18. Jahrgang
Dienstag, den 17. März 1891
Druck u. Verlag der Fuldaer Actrendruckerer (A. Dillmann),
Ludwig Deibel m Fulda.
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An Windthorst's Bahre.
So starr und kalt! Der Feuergeist entflohen, Blutlos die Lippe, fest im Tod geschlossen. Aus der in heiliger Begeisterung Lohen Machtvoll der Rede Ströme sich ergoflen — Todt unser Held, dem keines Feindes Drohen Noch Schmeichelwort den Wahrheitsmund geschlossen! O scheue nicht, im herben Schmerz zu weinen Kathol'sches Volk: Du hattest nur den Einen!
Du wußtest Deine Perle wohl zu ehren, Dein Kleinod hast Du fröhlich erst besungen: „Gott möge hundert Jahre ihm bescheeren!" Kaum ist der heißen Liebe Wunsch verklungen. Und heut — wer mag dem Mann die Thräne wehren Die er um ihn vergoß, von Gram bezwungen? — Vom Todesstreich getroffen sank er nieder, Dem wir zum Feste weihten frohe Lieder.
Er fiel im Kampf, doch war's im Borwärtsdringen, Er starb im Kampf, doch seine Mannen siegen. Bald winkt der Sieg. Ein fröhliches Gelingen Folgt seinem Thun, die Zinne ist erstiegen.
Noch mag noch manchmal Stahl auf Stahl erklingen, Sein Heer wird nun und nimmermehr erliegen: Denn leuchtend schwebt ihm vor in reiner Klarheit Des Führers Wort: „Für Freiheit, Recht und Wahrheit!"
' l,Germania'.)
propositi vir", sich in der unwandelbaren Treue seiner Ueberzeugung immer gleich, erharrte unerschütterlich aus als der gerechte Mann, der nur nach ewigen Gesichtspunkten sein Handeln bestimmt, der für sich Nichts erstrebt, für das Volk und Gottes Heilanstalt auf Erden Alles. Mit spielendem Sarkasmus wußte er ost seine Feinde abzuthun, und bei zahllosen Gelegenheiten, insbesondere auch auf den deutschen Katholikenversammlungen, deren Seele er seit mehr denn einem Decennium war, trat er auch als Mensch dem katholischen Volke näher: seine Herzlichkeit und Ursprünglichkeit, sein guter Humor und seine liebenswürdige Bereitwilligkeit, auf die Wünsche der Einzelnen und der Zuhörer überhaupt einzugehen, traten bei solchen Gelegenheiten stets hervor und trugen nicht wenig dazu bei, seine Pop ularität zu steigern, wie Dr. Windthorst denn auch bei seinen Gegnern sich hohen Ansehens erfreute.
Windthorst hatte keinen persönlichen Feind im Reichstage und im Landtage. Bei einem Manne, der 24 Jahre hindurch derart wie er inmitten der politischen Kämpfe gestanden, will dies ungemein viel besagen. Neidlos erkennen die Führer anderer Parteien seine erstaunliche Arbeitskraft, den Umfang seiner Sachkenntniß, das außerordentliche taktische Geschick, und vor allem die hohe Selbstlosigkeit und Uneigennützigkeit seines Charakters an. Er diente dem Vaterlande nach bestem Wissen und Gewissen. Ueberaus klug, war ihm unehrliche Kampfesweise durchaus fremd.
Vor mehreren Wochen hatte Dr. Windthorst das Unglück, im Reichstagsgebäude zu stürzen, und, obwohl bald wieder hergestellt, machten sich die Folgen des Sturzes immer wieder fühlbar, die der unermüdliche Parlamentarier aber nicht beachtete. Er hatte keine Zeit, sich zu schonen, weil so Wichtiges auf dem Spiele stand: der Schulgesetzentwurf, der auf Umwegen der katholischen Kirche in Deutschland den Todesstoß versetzt haben würde. Dann kam in verflossener Woche die Lungenentzündung. Mit Zittern und Beben folgte das katholische Volk den nur sehr spärlich in die Oeffentlichkeit dringenden Nachrichten über das Befinden des Patienten, und heiße Gebete sind aus den Herzen der oeutschen Katholiken aufgestiegen, daß Gott das Schlimmste verhüten wolle. Es hat nicht sollen sein! Aber dennoch hat Dr. Windthorst noch vor seinem Ende die Freude erlebt, daß der Kultusminister v. Goßler, der Vater des Schulgesetzenlwurfes, ein Kulturkämpfer und Feind der katholischen Kirche, entlassen und durch eine andere Persönlichkeit ersetzt wurde, die der katholischen Kirche und ihren Forderungen nicht als Feind gegenüber steht.
Rührend ist übrigens die aufrichtige Theilnahme, welche in den letzten Tagen dem Verstorbenen zu Theil wurde. Der Kaiser selbst fuhr persönlich vor und erkundigte sich nach seinem Befinden, die Kaiserin
Aus Irrwegen.
Original-Novelle von Ferdinand Hartdegen.
(22. Fortsetzung.)
„Hören Sie nur weiter", sprach der Sekretär und erzählte, wie auch er von seinem früheren Freunde Eckard und dessen Genossen Lehmann betrogen worden, daß aber beide darauf ihre gerechte Strafe empfangen hätten. „Ihre falsche Freundschaft, so schloß der Sekretär seine lange Erzählung, haben wir, Ihr Sohn und ich, fernerhin also nicht mehr zu befürchten."
„Gott sei Lob und Dank! entgegnete die schwer geprüfte Wittwe Elmenreich, und die Freude erglänzte hell und mild zum ersten Male wieder nach langer Zeit auf ihrem Angesichte. Nun werde ich in meinem Alter vielleicht noch Freude an meinem Kinde, dem bekehrten Sünder, genießen. Fürwahr, Sie haben mit diesen erfreulichen Mittheilungen und Ihren tröst- lichen Worten den rechten Balsam auf mein wundes Herz geträufelt, so daß ich nicht weiß, wie ich Ihnen dafür danken soll. Ich wünschte, mein Sohn lernte im Umgänge u it Ihnen die wahre Freundschaft bald kenmn; wäre es schon ftüher geschehen, so wäre er nicht auf Irrwege gerathen."
Dr. Windthorst
Wie ein Donnerschlag wirkt die Nachricht, daß Dr. Windthorst, der greise Centrumsführer, am Samstag Morgen Uhr sanft entschlafen ist. Gott rief ihn ab vom irdischen Kampfplatz, um ihm jenen Lohn zu Theil werden zu lassen, der Allen verheißen ist, die ihn lieben und für ihn leiden.
Was Windthorst an der Seite des leider schon im Jahre 1874 im Mai den irdischen Kämpfen entrückten unsterblichen Hermann von Mallinckrodt, im Verein ferner mit den Gebrüdern Reichensperger, Frhrn. v. Schorlemer-Alft, Frhrn. v. Fra ncken- stein und so vielen edlen und bedeutenden Männern auf parlamentarischen! Gebiete geleistet und erstritten, das lebt im Gedächtniß der Zeitgenossen. Er gab der katholischen Bewegung in Deutschland in unserer Epoche Halt und Gestalt, er war der Führer, und der Alle an Beredsamkeit, Muth, Geschick und Gewandtheit überragende Taktiker der Centrumspartei, ein Diplomat und ein Staatsmann in der besten Bedeutung des Wortes. Die Maigesetzgebung konnte er, da er sich mit der Centrumspartei in der Minorität und einem vom Erfolg getragenen und die Grenzen der Rücksichtslosigkeit erreichenden Staatsleiter gegenüberbefand, nicht hindern; aber er hat, allen Bischöfen und Laien Deutschlands voran, es vereitelt, daß die Maigesetzgebung zum Siege gelangte. Er hat es erzwungen, indem er mit der Centrumsfraktion den Widerstand des katholischen Volkes wachrief und dieses mobilisirte, daß endlich 1880 nach sieben schweren „Külturkampfs"-Jahren die „Revision" der Maigesetzgebung eingeleitet wurde, die freilich noch lange nicht zum Abschluß gelangt ist. Und so hat er wesentlich das Verdienst: den Weiterbestand der geeinigten, gefestigten katholischen Kirche in Preußen-Deutschland gesichert zu haben, und der dies am Lautesten anerkannte, war Papst Leo XIII.
Aber nicht allein als Führer des katholischen Volkes in dem von Gott und den Menschen gerichteten „Kulturkämpfe" hat Dr. Ludwig Windthorst sich einen hellleuchtenden Ruhm erworben, er hat auch als einen der ersten Männer unserer Zeit sich erwiesen bei der parlamentarischen Berathung zahlloser und verschiedenartiger Materien. Er hatte an dem Zustandekommen vieler Gesetze und insbesondere jener Gesetze, welche die neue Wirthschaftsaera und die sozialen Reformen begründeten, den hervorragendsten Antheil. Windthorst bewährte sich dabei stets als den kundigen und praktischen Rechtsgelehrten und als einen eifrigen Anwalt des Volkes, der dessen Rechte und Jnteresien unentwegt vertrat und hochhielt. Die Verkennung , Verleumdung und Verfolgung ist wenig Männern wie ihm zu Theil geworden, der Haß der Herrendiener und der Erfolgs-„Patrioten" hat gegen ihn feine Strahlen geschleudert: das focht unfern Windthorst niemals an; er blieb, der „justus et tenax
„Ihre Worte sind sehr schmeichelhaft für mich," erwiederte Schreiber. „Auch ich sehne mich nach der Bekanntschaft Ihres Sohnes; die 18 Monate seiner Haft werden bald vorübergehen. Wenn Sie aber, Frau Elmenreich, sich für meinen Trost dankbar erzeigen wollen, so weisen Sie das ehrlich gewonnene Vermögen Ihres Sohnes, welches ich Ihnen auf den besondern Wunsch desselben mitgebracht habe, nicht zurück; ich befürchte, Sie werden sonst Ihren Sohn, welcher Ihnen hiermit vielleicht schon seine Buße andeuten will, hart kränken."
„Nun wohl," sprach Frau Elmenreich, „unter diesen Umständen will ich das Geld behalten. Es ist ein Zeichen für mich, daß mein Kind wieder an mich denkt. Aber Sie, geehrter Herr Sekretär, müssen zum Lohn Ihrer Treue wenigstens eine Obligation hiervon annehmen."
Bei diesen Worten überreichte sie Schreiber eine solche über 1000 Gulden, welche er mit Dank in Empfang nahm. Mit einem herzlichen Händedruck nahm darauf der Sekretär von der Registrators-Wiltwe Abschied, nachdem ihm dieselbe das Versprechen abgenommen hatte, nach der Rückkehr ihres Sohnes recht oft sie zu besuchen.
Deutsches Keich.
Berlin, 14. März.
* lieber die letzten Augenblicke Dr. Windthorst's wird berichtet: Windthorst besaß noch eine halbe Stunde vor seinem Tode volles Bewußtsein und trug seiner Tochter die letzten Grüße für seine Lebensgefährtin auf. Im Fieber liegend, hielt er Reden mit sehr lauter Stimme, so daß es auf der Treppe und in den benachbarten Zimmern hörbar war. Windthorst gedachte (an der Tafel sich wähnend) des Kaisers und der Kaiserin mit den Worten der Bewunderung: „Die müssen wir hochleben lassen!" Seine Tochter, am Bette knieend, bat ihn um Verzeihung, worauf Windthorst erwiderte: „Wir haben uns ja nie beleidigt; bis jetzt leben wir ja noch Alle. Grüße die Mutter von mir. Wie geht's der Mutrer?" Auch die Sterbegebete und „Jesus, Dir leb' ich!" sprach er noch ganz deutlich und andächtig; dann schwand das Bewußtsein. Eine anwesende Graue Schwester zündete die Sterbekerze an und betete vor. Während der Sterbende die Worte: „Vater, in Deine Hände befehle ich meinen Geist!" sprach, verschied er.
sandte ein prachtvolles Blumenbouquet, Prinzregent Luitpold von Bayern ließ sich nach dem Befinden Windthorst's telegraphisch und durch den bayerischen Gesandten in Berlin erkundigen. Der Papst verlieh Dr. Windthorst, der unstreitig einer der größten und hervorragendsten Männer ist, ausgezeichnet durch gründliches Wissen und tiefe Menschenkenntniß, das Großkreuz zum St. Gregoriusorden. KardinalRam- polla, Erzbischof Krementz von Köln rc. sandten die besten Wünsche zur Genesung. Ja, wir fanden sogar, daß jene Blätter, die den „Welfen" Windthorst als „Reichsfeind" schimpften, gestehen, es müsse am Krankenbett Windthorst's aller Parieihader schweigen! Nicht Orden und Ehrenzeichen schmückten die Brust des so theuren Verschiedenen, nicht Titel und Würden wurden ihm verliehen. Aber dennoch wird sein Name fortleben und die Nachwelt ihm ein treues Andenken bewahren, dauernder als Stein und Erz. Der Name Windthorst, den ein Katholik nicht nennen und lesen körnte, ohne Begeisterung für den Träger desselben, er wird unvergeßlich fortleben durch seine Thaten auch bei den fernsten Geschlechtern.
Mit Dr. Windthorst erleidet die Centrumsfraktion einen unersetzlichen Verlust, das Vaterland verliert einen Mann, der ihm wohl wollte, das katholische Volk betrauert einen unermüdlichen Streiter für Wahrheit, Freiheit und Recht!
Möge Gott die 87jährige Wittwe Windthorst's sowie seine Tochter trösten und ihm nach langem Kampfe die Palme des Friedens schenken, die er redlich verdient hat.
R. I. P.