Einzelbild herunterladen
 

Donnerstag den 19. März 1891

18. Jahrgang

Für Die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

Druck u. Vertag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).

Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Som,, und Feiertage ausgenommen.

Fuserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum U Ws., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Vierteljährlicher AbonnemcntSpreiS ohne Bringer» lohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage,Sterne undBlumen' in Fulda und auswärts 1 Mark üO Pfennig.

tT k e r

* Die wärmsten Nachrufe

haben dem Abg. Windthorst von den nichtkatholi­schen Blättern die Hauptorgane der konservativen und der deutsch - freisinnigen Partei gewidmet. Beispiels­weise schreibt der Führer der Deutsch-Freisinnigen, Herr [Eugen Rich ter, an der Spitze einer der letzten Num­mern seines Blattes:

„Reichstag und Landtag haben ihr hervorragendstes Mitglied, das Vaterland einen seiner besten Bürger verloren. Windthorst's politische Ziele und Bestrebun­gen waren auf großen und wichtigen Gebieten der in­neren Politik nicht die unserigen; aber daß in Deutsch­land politische Gegensätze nicht abhalten dürfen, charakter­volles, überzeugungsrreues Streben, wie es den Ver­storbenen vor vielen Andern auszeichnete, anzuerkennen und zu ehren, haben die Worte dargethan, mit welchen der Reichstagspräsident bei Eröffnung der Sitzung den Gefühlen und Stimmungen aller Seiten des Hauses einen ebenso getreuen wie tiefbewegten Ausdruck gab. Windthorst ist aber nicht bios ein Politiker und Par­lamentarier von Weltruf gewesen, er war auch eine durchaus oolksthümliche Persönlichkeit. Das Volk wird _ stets von einem sichern Gefühl geleitet in der Werthschätzung derjenigen Männer, welche nach selbstständigen eigenen Ueberzeugungen, nicht um per­sönlicher Vortherle. Ehren und Würden willen dem Vaterland und dem Gemeinwohl dienen. Windthorst hat zum Unterschied von andern großen Namen nie­mals etwas für sich erstrebt. Mit irdischen Glücks­gütern war er nicht gesegnet und konnte auch in seinem Greisenalter für die Bestreitung der Bedürfnisse seines bescheidenen Haushalts der juristischen Privatarbeit nicht entbehren; er ertheilte insbesondere in verwickelten schwierigen Rechtsfällen juristische Gutachten. Alle Dotationen, welche ihm von Verehrern und Anhängern angeboten wurden, mies er für seine Person zurück. Das letzte Anerbieten dieser Art verwandte er zum Bau der Marienkirche in Hannover, über deren Vollen­dung er dem Verfasser dieser Zeilen noch bei dem letzten Gespräch am vorigen Montag-Nachmittag im Reichstagsgebäude seine besondere Freude aussprach. Was dre Volksvertretung in ihrer Gesammtheit an Windthorst verliert, hat man schon mährend der Ver­handlungen der letzten Tage empfunden. Windthorst war vor allem ein Mann des Rechts, ein Anmalt der Volksrechte, ein Wächter des Verfassungsrechts. So lange er lebte und sein Wort ausschlaggebend in die Waagschale siel, durfte man sicher sein, daß jeder An­sturm zur Verminderung der Rechte des Parlaments aussichtslos sein würde. Vor dem offenen Sarge wider­strebt es uns, darüber hinaus Betrachtungen anzustellen über den Emfluß, welchen sein Tod auf die politische

Aus Irrwegen.

Original-Novelle von Ferdinand Hartdegen.

(24. Fortsetzung.)

^üch diesen Worten eilte er hastig in das Gärtchen zur Linken des Hauses und verbarg sich hinter einer ^ecfe von Dornrosen. Kaum hatte August hier eine Viertelstunde gesessen, so hörte er leise Schritte über ben Hof hin. Jetzt öffnete sich die niedrige Garlenthür, die Schntte kamen näher, gerade auf die Hecke los, hinter welcher Elmenretch lag. „Mein Gott," sprach er leise vor sich hm, „nun werde ich am Ende doch gesehen," und kauerte sich noch mehr zusammen, ohne aufzublicken. Da hörte er ein leises Geräusch über sich und sogleich den lauten, hellen Aufschrei einer Frauen­stimme. Es war Marie Reichenstein, welche em paar PfingströscheN der Frau Elmenreich bringen wollte und jetzt einen ihr fremd scheinenden Mann erblickte. „Mein Gott, ein Sieb!" rief sie laut; sie hatte Elmenreich nicht sogleich erkannt. Da schaute derselbe auf; jetzt erkannten sich Beide.

„Allmächtiger Gott," rief sie aus, „Du bist schon hier. Bift Du aus dem Gefängnisse entsiohen?"

„Ach Gott, sie weiß es also doch schon," dachte August und bedeckte vor.Scham fein Gesicht mit beiden Händen. Dann aber schaute er zu dem liebevollen, jetzt aber mit Todesblässe bedeckten Antlitze und zu der i

Gestaltung, auf die Mehrheits-Verhältnisse und das Verhältnis der Parteien zu einander ausüben kann. Aber kein Wechsel irgend eines Ministers vermag sich an Bedeutung dun Hinscheiden der „kleinen Excellenz" gleichzustellen. Keine politische Partei kann durch den Tod eines Mannes so viel verlieren, wie die Centrums- partei durch das Hinscheiden Windthorst's verloren hat. Man soll Niemand vor dem Tode glücklich preisen; nach menschlichem Maß gemessen aber ist Windthorst glücklich zu preisen. Sein Leben ist köstlich gewesen, denn es ist Mühe und Arbeit gewesen von Jugend auf bis an's späteste Greisenalter, und arbeitend ist er gestorben. Mancher aber, der vor ihm dahingesunken unter der Sichel des Todes, hat die Früchte eines gleich mühevollen und arbeitsreichen Lebens für seine Sache und die Anerkennung seines Strebens für seine Person nicht mehr so geschaut, wie es Windthorst noch beschieden war. Die Anelkenuung auch politischer Gegner ist schon dem Lebenden zu Theil geworden. Angeseindet und verdächtigt war er schon lange Jahre hindurch, rote es schlimmer politischen Parteimännern kaum begegnen kann. Nun folgen seiner Bahre Männer aus allen politischen Kreisen mit gleichem herzlichem Bedauern. Der Kaiser von Deutschland hat ihm während seiner Krankheit persönlich seine Theilnahme bekundet; die Kaiserin hat ihn in sinniger Weise geehrt. Windthorst aber ist nicht anders gestorben, wie er gelebt. Nur die Verhältnisse haben sich geändert und ihm vor dem Tode die Anerkennung gebracht, die Andern erst nach ihrem Tode oder niemals zu Theil wird. Asien aber, die Zeugen seines Lebens und Wirkens waren, mögen ohne Unterschied ihrer politischen Richtung fein Leben und fein Heimgang die Kraft und den Muth stärken, sich selbst und dem, was sie in ernster Ueberzeugung für Volk und Vaterland anstreben, auch unter den un­günstigsten äußeren Verhältnissen getreu zu bleiben bis zum Tode."

Es ist gewiß nicht zufällig, bemerkt hiezu die ,Köl. Vztg ', daß gerade die selbstständigsten und unab­hängigsten Organe der gegnerischen deutschen Presse Windthorst am unbefangensten gewürdigt haben, während lediglich einzelne Organe des verwaschenen National- Liberalismus es über sich brachten, an dem tobten ' Führer des Centrums in hämischer Weise herumzu­nörgeln.

Der Tod Windthorsts erinnert unwillkürlich an die Worte, mit welchen er seine Schlußrede auf der letzten Katholikenversammlung in Koblenz schloß:

„Ob ich nochmals zu einer Versammlung wiederkommen kann, das steht in Gottes Hand. Wenn es mir aber nicht ver­gönnt sein wird, dann bewahren Sie mir ein freundliches An­denken, und lassen Sie mich hoffen, daß wenigstens Ihre Gebete mir folgen, wenn ich nicht mehr bin!"

herrlichen Gestalt auf: Ja, sie war auch dieselbe ge­blieben, und sie liebte ihn noch, er las es aus ihren glänzenden Augen, welche nach dem ersten Schrecken wieder liebevoll, wie ehedem ihn anblickten. Nun, da sie sein Vergehen zu kennen schien, brauchte er auch nicht viel zu gestehen.

_ Jetzt warf er sich ihr zu Füßen und sprach unter heftigem Weinen: „Kannst du mir vergeben? Ich bin vost falschen Menschen betrogen und verführt worden, sodaß ich auch dir nicht mehr glaubte und nur von Gelbbegierde getrieben blind in mein Verderben stürzte. Aber ich habe meine Vergehen tief bereut und auch gesühnt. — Nun komme ich und werde ein neues, christliches Leben anfangen. Eckard ist tobt, Lehmann im Gefängnisse; ich bin nicht entflohen, sondern be­gnadigt worden, weil ich von selbst meine Schuld be­kannt und sie tief bereut habe. Gott Hai mir verziehen, das weiß ich. Es fehlt nur noch die Verzeihung meiner Mutter und die deinige, innig geliebte Marie, wenn ich dich noch so nennen darf. „Willst du mir ver­zeihen? Ich habe dir viel Unrecht —Das letzte Wort erstarb in seinem Munde. Thränen erstickten seine Stimme.

Da hob ihn Marie zu sich empor. Sie gedachte jenes Tages, wo sie freilich zu früh triumphirend aus­gerufen batte: Er soll liebeflehend zu meinen Füßen liegen und mich dann tausendmal wegen der schnöden

Diesen Wunsch des edlen Todten wird das katho­lische Volk gewiß gerne und willig erfüllen!

Deutsches Keich.

Berlin, 17. März.

* In der St. Hedwigskirche sand heute Vormittag 10 Uhr das feierliche Requiem zu Ehren des Dr. Windthorst statt. Vor dem Sarge lagen auf zwei schwarzen Kissen die Orden des Verstorbene». Eine Fülle der prächtigsten Kränze und die strahlende Be­leuchtung der Kirche erhöhten die Feierlichkeit des Aktes. Um 9 Uhr öffneten sich die Pforten des Gotteshauses und bald war der weite Raum mit Theilnehmern dicht gefüllt. Im Auftrage der Centrumsfraktioii machten die Abgg. v. B .:ol und Dr. Porsch die Honneurs, Beamte des Reichstages und Abgeordnetenhauses sorgten mit den Mitgliedern der katholischen Vereine für die Ordnung. Der Kaiser hatte den Flügeladjutanten Grafen Wedell zur Feier entsandt, desgleichen hatte der Großherzog von Baden seinen Flüqeladjutant ent­sandt, während der Prinzregent von Bayern und die Souveraine von Sachsen, Württemberg, Mecklendurg, Sachsen-Weimar, Braunschweig u. s. w. durch die Ver­treter beim Bnndesrath repräseutirt wurden. Reichskanzler v. Caprivi, die Minister v. Boetticher, v. Schelling, v. Berlepsch, Herrfurth, Miquel, v. Kaltenborn, v. Heyden, Staatssekretär v. Marschall, v. Goßler, v. Puttkamer, Minister des Kgl. Hauses v. Wedell und viele andere hohe. Beamte und Offiziere nahmen an der Feier Theil. Nach dem Requiem ergriff Fürst­bischof Dr. Kopp das Wort und rühmte die Pflicht­treue, Arbeitskraft und Thaten des Verstorbenen. „Aber mögen auch Manche", fuhr der Fürstbischof fort, „mit ihm nicht einer Ansicht gewesen sein, angesichts seines Todes sind Alle in dem einen Gefühl vereint, in dem Gefühl aufrichtiger Theilnahme über seinen Verlust, der uns seinen Werth erst recht empfinden läßt". Während der Fürstbischof dann die Einsegnung der Leiche vollzog, ordnete sich vor der Kirche der Trauer­zug in 14 Vereinen und den Studentenverbindungen Aseania, Burgundia, Suevia und Winfriedia-Breslau. Die Abgeordneten empfingen den Sarg mit entblößtem Haupt vor der Kirche. Vor dem Sarg wurden die Ordenskissen getragen. Die Vereine und der Klerus schritten vor dem Leichenwagen, die Abgeordneten und die übrigen Leidtragenden folgten; so ging die lieber» führung nach dem Lehrterbahnhof vor sich, wo ein Extrazug bereit stand. Nachdem dort der fürstbischöf­liche Delegat Herr Propst Dr. Jahuel die Gebete ver­richtet, wurde der Sarg in den Wagen verbracht, in welchem er nach Hannover überführt wird, begleitet vom Grafen Konrad Preysing und vielen anderen

Kränkung um Verzeihung bitten. Jetzt war es in Er­füllung gegangen. Lächelnd schaute sie ihn an, als sie die Worte sprach:

„Du Kleingläubiger, so kennst da nicht recht die wahre Liebe, welche der Leiden und der Kränkung nicht mehr gedenkt, wenn ihre Hoffnung sich erfüllt. Die Liebe glaubt und hofft bi» zum letzten Athemzuge des Menschen. So glaubte und hoffte ich auch zuversicht­lich, daß du dich bessern wurdest und in Liede bald wieder zu mir zurückkehrtest. Darum ertrug ich ge­duldig die Leiden, welche du mir zuletzt, namentlich durch deine ungerechtfertigte Eifersucht bereitet hast. Dein früherer Kollege Hausmann hat niemals unsere Wirthjchaft besucht und jüngst nach seiner Ernennung zum Assistenten eine Freiburgerin geheirathet. Ich sah deine eigenen Qualen unter dem Einflüsse deiner schlechten Kameraden und wußte, daß du auf Den rechten Weg zurückkommen würdest, wenn du nicht mehr unter der schlechten Gesellschaft weiltest. Deshalb betete ich stets zu Gott, dich recht bald von dem Umgänge mit solchen Menschen zu befreien. Und nun ist es endlich geschehen."

Kaum hatte Marie Reichenstein diese Worte ge­sprochen, so trat Frau Elmenreich ans der Hausthüre. Sie blieb wie gebannt stehen, als sie ihren Sohn er­blickte, welchen sie noch im Gefängniß glaubte. Jetzt bemerkte auch August Elmenreich seine Mutter. Er