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Samstag, den 21. März 1891
18. Jahrgang
Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).
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❖ Die Letzte Ehre.
Wahrlich, er hat nicht umsonst gelebt, gewirkt mnd geduldet! Das war der erhebende Eindruck der großartigen Trauerfeier, die zu Ehren Windthorst's in der Reichshauptstadt stattfand. Es war eine Trauerfeier für die Lebenden, aber ein Triumph für den Todten. Welch ein Lebenslauf, der in einem Bauernhause ohne alle materiellen Hilfsmitel seinen Anfang nahm, durch einen Abgrund von Gehässigkeiten, Verleumdungen, Beschimpfungen und grimmigsten Feindseligkeiten hindurchging, dann über glatte Pfade an steilen Abhängen sich mühsam aufwärts wandte, in der lichten Höhe allgemeiner Bewunderung und Verehrung endete und seinen weihevollen Abschluß fand auf dem Katafalk in der katholischen Hauptkirche Berlin's, inmitten der Vertreter der Majestäten, der Mitglieder der Regierung, der Männer der Politik aus allen Parteien, des trauernden Volkes, unter den herrlichsten Lob-, Dankes- und Segensworten des Kirchenfürsten !
Der Herr Fürstbischof erflehte zum Schluß seiner Rede dem Verewigten die Krone der Herrlichkeit, welche im Jenseits denen hinterlegt ist, die den guten Kampf gekämpft haben. Auch im Diesseits ist dem großen Todten eine Krone irdischer Herrlichkeit beschieden worden. Er hatte sie nicht gesucht, aber er hatte sie verdient. Der Glanz seiner Leichenfeier strahlt um so heller und wärmer, als nichts Konventionelles, Gekünsteltes dahinter steckt. Er hatte keine Titel und Würden, an die sich hergebrachter Weise eine so illustre Trauerversammlung und ein so feierlicher Leichenzug schließt. Die Theilnahme der Großen und des Volkes galt nur dem Mann selbst, nicht irgend einer Zu- that zu seiner Person, welche Gnade oder Glück ihm gegeben hätten.
Was sind die Katholiken Berlin's in dem Getriebe der Riesenstadt, die zu acht Zehnteln aus Protestanten, »u einem Zehntel aus Israeliten besteht? Sie verschwinden sonst wie ein Tropfen am Eimer. Aber wenn es sich um einen solchen Todten handelt, dann kann auch der Katholizismus in Berlin sich in einer imposanten, das öffentliche Leben zeitweilig beherrschenden Kundgebung entfalten.
Der feierliche Zug von der Hedwigskirche bis zum Lehrter Bahnhof, der dem Spalier des Berliner Volkes den Sarg unseres Führers in Mitte der Fahnen unserer Vereine, begleitet von unserer Geistlichkeit und unseren Fraktionen zeigte, ist ein Ereigniß, welches nicht blos auf die bisherige Entwicklung sein Licht zurückwirst, sondern auch in die dämmernde Zukunst Helle Strahlen fallen läßt.
Welch' ein Unterschied zwischen der heutigen Leichenfeier und derjenigen, die im Jahre 1874 nachdem Tode Mallinckrodt's in dessen Berliner Wohnung veranstaltet wurde. Er starb bekanntlich einige Tage nach dem Schluffe der Session; die Abgeordneten waren in ihre Heimath gereist. Die Regierung und die ganze mit ihr zusammenhängende Welt enthielt sich jeder Theilnahmebezeugung; denn der Todte war ja ein „Reichsfeind" gewesen. Hätte man einen feierlichen Zug über die Straßen veranstalten wollen, so wäre nicht blos mit der Rohheit des kulturkämpferisch aufgehetzten Volkes, sondern auch mit einem Verbot der Polizei zu rechnen gewesen. So war denn an dem Nachmittag, als die Leiche zur Fahrt nach Westfalen eingesegnet wurde, nur ein kleines Häuflein von Getreuen in sehr gedrückter Stimmung in dem alten Vorderhause der St. Mathiaskirche versammelt. Die beiden Wohnzimmer waren längst nicht voll. Propst Herzog, der nachmalige Fürstbischof von Breslau, der jetzt auch schon heimgegangen ist, hielt eine kurze Ansprache, und nachdem die heiligen Ceremonien vollzogen, warfen wir einen letzten Blick auf den Sarg, drückten uns stumm die Hand und gingen mit gesenktem Haupt von dannen, zurück in das Getriebe der Stadt, die sich um den großen Todten nicht kümmerte, zurück in den heißen Kampf, der keine Ruhepause kennt. Wir kamen uns vor wir ein Häuflein versprengter Soldaten, die in Heimlichkeit und Eile die Leiche des Führers zu bergen suchen; jeden Augenblick eines UeberfalleS gewärtig. In seiner Heimath ist Mallinckrodt mit den gebührenden Ehren beigesetzt worden; aber in Berlin mußte er mit dem stillen Beileid Weniger vorlieb nehmen. Jetzt aber, jetzt steht Berlin auf, um die Leiche eines Centrumsführers zu ehren; jetzt ist die Hedwigskirche viel zu klein, um die Schaaren zu fassen, die sich zum Katafalk drängen, jetzt fluthen die Ehrenbezeugungen von allen Seiten, von Oben und aus dem Volke zusammen, jetzt wallt ein herrlicher Leichenzug im Lichte der Frühlingssonne die Linden entlang und durch das Brandenburger Thor, als ob es einem Träger höchster Würde und Macht gelte. Und doch ist es „nur" ein zweiter Mallinckrodt, „nur" ein Volksvertreter, der nichts in die Waagschale zu werfen hatte, als seine eigene Tüchtigkeit, „nur" der Führer der Schwarzen, die Jahrzehnte hindurch den Einen zum Gespött, den Andern zum Aergerniß waren.
Die Zeiten haben sich geändert, gewaltig geändert, und wenn wir uns über die Wendung zum Bessern freuen, so danken wir abermals dem großen Todten; denn er vor Allem hat in bewunderungswürdiger Weisheit, Kraft und Ausdauer Breschen gelegt in die Wälle des Hasses und der Borurtheile. Er selber hat den Weg der Ehre freigelegt, auf dem wir seine sterblichen Reste zur Ruhestatt führen konnten.
Wenn sein Geist vom Himmel herniederschaut auf die Bestattungsfeierlichkeiten, so wird er vermuthlich denken: „Zu viel Aufhebens von meiner Person; aber es wird nicht ohne Nutzen sein. So etwas fördert bei Andersgläubigen und politischen Gegnern das Ver- ständniß für unsere Sache, und ohne gegenseitiges Ver- ständniß ist keine Verständigung möglich." Fürwahr, auch seine sterblichen Ueberreste dienen noch dem Werke des Friedens, welches ihn in den letzten Stunden noch so lebhaft beschäftigte, als er in den Fieberphantasien die schönen Worte sprach: Wir wollen unfern Verstand zusammennehmen und zum Frieden Alles ordnen. Also auf ftiedliches Wiedersehen, meine Herren!" Es war ihm nicht vergönnt, daheim im Schooße seiner Familie sein Haupt zur ewigen Ruhe zu legen; er mußte in seinem Miethszimmsr iN Berlin den letzten Kampf bestehen. Auch Mallinckrodt und Franckenstein fanden auf der Berliner Wahlstatt, fern von ihrem Heim, ihr Krankenlager und Todtenbett. Die Fügungen des Himmels sind niemals als ein „Zufall" zu betrachten, wenn auch Grund und Zweck nicht immer unseren blöden Augen erkennbar sind. Die Guten dienen dem Rathschlusse Gottes in chrem Leben und ihrem Tode.
Berlin ist nun einmal der Mittelpunkt des poli- ttschen Lebens in Deutschland. Wenn der Katholicis- mus in der Entwicklung Deutschlands die gebührend«
Rolle spielen soll, so darf er hier nicht wie ein Veilchen im Verborgenen blühen, sondern er muß sich zeigen in einer Gestalt und in einem Umfange, wie er seiner Würde, seinem Werthe und seiner Kraft entspricht. Nicht bloß bei solchen außerordentlichen Gelegenheiten, sondern regelmäßig und andauernd muß es den Einwohnern und den Gästen der Hauptstadt durch Auge und Ohr zum Bewußtsein gebracht werden, daß der Katholicismus nicht ein halb überwundener Standpunkt ist, den man hier und da in der Provinz noch findet, sondern daß er in voller Kraftfülle lebt und wirkt auch in der Hauptstadt selbst und am sausenden Webstuhl der Zeit seinen vollen Platz einnimmt.
In der Trauerrede bezeichnete Fürstbischof Dr. Kopp den Herzenswunsch Windthorsts, die Marienkirche in Hannover, als sein Vermächtniß an die deutschen Katholiken. Vor dem Hochaltar dieser Kirche, die sein Name gegründet hat, schläft er dem jüngsten Tag entgegen. Das ist der rechte Platz für unfern großen Todten und die deutschen Katholiken werden für die Bedürfnisse dieser Kirche mit treuer Liebe aufkommen. Aber wenn das geschehen ist, so wird die Kraft der Katholiken noch keineswegs erschöpft sein.
Als der achtzigjährige Geburtstag Windthorst's gefeiert wurde — ein Fest des Abschiedes ttotz unserer heißen Wünsche für ein langes Leben — da sprachen wir die Erwartung aus, daß Windthorst nach Vollendung seines Werkes in Hannover auch noch eine neue Kirche in Berlin werde begründen können. Der Tod hat seinen Mund geschlossen und seine Hand lahm gelegt. Aber sein Andenken lebt, und die deutschen Katholiken werden nicht die Glaubensgenossen in Berlin vergessen, in bereit Mitte Windthorst so lange Jahre gelebt und gebetet hat, in deren Mitte er gestorben ist und von denen er in so erhebender Weise nach seinem Hinscheiden geehrt worden ist.
Ein Denkmal für Windthorst! Wie wäre eine bessere Lösung dieser Frage denkbar als durch Errichtung einer Kirche des h. Ludwig in Berlin! — In Hannover hat er sich selbst schon ein Denkmal gesetzt durch die Marienkirche. Setzen wir ihm ein Denkmal derselben Art an der Stätte seiner Arbeiten, feiner Freuden, feiner Triumphe!
Als der herrliche Mallinckrodt gestorben war, wurde die Erbauung einer Kirche an feiner Ruhestätte geplant. Das Vorhaben litt unter den schweren Zeitverhältnissen und unter dem Umstande, daß der praktische Gesichtspunkt bei einem Kirchenbau in der dortigen Gegend zu weit in den Hintergrund trat. Wie überaus groß das Bedürfnis nach neuen Kirchen in Berlin ist, wissen Alle bis in die letzte deutsche Hütte hinein. Ein solches Denkmal für Windthorst, wie wir es vorgeschlagen, wäre eine wahre Rettungs-Anstalt für katholische Seelen, die sonst im Getriebe der Riesenstadt verloren gehen, und zugleich ein Bollwerk zum Schutze und zur Förderung des Windthorst'schen Lebenswerkes: Dsr Erringung der vollen Gleichberechtigung der Katholiken im ganzen öffentlichen Leben.
Eine Ludwigs-Kirche zum Andenken Windthorst's in Berlin — das gäbe den schönsten Abschluß der Ehren, welche die Reichshauptstadt dem erwiesen, der so lange Großes in ihr gewirkt. So würde die letzte Ehre in einem dauernden Zeichen seiner Bedeutung und seines Ansehens gleichsam verewigt.
Deutsches Keich.
Berlin, 19. März.
* Windthorst auf dem Sterbebette ist bekanntlich gezeichnet von der Malerin v. Parlaghyi, welche auch das Bild unseres Führers in meisterhafter Weise gemalt hat. Die Zeichnung ist vorzüglich ausgefallen und sprechend ähnlich. Die Vervielfältigungen sind jetzt erschienen im Verlage von Goens und Nau in Berlin. Der Preis für kleineres Format beträgt 1 Mk., für größeres 4 Mk.
* Windthorsts Großvater Joh. Philipp Karl, geboren im Dezember 1733, hatte elf Kinder. Er starb als hochfürstlich osnabrückscher Vogt zu Alfhausen am 6. Mai 1798. Von seinen elf Kindern interessirt uns besonders das zehnte, Franz Joseph Beneditt, Advokat