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JW 71

Sonntag, den 29. März 1891.

18. Jahrgang

Für die Rebaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).

Vierteljährlicher Abonnementspreir ohne Bringer« lohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage /Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

Dir »Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen.

Inserate kosten die einspaltige Zeil« oder deren Raum 16 Ps., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

SSS* Wegen des hl. Osterfestes wird die nächste Nummer ds. Bl. erst am Dienstag ausgegeben.

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# Wern.

Ostern! schönstes Wort der deutschen Sprache — denn du bedeutest Auferstehung, Leben ohne Tod, Selig­keit im Herrn, ewige Wonne des Himmels.

Ostern ist der Inbegriff alles Schönen, das Ziel und die Erfüllung jeglichen Verlangens, das Fest der Feste, der unendliche Triumphzug des göttlichen Siegers und Seiner Kirche, die glorreiche Bestätigung aller Verheißungen, der strahlende Sonn- und Sonnentag, an welchem das Licht nicht mehr zur Neige geht.

Alljährlich erfüllt das wiederkehrende „Alleluja", womit die Kirche in heiliger Freude den Erstandenen aus Todes Banden begrüßt, alle gläubigen Herzen mit einem Schauer seliger Ahnung." „Weil im Himmel gesungen", berichtet uns 8. Jsidorus Hispalensis, der heilige Bischof von Sevilla (f 636) in seinen Büchern de ecclesiasticis officiis, „galt das Alleluja den Christen von jeher als ein „Tropfen von den Wonnen des Himmels" und sie ließen es daher aus Ehrfurcht un- übersetzt.

Ist es nicht in der That, als wenn wir den auf ben himmlischen Bergen gezeitigten Wein zu den Lippen steigen fühlen, wenn plötzlich nach der tiefen Grabes­stille des Charfreitags das in Trauer versunkene Herz durch den frohen Schall der wiedererwachten Glocken uufgerüttelt wird, wenn der Priester den Gesang der Engel, das Gloria in excelsis, von neuem anstimmt, wenn die Orgel mit ihren brausenden Ton-Wogen die Hallen der Kirche erfüllt und schließlich das mystische Alleluja wie ein Siegesklang aus lichteren Sphären sich in den Jubel der streitenden Kirche mischt, — ist diese Stunde nicht eine der schönsten im menschlichen Leben?!

Selbst ein Faust, der vor lauter tiefsinnigem Grübeln zur Weisheit der Verzweiflung herunterge­kommen ist, stößt beim Klange der Osterglocken den Giftbecher von sich und klammert sich nochmals hoffend nn das Leben. Freilich ohne Erfolg, weil ihm der Glaube fehlt.

Nur durch denGlauben erhält dieOster- feier ihre hohe, wunderbare, himmlische Bedeutu ng.

Die Auferstehung der Natur allein kann die Wonnen nicht erklären, die diesem Feste eigen sind; das Knospen und Blüthen, das Werden und Wechseln, die ganze Lenzherrlichkeit würden den größten Theil ihrer Reize einbüßen, wenn nicht der Gedanke der göttlichen Auf­erstehung damit verbunden wäre, welche auch den welkenden und sterbenden Menschenblumeu das Wieder­aufleben aus dem schaurigen Dunkel der Gräber ver­heißt und verbürgt.

Ich habe einmal irgendwo gelesen, daß den Dichtern und Künstlern des Alterthums die Freude am Natur- leben in weit geringerem Maße eigen war als uns, ihren beglückteren Enkeln und Nachkommen; wenigstens sei dicke Naturfreude in ihren Werken weit weniger zum Ausdruck gelangt, und wenn es auch nicht leicht ist, diesen Satz zu beweisen oder zu kontroliren, so darf man ihn doch wohl als wahrscheinlich hinnehmen, da in der Seele jener Dichter und Künstler beim An­blick der kurzen und rasch verblühenden Schönheit mehr Wehmuth als Freude erzeugt werden mochte, und als Schlußgedanke wohl nur die pessimistische Lebens- auschauung zurückblieb: „Was besteht, ist werth, daß >es zu Grunde geht!"

Was singt Horaz?

„Quid sit futurum cras, fuge quaerere : et Quem sors dierum cumque dabit, lucro Appone, nee dulces amores

Sperne puer, neque tu choreas.“

„Erforsche nicht des morgenden Tages Los Und rechne jeden Tag, den das Schicksal Dir Verleihet, zum Gewinn; als Jüngling Flieh' weder Tanz, noch die süße Liebe."

Wer nur in leichtlebigem Sinn an die Freuden des rasch verrinnenden Tages in Spiel und Tanz denkt, dem kann die Natur nichts bieten als eine Blume, womit er seine Geliebte schmückt od'r als eine süße Frucht, die seinen Gaumen kitzelt.

Anders der christliche Dichter, der die Tage der Welt mit ihrer trübseligen Last für nichts achtet und seine einzige Hoffnung auf den morgigen Tag gesetzt hat, auf den Tag von dem die Kirche singt: „Haec dies, quam fecit Dominus!“ (Das ist der Tag, den der Herr gemacht; wir wollen frohlocken und uns freuen an ihm!)

Diesen Tag preist der unsterliche Adam von St. Victor in seiner herrlichen Sequenz:

„Salve, dies dierum gloria, Dies felix Christi victoria, Dies digna jugi laetitia, Dies prima!“

„Heil dir, Tag, der Tage Ruhm, Tag, beglückt durch Christi Sieg, Tag, der ew'gen Freuden werth, Erstlingstag!"

In solchem Lichte betrachtet, gewinnt das Erwachen der Natur aus dem Winterschlafe eine ganz andere Bedeutung; der Duft des bescheidenen Veilchens, der Wohllaut der Nachtigall, die Farbengluth der Rose, Alles wird verklärt vom himtnlichen Glanze und ge­mahnt an das neue Eden, das in unvergänglicher Herr­lichkeit aus den Trümmern der dornenbesäten Welt erstehen wird.

Ostern! Ostern! Du trostvvllster Klang im irdischen Jammer, der Alles versüßt, der alle Entbehrungen aus­gleicht, der alle Leiden zu nichte macht, wie soll ich deine Fülle in Worte kleiden!

Weihnachten mit dem rührenden Bilde des gött­lichen Kindes in der armen Krippe ist der Anfang unserer Wonne und vorzugsweise das Fest der Kinder; Ostern ist die Vollendung, das Siegesfest der Christen, welche die Jahre der Männlichkeit erreicht haben. Je tugendreicher, vollkommener, heiliger das Leben sich ge­staltet, um so höher wird die Osterfreude steigen. Aber auch wer aus dem Grabe seiner Sünden aufersteht und die vergängliche Lust zurückläßt, wird hier kosten, wie süß der Herr ist.

Denn der Vorgeschmack der himmlichen Wonne, der im „Alleluja" angedeutet ist, totfb Jedem zu Theil, der mit reinem Herzen dem hochzeitlichen Mahle naht, wo ihm das göttliche Osterlamm wird dargeboten. Für ihn kann das ganze Leben zum Ostern werden. Mit ihm wird der Herr alle Tage in verklärter Ge­stalt auf Erden wandeln, so wie ich es im Liede aus­zudrücken versucht habe:

„Wenn im geheimen Lenzesweben Die Blüthe leuchtend sich erschließt, Und rings zu frisch verjüngtem Leben Ein Wald von grünen Knospen sprießt, So pocht es wohl im leisen Fragen An uns're Herzen Wunderkind, Warum von allen schönen Tagen Des Jahres dies die schönsten sind? Und jubelnd tönts von allen Seiten: Es ist das Fest vom Aufersteh'n, Wo alle Wesen sich bereiten Die Herlichkeit des Herrn zu seh'u. Nun wandelt er verklärt auf Erden Und lohnt durch seine Gegenwart All', die in Leiden und Beschwerden Bis in den Tod bei ihm verharrt.

Im Zephyrhauch, im Dust der Blüthe, Im Hellen Lied der Vögeleiu, Scheint uns der Odem Seiner Güte, Scheint uns der Heiland nah zu sein. Es ist, als muß Er uns begegnen, Wenn wir im Garten uns ergehn, Als werd' er liebevoll uns segnen Wie einst Marien Magdaleu.

Es ist, als wenn Er mit uns schritte, Noch unerkannt, gen Emäus, Bis tröstlich tönt in unsrer Mitte Sein wunderbarer Friedensgruß. Dann wollen wir die Thüren schließen Der Welt, die lärmend uns umringt, Um ganz der Wonnen zu genießen, Die uns der Auferstand'ne bringt.

Deutsches Keich.

Berlin, 26. März.

* Stettin, Lübeck, Kiel und Altona rüsten sich auf den bevorstehenden Besuch des Kaisers. Der Kaiser trifft am 1. April früh in Stettin ein, um dort die Arbeiten auf der Dacht „Hohenzollern" zu besichtigen. Von da geht es nach Lübeck. Am 2. April schifft sich der Kaiser in Travemünde an Bord des Aviso „Greif" ein, um die Kreuzerkorvette „Carola" zu inspizireu; Nachmittags laufen die Schiffe in dey Kieler Hafen ein und der Kaiser übernachtet im Kieler Schlosse. Am nächsten Tage wird der Kaiser in Altona erwartet, um die Hamburg-Altona-Wandsbecker Garnison zu besich­tigen. Wie verlautet, wird der Kaiser hier beim Grafen Waldersee übernachten. Anfangs hieß es bekannt­lich, der Kaiser würde beim Grafen Waldersee auch mit dem Fürsten Bismarck zusammentreffen, aber die Quelle, aus welcher diese Nachricht stammte, war eine ziemlich unsichere. — Ende April oder Anfang Mai gedenkt der Kaiser den Rhein zu besuchen, insbe­sondere sind es die Städte Köln, Düsseldorf und Bonn, welche dem Besuche des Monarchen entgegen­sehen. In dem an historischen Erinnerungen so reichen Gürzenichsaale zu Köln wird dem Kaiser zu Ehren ein großes Festmahl veranstaltet.

* Mit Bismarck s Kandidatur im 19. hannover­schen Wahlkreise ist'S den Liberalen Ernst. Der natio­nalliberale Wahlaufruf ist erschienen, er ist unterzeich­net von dem Central-Comito der nationalliberalen Par­tei des 19^ hannoverschen Wahlkreises und wendet sich an die „reichs treuen" Wähler mit der Aufforderung zum Eintreten für die Kandidatur des Fürsten Bis­marck. Laut diesem Aufruf stellen die Liberalen nicht den Parteimann, sondern „den Begründer des deutschen Reiches, den größten Staatsmann des Jahrhunderts und aller Zeiten" auf, wodurch „dem Wahlkreis eine hohe Ehre und Auszeichnung zu Theil wird, wie kein anderer Wahlkreis des deutschen Reiches sich dessen rühmen kann." Das wird ziehen! Wer aber den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. — Tritt Fürst von Bismarck in den Reichstag ein, so ist er der Schöpfer einer neuen Partei, und diese Partei kann nur eine „ Wirthschafts-Partei" sein. Also zu lesen in dem Organ des bekannten Cen­tral-Verbandes der Großindustriellen, in der,Deutschen Volksw. Korresp.', die sich bereits seit Monaten ab- strapazirt, eine „Wirthschafts-Partei" im Reichstage und im Landtage auf die Beine zu bringen. Jetzt fetzt sie ihre Hoffnung auf den Generalissimus in spe, aber auch dabei wird sie ihre Rechnung nicht finden, denn dem General werden, wenn er die schöpferische Tätig­keit versuchen sollte, die Mannschaften fehlen. Das Centrum hat bereits erklärt, daß es keine Rekruten stellen werde, die Nationalliberalen taffen sich's wohl fein in der Freiheit für alle wirthschaftlichen Fragen, durch deren Gestattung der Zusammenbruch der Partei allein noch verhindert wird und die Konservativen sind auf das Kommando „Augen rechts" so eingeschult, daß auch ein Bismarck mit ihnen nichts wird anfangen können. Was er schaffen und als „Wirthschafts-Par­tei" vorführen kann, wird eine aus den verschiedensten Lagern sich rekrutirende Deserteur-Kompagnie sein, mit den Reichsparteilern Kardorff und Mirbach als Unteroffiziere; damit läßt sich aber der Regierung nicht imponiren.

* Daß der Wrlfensonds aufgehoben wird, ist jetzt sicher, sobald der Reichstag alljährlich die nöthigen Dispositionsfonds bewilligt. Die Affaire Bötticher liegt für diesen sehr günstig, da sich dessen völlige Un­schuld in der Angelegenheit herausgestellt ist.

* Die Osterferien des Bundesraths werden nur P/g Woche dauern, bereits Ende nächster Woche soll wieder eine Sitzung stattfinden.

* Wie aus Wien gemeldet wird, wäre der Abschluß des deutsch-österreichischen Handelsvertrags noch heute erwartet.

* Der Kapitän z. See Geisel er ist durch kaiserl. Kabmetsordre mit der Wahrnehmung der Geschäfte eines Kommandanten von Helgoland beauftragt worden.

* Der am 25. ds. Mts. in Dresden verstorbene