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Mittwoch, den 18. März 1891.
18. Jahrgang
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Deutsches Keich.
Berlin, 16. März.
* Der Trauergottesdicnst für den Abg. Windthorst findet am Dienstag Vormittag 10 Uhr in der Berliner St. Hedwigskirche statt. Am Sonnabend um 8 Uhr Abends wurde die Leiche in oller Stille nach der Sakristei übergeführt, wo sie bis heute aufgebahrt war. Der Kaiser sandte ein reiches Blumenarrangement mit 3 hervorstehenden prächtigen Palmen. Die weißseidene Schleife trägt in Gold den Namenszug des Kaisers und die Kaiserkrone. Auch der Prinzregent von Bayern hat einen kostbaren Maiblumenkranz gewidmet, welcher übersäet ist mit Orchideen, Kamelien und Rosen. Der Kranz der freisinnigen Partei des Reichs- und Landtags ist aus Lorbeer geflochten und mit weißem Diadem und Palmen geschmückt. Das feierliche Pontifikalamt am Dienstag Vormittag wird Fürstbischof Dr. Kopp halten. Die Leiche wird nach dem Lehrter Bahnhof und von dort nach Hannover überführt werden. Das Leichenbegängniß erfolgt in Hannover am Mittwoch Vormittag 9 Uhr. Die Leiche wird in feierlichem Zuge vom Bahnhof nach der Marienkirche überführt und dafelbst nach einem feierlichen Trauergottesdienst in der vor dem Hochaltar errichteten Gruft beigesetzt.
* An die Ckntrumsfraktion ist von Rom aus folgendes Telegramm von Kardmalstaatssekretär R a m- polla eingetroffen: „Mit tiefem Schmerze hat uns die telegraphische Nachricht von dem Tode des hochberühmten Mannes Ludwig Windthorst, des
Auf Irrwegen.
Original-Novelle von Ferdinand Hartdegen.
(23. Fortsetzung.)
Von diesen Leiden und Schmerzen des Gefangenen erhielt die Frau Hartung Kunde; sie empfand zuletzt Mitleid mit dem armen Menschen, dessen Schicksale ihr ja bekannt waren. Sie reichte darauf selbst ein Gesuch an das Bundesgericht ein und bat um Begnadigung Elmenreichs, da derselbe nur ein Werkzeug seiner schlechten Kameraden gewesen wäre, da er seine Thal reuig und wahrheitsgetreu von selbst gestanden, und sie selbst ihr Vermögen nun vollständig zurück erhalten habe. In Folge dieses Gesuches wurde Elmenreich begnadigt, jedoch unter der Bedingung, daß er den Boden der Schweiz nicht wieder betrete.
Mit der Wiederkehr des Frühlings genas Elmenreich. Und als die erste Maisonne fteundlich in seine Zelle schien, da brachte der Gefangenwärter ihm die überraschende frohe Botschaft, daß er auf ein Gesuch der Frau Hartung begnadigt und aus seiner Haft entlassen wäre, jedoch dürfe er die Schweiz niemals wieder betreten.
Wie froh war nun August, und wie unendlich reich fühlte er sich jetzt! Gern verzichtete er auf seine Rück
unermüdlichen Vertheidigers der Rechte der Kirche, erfüllt Der hl. Vater fendet heiße Gebete für die ewige Ruhe dieser hochbegnadeteu Seele zu Gott empor. Kardinal Rampolla."
* Der Reichstag führte heute die 2. Berathung des Etats weiter. Beim Justiz-Etat verlangte Abg. Stadthagen (Soz.) Haftbarmachung der richterlichen Beamten bei unschuldig erlittener Untersuchungshaft. Beim Etat der Reichseisenbahnen befürwortete Abg. Graf Moltke die Einführung einer Einheitszeit für den Eisenbahnbetrieb in ganz Deutschland. Durch die 5 in Deutschland geltenden Zonen werde der Eisenbahnbetrieb namentlich auch den militärischen Anforderungen gegenüber erschwert. Beim Etat der Postverwaltung traten die Abgg. Vollrath und Schädeler für den Postassisten- ten-Verein und gegen die Maßregelung desselben durch die Verwaltung ein. Dann wurde die Weiterberathung des Etats auf morgen vertagt und die Patentgesetz- Novelle in 3. Lesung angenommen.
* Das Abgeordnetenhaus setzte heute die 2. Etats- berathung beim Etat des Staatsministeriums des Innern fort. In Folge Dankes aus dem Hause wegen Wiederzulassung russischer Arbeiter, theilre der Minister mit, daß diese Zulassungen geschehen würden im Maße der Lichtung der dortigen Arbeitskräfte durch Auswanderung und Sachsengängerei. Man werde der „Sachsengängerei" eine „Preußengängerei" entgegeuzusetzen versuchen, was sich auch durch die gegen die russischen höheren deutschen Löhne erzielen lassen werde. Es folgt nun die Aeußerung einer Reihe von Wünschen aus dem Hause. So wünscht Abg. Köscher (kons.), daß den Berliner Schutzleuten Gelegenheit zur Sonntagsheiligung gegeben werde. Abg. Rickert (freis.) spricht sich über das Umwerfen des Titulaturen des Kanzleistils aus; Abg. Boedicker (Ctr.) fragt an, wie es mit der Entschädigung der durch die Rheinüberschwemmungen Geschädigten stehe. Abg. v. Kölicher (kons.) ist der Ansicht, daß deren Entschädigung aus vorhandenem Fonds sofort zu geschehen habe. Abg. v. Schalscha (Ctr.) wünscht Verkleinerung der Distriktsbezicke in den polnischen Landestheilen, Abg. v. Strombeck (Ctr.) Aufbesserung der Gehälter der Polizeihauptleute, Abg. v. Meyer-Arnswald (wildkons.) eine Statistik der grundangesessenen Landräthe, Abg v. Rauchhaupt (kons.) findet das Pauschal der Landräthe für Bureaukosten zu gering. Genehmigt wird der Titel „Ministergehalt". Die Position „Strafanstalten" gibt dem Abg. v. Heere- man Anlaß, für eine Heranziehung der Ordensschwestern zum Aufseherdienst einzutreten. Der Rest des Etats wird genehmigt. Nächste Sitzung Dienstag 12 Uhr. Tagesordnung: Eisenbahnetat.
* Nach der .Köln. Ztg.' hat den letzten Anlaß zu dem Abschiedsgesuch des Kultusministers v. Goßler die Weigerung des Staatsministeriums, den Ministerial- Direktor Dr. Kügler zum Unterstaatssekreiär vorzu-
kehr in dieses Land, wo er seinen guten Ruf gänzlich verloren und so viele Leiden erduldet hatte. Auf den Knieen liegend dankte er Gott tausendmal für seine Errettung von der Macht der Sünde, und daß er ihn wieder so gnädig in die Arme seiner Mutter und seiner Braut führte.
Dann eilte er hinaus ins Freie mit feiner letzten Baarschaft, seiner letzten Habe. Nun konnte er wieder offen den Menschen in das Auge sehen; sein Herz jubilirte wie die Lerche in des Aethers Blau; kaum vermochte er den Gedanken zu erfassen, er war frei! — Sein erster Gang war zu der Dame, welcher er seine Freiheit verdankte. Nun beseelten ganz andere Gefühle seine Brust, als er wieder vor der Villa stand; nicht beklommen und ängstlich war sein Herz wie das vorige Mal, auch nicht von der Sünde umnachtet, wie das erste Mal. Nein die Freudensonne schien jetzt hell in seine Brust, frei und leicht fühlte er sich, wie der Vogel in der Luft.
Nun warf sich wiederum August der Frau Hartung zu Füßen, nicht wie damals um Verzeihung bittend als reuiger Sünder; denn nun hatte sie ihm ja verziehen im vollsten Maße: nein, es war ein Zeichen eines von Dankbarkeit überströmenden Herzens. Sie entließ ihn gerührt mit den Worten: „Gott segne Sie auf Ihren
I schlagen, geboten. „Dr. Kügler, so sagt die ,Kölnerin', j der zweifellos nicht nur nach der Ansicht des Ministers v. Goßler, sondern auch weiter Kreise ein ausgezeichneter Unterstaatssekretär wäre, hatte sich die ganz besondere Feindschaft des Abg. Dr. Windthorst, des Centrums und der Polen zugezogen. Die allgemeine politische Lage, namentlich jedoch die Reichspolitik, scheint aber an maßgebender Stelle den Wunsch erregt zu haben, auf die Stimmung des Abg. Dr. Windthorst Rücksicht zu nehmen. Diese Rücksichtnahme, welche naturgemäß auch auf das Volksschulgesetz nicht ohne Einfluß bleiben konnte, gab dem Minister v. Goßler die vielleicht nicht unwillkommene Gelegenheit, seine durch verschiedene Ereignisse schon längst erschütterte Stellung zu verlassen." — Was den neuen Kultusminister, Herrn v. Zedlitz-Tkütschler, betrifft, so kann für nns Katholiken seine Persönlichkeit keine Befürchtungen erwecken. Er ist nicht auf der regelrechten bureankratischen Laufbahn emporgegangen, sondern aus der praktischen Thätigkeit als Offizier und Grundbesitzer sofott zur Verwaltung einer Regierung berufen worden. Das regt die Hoffnung an, daß unter feiner Verwaltung ein frischer Geist in das Kultusministerium ein- ziehen werde, an Stelle der geheimräthlichen Künsteleien ein kräftiges, gerades Vorgehen, an Stelle der formalistischen Rechtstüfteleien der gesunde Menschenverstand und der biedere Billigkeitssinn. In der Sperrgelder- Frage wird Gras Zedlitz wohl die Dinge in dem Geleise lassen müssen, welches der konservative Antrag gelegt hat; aber vielleicht gibt ihm die Fortsetzung der Berathung über diesen Geg-nstand schon die erste Gelegenheit, seinen Amts-Charakter darzulegen.
* Der Reichskommissar v. Wißmann ist in Baga- moyo eingetroffen, nachdem er die Straße zum Kili- mandjaro durch Niederwerfung der aufständischen Häuptlinge gesichert hat. Im Süden hat Mechemba um Gewährung eines Waffenstillstandes nachgesucht, um über den Frieden zu verhandeln.
* Ueber die Steigerung des Volkswohlstandes bezw. des Volkseinkommens in Preußen in den Jahren 1876 bis 1890 entnimmt die ,V. Ztg.' einer Mittheilung von Dr. Soetbeer, daß z. B. sür Einkommen von jährlich 6001 bis 20,000 M. die Zahl der Zenstten in der angegebenen Periode von 58,286 aus 91,512, d. h. um 57 pCt. und der Betrag ihres Einkommens von 560 auAß72 Millionen Mark ober um 60 pCt. gestiegen ist^Für Einkommen von 20,001 bis 100,000 Mark stieg dn^Zahl der Zenstten von 7501 aus 12,521 und deren Einkommen von 286Millionen auf 474,174,000 Mark, also um Ät. 66 pCt. Die Zenstten der Klassen mit über 100,000 Mark Einkommen vermehrten sich von 532 auf 1062, ihr Einkommen stieg von 113 Millionen auf ca. 219 Millionen Mark. Eine wenn auch nicht so erhebliche Steigerung sand auch bei den Zenstten mit 2001 bis 6000 Mark Einkommen statt, ferneren Wegefi und lasse Sie stets die Bahn der Tugend wandeln!"
Freudig kehrte Elmenreich jetzt der Schweiz den Rücken und kam wieder in sein Heimathland, wohin ihm die Gedanken schon lange vorausgeeilt waren.
Wieder war es Pfingsten geworden; auf allen Wiesen, in allen Wäldern entfaltete sich wieder ein üppiges Grün und dazwischen die bunte Farbenpracht der Blumen, dem Auge ein Ergötzen. Neue Freude war eingekehrt. Wo man ging und stand, hörte man fröhliche Lieder erschallen, sei es von den Menschen, sei es von den Vögelein, welche wieder in ihre Heimath zu ihren Nestchen zurückgekehrt waren.
Jetzt tönten die Glocken im Münster zu Freiburg gar feierlich freudig, und zogen große Schaaren von Menschen herbei zum heiligen Hochamt. Auch Elmenreich befand sich darunter, er stellte sich in die dunkelste Ecke im Münster, wo ihn Niemand sah, so konnte er sich ganz der Andacht widmen. Heute feierte man das Fest der Ausgießung des heiligen Geistes, nun fürwahr, der liebe Gott hatte auch über ihn den heiligen Geist kommen und feine Gnade auf ihn ausgießen lassen, den Seelenfrieden, den größten Reichthum auf Erden. Wie fühlte sich sein Herz bewegt, als der Chor