Freitag, den 27. März 1891.
18. Jahrgang
Fuldaer Zeitung
Druck it. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).
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Sozialdemokratie und Militäretat.
Schon bei der vorigjährigen Etatsberathung im Abgeordnetenhause glaubte der neue Reichskanzler darauf hindeuten zu sollen, daß seit 1870 eine neue Generation herangewachsen sei, und die Disziplin in der Kaserne jetzt mit anderen jungen Leuten, als früher zu thun habe. Bei dem neuen Militär-Etat im Reichstage waren zu dem Zwecke, um gediente und zuverlässige Männer in der Stellung der Unteroffiziere zu erhalten, Prämien für dieselben vorgeschlagen, und bei dieser Gelegenheit ließ es sich Herr von Caprivi nicht versagen, auf den peinlichen Punkt noch ausführlicher zurückzukommen, und geradezu den blutigen Aufstand und Straßenkampf als unvermeidlich hinzustellen. Seine Aufrichtigkeit ist ihm auf mehr als einer Seite verargt worden.
„Ich habe nun einmal." sagte er hierbei, „die Ueber- zeugung, daß die sozialdemokratische Frage die Frage ist, die für das Ende dieses Jahrhunderts, vielleicht auch für Jahrzehnte des nächsten Jahrhunderts, die herrschende sein wird. Ich habe den aufrichtigen Wunsch, daß sie auf friedlichem Wege gelöst werden möge; ob der Wunsch abxr erfüllbar sein wird, das vermag ich nicht vorherzusehen, und ich würde glauben, daß die verbündeten Regierungen, wenn sie nicht den Fall ins Auge faßten, daß die friedliche, organische Lösung unmöglich wird, ihrer Pflicht nicht genügen würden. Ich muß auch gestehen, daß, wenn man in der Nothwendig- keit ist, sozialistische Schriften und Bücher zu lesen, namentlich solche, die nicht in Deutschland erschienen find, solche, in denen die Theorie sich vollkommen entwickelt, man immer vor der Frage stehen bleibt, ob überhaupt ein Mensch glaubt, daß diese Dinge ohne Zerstörung des Staates zur Ausführung kommen könnten. Ich möchte also meinen, daß, wer solche Theorien vertritt, immer einen Kanipf mit den bestehenden Verhältnissen voraussetzt, daß also auch die Regierung die Pflicht hat, sich auf einen solchen Kampf zuzuschneiden. Ich habe nicht die Besorgniß, daß. wenn man diese Sachen offen bespricht, man dadurch die Gefahr, die in ihnen liegt, vergrößert. Der H. Abgeordnete Richter meint, wenn vom Regierungstisch aus davon gesprochen wird, so mache das den Eindruck, als sei die Sozialdemokratie die einzig treibende Kraft im Staate oder Reiche. Das ist meine Meinung nicht; aber ich halte sie zur Zeit für die größte Gefahr im Reiche, und weil ich sie dafür halte, so glaube ich, eben die Kräfte zu ihrer Bekämpfung bei jeder neuen Gelegenheit ausnützen zu müssen. Es wird, so lange ich die Ehre habe, an dieser Stelle zu stehen, kein Ge
Ecce homo!
Pilatus ruft's, doch bricht das Wort Nicht der Verfolger blinde Wuth;
Vernichtung schnauben sie und Mord, Drum fordern laut sie Jesu Blut!
Erschütternd Wort, das tief enthüllt Des Heilands Schmach, der Hölle Schmerz: Du klangst Verstockten, haßerfüllt, Au's felsenharte Judasherz! —
Doch sieh'! ein Segen ward dies Wort Und in der Gläub'gen Herz und Muth Erklang es fürder fort nnd fort. Und nährte heil'ger Andacht Gluth!
Ein mächt'ger Weck- und Gnadenruf Ergreift es manchen spröden Sinn, Dem falsches Licht Bethörung schuf, Und lenkt ihn ernst zur Wahrheit hin:
Zur Wahrheit, die sich laut bezeugt Des Richters Frage und Geheiß, Die, als sie seiner Thorheit schweigt, Pilatus gibt den Henkern preis!
Und Manchem, der von Schuld gebeugt Nach Rettung seufzt in seiner Nacht, Zum Frieden hat den Weg gezeigt Des Wortes stillgewalt'ge Macht.
Auch Jesu treuer Jünger Schaar
Ertönt es heute, ernst und hehr; Und die Ihm huld'gen immerdar, In seiner Schmach thun sie es mehr!
setz hier eingebracht werden, keine Maßregel vorgeschlagen werden, die nicht von dem Standpunkt geprüft worden ist: wie wirkt sie auf diesvzialdemokratischeFrage ein? Ich habe schon in dem anderen Hause mich in ähnlicher Weise geäußert, und ich kann von dieser meiner Aliffassung nicht abgehen."
Als der sozialdemokratische Redner, indem er die Unteroffiziersprämie hämisch als „Gesinnungsprämie" bezeichnete, offen zugestand, daß „heute schon eine Menge von jungen Leuten mir einer fertigen politischen Meinung in das Heer einträten, und die soldatische Saniere mit anderen Augen als früher betrachteten": da hatte er selbstverständlich den Zuzug ans dec städtischen Bevölkerung im Ange. Aber die Sozialdemokratie sieht die Kaserne auch als ein unwillkürliches Erziehungs- Institut der ländlichen Rekruten für ihre Zwecke an. „Die jungen Rekruten", beißt es in der Stuttgarter .Neuen Zeit' (1891, Nr. 20, S. 628), „die aus den heimathlichen Verhältnissen plötzlich in die großstädtische Garnison versetzt werden, mögen sich im Anfänge ihrer militärischen Laufbahn wohl nach den heimathlichen Penaten zurücksehnen. Wenn sie aber einmal die Widerwärtigkeiten der Rekrutenzeit hinter sich haben, und ihnen die Augen aufgegangen sind über die ganze Erbärmlichkeit ihres heimathlichen Daseins, dann werden gewiß manche von ihnen mit dem General von Falkenstein die Kasernen für wahre Ferienkolonien ansehen. Alle aber werden eine tiefe Unzufriedenheit mit den ländlichen Verhältnissen nach Hause bringen. Das ist die kulturelle Seite des Militarismus.
Es kann kein Zweifel'sein," daß die furchtbaren Rüstungen gerade in dem deutschen Reich, wo immer noch besondere Ursachen aus der Vergangenheit hinzutreten, nicht nur mittelbar durch die stete Steigerung der allgemeinen Unzufriedenheit, sondern auch unmittelbar durch seuchenartige Ansteckung in der Kaserne die üppigste Saat für die sozialdemokratische Ernte ausstreuen. Und ein Stillstand ist bei der jetzigen Lage gar nicht abzusehen! Erst jüngst noch hat bei der Berathuug des Marine-Etats der selige Windthorst gesagt: „Die Darlegung des neuen Flottenplanes von Seite des Staatssekretärs hat in der Kommission einen sehr tiefen, erschreckenden Eindruck gemacht, ähnlich wie die Darlegung des früheren Kriegsministers v. Verdy über die Pläne der Militärverwaltung." Es ist so arg, daß auch jetzt wieder der Civilstaat verleugnen lassen mußte, was im militärischen Hintergründe lauert.
Vor ein Paar Monaten hat dec Landgerichtspräsi- bent von Kunowski zu Bielefeld eine Schrift herausgegeben, die noch düsterer sieht, als der neue Reichskanzler. Auf die Frage, im Titel der Schrift: „Wird der Sozialdemokrat siegen?" antwortet der Verfasser mit „Ja", und er weiß nur den Trost, daß ihr Sieg nur von kurzer Dauer sein werde. „Es gibt viele
So tritt denn heut' auch Du heran, Dem Weltverstand als Weisheit gilt, Und schau dein tiefstes Wesen an In Deines Heilands Jammerbild!
Du findest einen Spiegel nicht, Ter treuer Deine Schuld verräth Und ihrer Bosheit Strafgericht, Das fordert Gottes Majestät!
Doch wie? Du klagst die Juden an Und schiltst der Frevler Unnatur'?
Du bist's, der Jeium das gethan, Und jene sind dein Werkzeug nur!
Schau dieses Haupt! was kündet dir
Der Dornenkrone Bitt'rer Spott'? — Wohl ziemt der Hoffart solche Zier, Die sich vermaß „zu sein wie Gott!"
Und dieses Antlitz, todtenblaß, Wie trägt es blut'ger Male viel: Die Zeugen, wie's ohn' Unterlaß Verruchter Grausamkeiten Ziel!
Und Du? — Du schmückest dein Gesicht Im niedern Dienst der Eitelkeit, Und scheust die Heuchlermiene nicht. Die schnödem Trug die Maske leiht!
Schau an den heil'gen Leib so wund, Von Geißelstreichen ganz zerfleischt!
Was thut der blut'ge Akt dir kund'?
Was ist's, das solche Sühne heischt'? —
Du hast in frev'ler Lust geliebt Dein sündig Fleisch als höchstes Gut,
kundige Personen, die Herrn von Kunowski in beiden Punkten zustimmen": sagte das konservative Hanpt- organ in Berlin. Wer hätte noch vor zehn Jahren solche Aussichten für möglich gehalten? Aber was nun, wenn nach solchen Geständnissen selbst Bajonette und Kanonen, die man von oben bisher als zuverlässige und sichere Stützen für die jetzige Gesellschaftsordnung betrachtete, uns nicht über die bevorstehende sozialdemokratische Katastrophe hinüberhelfen können? Vickennt consulea! -n.
Deutsches Keich.
Berlin, 25. März.
* Tas Beileidsschreiben des Papstes an das Centrum
hat folgenden Wortlaut:
Unfern geliebten Söhnen, den edlen Herren Graf Ballestrem, Freiherr v. Heeremaun und Gras Preysing.
Geliebte Söhne! Grus und apostolischen Segen.
Obschon die innige Eintracht, die euch mit dem ausgezeichneten Ludwig Windthorst verband, Uns niemals verborgen war, so ist sie Uns noch klarer geworden durch das Telegramm, welches ihr Uns in enorm Namen und dem eurer katholischen Kollegen durch Unfern geliebten Sohn, den Kardinalminister des Aeußeril zugehen ließet. Bon gerechtem und bitterm Schmerz sehen wir euch erfüllt über den unverhofften Tod des Mannes, dessen Frömmigkeit, Tadellosigkeit, Klugheit und übrige Geistesvorzüge euch vor Allem vor Augen lagen, die ihr ihm als Führer bei den wichtigsten öffentlichen Angelegenheiten folgend nicht weniger die Gefährten seiner Mühen und Anstrengungen, als seines Ruhmes geworden seid. Denn vertrauend auf eure Mitwirkung und Unterstützung, hat er in höchst wichtigen Zeiten die Sache des Christenthums und des Staates vertheidigt, die Rechte der Kirche tapfer zu schützen unternommen, die einmal vertretene Sache der Gerechtigkeit mit hohem Muthe hochgehalten, bis er das erreicht sah, was er so konsequent angestrebt hatte.
Mit Recht aber rühmt ihr euch, daß er der Führer eurer Partei gewesen, der niemals durch die Macht seiner Feinde oder durch die Volksbewegungen sich wankend machen ließ, der so sein Vaterland liebte und seinem Fürsten die gebührende Ehrfurcht entgegenbrachte, daß er niemals diese Pflichten von der Ausübung der Religion trennte, und so durch das Gewicht seiner Gründe und durch die Kraft einer mächtigen Beredtsamkeit seine Gegner bekämpfte, daß man leicht erkannte, daß der Eifer für die Wahrheit, nicht aber irgend ein Voriheil oder Ehrbegierde ihn in den Streit führte. — Von diesen seinen Verdiensten sind Wir, wie es recht ist, überzeugt; und wie Wir es anderswo bei passender Gelegenheit bezeugt haben, so wollten Wir auch neulich in diesem Jahre, als wieder der Jahrestag Unserer Krönung heranrückte, durch neue Ehrenbezeugungen ihn heben, indem Wir ihn zum Ritter erster Klaffe des Ordens St. Gregors des Großen ernennen und mit dem Ehrenzeichen desselben ihn schmücken wollten. Wenn er, durch den Tod hinweggerafft, diesen Beweis Unserer Liebe und Hochachtung nicht genießen konnte, so tröstet und richtet Uns die sichere Hoffnung auf, daß Gott ihn mit höheren Ehren geschmückt und er jene unvergängliche Glorie erlangt habe, die glorreicher und glückseliger ist, als jede menschliche Ehre.
Ihr aber, geliebte Söhne, eingedenk der Tugenden und Beispiele eines so großen Führers, beharrt standhast auf seinem Wege und haltet unter euch enggeschlossen die Eintracht, welche auch er immer in seiner Schaar eifrigst und angelegentlichst unterhielt. Haltet für sicher, daß er in tiefster Seele stets davon überzeugt war, daß ihr um fo sicherer auf dem von euch ze-
Enthaltf'amkeit gar nie geübt, Gezügelt nicht dein gottlos Blut!
Des Purpurmantels Spottgewand Spricht ein ergreifend Wort, fürwahr, Von deiner Hoffart Kleidertand, Der aller Zucht und Würde bar! —
Der Heide muß dein Richter sein, Der Christi Licht und Heil nicht kennt, Weil eitler Güter Trug und Schein Dein Herz so leicht von Christus trennt! —
Erschütt're, Jesu! mein Gemüth, Und lehr' mich heut Dein Wort verstehn: „Wenn das dem grünen Holz geschieht, Was wird am dürren wohl geschehn?"
Verfolgt.
Frei nach dem Englischen des Marion Crawford von Cora von Schönburg.
(2. Fortsetzung.)
Sie waren noch nicht weit gekommen,, als ihnen der Pfarrer begegnete. Er hatte einen abgetragenen Rock an, die Hände steckten in riesigen Gartenhand- fchuhen und auf dem Kopfe trug er einen zerdrückten Filzhut. Mrs. Goddard, welche Der reservirten Hausfrau gegenüber eine bedrückende Scheu empfunden hatte, begann sich beim Anblick des freundlich ihr entgegenlachenden Gesichtes wesentlich erleichtert zu fühlen. Die