Dienstag, den 24. März 1891.
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Verfolgt.
Frei nach dem Englischen des Marion Crawford von Cora von Schönburg.
(Nachdruck verboten.)
I. Kapitel.
Wie gerne hätte der ehrwürdige Augustin Ambrose sein Amt als Bildner der Jugend an, den Nagel gehängt! Mit der Abnahme der sonst so scharfblickenden Augen begann die Gleichgültigkeit gegen Homer und sogar gegen den einst so geliebten Horaz immer mehr zuzunehmen. Selbst die hier und da aufleuchtenden Gedankenblitze der begabteren Schüler vermochten ihn nicht mehr über die Bornirtheit der Geistcsarmen zu täuschen, welche man seiner Obhut anempfohlen. Der Hauptumstand aber, welcher der Ausführung seines Wunsches bis jetzt immer hindernd in den Weg getreten war, lag darin, daß das Einkommen feiner kleinen Landpfarre in Efsex bis jetzt nie ausgereicht hatte, um seinen Lebensbedürfnissen zu genügen, und so sah er sich denn nach wie vor genöthigt, träge Söhne wohlhabender Eltern in mühsamem Unterrichte gegen reichen Entgelt für den Besuch der Universität vorzubereiten. .
Das Leben im Pfarrhause zu Blllmgssield bot nichts Bemerkenswerthes; es sei denn seine außerordentliche Regelmäßigkeit. Morgengebet, Frühstück, Arbeit, Lunch — Spaziergang, Arbeit, Essen, Arbeit,
? Am Grabe Wmdthorst's.
Die Welt ist ein großes Gräberfeld. All' die herrlichen Lebensläufe, die uns die Weltgefchichle schildert, enden mit demselben traurigen Worte: Tod! Die Helden und die Heiligen, die Künstler und die Könige, die Großen und die Guten — sie haben Alle einen kalten, stillen Leichnam hinterlassen. Wir wandeln auf den Friedhof und ernten vom Acker deS Todes.
Die Tobten sind stumm für unser leibliches Ohr; aber sie reden zu unserem Geiste, wenn wir mit Ber- nunft und gutem Willen auf sie horchen. Wir müssen die Sprache der Gräber lernen; denn in ihr allein kann fortan unser Wiudthorst sich mir uns verständigen.
Ihre Werke solgen den Gerechten nach, um für sie Zengnih zu geben vor dem Throne des Richters. Aber ihre Werke bleiben auch wirksam auf dec Welt. Unser Windthorst ist heimgegangen; aber die Saat, die er ausgestreut, grünt und blüht, sie wird reifen und sich mehren, wenn wir bleiben, wozu er.uns gemacht hat.
Er ruht in Frieden vor dem Altar der Kirche, die er begründet hat. Die Ruhe hat er verdient durch rastlose Arbeit; den Frieden durch seine Friedensliebe; den Platz vor dem Altäre durch seine Selbstaufopferung. Er hat im Leben eine Sprache gesprochen, die nicht blos die Gelehrten und Politiker, sondern auch das ganze Volk, die Großen und die Kleinen verstanden. Auch sein Grab predigt allem Volke, sein Beispiel trägt Erbauung in die Hütte wie in den Palast. Er ist ja sozusagen aus einer Hütte hervorgegangen, und wenn er nicht in einem Palast irdischen Glanzes geendet hat, weil er den Lohn der Welt verschmähte, so hat er in einem Palast des himmlischen Herrn eine Ehrenstelle gefunden, um die ihn mancher Hochgepriesene beneiden muß. Und die allgemeine giltige Lehre feines Lebens lautet: A r b e i t e o h n e R a st, wenn du Ruhe finden willst; kämpfe für das Rechte und Gute, wenn du den Frieden suchst; opfere dich auf, wenn du glücklich werden willst.
Einem „großen Mann" nachzuahmen, erscheint dem Durchschnittsmenschen unmöglich. Unser Wlndt- horst war mehr als ein großer Mann, er war em guter Mann, und das sollen und können wrr Alle sein. Erfülle deine Pflicht und thue Gutes nach besten Kräften — das ist das einfache Rezept für ein gesegnetes Leben und einen seligen Tob. Sind die Kräfte groß, die Gott dem braven Menfchenkinde gegeben, so wird ein Windthorst daraus, der ein ganzes Volk beglückt; sind sie klein, so wird es ein ehrsamer Bürgersmann, der die ©einigen glücklich macht und im Verein mit Seinesgleichen die Grundlage des christlichen Staatswesens bildet. Und wenn sie sich im Himmel treffen,
dann reichen sie sich die Hand und der Große sagt zum Kleinen: die Pfunde waren verschieden, aber der gute Wille war gleich und der Lohn ist auch gleich.
„Arbeitend ist er gestorben", sagte Präsident v. Levetzow. Ja, es war ein schöner Tod, den Gott ihm befrieden, und ein solcher Heimgang paßte am besten zu seinem Leben. Das größte Unglück, das ihn hätte treffen können, märe ein Siechthum mit Arbeitsunfähigkeit gewefen. Wenn man bei dem Gleichmaß der in ihm waltenden Kräfte von einer Leidenschaft reden darf, so halte er die Leidenschaft der Thätigkeit. Er gehört zu den Leuten, die keine Versuchung zum Müßiggang zu bekämpfen haben, wohl aber die Versuchung zur Ueberanstrengung. Er hat seine Kräfte aufgerieben in dem Dienst der guten Sache, das steht außer Zweifel. Ader ebenso sicher ist es, daß er keinen achtzigsten Geburtstag gefeiert hätte, wenn das Angebot angenommen worden wäre, das er im Jahre 1872 feinem gewaltigen Gegner machte. Damals, bei der Berathung des Schulaufsichtsgesetzes, griff Fürst Bismarck bekanntlich in einer einstündigen Rede den Abg. Windthoist an, um das (Zentrum zur Trennung von Windthorst zu verführen. In der Antwort erklärte der Verewigte, er wolle sich sofort aus dem öffentlichen Leben zurückziehen, wenn er mit diesem Opfer den Verzicht der Regierung auf das Schulaufsichtsgesetz erkaufen könne. Hätte Fürst Bismarck dazu Ja gesagt, so würde die kleine Excellenz sich zur Ruhe gesetzt haben und einem frühen Tode entgegen gewelkt fein. Denn sein Geist war nicht auf Unthätigkeit zugeschnitten. Die Anstrengung war ihm keine Last, sondern eine Lust. Jeder kennt ja die alte Lehre, daß das Glück nicht cm Genießen ober im Müßiggang, sondern nur in der Arbeit zu finden ist. Aber wie oft wird diese Weisheit nicht befolgt! Wir versuchen es doch immer mal wieder, ob nicht in Vergnügungen das wahre Vergnügen zu holen sei und ob nicht die träge Ruhe uns zum Wohlsein verhelfe. Wenn wir am Grade Windthorst's doch endlich die Glückseligkeit des Fleißes lernen wollten! —
Windthorst war ein Kämpfer und Sieger, und doch ein Manu des Friedens und der Liebe, wie man selten ihn findet. Das Volk aus der Gegenseite hat ihn natürlich m der Hitze des Kulturkampfes lange falsch beurtheilt; aber als der dicke Pulverdampf verzogen war, da wurden die Blicke klarer und das Unheil gerechter. Er war populär geworden auch unter den Nichtkatholiken. Trotz aller Hetzereien der Zeitungen und aller Kannegießereien in den politischen Konven- tikeln erkannte der gesunde Instinkt des Volkes, daß der alte Windthorst keine bösen Absichten hat, sondern nur Gutes will, daß er nicht kämpft aus Zerstörung? - trieb, sondern des Friedens halber. Das Volk hat eine Abendgebet, Bett — daS war das Tagesprogramm, in welches nur der Wechsel der Jahreszeiten eine etwaige Veränderung brachte. Der Pfarrer beschäftigte sich in seinen Mußestunden mit Gartenbau und zeigte eine besondere Vorliebe für die Anlage von neuen Spargelbeeten.
Da ereignete sich in der stillen Pfarrgemeinde ein Vorfall, der die Ruhe der Gemeindemitglieder in ihren Grundfesten erschütterte. Es war dies nichts Geringeres als der Einzug einer fremden Familie in die unter dem Namen der „Cottage" bekannte Villa vor dem Dorfe. Dies war folgendermaßen zngegangen:
Der Rev. Mr. Ambrose hatte eines Tages einen Brief erhalten, den er sogleich seiner Frau einhändigte. Er pflegte dies fast mit seiner ganzen Korrespondenz zu thun, denn er war sich des weisen Grundsatzes: „ce que femme veut, Dien le veut", wohl bewußt. Die Ehemänner zerfallen gewissermaßen in zwei Gattungen : solche, die ihren Frauen Alles, und solche, die ihren Frauen nichts sagen. Der jeweilige Vor- theil der beiden Systeme hängt natürlich von dem Werthe der betreffenden Frau ab. Mr. Ambrose hatte mit richtigem Verständniffe die Methode herausgefunden, die ihm zum Vortheile gereichte, und führte sie bis zu den äußersten Konsequenzen durch. Er that absolut gar nichts, ohne vorher mit seiner besseren Hälfte darüber zu berathen. So gab er ihr auch jetzt den
feine Witterung für den guten Willen. Von vorn herein ist die große Maffe zu dem Verdachte geneigt, daß der am Webstuhl der Zeit Thälige auf seinen Vortheil zuerst bedacht sei, daß er Rang, Macht oder Geld suche. So lange ein solcher Verdacht schwebt, kann von einer wahren Volksthümlichkeit keine Rede fein. Aber wenn dieses Eis gebrochen und die Selbstlosigkeit an erkannt ist,' dann fängt das Volk an, den Mann zu begreifen, zu ehren und — im Falle er herzgewinnende Eigenschaften hat — zu lieben. Ach, wir dürfen uns wahrlich nichts daraus zu Gute thun, daß mir unfern Windthorst so recht von Herzen geliebt haben. Uns zwang schon die Dankbarkeit zur Liebe. Aber er Hst Liebe gefunden auch dort, wo man auf einem andern politischen und religiösen Boden stanö, wo man zum Tanke sich gar nicht und zur Anerkennung nur mit Bedauern bewogen sand, wo man nur der menschlichen Regung der Zuneigung zu einem edlen, schönen Men- schengeiste Folge gab. Die Leute wußten, daß er Reich- thum und hohe Stellungen hätte haben können, wenn er gewollt, daß er aber fein Leben lang nichts für sich, sondern Alles nur für fein Ideal gethcm, daß er die Ruhe seines Greisenalters, die Behaglichkeit seines Familienheims, die letzten Reste feiner Körperkrast aui- opsere für feinen Glauben und fein Volk, andern Windthorst den Leuten Ehrfurcht und Liebe gegenüber der Gerechtigkeit und dem idealen Streben einflößt, bereitete er dem Frieden die Wege und wirkte also durch sein Beispiel in derselben Richtung, wie durch seine beredten Worte. Die anziehende Persönlichkeit Windthorst's hat wesentlich dazu beigetragen, unter dem mchtkatholischen Volke den Anfang eines Verständnisses für katholisches Leben zu begründen. Man kennt ja das berüchtigte Wort: „Es ist zum Katholischwerden", das soll heißen: zum Verrücktwerden. In der ersten Hitze des Kulturkampfes stak das verhetzte Volk, namentlich hier in Berlin, noch tief und fest in der Ansicht, die Katholiken seien eine Schaar von Dummköpfen, geleitet von raffinirten jesuitischen Bösewichtern. Im Grunde haben mir es dem Fürsten Bismarck und Herrn Falk zu danken, daß in dieser Hinsicht ein Umichwung angebahnt wurde. Ihr thörichter Kulturkampf machte die Centrums-Fraktion zu dem Mittelpunkte der allgemeinen Aufmerffamkeit. Das Volk " sah Männer wie Mallinckrodt, Franckenstein, Windthorst wirken und sterben, und da ging ihm allmählich ein Licht auf, daß hinter solchen Thaten und solchen Opfern doch etwas Anderes stecken müsse, als die Thorheit und die Bosheit, von denen man ihnen vorgeschwätzt hatte. Bor Allem trug die eigenartige, durch und durch volksthümliche Erscheinung Windthorst s zur Klärung der Köpfe und zur Erhebung der Gemüther bei. Er hat nicht bloß die Maigesetze, sondern auch
Brief Sie überlas ihn mehrere Male und legte ihn endlich bei Seite, nachdem sie vorher noch „Goddard- Cottage" daraus geschrieben hatte. Der Brief lautete:
„Lieber Herr!
Fast fünf Monate sind verflossen, feit ich Sie zuletzt gesehen. Trotzdem braucht es kaum einer Versicherung. um Ihnen zu sagen, daß das Andenken an Ihre Güte stets in mir fortgelebt hat. Sie wissen es nicht und Sie können es nicht roiffen, welchen Eindruck Ihre Freundlichkeit auf mich gemacht hat. Sie haben mir gezeigt, daß ich recht gehandelt, und es war so schwer, recht zu handeln. Sie wissen, was ich damit meine. Noch einmal auf den schwer en Schlag, welcher mich und meine unschuldige kleine Nelly betroffen, zurückzukommen, wäre unnütz, da sie Alles wissen. Sie gestatteten mir, Ihnen während unseres kurzen Beisammenseins mein ganzes H"rz auszuschütten, und ich habe mich von dem D an bedeutend, ja unendlich erleichtert gefühlt. Ick . abermals im Begriffe, Sie um eine Gefäück : bitten. Rur die feste Ueberzeugung von Ihre, Güte läßt mich einen Wunsch aussprechen, der mir sonst allzu unbescheiden erscheinen würde. Sie erinnern sich vielleicht, mir von dem in Ihrer Nähe gelegenen Landhaufe gesprochen zu haben? DaS Bild, welches Sie mir von demselben entwarfen, entzückte mich, unb ich habe mich entschlossen, dasselbe zu miethen. Hoffentlich ist e» noch