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JM 76

18. Jahrgang

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).

Verfolgt.

(7. Fortsetzung.)

überschreiten, -wollten wir alle Variationen des arte

Mrs. Goddard hatte während der folgenden Som­mer- und Herbstzeit die Gewohnheit angenommen, besonders zu bestimmten Stunden das gegenüberliegende Parkthor zu beobachten. Es war dies eine Unter­

nahm mit der Zeit den Charakter einer solchen Regel­mäßigkeit an, daß man es für eine Verabredung hätte halten können. Nellie, welche ein feiner Beobachter war, hatte längst aufgehört, Fragen zu stellen, aber sie betrachtete ihre Mama so forschend mit den großen Es würde die Grenzen erlaubter Weitschweifigkeit Veilchenaugen, daß es diese ganz nervös machte.

überschreiten, -wollten wir alle Variationen des arka- I Nellie mochte den Squire sehr gern leiden, aber bischen Stilllebens in, Billingsfield beschreiben. Die | die Antworten, die sie auf ihre Anfragen bekommen hatte, ob die Mama „den netten Mr. Juxon" auch lieb habe, waren immer entmuthigend für sie gewesen. Ihre Mutter hatte immer gemeint, es sei doch unmög­lich, sich darüber auszusprechen, wenn man Jemand

Ereignisse schreiten in solchen Orten langsam vorwärts, und es braucht einer geraumen Zeit, bis sie sich zu einem bemerkenswerthen Resultate entwickeln.

Frei nach dem Englischen des Marion Crawford von Cora von Schönburg.

die Sozialdemokratie macht, in diesem Sinne? Gewährt er den Kräften, welche derselben den Boden bisher am wirksamsten streitig gemacht haben, die gleiche Freiheit wie der Sozialdemokratie? Oder aber ist der Staat gar der Bahnbrecher für letztere?

Leider kann die Antwort auf letztere Frage nicht anders, als: Ja lauten. Offenbar ist der Staat nicht im Stande, ohne Mitwirkung der von Gott gestifteten Kirche die jetzige Gesellschaftsordnung gegenüber dem Anstürmen der Sozialdemokratie auf die Dauer zu retten, und den zerstörenden Bestrebungen derselben siegreichen Widerstand zu leisten. Welches ist aber das Verhalten des Staates gegenüber der Kirche, mit welcher er in seinem ureigensten Interesse die treueste Bundesgenossenschaft zu pflegen hätte?

Der moderne Staat engt immer mehr die Kirche ein, nimmt ihr Recht und Besitz, setzt ihrer Wirksam­keit zahllose, oft geradezu unüberwindliche Polizei­schranken. Er ist überhaupt, trotz seines Verfassung und Volksrechte ankündigenden Aushängeschildes, wesent­lich Polizeistaat. Gerade seitdem wir Verfassungen und Kammern besitzen, hat er sich nach, dieser Rich­tung ausgebildet. Die Kirche hat zwar in Deutsch­land 1848 einige der ihr durch alte Verträge ver­bürgten Rechte wieder erhalten. Aber seither wur­den dieselben auf Umwegen angegriffen und um so gründlicher entleert. Die durch den westfälischen Frieden und den Reichs-Hauptschluß von 1803 ver­bürgte Zugehörigkeit der Schule zur Kirche ist längst so sehr vernichtet, daß, besonders seit 1870,- kaum noch Jemand dieselbe zu betonen wagt. Der Minister Falk konnte im Kulturkampf die Kirche mit einem Federstrich ihres letzten Rechtes auf die Schule — die Ertheilung des Religionsunterrichtes — entäußern. Sein Nachfolger, der nunmehr auch gegangene Frie­dens- und Versöhnungs-Minister v. Goßler wollte diese Vergewaltigung zu einem unveräußerlichen Rechte des Staates erheben, spricht in seinem Gesetzentwurf dem Staat das alleinige Recht zur Ertheilung des Religionsunterrichtes zu, nimmt- außerdem der Kirche den Rest ihres Schulvermögens ab.

Freilich ist dies gewissermaßen eine Folge prote­stantischer Kirchenzuftände. Dasjenige, was man pro­testantische Kirche nennt, ist nur eine Staatseinrichtung wie jede andere. Die protestantischen Prediger und Kirchenbehörden sind landesfürstliche Beamte, sie wer­den von der Regierung ernannt, sind stolz auf ihre Titel: Königliches Konsistorium, Königliche Super- intendentur u. s. w. Für die Protestanten macht es keinen Unterschied: ihre Religion ist durch den Landes­herrn eingeführt worden, weshalb der Religionsunter­richt ganz selbstverständlich in dessen Aufttage ertheilt

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Samstag, den 4. April 1891

erft so kurz kenne. Darauf hin hatte Nellie endlich von einer direkten Anfrage abgesehen und sich auf's Be­obachten verlegt. Aber auch hier bot sich ihr eine Schwierigkeit. Der Squire und ihre Mutter schienen, wie sie sich ausgedrückt haben würde, ein Geheimniß mit einander zu haben. Bei ihren täglichen Zusammen­künften wurden immer dieselben Bemerkungen über das Wetter, den Garten oder des Pfarrers letzte Predigt gemacht. Sprachen sie einmal von etwas Anderem, so war es über die Bücher, welche der Squire Mrs. Goddard in großer Anzahl lieh.

Mr. Juxon begann sich plötzlich durch die That- sache beunruhigt zu fichlen, daß ihm der seit sechs Monaten gepflegte Verkehr mit seiner Nachbarin gekade- zu zum Bedürfniß geworden sei. Er hatte im Grunde keine Beranlaffung, sich darüber zu wundern, denn sein

Herz war weit empfänglicher, als es Mrs. Goddard, im Hinblick auf seine Vergangenheit, vermuthete. Die liebenswürdige Inhaberin der Cottage besaß vielerlei Eigenschaften, welche ihn anzogen. Sie war außer­ordentlich hübsch. Da er selbst ein kräftiger Mann war, so zog ihn gerade das Leidende, Melancholische in ihrem Gesicht besonders an. Es würde dies weniger der Fall gewesen sein, wenn er darin ein Symptom physischer Leiden erkannt hätte. Mrs. Goddard's bieg­same Gestalt und die ganze Elastizität ihres Wesens ließen eine solche Annahme aber durchaus nicht zu. Nur ein Leiden des Herzens vermochte diesen sym­pathischen Schmerzenshauch über ihr Antlitz zu ver­breiten. Bei all' dem lebhaften Antheil, welchen Mr. Juxon der Dame seit sechs Monaten entgegenHebracht, hatte er doch noch nicht auf ihre Gemüthsstimmung su wirken vermocht. Daß er wirklich in sie verliebt sei, kam ihm bei alledem nicht in den Sinn. Da sie seine Mietherin und offenbar in einer sehr schwierigen Lage war, so konnte es für einen Gentleman und Miethsherrn nur Pflicht sein, ihr das Leben zu er­leichtern.

4. Kapitel.

An einem kalten Regentage im Januar endlich fand Mr. Juxon die Mrs. Goddaick» einmal allein zu Hause. Die junge Frau hatte sich«soeben mit einem Buche qm Kamin niedergelassen und freute sich des ungestörten Alleinseins.

Fuldaer Zeitung

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Haltung, die sie zu amüsiren schien. Sie pflegte, mit Lektüre oder mit Nellie's Unterricht beschäfttgt, in dem kleinen Erker zu sitzen, und was war natürlicher, als daß ihre Augen von Zeit zu Zeit über den Weg schweiften.

Manchmal geschah es auch, daß Mr. Juxon nicht in seinen grünen Strümpfen, den Hund an der Seite und die unvermeidliche Rose im Knopfloch in der Thür erschien. Er überschritt dann die Straße, und wenn er nicht zur Unterhaltung auf eine Viertelstunde einträt, so blieb er wenigstens am Fenster stehen und fühicke von dort aus die Conversation mit der Haus- frau. Was zuerst ein Spiel des Zufalls gewesen war,

Der moderne Staat und die Sozialdemokratie.

Als Mittel zur Erreichung ihrer Zwecke bedienen sich die Sozialdemokraten der Presse, Vereine, Versamm­lungen, Genossenschaften und Verbindungen aller Art, wozu sie, selbst unter Herrschaft des Sozialistengesetzes, immer noch die Möglichkeit besaßen. Seit Abschaffung dieses Gesetzes genießen sie einer so ausgedehnten Frei­heit hierin, sowie auf allen Gebieten menschlicher Thätig- keit, daß andere Gemeinschaften, namentlich die katho­lische Kirche, ihnen gegenüber ungemein im Nachtheile sind, ja neidisch auf sie sein müssen. Die Sozialdemo­kraten haben das ganze Land mit einem Netze eng ver­bundener Vereine und Genossenschaften überzogen, er­heben Steuern, haben eine förmliche Regierung einge­richtet, deren Weisungen oft besser Folge geleistet wird, als denen der Obrigkeit.

Alle diese Veranstaltungen und Einrichtungen wären unwirksam, wenn sie sich nicht auf die Unzufriedenheit weiter Kreise, namentlich der gewerblichen Arbeiter, stützen könnten. Diese Unzufriedenheit ist die Grund­lage der Macht der Sozialdemokratie, ja sie ist die Macht selbst. Diese Unzufriedenheit aber ist bisher am meisten in diejenigen Schichten gedrungen, welche an ihrem Glauben Schiffbruch gelitten, sich mehr oder weniger der christlichen Ueberlieferungen und Grund­sätze entäußert haben. Auf dem Lande und in den katholischen Theilen Deutschlands hat daher die Sozial­demokratie bis jetzt weniger Eingang gefunden. Dort bringen die von chr gebrauchten Mittel zur Werbung von Anhängern geringe Wirkung hervor. So lange die Begriffe des katholischen Volkes nicht durch Ein­wirkung liberaler Redensarten umnebelt worden sind, ist keine Gefahr. Die innere Erkenntniß der Glaubens­lehren wappnet das einfache Volk mit Verstand und Einsicht, verschafft ihm eine solche Ueberzeugung von der göttlichen Weltordnung, daß es Beschaffenheit und Ziel der Sozialdemokratie sofort herausfühlt, wo nicht klar durchschaut. Deshalb läßt es sich nicht bethören, ist durch seinen Glauben wahrhaft gepanzert.

Zum Glück haben daher trotz aller Fortschritte die Sozialdemokraten keine Aussicht, innerhalb einiger Jahr­zehnte mehr als ein Viertel, höchstens ein Drittel aller Reichstagswahlkreise zu erobern. Die Gefahr einer Ueberschwemmung durch die Sozialdemokratie ist abge­wendet, so lange in den übrigen drei Viertheilen Deutschlands derselben wirksam vorgebaut wird. Es handelt sich also einfach darum, nicht auch dort durch Entchristlichung des Volkes die Unzufriedenheit hervor­zurufen, aus welcher die Sozialdemokratie so schnell in's Kraut schießt. Geschieht dies aber? Arbeitet der Staat, welcher so viel Lärm ob seiner Rüstung gegen

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wird. Freilich hat dieser staatliche Religionsunterricht die Glaubenslosigkeit der Arbeitermassen und überhaupt weiter Kreise nicht zu hindern vermocht; aber die ein­fachste Regel der Klugheit sollte doch den Staat davon abhalten, auf die katholische Bevölkerung dasselbe System anzuwenden, das bei der protestantischen so bedenkliche Früchte getragen. So lange er dies nicht thut, muß angenommen werden, daß dem modernen Staate die Kirche noch mehr verhaßt ist, als die Sozialdemokratie; ihm noch mehr an der Vernichtung der ersteren gelegen ist, als an der Bekämpfung der letzteren.__________________________________________________rn.

Deutsches Keich.

Berlin, 2. April.

* Reichsfreiherr v. Fechenbach-Laudenbach veröffentlicht in der ,Augsb. Postztg.' einen Artikel mit der Ueberschrift: „Hoch dem Kaiser!", welcher sich mit der Zukunft des Centrums befaßt. Der Artikel enthält neben manchen schiefen und falschen Auffassungen eine Reihe interessanter Gedanken. 11. A. heißt es in demselben:

„Besaß die Centrumsleitung unter dem gewaltigen Einfluß Windthorst's einen gewissen monarchischen Charakter, so gleicht sie nach seinem Tode, ebenfalls beziehungsweise, einer Republik. Die verschiedenen Kräfte und Strömungen, die alle durch Windt­horst's bewährte, allerseits anerkannte, wahrhaft providentielle Autorität gebunden waren, fühlen sich jetzt nicht allein befreit, sondern sie empfinden selbst die moralische Nothwendigkeit, durch Markirung der eigenen politischen, sozialen und wirlhschaftlichen Standpunkte den für sie nvthigen Einfluß auf die Parteileitung zur Geltung zu bringen. Während früher die oberste Leitung in Windthorst gipfelte, kann sie jetzt nur in einem „Direk­torium", einem „Senate" ihren Ausdruck finden. Die Partei­leitung hat mit einem Worte wieder einen republikanischen Cha­rakter erhalten. Durch diese Wandlung in der Leitung der Cen- trumspartei ist weit mehr als unter Windthorst an die Partei­gruppen des Centrums die moralische wie politische Aufgabe der „Selbstbeherrschung" herangetreten. Die Centrumspartei wird nur dann noch Dauer und, was die Hauptsache ist, nur dann ihren großen politischen Werth behalten, wenn es der „Kompromiß-Politik" innerhalb der Partei gelingt, bei allen entscheidenden Gelegenheiten das Centrum als einen geschlossenen politischen Faktor erscheinen zu lassen. Jedenfalls sind die zu lösenden Schwierigkeiten mit dem Tode Windthorst's außerordent­lich gewachsen, und bedarf die Parteileitung im höchsten Grade der Weisheit, der Mäßigung und der Treue für die Gesamntt- heit, um den Aufgaben zu entsprechen, die ihrer harren. Mögen die Millionen von Deutschen, aus welchen die Centrumspartei besteht und die Parteileitung ihre Kräfte und ihre Autorität er­langen muß, als eine Art von Bermächtniß, den Worten ihres großen Führers allweg eingedenk bleiben."

Daß die Mitglieder der Centrums-Fraktion „die moralische wie politische Aufgabe der Selbstbeherrschung" ausüben werden, daran zweifeln wir schon deshalb nicht, weil ohne diese eine große Fraktion überhaupt nicht bestehen kann. Und waS die „Leitung" der Fraktion