JV 83
Sonntag, den 12. April 1891.
18. Jahrgang
Fulda.
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ST Erstes Blatt.
Windthorst^ Stellung im Zentrum.
Selbstverständlich widmen auch die „historisch-politischen Blätter" dem entschlafenen Centrumsführer im ersten Aprilhefte ihren Nachruf, um auch ihrerseits zur vollen Würdigung deS „großen Tobten" beizutragen. Aus dem diesbezüglichen, I. B. unterzeichneten Artikel möchten wir jenen Abschnitt herausgreifen, welcher den in der Ueberschrift bezeichneten Punkt behandelt, zumal hierüber in den zahlreichen Artikeln der verschiedensten Blätter über den Dahingeschiedenen eine eingehendere Darlegung kaum zu finden war.
Die Centrumsfraktion, so führen die gedachten Blätter aus, besteht wie kaum eine andere, aus Angehörigen der verschiedensten Stämme, Gesellschaftsund Berufsklaffen. Da sitzt der Rheinländer und Westfale neben dem Schwaben und dem Bayer, dem Schlesier und dem Preußen, alle verschieden iw Temperament nicht minder wie im Dialekt; Mitglieder der gelehrten Stände und Sprößlinge der vornehmsten Adelsgeschlechter sitzen neben dem Handwerker, dem Gewerbetreibenden und dem Kleinbauern, alle verschieden in ihren sozialen Anschauungen und ihren Standesinteressen. Ein großer und gewaltiger Gedanke führte diese verschiedenartigen Elemente zusammen und hielt sie wie mit eisernen Klammern zusammen: die Nothwendigkeit, für die Freiheit der katholischen Kirche und die Gleichberechtigung der Katholiken auf deutschem Boden einzutreten. In der kirchenpolitischen Frage fand sich die Gemeinsamkeit und Geschlossenheit gewissermaßen von selbst. Aber eS lag auf der Hand, daß die Bedeutung des Centrums im Parlament zum guten Theil von dem möglichst einheitlichen Auftreten der Fraktion auch in Fragen nichtkirchenpolitischer Natur abhing. Windthorst war von dieser Kenntniß tief durchdrungen: der Wunsch, die Fraktion jederzeit ihr volles Gewicht in die Wagschale werfen zu sehen, machte ihn zum stärksten Träger einer Vermittelungspolitik innerhalb der Fraktion , die er stets auf einer mittleren Linie festzuhalten bemüht war. Das war nicht nur gute Fraktionspolitik, sondern es ist gute Politik überhaupt in einer Zeit, wo die Interessen so hart sich stoßen und deren einseitige und rücksichtslose Geltendmachung im Parlament den Kampf Aller gegen Alle im Lande erst recht entfesseln würde. Wer immer maßgebenden Einfluß im Centrum üben will, wird hier in die Fußstapfen Windthorsts treten müssen, sein Tod würde in der That den Anfang vom Ende des Centrums bedeuten, wenn die Jnteressen-Koalitionen in der Fraktion sich Geltung zu verschaffen wüßten. Die gleichmäßige Fürsorge für das materielle und moralische Wohl aller Volksklassen ist einer der wichtigsten Programmpunkte der Fraktion, woran unerbittlich festgehalten werden muß.
Windthorst hat der Rücksicht auf die möglichste Einheit des Centrums häufiger, als gemeinhin geglaubt wird, die eigene Meinung geopfert. Er hat eigentlich niemals seine Ansicht der Fraktion aufzudrängen versucht. In schwierigen Fragen legte er den größten Werth darauf, daß die verschiedenen Auffassungen zu Worte kamen. Dann saß er da als der aufmerksame Zuhörer, um erst am Schluffe in die Debatte einzugreifen, und vorsichtig selbst Stellung zu nehmen. Man kann sagen, daß er in manchen Dingen mehr sich leiten ließ, als zu leiten suchte, so z. B. in den sozialpolitischen Dingen, in welchen er ja ein Kind der alten Schule war. Aber er sperrte sich nicht gegen die Anforderungen der Gegenwart und lernte bis an sein Ende. Großes Gewicht legte er auf die enge Fühlung mit den Volkskreisen, in denen er sich auch bei den mannigfaltigsten Gelegenheiten bewegte. In der breiten Masse des Volkes müssen die festen Wurzeln der Kraft des Centrums auch ferner liegen.
Nicht minder bedeutungsvoll für die Zukunft des Centrums ist die Wahrung des nichtkonfessionel- len Charakters der Fraktion. Das Centrum ist keine konfessionelle Fraktion weder nach seinem Programm noch nach seiner Zusammensetzung: das ist seit der Begründung des Centrums unzählige Male ausge
sprochen worden. Niemand wachte sorgsamer darüber, daß jede konfessionelle Politik ausgeschlossen blieb, als Windthorst. Die gefährliche Legende von dem protestantischen Staate Preußen kann man nur wirksam bekämpfen, wenn man sich rückhaltlos auf den Boden der verfassungsmäßigen Parität stellt und von diesem aus die öffentlich rechtliche Stellung der katholischen Kirche und ihre volle Gleichberechtigung vertheidigt. Der „Evangelische Bund" sicht vor lauter Protestanten die Katholiken nicht; es wäre ebenso verkehrt, bei irgend einer Frage zu vergessen, daß die Katholiken in Preußen und im Reiche nicht allein sind, vielmehr mit dem protestantischen Bevölkerungstheile, und zwar mit einer Mehrheit von Protestanten zu rechnen haben. Das hatte Windthorst schon in Hannover gelernt. Alle konfessionellen Fragen behandelte er vom Standpunkte der Verfassung, des Rechtes, der Billigkeit; das Bekenntniß Anderer anzutasten, ihre religiösen Ueberzeugungen oder Borurtheile anzugreifen, fiel ihm nicht ein, und die sehr seltenen Ausschreitungen auf katholischer Sette erweckten ihm entschiedenes Mißbehagen. Der hier und da aufgetauchte Gedanke, dem evangelischen Bunde eine katholische Liga entgegenzustellen, ist von vorn herein auf den entschiedensten Widerspruch des Centrumsführers gestoßen.
Von Freund und Feind hört man jetzt täglich die Frage aufwerfen: „Wer wird Windthoch ersetzen?" und „Was wird aus dem Centrum?" Schwerlich wird das Centrum jemals wieder in seiner Mitte eine Persönlichkeit haben, welche den verstorbenen Mhrer nach allen Richtungen in seiner ganzen Eigenart zu ersetzen im Stande wäre. Die Fraktion zählt eine Reche hoch- begabter, keuntnitzreicher, für d'c Sache begeisterter Männer — sie kann sich in dieser Beziehung wahrlich mit jeder anderen Gruppe unserer Parlamente messen. Jedoch Parlamentarier von der Genialität eines Windthorst bringt nicht jedes Jahrhundert hervor. Vielleicht bedürfen die Katholiken für die nächste Zukunft keines so überragenden Führers. Sicher aber bedürfen sie nach wie vor eines Centrums, und darum wird dasselbe auch nach Windthorst's Tode fortbestehen. In die Arbeit, welche er that, werden sich vorerst wohl Mehrere theilen müssen: je vollständiger sie dabei vom Windthorst'schen Geiste sich leiten lassen, um so besser werden sie ihrer verantwortungsvollen Aufgabe genügen. gh-
Deutsches Keich.
Berlin, 10. April.
* Windthorst über die Königstreue. Die erste gesetzgeberische Maßnahme Preußens im Kulturkampf war die prinzipielle Beseitigung der geistlichen Schulaufsicht. Als dieses sogenannte „Schulaufsichtsgesetz" berathen wurde, hielt Fürst Bismarck am 9. Februar 1872 eine seiner schärfsten Reden gegen das Centrum, vor Allem gegen Windthorst. Darauf entgegnete sofort Windthorst in einer persönlichen Bemerkung und am folgenden Tage Mallinckrodt. Beide Reden verdienen gerade jetzt doppelt die Erinnerung. Windthorst erwiderte u. a.:
„Gestern und heute ist ein solches Uebermaß von persönlichen Angriffen und zwar in einer Heftigkeit, die ich nicht verstehe, gegen mich gerichtet worden, daß ich in der That anfange zu glauben, ich besitze eine Bedeutung, von der ich bisher nicht geträumt habe. . . . Der Herr Ministerpräsident hat mich verdächtigen wollen, um, wie er sich ausdrückte, so meine Loslösung vom Centrum herbeizuführen. ... Der geehrte Herr fragte mich, ob ich noch die Anhänglichkeit an die hannoversche Königsfamilie bewahre, welche ich gezeigt habe bei den Berhandlungen, die ich mit ihm zu führen die Ehre hatte. Ich antworte dem Herrn Ministerpräsidenten, daß diese Anhänglichkeit voll und ganz fortdauert. Sie wird fortdauern bis m mein Grab, und nichts in der Welt, auch nicht der gewaltige Minister Deutschlands, wird mich darin irre machen. Aber ich bin eingedenk des Satzes der heiligen Schrift: „Du sollst unter - than sein der Obrigkeit, die Gewalt über dich hat und in Befolgung dieser Vorschrift der heiligen Schrift glaube ich, meine Unterthanenpflicht nach bestem Wiffen und Gewlffen geübt zu haben. Ich stehe — das habe ich wiederholt gesagt - voll und ganz auf dem Boden der Verfassung; . . . dann aber wird mir in allerlei versteckten Wendungen diplomatischer Art gleichsam angedeutet, als ob ich in der Centruinsfraktion Pläne verfolge, die nicht ausgesprochen seien. Aber es ist doch etwas in der parlamentarischen Geschichte noch nicht Dagewesenes, daß ein Mann von dieser Bedeutung beinah« eine Stunde verwendet
hat, um mich persönlich anzugreisen. Wenn der verehrte Herr Ministerpräsident sodann gesagt hat, ich habe ihm vorgeworfen, daß er das monarchische Prinzip verlaffen, so will ich heute darüber nicht mit ihm streiten, inwiefern der Gang seiner großen Staatsaktionen das monarchische Prinzip gestärkt hat. Aber das möchte ich dem geehrten Herrn doch sagen: im Glück dem monarchischen Prinzip nahe zu stehen, ist nicht schwer, schwerer ist es im Unglück. Paneben sage ich dem verehrten Herrn: Auferlegte Unterthanenpflicht ist schwerer zu erfüllen, als angeborene."
Wenn Jemand einmal eine Abhandlung „über die Königstreue gegen das Ende des 19. Jahrhunderts" schreiben wird, dann wird diese Episode gewiß den Ausgangspunkt zu interessanten Betrachtungen bieten.
* Die ,Voss. Ztg.' meldet als verbürgt, daß eine vollkommene Verständigung über den deutsch-österreichischen Handelsvertrag erzielt sei, dergestalt, daß für 300 im Taris verzeichnete Artikel der Zoll ermäßigt wird. Es erübrige noch die Erledigung von Förmlichkeiten.
* Major v. Wißmann übergab gestern Nachmittag in Dar-es-Salaam dem Gouverneur für Ostafrika, Frhr. v. Soden, die Regierungsgeschäfte. Aus Dar- es-Salaam wird ferner gemeldet, daß Major v. Wißmann mit Urlaub nach Deutschland zurückkehrt.
* Der ,Reichsanzeiger' veröffentlicht eine Darstellung über den Verlauf der Expedition Zintgraff, lvelche die Einzelheiten der anderweitigen Meldungen im Wesentlichen bestätigt und mittheilt, Zintgraff werde nach Beschaffung der erforderlichen Verstärkung nach Balibury aufbrechen und die Expedition fortsetzen. Balibury sei mit einer starken Besatzung unter Carstensen belegt, auch Miyumbi im Lande Bangangs sei mit einer kleinen Schaar besetzt.
* Der Buudesrath beschloß gestern u. a. für die in diesem Jahre nach London Mr dortigen Kunst- und Industrieausstellung auszuführenden Güter die zollfreie Wiedereinführung zu gestatten.
* Der Reichstag setzte heute die Berathung der Kontraktbruchbestimmungen des Arbeiterschutzgesetzes fort. Abg. Dr. Krause (ntl.) verlangte, daß der Entschädigungsanspruch der Arbeitgeber kontraktbrüchigen Arbeitern gegenüber an den Schadennachweis gebunden werde. Abg. Bebel (Soz.) hielt eine große Rede gegen die Kontraktbruchbestimmungen, warf den Unternehmern blutsaugerische Tendenzen und der Regierung einseitige Begünstigung der Unternchmerintereffen vor. Abg. Dr. Hirsch (srs.) sprach gleichfalls gegen die Kontraktbruchbestimmungen, während die Abgg. Dr. Hitze (Ctr.) und Möller (ntl.) dafür eintraten. Bei der Abstimmung stellte sich Beschlußunfähigkeit heraus. Für den Entschädigungsanspruch ohne Schadennachweis stimmten 141 (Centrum, Konservative, Nationalliberale und einige Freisinnige), dagegen 53 (Sozialdemokraten, Volkspartei, die Mehrheit der Freisinnigen). Morgen: Kleine Vorlagen.
* In der heutigen Sitzung setzte das preuß. Abgeordnetenhaus die 2. Berathung der Landgemeinde- Ordnung fort. Die Konservativen haben einen Antrag auf Einfügung eines neuen § 14a eingebracht, wonach bis zum Erlaß eines neuen Kommunalsteuer - Gesetzes die bisherige Art der Gemeindesteuer-Erhebung beibe- haltm werden soll. Trotzdem die Redner der übrigen Parteien gegen den Antrag sprechen und sich auch die Regierung dagegen erklärt, wird derselbe angenommen. Die §§ bis 28 werden ohne wesentliche Debatte und zumeist unverändert angenommen, jedoch Abs. 2 § 28 gestrichen, der von der Heranziehung der Waldungen zu den Gemein-eabgaben handelt. § 36 wird mit der Abänderung angenommen, daß der Steuererhebungstag durch Gemeindebeschluß festgesetzt werden soll. §§ 37 bis 39 werden debattelos genehmigt. Durch Abänderung des § 40 wird der Termin zur Berichtigung der Liste der stimmberechtigten Gemeindeglieder aus Januar verlegt. Ueber § 42, der das Gemeinderecht behandelt, wird die Sitzung vertagt. Nächste Sitzung Samstag. Tagesordnung: Fortsetzung. Schluß 3 Uhr.
* Die Herrenh aus-Kommission zur Vor- berathung des Einkommensteuergesetzes hat einige wesentliche Beschlüsse gefaßt. Zunächst wurde die besondere Steuerpfiicht der Attieu-Gesellschasten entsprechend den Beschlüffen des Abgeordnetenhauses aufrechterhalten, wenn auch mit geringer Mehrheit; dagegen hat die Kommission bett Steuertarif der Regie-