfund," sagte sie, das Geld auf den Tisch legend. „Es ist Alles, was ich im Hause habe. DasUebrige kannst Du morgen erhalten."

Sie blieb stehen.

„Könnte ichNellie vielleicht sehen?" fragte er plötz­lich. Es war das erste Mal, daß er das Kind erwähnte, j Mrs. Goddard bedachte sich etwas, dann sagte sie: „Nein, Du kannst sie nicht sehen. Sie darf nichts erfahren. Sie hält Dich für tobt Vielleicht kann ich es morgen so einrichten, daß Du sie einen Moment | siehst." I

„So, nun, ich glaube, es ist auch besser, wenn sie ! nichts erfährt. Du könntest es ihr also nicht erklären?"

„Nein, Walter — erklären könnte ich es ihr nicht. Komme morgen Abend, etwas später wie heute, an das nämliche Fenster. Ich will bann ben Laben aufmachen unb Dir bas Gelb geben."

Die junge Frau war fast ohnmächtig von bet An­strengung, welche es ihr gekostet hatte, unter solchen Umstänben eine feste Haltung zu bewahren. Allein bie Noch wirkt oft Wunber. „Wo willst Du heute Nacht schlafen?" fragte sie ruhig. Jh? gutes Herz bebauerte ben Elenben.

„Ich will in bem Stall einer Wirtschaft unter­kriechen. Ich passire als Lanbstreicher."

Es lag in diesem einfachen Zugeständnisse eine

fle mit der SBaare verkauft werden können, läßt sich doch vom Standpunkte der Behörden vorläufig kaum mehr verlangen, als größte Reinlichkeit in den Berkaufsstätten. Ferner Fabriken: Bei der großen Häufigkeit der Tuberkulose unter den Arbeitern gewisser Fabriken (Stahl, Stein, Baumwolle, Tabak) muß die veränderte Auffassung — Staubeinathmung ist nur Hilfsursache, Ansteckung der Grund der Erkrankung — zu neuen und anderen Anstrengungen Veranlassung geben, um die Arbeiter zu schützen. Man hat schon in der Tuberkulose der Arbeiter in Tabaks­fabriken eine Gefahr sehen wollen für die Raucher der Zigarren, die dort gemacht werden. Auch die Verbreitung der Tuberkulose in kleineren Fabrikstädten weit über die Arbciterkreise hinaus zeigt, daß nicht nur Fabrikbesitzer und Arbeiter von dieser An­gelegenheit berührt werden.

in. Die Anschaffung von Desinsektivnsopparaten durch Ge­meinden, Verbände, Heilanstalten ist möglichst zu empfehlen und zu fördern. Dieselben dienen ja noch vielerlei anderen Zwecken, namentlich werden sie zur Desinfekttvn von Wäsche, Kleidern, des Bettzeuges von Tuberkulösen nützlich sein. In Heilanstalten sollte die Desinfektion obiger Hinterlassenschaft eines Tuberkulösen vor­geschrieben sein, im Uebrigen sollte sie auf dem Wege der Be­lehrung (durch Aerzte, Geistliche, Standesbeamte, Leichenschauer) zu beantragen sein. Auf gleichem Wege läßt sich dahin wirken, zeitweise gründliche Reinigung der Wohnung Tuberkulöser zu erlangen. Auch das Verlangen der Straßenreinigung unter reich­licher Wasserverwendung erscheint jeder möglichen behördlichen Unterstützung würdig.

Sämmtliche Zeitungsredaktivnen werden mit Rücksicht auf die Bedeutung der Sache für das Volkswohl ergebens! ersucht, diese Bekanntmachung möglichst zu verbreiten.