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Freitag, den 20. März 1891.

18. Jahrgang

tJür die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

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Grauerrede am Sarge WindthorstX

von^Sr. Fürstlichen Gnaden dem hochwürdigsten

Herrn Fürstbischof von Breslau

Dr. Georg Kopp

in der St. Hedwigskirche zu Berlin gehalten am 17. März 1891.

Wenn ich schweige, werden sie auf mich warten, wenn ich rede, auf mich Acht haben.

Buch der Weisheit, 8, 12.

Es ist zwar nicht der Mensch, sondern der Geist Gottes, der im Buche der Weisheit also von sich spricht; doch befürchte ich keinen Widerspruch, wenn ich diese Worte auf den Mann an­wende dessen allezeit beredter Mund seit Samstag verstummt ist und nicht mehr zum Reden sich öffnen wird. Andächtige Trauerversammlung! Schon wiederum nach kaum Jahresfrist stellt uns der unersorfchliche Rathschluß des Herrn über Leben und Tod an die Bahre eines Mannes, dessen Namen nicht allein von den Katholiken Deutschlands mit unbegrenzter Ehrfurcht und beispiellosem Vertrauen genannt wurde, sondern auch weit über die deutschen Grenzen hinaus ein Gegenstand bewundernder Ver­ehrung war. Tief erschüttert von dem neuen Verluste eines hochbegabten und hochverdienten Führers umstehen seine Freunde die irdische Hülle des Verblichenen, und trauernd senkt sich der Blick des ganzen katholischen Deutschland vor dieser Todtenfeier. Fast muß ich fürchten, den Unw-llen desselben zu erregen, wenn ich es hier unternehmen will, in die Gebete der Kirche meine schwachen Worte über den Verstorbenen zu mischen; denn keine Sprache kann die Verehrung schildern, welche die Katholiken Deutschlands dem Verstorbenen Jahrzehnte hindurch erwiesen haben, und ebenso wenig läßt sich in Worte fassen, was sie letzt angesichts seines Todes empfinden. Und doch kann bei der all­gemeinen Trauer auch die Kirche nicht zurückbleiben, einem ihrer treuesten und grüßten Söhne den wohlverdienten Ehrenkranz aus den Sarg zu legen. ______

Aus Irrwegen.

Original-Novelle von Ferdinand Hartdegen.

(Schluß.)

„Die Gedanken der Rache, fprach sie, dürfen in eines wahren Christen Herzen nicht auftreten. Gott allein gebührt es, die schlechten Thaten der Menschen zu rächen, da er allein das menschliche Herz erforschen kann und alsdann ein gerechtes Urtheil fällt. Siehe, mein Sohn, ich habe mit Fleiß den Betrug des Schlossers gegen Deinen seligen Vater in den späteren Jahren dir verschwiegen, weil ich dein hitziges Gemüth kannte und dich vor einem unüberlegten Schritte zur Rache hüten wollte. Nun hast du doch Rache an ihm vollzogen!"

„Liebe Mutter, erwiderte der reuige Sohn, nie­mals werde ich wieder solche Gedanken hegen. Ich habe Alles tief bereut. Du weißt auch, daß ich von meinen früheren Kameraden schnöde betrogen und zu bösen Thaten verführt worden bin. Wäre ich deinen Ermahnungen doch früher gefolgt!" „Du wirst künftig in der Wahl der Freunde vorsichtiger sein, fprach da­rauf die Wittwe Elmenreich. „Ich habe lnzwifchen einen Mann kennen gelernt, der an deinen Schicksalen, obgleich er dich noch nicht kennt, den innigsten Anthen genommen und mich deinetwegen getröstet hat; in dem Umgänge mit diesem Manne würdest du die wahre

erblichene seine Worte und Schriften; scharfe Beobachter umgaben ihn von

aus einem Munde: „So ist's ^recht, August: Das thue!" Nun umarmte August Elmenreich seme geliebte Marie Reichenstein mit den Worten:

Mein, armes Herz hielt sich betrogen um deine Liebe. In meiner Blindheit sah ich nicht, welche Seelengualen du selbst bei meinem Leiden erduldetest. Ich wähnte mich in die Sklavenfesseln eines harten Schicksales geworfen und wollte mit Gewalt die Bande zersprengen, um zur vollständigen, unumschränkten Frei­heit zu kommen. Statt dessen wurde ich ein Sklave der Genußsucht und der Geldbegierde, welche mich in die Nacht der Sünde hinabführten. Aber jetzt ist jener Nacht ein Tag des hellsten Lichtes gefolgt. Und dieses Licht geht aus von deiner wahren, treuen Liebe. Die­selbe ist ein Juwel, dessen Glanz mächtiger als der des Goldes und dessen Werth höher ist als aller irdischer Reichthum. Aber wird es mir vergönnt sein dieses Juwel zu hüten? Werden deine. Eltern jetzt unsere Verbindung zugeben?" .

„Dem bekehrten Sünder, antwortete Marie Reichen- stein, werden meine Eltern diese Bitte nicht versagen.

„Dann gib du uns deinen Segen, Mutter!" sprach August, indem er mit Marie vor der alten Registrators- Wittwe niederkniete. .

Da legte die Mutter die Hände auf fie und fprach:

„Keines von euch lasse künftig wieder einen Zweifel an der Liebe des Anderen in seinem Herzen aus-

Wohl sind Manche unter uns, mit denen der Verblichene oft im heißen Wortgefechte stand; allein fein Tod hat Alle gleichsam in einem Gefühle geeint, der aufrichtigen Theilnahme, der unverhaltenen Trauer über seinen Verlust, der seinen Werth erst recht empfinden und richtig würdigen läßt. Sem Lebensweg führte ihn auf vielfach sehr veeschlungene Pfade, und ;ein Leben und Wirken unterlag den verschiedenartigsten Beurtheilungen, die nicht immer dem Verstorbenen wohlwollrnd lauteten. Nur das katholische Volk hielt an ihm mit unerschütterlichem Vertrauen fest- es wurde niemals an ihm irre und folgte ihm blindlings, wie verschlungen und dunkel auch zuweilen die Wege waren, die er dasselbe führte. Wenn ich es versuche, diese von Vielen oft nicht verstandene Thatsache angesichts seiner entseelten irdgchen Hülle zu erklären, so möge das dazu beitragen, die allgemeine Theilnahme zu rechtfertigen, die sein Tod erweckt hat, _ und m Öen Schmerz über den Verlust dieses Mannes den Trost elnzu- gießen, daß dieser Schmerz nur zu gerecht ist.

Fast ein Vierteljahrhundert hindurch haben die deutschen Katholiken in dem Verstorbenen ihren Führer verehrt und seiner staatsmännischen Einsicht wie seiner kirchlichen Treue unbedingt vertrauet Ja, in allen Welttheilen wird sein Name von leinen Glaubensgenossen m t größter Verehrung genannt Was war es denn, was ihm solches Vertrauen und solche Verehrung er- nmib Die Katholiken maßen seinen Werth an feinem We,en und Wirken, und nicht nach wechselnden Ansichten und Wünschen — das ist die kurze Antwort, die sich auf jene Frage geben laßt. Es war ein bedeutender Mann, , der am Samstag Morgen die müden Augen fchloß; darüber sind Alle einig, die ihm jemals näher standen, welcher Gesinnung und Richtung sie auch sein mögen. Es war ein Mann voll hoher Begabung, festen Cha­rakters und tiefer Einsicht. Wir bewunderten an ihm stets den sichern Takt und das feine Verständnis, mit welchen er m allen großen und wichtigen Angelegenheiten stets den rechten Punkt traf und die rechten Wege fand zur Lösung der Schwierigkeiten wie zur Eireichung eines Zieles. Er war ein Freund und Vor­kämpfer der Wahrheit, und nie ist bei ihm die Wahrheit mit dem Eigennutz und dem eigenen Interesse in Streit gerathen. Er war wachsam, und darum sah; er Alles und nichts entging ihm. Er war unerschütterlich in seinen Grundsätzen; nicht Ehren noch Unehren machten aus ihn einen solchen Eindruck, daß er durch sie in seiner Ueberzeugung oder in seinem Handeln bemt worden wäre — das ist es aber, was man der Eitelkeit nicht nachsagen kann. Er war unermüdlich, nicht Mühe und Arbeit scheuend, und darum konnte er mit seinem schwächlichen Körper so viel ausrichten. .

Mit diesen Eigenschaften trat er m s öyentliche Leben und widmete mehr als ein Vierteljahrhundert seine Arbeitskraft dem Dienste seiner engeren Heimath, wiederholt von seinem Landes- Herrn zu den höchsten Staatsämtern berufen und von ihrem Vertrauen beehrt. — Wohl wurde es ihm daher schwer, sich in die veränderten Verhältnisse seines Heimathslandes hineinzufin­den, und daraus machte er auch kein Hehl. Mit unwandelbarer Treue hing er den Erinnerungen der Vergangenheit nach. Kann ihm das zum Borwurf gereichen? Er war mit den Verhältnissen und den Personen, welche den über seine Heimath gekommenen Ereignissen zum Opfer gefallen waren, auf das Jnmgste ver­wachsen und hing ihnen an mit seinem tiefen Gemüthe und sei­nem treuen Herzen; wenn es ihm daher nicht möglich war, diese Beziehungen zu vergessen, können wir ihn deswegen tadeln? Brachte er doch alle seine irdischen Aussichten, zu denen ihn Be­gabung und Erfahrung, Anfehen und Ruf berechtigten, zum Opfer, um seinem Herzen treu zu bleiben! — Aber um den edlen Mann richtig zu würdigen und ganz zu verstehen, darf man dabei Eines nicht übersehen. Seine Anhänglichkeit an das Frühere zog ihm vielfach Verdächtigungen und Anfeindungen zu. Argwöhnische Augen richteten sich auf all' sein Thun und Lasten,

allen Seiten. Aber nie hat man ihn einen Schritt machen sehen, der mit der neuen Unterthanpflicht im Widerspruch stand. Wohl sprach er seine Gesinnung in offenen Worten aus; aber nie hat man ein Wort aus seinem Munde vernommen, welches mit Recht Grund gegeben hätte, seine loyale Gesinnung zu bezweifeln. Er war eben eingedenk der Mahnung des Apostels, daß die be- jteljcnbc Einrichtung von Oott fei, und beiß uian chr um bev Gewissens willen nitterthänig sein müsse.

Aber wie groß auch die bis an sein Ende treu bewährte Anhänglichkeit an das Fürstenhaus war, dem er so lange ge- bient wie theuer ihm auch bie Erinnerungen an bie früheren Verhältnisse seines engeren Heimath laubes waren, sie hinderten ihn gleichwohl nicht, auch dem geeinigten deutschen Vaterlande, sowie dem Lande, dessen Bürger er nunmehr geworden, rlerne reichen Geistesgaben und seine unermüdliche Arbeitskraft zu widmen. Nicht zog er sich grollend in behagliche Ruhe zuruck, sondern er nahm Theil an der Neugestaltung der östentlichen Verhältnisse im Reiche wie in Preußen. Mehr als LU Jahre lang gehörte er dem Reichstage und dem Landtage an und war für alle Mitglieder ein Muster von Pflichttreue, Fleig und Pünktlichkeit. Bon der ersten bis zur letzten Sitzung war er an­wesend griff stets in die Verhandlungen mit ein, und sehr oft entschied er mit seinem klugen Rathe die Lösung der wichtigsten Fragen Nie hielt er zurück, wenn cS galt, dem Auslande zu beweisen, daß die Zweifel desselben an der deutschen Einigkeit Täuschung seien, und was immer zur Ehre und Ltärke des Reiches nöthig war, das versagte er nicht. Dem Unrecht war er stets Feind; jede Rechtskränkung haßte und bekämpfte er. Wohl war auch oft sein Wort abmahnend und warnend vor den Eingebungen wechselnder Tagesmeinungen und erregter Zeit- unb Gefühlsströmungen. Wohl ward dann oft der lästige Mahner verlacht und sein unbequemer Einspruch mißachtet. Allem mehr als einmal zeigte die Erfahrung, daß die Beachtung feines Mahn­rufes der Reichs- und Landeswohlsahrt nicht zum scyaden ge­

wesen wäre. . , .. „ ...

Was war es aber, was ihn antrieb, die stille Zurückgezogen­heit mit dem.Lärm des Tagesstreites, die Ruhe der trauten Häuslichkeit mit den Entbehrungen und Aufregungen beS parla­mentarischen Lebens zu vertauschen? War es eitle Ruhmiucht. War es Ehrbegierbe unb Eitelkeit? Wenn es diese -Triebfedern seines Handelns gewesen wären, würde er bald enttäuscht an den häuslichen Herd zurückgekehrt sein; denn sie wurden keines­wegs befriedigt. "Wenn er trotzdem unter Muhen und Arbeiten, Opfern unb Entbehrungen bis in seinen Tod hier aushielt, was war es anders als das tiefe Pflichtgefühl, daß man mit dem empfangenen Pfunde wirken müsse, bis der ewige.yausvater rufe » So war es bei dem theuren «erblichenen; Todesahnungen erfüllten ihn bereits im Herbst beim Beginn der neuen Zession, und er sprach fie offen gegen seine Freunde aus; aber weder jein leidender Zustand, noch seine geschwächte Gestindhett hielten ihn zurück Die Lebhaftigkeit feines Eifers ermunterte die ver­sagenden Kürperkräfte. War es anders zu erwarten von einem solchen Manne, als daß er auf dem Felde der Ehre und Arbeit sterben würde? „ L .. ,

Aber nicht bürgerliche Jnteresten und die Landeswohlfahrt waren es allein, die seine Thätigkeit in Anspruch nahmen Die Ereignisse riefen ihn auch auf ein anderes Eeld. Er sah durch folgenschweres Eingreifen den Hort bedroht, in welchem für den katholischen Christen die Mittel seiner Heiligung au,bewahrt werden ; er sah den Pulsschlag des religiösen Lebens für sich und seine Glaubensgenossen gehemmt. Gegen diese Gefahren und Hemmnisse erhob er sich mit aller Kraft seines Geistes; -0 ^ayre läng kämpfte er für die bedrohte Sache seiner Kirche, fo lange er ihre Freiheit und Wirksamkeit in Gefahr sah. Doch ,ind da- Ereign.sse, bie noch im frischen Anbeuten stehen unb die vie.-

Freundschaft kennen lernen. Es ist der Sekretär Schreiber in Karlsruhe, welcher mir vor einem halben Jahre deinen großen Gewinn von 70.000 Gulden überbrachte, wovon ich ihm zum Lohne 1000 Gulden gab. Das übrige Geld liegt noch unversehrt dort im Schranke."

„Ich werde ihn bald besuchen, antwortete August, mich" bei ihm bedanken und seine Freundschaft zu er­ringen streben. Er soll zu unserem Freundschafts­bunde gehören und mit uns gemeinsam das gewonnene Vermögen verwalten. Ich werde ein kleines Gut kaufen und es selbst bewirthschasten. Durch eine rast­lose Händearbeit will ich Gottes Segen zu erringen suchen und einen guten Namen mir hier erwerben. Der Armuth wollen wir nicht vergessen! Dem Schlosser Waidele vor Allen, welcher auch in Armuth leben soll, will ich Wohlthaten aller Art erweisen und damit meine frevelhafte Handlung an ihm sühnen. An dem Orte in der Schweiz, wo ich als Verirrter im Walde und auch im Lebenswandel den Weg aus der Waldeinsamkeit und aus' der Nacht der Sünde gefunden habe, will ich ein Kreuz errichten lasfen, dem alten gegenüber. Es soll ein Denkmal meiner Umkehr zum Guten sein und eine Mahnung einem jeden Sünder, nicht länger auf Irrwegen zu wandeln, son­dern sich rechtzeitig zu bekehren."

Da riefen Mutter und Braut erfreut, zugleich wie