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1891

B

geschaffenen Verhältnisse bezweckt. Weiterberathung morgen.

* Die allgemeine Konferenz der deutschenWittlich, keitsvereine ist gestern in Berlin zusammengetreten In Frankfurt soll voraussichtlich im Herbst eine all gemeine Versammlung des Landes abgehalten werden Die Konferenz beschäftigte sich mit Agitaüons- uni Organisationsfragen und beschloß, eine Denkschrift übe das Theaterwesen zu veröffentlichen.

* Aus Kamerun wird berichtet, der Zug des Afrika reisenden Zintgraff habe viel Unglück gehabt, 3 Euro­päer und etwa 170 Eingeborene seien getödtet, Zint­graff habe mit dem Rest des Zuges den Rückmarsch nach der Küste an getreten.

* Von den Brieftauben, welche der Kaiser am 2. d. M. auf der Reise von Travemünde nach der vor Falkebjerg vor Anker liegenden „Carola" mit Grüßen an die Königin von Sachsen vom Aviso „Greif" aus aufsteigen ließ, war in Dresden bis zum 6. April keine angelangt.

* Borbeck, 6. April. In die hiesige Tonhalle war auf heute Nachmittag eine Generalversammlung der Ortsvereine des Verbandes Glückauf des hiesigen Re­viers einberufen, zu welcher als Redner die Herren Abg. Stütz el und Redakteur Leasing angekündigt waren. Auch die So zial-Demokraten aus dew Wahlkreise Essen und aus Gelsenkirchen hatten sich zahlreich eingefunden, um den Zweck der Ver­sammlung zu hintertreiben. Der sozial-demo- kratifche Mttawr Mosbacher verkheilte vor Eröffnung der Versammlung die sozial-demokratische Ess. Bürger- zeitung von Mann zu Mann. Der Bergmann Mau- racher kündete bei Eröffnung der Versammlung an, daß lärmmachende Gegner entfernt werden würden. Die anwesenden Sozial-Demokraten begleiteten diese Worte mit höhnischen Bemerkungen, welche zu ohr- betäubendem S kan dal sich gestalteten, als die Gegner aufgefordert wurden, sich zu entfernen. Durch An­stimmung der Verbandslieder wurde versucht zu ver­hindern, daß einer der angekündigten Redner sich ver­ständlich machte. Hr. Abg. Stötzel benutzte einen ruhigen Augenblick, um zu Worte zu kommen. Der­selbe gab seinem Bedauern darüber Ausdruck, daß es ihm heute im „schwarzen Borbeck" zum 1. Mal nach zwanzigjähriger Wirksamkeit unmöglich gemacht werde, sich verständlich zu machen. Bei den treffenden Be­merkungen, mit welchen Herr Stötzel das Benehmen der Sozial-Demokraten kennzeichnete, nahm der T u m u l 1 eine derartige Ausdehnung an, daß Redner auf das Wort verzichten mußte. Als nun Leasing sprechen wollte, nahm die Erregung einen solchen Umfang an, daß der Vorsitzende die Versammlung schloß. Du christlich-patriotischen Bergleute versammelten sich nun-

* Der Reichstag beriech heute den Kontraktbruch- Paragraphen des Arbeiterschutzgesetzes, ohne zu einem Abschluß zu gelangen. § 125 in der Kommissions­fassung bestimmt, daß wenn ein Geselle oder Gehilfe rechtswidrig die Arbeit verlassen hat, der Arbeitgeber als Entschädigung für den Tag der vertragsmäßigen oder gesetzlichen Arbeitszeit, höchstens aber für eine Woche den Betrag des ortsüblichen Tagelohns fordern kann, eine Forderung, die an den Nachweis eines Schadens nicht gebunden fein soll. Die Sozialdemo­kraten beantragten durch Abg. Singer Streichung dieses Paragraphen, der den Nutzen des ganzen Gesetzes illusorisch machen und die Arbeiter unter eine neue Ausnahmegesetzgebung stellen würde. Abg. v. Putt- kamer (der frühere Minister des Innern) befürwortete die vorgeschlagene Entschädigungspflicht. Der Kontrakt­bruch koalirter Arbeiter bei den Strikes bezwecke Aus­übung eines widerrechtlichen Zwanges auf die Arbeit­geber und trage somit einen anderen Charakter, als sonstige Fälle von Vertragsbruch. Handelsminister v. Berlepsch erklärte, daß die Regierung die von der Kommission vorgeschlagene Fassung acceptire, denn es sei nothwendig, der Neigung zum Kontraktbruch, die gemeinschädliche Dimensionen annehme, entgegenzutreten. Daß es den Arbeitern möglich sei, auch ohne Kontrakt­bruch Besserung ihrer Lage anzustreben, beweise ein Blick auf England. Abg. Payer (Volksp.) sprach gegen § 125, während Abgg. Dr. Gutfleisch (frs.) Dr. Schädllr (Ctr.) und Frhr. v. Stumm (Rp.) dafür eintraten. Weiterberathung morgen.

* Das Abgeordnetenhaus trat heute in die zweite Berathung der Landgemeindeordnung ein. Längere Debatte veranlaßte die Bestimmung über die Zusammen­legung und Auflösung leistungsunfähiger Gemeinden und Gutsbezirke. Nach der Regierungsvorlage sollte die Zusammenlegung beim Widerspruch Betheiligter durch königl. Erlaß erfolgen. Die Kommission hat ein bestimmtes Beschlußverfahren des Kreisausschusses mit Beschwerderecht an Bezirksausschuß und Ministerium dafür eingesetzt, auch den Begriff des öffentlichen Interesses bestimmt definirt, der für die Zusammen­legung maßgebend sein soll. Minister des Innern, Herrfurth, erklärte sich im Interesse des Zustande­kommens der Vorlage mit den Kommissionsbeschlüssen einverstanden. Die Kommissionsbeschlüsse wurden schließ­lich angenommen. Auf Antrag des Abg. v. Strornbeck wurde ein neuer Paragraph eingeschoben, wonach das Vermögen der vereinigten Landgemeinden auf die neu gebildete Landgemeinde übergehen soll. Zu § 14, der das Recht der Steuererhebung der Gemeinden behandelt, wurde ein Amendement des Abg. v. Rauchhaupt an­genommen, welches die Berücksichtigung der durch die neuen Steuergesetze (Einkommen- und Gewerbesteuer)

Deutsches Keich.

Berlin, 9. April.

* „So lange die Centrumspartei", so schreibt Jörg in den ,Historisch-Politischen Blättern", „einer von allen Seiten belagerten Festung glich, war sie keinen Versuchungen ausgesetzt, und einzelne Meinungs-Ver­schiedenheiten konnten nicht leicht ernstere Gestalt an­nehmen, da sich ohne Gefahr Ja oder Nein sagen ließ. Ganz anders sind die Dinge gelagert, seitdem die Frak­tion, und zwar ein Theil derselben schon in den letzten Jahren des Fürsten Bismarck sozusagen hoffähig ge­worden war. In dieser Stellung drängen sich unab­weisbare Rücksichten auf, die man noch lange nicht als „Handelsgeschäft" zu betrachten braucht, die auch nicht unverrückbare Grundsätze berühren, anderseits aber die Erinnerung an die Wähler und ihre Gefühle wach­rufen. Man denke nur an die Forderungen des Mili­tärstaates und an die schwere Verantwortlichkeit für den Fall des jedesmal in Sicht gestellten Kriegsaus­bruchs. Peinliche Entscheidungen gab es ehedem nicht, jetzt sind sie an der Tagesordnung." Jörg fordert angesichts dessen auf, sich an die Traditionen Windt- horsts als au den politischen Katechismus des Centrums zu halten.

* Nach übereinstimmender Mittheilung verschiedener Blätter steht eine Erklärung der Regierung über den Bolksschulgesetz-Entwurf nahe bevor. Vor Abgabe der­selben dürfte die Kommission ihre Arbeit nicht wieder aufnehmen. Höchst wahrschestrkich wird die'Vortage zurückgezogen werden.

* Der ,Reichsanzeiger' bringt folgendes Dementi: „In einer vom 3. d. M. batirten Berliner Korre­spondenz stellen die ,Hamb. Nachr.' die Behauptung auf, daß zwischen dem Reichskanzler v. Caprivi und dem nunmehr verstorbenen Abg. Dr. Windthorst Verhandlungen über die Frage des Welfensouds statt- gebabt hätten. Diese Behauptung ist lediglich aus der Luft gegriffen. Zu keiner Zeit haben zwischen dem Reichskanzler von Caprivi und Dr. Windthorst Ver- ' Handlungen oder Besprechungen über die Frage des Welsenfonds stattgefunden."

* General Graf Wllldcrsee feierte gestern seinen Geburtstag, zu welchem S. M. der Kaiser in einem längeren eigenhändigen Schreiben gratulirte. Auch Fürst Bismarck sandte ein Glückwunsch-Telegramm.

* Fürst Bismarck hat die Reichstagskandidatur im 19. hannoverschen Wahlkreise nunmehr in aller Form angenommen. Er hat dem nationalliberalen Central- Comito dortselbst telegraphisch angezeigt, daß es ihm ' eine große Ehre sein würde, im 19. hannoverschen Wahlkreise zu kandidiren. Die Gesichter seiner Freunde werden dabei immer länger.

„O, ich habe auch keine Wunderthaten von Dir erwartet", sagte er mit bitterm Spott. „Auch habe ich mich nicht der Hoffnung hingegeben, Dir durch meine Rückkehr eine besondere Freude zu bereiten, allein auf etwas Gefühl von Seiten einer Frau, welche ihren Mann seit drei Jahren nicht gesehen, hatte ich doch gerechnet."

Mrs. Goddard's unnatürliche Ruhe war auf dem Punkte, einer grenzenlosen Aufregung Raum zu geben.

„Ich will für Dich thun, was ich kann, Walter," sagte sie.

„Dann gib mir fünfzig Pfund und zeige mir den nächsten Weg in östlicher Richtung," fuhr sie der Ver­brecher an.

„Ich habe nie so viel auf einmal im Hause," ver­sicherte Mrs. Goddard erschrocken. „Aber wenn Du warten willst, so kann ich es Dir verschaffen."

„Ich möchte mich am liebsten selbst überzeugen," sagte er mißtrauisch. „Und bis wann könnte ich es haben?"

„Bis morgen Abend. Früher kann ich nichts von der Bank ausbezahlt bekommen."

„Du hast also etwas auf der Bank liegen?“

„Natürlich, aber eine Anweisung würde Dir ja nichts nützen — leider."

„Ja gewiß „leider!" denn dann könntest Du mich gleich los werden. O Mary —" rief der Elende

mit plötzlich veränderter Stimme — „früher liebtest Du mich doch!"

„Es war recht thöricht von mir," entgegnete sie, von ihm wegblickend, „verdient hast Du es jedenfalls nicht."

„Weil ich unglücklich war?"

„Unglücklich!" wiederholte sie verächtlich. „Un­glücklich — Du, der Du mich mit jedem Athemzuge betrogen hast! Nein, Walter, ich hätte Dir viel ver­zeihen können,, aber das nicht — nicht das!"

„Was denn? Meinst Du die Geschichte wegen des Geldes?" fragte er, heftiger werdend.

„O nein, die Geldfrage hat nichts damit zu thun," entgegnete sie. „Du hättest entehrt und zum Zuchthaus verurtheilt fein können, und ich hätte Dir doch ver­geben. Ich würde dennoch versucht haben, Dich zu sehen, Dich zu trösten und mit Dir zu leiden. — Aber das Andere — nein — das konnte ich Dir nicht verzeihen, und ich werde es nie können. — Du hast mich nie geliebt, und das ist der Grund, warum ich mich nicht freuen kann, Dich zu sehen."

„Doch, das that ich, Mary — und ich schwöre Dir, ich liebe Dich noch immer!" Er war näher getreter und würde einen neuen Versuch gemacht haben, sie ai sich zu ziehen, aber sie stieß ihn mit wild funkelnde, Augen zurück.

„Wage nicht, mich anzurühren," rief sie, „ober id

Verfolgt.

Frei nach dem Englischen des Marion Crawford von Cora von Schönburg.

(13. Fortsetzung.)

„Warum thatest Du es?" hob sie von Neuem an.

(Sobbarb ließ ein heißeres Lachen vernehmen: „Warum ich es that?" wieberhvlte er. „Hast Du jemals gehört, baß sich Jemanb die Gelegenheit zur Flucht au? dem Gefängnisse entgehen ließ? — Nun, warum starrst Du mich denn so an, Mary?"

„Es thut mir leib für Dich", sagte sie.

„Jedenfalls scheinst Du Dich nicht sehr über das Wiedersehen mit mir zu freuen," bemerkte er trotzig.

„Das hättest Du Dir denken können."

Ihre Rede klang hart und grausam. Sie empfand das selbst; allein Schreck und Abscheu und der Ge­danke an die Folgen des so plötzlich über sie herein- gebrochenen Unglücks hatten jedes weichere Gefühl in ihr erstarrt.

Goddard schob den Teller zurück, stützte das Kinn in die Hand und sagte höhnisch: „Du hast mir nach dreijähriger Trennung einen recht warmen Empfang bereitet, Mary."

„Ja, ich bin über Dein Kommen entsetzt," gab sie zu: „Du weißt recht gut, daß ich Dich nicht ver- bergen kann."

Samstag, den 11. April

18. Jahrgang

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