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Freitag, den 3. April 1891.
18. Jahrgang
Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).
Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
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Deutsches Keich.
Berlin, 1. April.
* Kaiser Wilhelm ist heute früh in Stettin eingetroffen und von der Bevölkerung enthusiastisch begrüßt worden. Bald nach seiner Ankunft besichtigte er die Werkstätten des Vulkan und reiste sodann mittelst Sonderzuges nach Lübeck weiter. In Lübeck wurde der Kaiser von seinem Bruder, dem Prinzen Heinrich, auf dem Bahnhofe empfangen. Der Einzug des Kaisers in die alte reichgeschmückte Hansestadt erfolgte unter dem Geläute aller Glocken. Der Kaiser nahm in der Wohnung des Bürgermeisters Dr. Behm Absteigequartier und nahm dort die Vorstellung der Mitglieder des Senats entgegen. Daran schloß sich eine Rundfahrt durch die Stadt und eine Besichtigung des Domes und der Marienkirche. Abends 6 Uhr fand ein Festmahl im Rathhause statt. Die Abreise von Lübeck war auf Abends 9 Uhr festgesetzt.
* Der 20. Kongreß der deutschen Gesellschaft sür Chirurgie hat heute begonnen. 1 Inter den zahlreichen Theilnehmern befinden sich auch Vertreter Schwedens, Norwegens, Rußlands, Oesterreich, der Schweiz, Amerikas und Japans. Die Verhandlungen wurden von Professor Thiersch-Leipzig mit einem Nachruf für die verstorbenen Mitglieder eröffnet. Prof. v. Bergmann berichtete über das Langenbeckhaus: die Grund- erwerbskosten sind im Wesentlichen aufgebracht, für den 300,000 M. kostenden Bau sind als kaiserliches Geschenk 100,000 M. verfügbar. Den Rest leiht die Deutsche Bank. Den wichtigsten Punkt der wissenschaftlichen Tagesordnung bildet eine Besprechung der Koch'schen Entdeckung. Dr. Koch, der aus Egypten zurückgekehrt ist, wohnte den Verhandlungen bei.
* Aus dem Wtlsensonds sind, wie der .Freis. Ztg.' geschrieben wird, auch zum Theater-Bau in Göttingen 100.000 M. hergegeben worden behufs „Abwehr feindlicher Unternehmungen des Königs Georg und seiner Agenten". Die Sache wird ja immer interessanter! Man begreift es, daß angesichts der neuesten Enthüllungen das Hauptblatt der National- liberalen in Hannover, der .Hannov. Kourr.' das Folgende schreibt: „Sollte sich eine Einigung bezüglich des Kapitals nicht erzielen lassen, sollte auch eine Ueberweisuug der gesammten Rente an die Mitglieder des frühem hannoverscyen Königshauses zur Zeit nicht
Verfolgt.
Frei nach dem Englischen des Marion Crawford von Cora von Schönburg.
(6. Fortsetzung.)
„Sie sehen, er ist ruhig wie ein Lamm und würde keiner Fliege ein Lew thun," fuhr Mr. Juxon fort.
„Ich finde es schrecklich, so große Thiere um sich zu haben," sagte Mrs. Goddard leise, indem sie beit Hund noch einmal entsetzt betrachtete.
„Ich bedauere unendlich, Ihnen durch meine Erzählung einen Abscheu vor diesem meinem Freunde ein» geflößt zu haben, ich wollte nur seine Treue hervorheben. Mau kann nicht umhin, den zu lieben, der uns das Leben gerettet hat."
„Das ist nur zu natürlich, aber mich beunruhigt die Nähe so großer Thiere; ich glaube, ich bin sehr schreckhaft."
„Dagegen haben Sie wohl," bemerkte der Squire, „eine große Vorliebe für Blumen?"
„Ich?" fragte Mrs. Goddard erstaunt. „Gewiß, sehr, — warum?"
„Ich dachte, es würde Ihnen vielleicht Spaß machen, wenn man beit Garten hier etwas verschönerte. Man könnte sehr leicht einige Blumenbeete barin anlegen. Ich habe, als großer Blumenfreunb, gleich Umschau darnach gehalten, aber es scheint nichts da zu sein."
erwirkt werden können, so ist es doch eine in allseitigem Interesse nicht abzuweisende Nothwendigkeit, über denjenigen Theil der Rente, welcher bisher zu geheimen Ausgaben verwendet wurde, auderweite Bestimmung zu treffen."
* Der , Reichsanzeiger' theilt halbamtlich mit: „Nachdem schon seit längerer Zeit Erwägungen über eine anberroeite Regelung ber Verwaltung des durch die Verordnung vom 2. März 1868 in Beschlag, genommenen Vermögens der vormaligen hannoverschen Königsfamilie stattgefunden hatten, ist nunmehr vom Staatsministerium der Beschluß gefaßt worden, dem Landtage der Monarchie in der nächsten Session einen Gesetzentwurf zur verfassungsmäßigen Beschlußfassung vorzulegen, welcher für die Dauer der Beschlagnahme die erforderlichen näheren Bestimmungen über die Verwendung der Revenuen dieses Vermögens und deren Kontrole zu treffen bestimmt ist.
* Für morgen wird eine Mittheilung des amtlichen Staatsanzeigers über die bisherige Verwendung des Welsensonds erwartet.
* Zur Sperrgelderfrage schreibt die ,Köl. Vztg.': Die die Regierungsvorlage erheblich verschlechternden Kommissionsbeschlüsse sind bekannt. Sie bezwecken, die aufgesammelten Kapitalien möglichst zu „verwenden", damit für den aus dem Rest zu bildenden D i ö z e s a n- fonds nicht viel übrig bleibe. Zu dem Behuf wird das Interesse des einzelnen Geistlichen bezw. seiner Erben gegen dasjenige des Bischofs ausgespielt, dem Bischof jede Mitwirkung bei Prüfung der angemeldeten Ansprüche entzogen und direkte Zahlung aus der Staatskasse an den Empfangsberechtigten ohne Vermittelung der Kurie angeordnet, um, wie es in dem Kommissionsbericht so „schön" heißt, jeden Verdacht einer Einwirkung zum Verzicht auf die Annahme abzuschneiden. Und warum diese Bestimmungen? Weil die protestantischen Mitglieder der Kommission ein unbesiegliches Mißtrauen gegen die katholischen Bischöfe haben. Aus dem Grunde wurden den Bischöfen auch die Hände gebunden bezüglich der Verwendung der Erträge aus dem Diözesanfonds; beispielsweise dürfen sie die Mittel nicht verwenden zur Unterstützung von Aspiranten des geistlichen Standes und zur Ausbildung von Geistlichen, also keine Zuwendungen an Konvikte. und Priesterseminare machen, auch arme Kirchengemeinden bei Neuerrichtung von Kirchen, Kapellen, Häusern für Geistliche und Kirchendiener nicht unterstützen, es sei denn, daß es sich um einen Neubau an Stelle bereits vorhandener Gebäude handelt. Demzufolge werden gerade die aller ärmsten Gemeinden, welche sich mit einem Betsaal behelfen müssen und den Pfarrer und Küster in einem Privathause eingemiethet haben, leer ausgehen, und zwar nicht nur Gemeinden der Diaspora,
„Allerdings nicht," antwortete Mrs. Goddard, „aber ich möchte nicht, daß Sie sich meinetwegen bemühten, die Cottage gefüllt uns ohnedem schon so gut."
„Nun, ich hoffe, Sie werden sie immer lieber gewinnen," erwiderte der Squire mit einem offenen Lächeln; „Sie wissen — was in meinen Kräften steht, wird geschehen," dabei stand er, wie um Abschied zu nehmen, auf — „Ist es erlaubt, dieses Bild einmal in der Nähe zu betrachten? Richtig, ein Andrea del Sarto — ich dachte es mir gleich Unglaublich, in einem Billingsfielder Landhause! Wie sind Sie zu der Aequisition gekommen, Mrs. Goddard?"
„Es gehörte meinem Manne," erklärte die junge Frau.
„Ach so, ich bitte um Verzeihung," sagte der Squire mit gedämpfter Stimme, wie Jemand, der besorgt ist, eine traurige Erinnerung geweckt zu haben. Dann wandte er sich zum Gehen. „Wir essen, wie Sie wissen, um halb acht Uhr, damit es Miß Nellie nicht zu spät wird," sagte er mit der Hand an der Thür.
Obwohl ihr der Besucher nicht unsympathisch war, freute sich Mrs. Goddard doch, als er gegangen war. Die Geschichte mit dem Hunde hatte sie erschreckt, die Erwähnung ihres Gatten hatte sie aufgeregt und traurig gemacht. Das Gefühl ihrer unsicheren Stellung, welches sie schon am Vorabende dem Squire gegenüber empfunden hatte, war durch seinen Besuch noch leb-
soudern auch andere. Denn die betreffende Bestimmung in den Kommissionsbeschlüssen ist ganz allgemein gehalten. lieber den in jeder Diözese für den einzelnen erlaubten Zweck zu verwendenden Gesammtbetrag hat eine Vereinbarung zwischen dem Bischof -uni), dem Minister der geistlichen Angelegenheiten stattzufinden, und überdies wurde das Aufsichtsrecht des Staates über die Vermögensverwaltung ausdrücklich aufrecht- erhalten, so daß der Staat auch jede Einzelverwendung zu kontroliren in der Lage ist. Die Vergünstigung, daß nur über den Gesammtbetrag eine Vereinbarung zwischen dem Minister und dem Bischof nöthig sein soll, hat also in der That wenig zu. bedeuten. In welcher Fassung nun auch ber Entwurf bie Genehmigung des Landtags erhalten wird — schlimmstenfalls trösten wir uns damit, daß das Geld überhaupt in katholische Hände zurückgelangt — die bisherige Behandlung der Angelegenheit hat wieder ein 9JM den unhaltbaren Zustand klar vor Augen geführt, daß kirchlich-protestantische Gesichtspunkte maßgebend sind bei Anerkennung ober Zutheilung von Rechten ^nnd Freiheiten an bie katholische Kirche, in diesem Falle sogar im Wiberspruch znm Staatsministerium. In letzter Folge würbe diese Praxis zur Einrichtung von Interessensphären führen, die ja wenigstens schon für unsere Kolonien das Ideal des Herrn Stöcker sind. Laut dem Kommissionsbericht wurde der Inhalt des konservativen Antrags als die äußerste Grenze des Entgegenkominens gegen bie Wünsche ber katholischen Mitbürger bezeichnet, welches die Gefühle ber sehr erregten evangelischen Bevölkerung gestatteten. Diese Erregung kann nicht sehr weit verbreitet sein und ist in jedem Falle ganz unbegründet. Um ihr Rechnung zu tragen, wurde von einem Mitgliede des Eentrums in der Kommission sogar anheimgestellt, die Verwendung zu „propagandistisch en Maßregeln" für die Diaspora ausdrücklich im Gesetze auszuschließen. Auf das Anerbieten wurde aber nicht eingegangen. Nehmen wir an, von den auf bie Diözese Breslau entfallenden 1,482,000 M. blieben 300,000 M. übrig, was sicher sehr hoch gegriffen ist, so ergibt dieser Fonds zu 31 2 pCt. verzinst jährlich 10,500 Mk., von denen etwa 5000 zu Emeritenzwecken und 1500 zur Ausbesserung der Gehälter von bischöflichen Beamten verwendet würden. Mit den übrigen 4000 M. eine wirksame Propaganda in den Provinzen Brandenburg und Pommern zu betreiben, muß doch auch den Protestanten als unmöglich erscheinen, selbst wenn auf katholischer Seite die Absicht dazu vorhanden wäre, was nicht ber Fall ist. Was würben beispielsweise 4000 Mark be- beuten für eine neu zu errichtende Kirche in Berlin?
* In politischen Kreisen glaubt man neuerdings wieder, daß Graf Wulderfee nicht lange in Altona Hafter geworden. Sie konnte aus seinem ganzen Wesen schließen, daß er den Verkehr mit ihrem Hause in dir freundschaftlichsten Weise fortzusetzen gesonnen sei. Die vorgeschlagenen Verbesserungen in Haus und Garten und die Einladungen zum Diner — dies Alles ver- rietij den Wunsch sich ihr gefällig zu erweisen, und Mrs. Goddard verhehlte sich nicht, baß all diese Liebenswürdigkeiten auch ein freundliches Entgegenkommen von ihrer Seite bedingten.
Nebenbei beunruhigte sie das Interesse, welche bie flüchtige Berührung seiner Reiseabenteuer, ber babei bewiesene Muth und die offene Natürlichkeit seines ganzen Wesens überhaupt in ihr wachgerufen hatte. Sie hatte die Fähigkeit, sich jemals wieder für einen Mann intereffiren zu können, in sich erstorben geglaubt, und nun mußte sie zu ihrer Beschämung wahrnehmen, daß sie Mi. Juxons Bild, trotz ber nur zweimaligen Begegnung, kaum ans ihren Gebanken zu bannen vermochte. Schon ber Versuch, ihn zu vergessen, genügte bei ihrer krankhaften überreizten Natur, ihr feine Persönlichkeit stets gegenwärtig zu halten. — War es nicht vielleicht besser, ihn gleich mit ihrer Geschichte bekannt zu machen? Aber nein — warum? Sie wollte fortsahren, still und zurückgezogen, wie bisher, zu leben, und wo ihr der Squire begegnete, da sollte fein störender Nebengedanke den freundschaftlichen Verkehr beeinflussen.