18. Jahrgang
Sonntag, den 15. März 1891
M 61
Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerer (A. Tillmann).
Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
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Hierzu eine Beilage.
Zwei Audienzen des Kardinals Sonnechose bei Kaiser Wilhelm I. und Sismarck.
Während der Okkupation Frankreichs durch die deutschen Truppen im deutsch-französischen Kriege waren General Manteuffel und nach ihm der Großherzog von Mecklenburg Höchstkommandirende in Rouen. Der Kardinal-Erzbischof Bonnechose (f 28. Oktober 1883) stellte sich zu Beiden in gute Beziehung und erlangte dadurch viele Begünstigungen und Erleichterungen für Stadt und Diözese. Am 11. Februar (1871) theilte der Nachfolger des Großherzogs im Oberbefehl den städtischen Behörden mit, daß Kaiser Wilhelm dem Departement Seine - Jnferieure eine Kontribution von 26 Millionen auferlegt habe; die. Stadt Rouen trafen davon 6,500,000 Franken. Eine Deputation des Gemeinderaths begab sich sofort zu dem Kardinal und bat ihn, sich mit ihnen zu vereinigen, um die Behörde der nationalen Vertheidigung in Paris zu veranlasfen, von Deutschland eine Ermäßigung jener der ohnehin schwer geschädigten Stadt auferlegten Kontribution zu erwirken. Der Kardinal überlegte nicht lange. Manteuffel, sowie der Großherzog von Mecklenburg hatten ihn bereits dringend aufgesordert, im Interesse Frankreichs und der allgemeinen Ordnung in Europa eine Unterredung mit dem inzwischen zum deutschen Kaiser proklamirten König von Preußen nachzusuchen. Er schlug jetzt der Deputation vor, ihre Bemühungen mit ihm zu theilen und während sie Hilfe in Paris suchten, wolle er sich nach Versailles begeben, um die Sache der Stadt beim deutschen Kaiser zu vertreten. Der Vorschlag wurde freudigst begrüßt und schon am andern Morgen trat er bei strenger Kälte die Reise an; doch wäre er ohne Manteuffel's Laissez passer schwerlich durch die Kette der Vorposten gedrungen. Auf sein briefliches Ansuchen um eine Audienz bei Bismarck ließ ihm dieser durch seinen Adjutanten sagen, daß Herr von Bismarck die Ehre haben würde, den Prälaten am andern Tage um 1 Uhr zu empfangen. Im großen Ornat begab sich der Kardinal zur Wohnung des Kanzlers; er sprach so beredt und eindringlich, daß Bismarck erwiederte: „Ich möchte Ihnen gerne nützlich sein; allein Sie können nur vom König allein eine Milderung der erlassenen Befehle erlangen. Bitten Sie Se. Majestät um eine Audienz. Verhalten^Sie fich dem Könige gegenüber gerade wie bei mir. Stel- len Sie sich auf den Boden der Thatsachen und nicht auf jenen des Rechtes, und zählen Sie auf den Eindruck, den Sie Hervorrufen werden." Als sich der Kardinal-Erzbischof verabschieden wollte, nöthigte ihn der Kanzler zu längerem Verweilen und lenkte das Ge-
gus Irrwegen.
Original-Novelle von Ferdinand Hartdegen.
(21. Fortsetzung.)
XI.
Nachdem das Urtheil über Lehmann vom Gerichte in Straßburg gefällt war, wurde der Sekretär Schreiber in Karlsruhe beauftragt, die Hälfte von dem zurückgebliebenen Vermögen, welches in Obligationen angelegt war, an die Registrators-Wittwe Elmenreich in Güntersthal zu senden; es war die beträchtliche Summe von 70,000 Gulden. Daß ein Elmenreich Theil an dem Lotterieloose hatte, daß derselbe mit Lehmann und Eckard in die Schweiz gereist war, davon hatte Letzterer wohlweislich seinem Freunde Schreiber nichts geschrieben. Der Sekretär Schreiber kannte Elmenreich noch nicht dem Namen nach. Nun erfuhr er alle Schurkenstreiche Eckard's und Lehmann's; er hörte, daß dieselben auch ihren Freund Elmenreich betrogen hatten. Jetzt war auch ihm Alles klar geworden.
„Ich will das Geld der Wittwe Elmenreich selbst bringen, dachte Schreiber. Dann lerne ich vielleicht den von seinen falschen Freunden zum Bösen verleiteten jungen Mann später auch kennen. Die Wittwe Elmenreich wird erstaunen über das große gewonnene Vermögen, welches ich ihr jetzt bringe. Wie freue ich mich
spräch auf die nächste Zukunft Frankreichs; alsbald aber zog der Kardinal den Kanzler auf das religiöse Gebiet und veranlaßte ihn, sich über die italienische Frage auszusprechen, indem er seine Gründe für die Wiederherstellung der weltlichen Macht des Papstes als Garantie für seine geistliche Unabhängigkeit geltend machte. „Herr von Bismarck schien mir vollkommen zu begreifen, daß der neue Kaiser von Deutschland in dieser Beziehung den Katholiken seines Reiches eine Genugthuung schulde. Er sagte mir, daß er den italienischen Krieg von 1859 mißbilligt, daß Napoleon dessen volle Tragweite nicht erkannt habe, und daß er unbedingt den Papst hätte schützen müssen, daß Preußen dagegen nicht zwei Dinge zugleich thun könne; daß es jetzt unmöglich wäre, Italien den Krieg zu erklären, um den Papst im Kirchenstaate zu erhalten; daß man auch später von den Protestanten Deutschlands nicht verlangen könne, ihr Blut für diese Sache zu verspritzen, daß sich aber wohl andere Mittel finden lassen würden, um sie zu stützen und ihr zum Siege zu verhelfen, das Berliner Kabinet aber dieselben sicherlich ergreifen und geltend machen werde."
Die Unterredung hatte fünf Viertelstunden gewährt und sollte am andern Abend fortgesetzt werden. Durch Vermittlung des Kanzlers wurde der Prälat vom Kaiser Wilhelm am 14. um 1 Uhr, vom Kronprinzen um 4 Uhr empfangen. „Der König", schreibt Bonnechose in seinem Tagebuch, „empfing mich äußerst freundlich und nachdem er meinen Vortrag zu Gunsten meiner Diözese und der Stadt Rouen angehört, versprach er mir, meine Bitte in Erwägung ziehen zu wollen. Das Gespräch lenkte sich alsbald aus die..Politik und den gegenwärtigen Krieg. Dann erzählte mir der Kaiser, er habe seine Truppen in Varennes Halt machen lassen, habe seinen Offiziersstab um sich versammelt und folgende Worte an sie gerichtet: „Sie wissen, wo wir augenblicklich sind und welches Attentat vor achtzig Jahren hier ausgeführt wurde. Von hier sind alle Unglückssälle ausgegangen, welche Frankreich betroffen haben. Wenn ein Volk seinen König solcher Art behandelt, legt Gott strafend feine Hand auf dasselbe."
„Ich brachte", fährt der hochfelige Kardinal in seinen Aufzeichnungen fort, „die Rede auf den Papst, und auf die Nothwendigkeit, ihm zu Hilfe zu kommen. Der König sagte mir, er erkenne seinen katholischen Unterthanen gegenüber die Pflicht an, die Freiheit ihres geistlichen Oberhauptes sicher zu stellen. Wir haben diesen Gegenstand bis ins Einzelne besprochen, und ich habe die Ueberzeugung in mich ausgenommen, daß König Wilhelm, Kaiser in Deutschland geworden, sich für verpflichtet halten wird, etwas Durchschlagendes zu thun, um die katholische Welt gänzlich zufrieden zu stellen."
Kaum 18 Monate brauchten zu vergehen, und der
darüber, daß ich mich als Glücksbote ihr vorstellen kann! Und wenn sie den Diebstahl erfahren hat, und ein schwerer Kummer darüber ihr Herz belastet, dann will ich sie trösten und das Vergehen ihres Sohnes milder darstellen, dadurch daß ich ihr alle bösen Ränke seiner arglistigen Kameraden klar lege, daß ich ihr mittheile, wie sie auch mich in ihrer Freundschaft schnöde betrogen aber nun beide ihr richterliches Urtheil bekommen haben, der eine ein göttliches, der andere ein weltliches, und endlich, daß ihr Sohn sowohl als ich vor ihrer weiteren Hinterlist sicher gestellt sind."
Mit diesen Gedanken beschäftigt reiste der Sekretär Schreiber nach Güntersthal. Hier ließ er sich alsbald das Haus zeigen, in welchem die Wittwe Elmenreich wohnte. Da nun Schreiber den kleinen Hof vor dem Hause bettat, dessen zertretene und zerfahrene Steinplatten bereits ein Menschenalter überdauert zu haben schienen, und sein Blick auf die Hütte fiel, deren Außenwand schon längst einen frischen Ansttich entbehrt hatte, deren Thüre nur noch halb in der Angel hing, deren Fenster in allen Fugen dem Herbstwinde, welcher schon mit kaltem Hauche über die Stoppeln und durch das dürre Laub auf der Erde fuhr, freiwilligen Einlaß gewährten, als Schreiber die Armuth sah, welche sich hier niedergelassen zu haben schien, da freute er sich in seinem mitleidigen Herzen, daß er
Kardinal mußte zu seinem Schmerze sich überzeugen, daß er allzu optimistisch gesehen. Die „Maigesetze" zeigten ihm, welcher Art das „Durchschlagende" war, mit dem die preußische Regierung die katholischen Unterthanen für ihre Treue und Hingebung zur Zeit der Gefahr und Roth belohnte. Der Widerspruch zwischer dem, was er in Versailles gehört und dem, was ei schon 1873 in Deutschland Wahrheit werden sah, regt, Bonnechose so auf, daß er, seinen Einfluß überschätzend lebhaft daran dachte, selbst nach Berlin zu gehen und nicht nur beim Reichskanzler, sondern auch beim Kaiser selbst für die geknechtete Kirche zu wirken. Einem Brief, den er in der gleichen Angelegenheit zunächst an Manteuffel schrieb, zu dem er unbedingtes Vertrauen hatte, entnehmen wir folgende Stelle, welche den Kardinal als gewiegten Politiker zeigt: „Ich hatte die frohe Zuversicht gehegt, daß, wenn auch Frankreich unter den Siegen der Preußen zu seufzen habe, wenigstens die Katholiken Preußens nicht darunter zu leiden haben würden. Ach, wie steht es jetzt damit? Sollte es denn kein Mittel geben, den Kaiser zu seinen früheren Gesinnungen zurückzuführen? Es wäre nicht allein im Interesse der katholischen Kirche, sondern in jenem des Kaiserreiches selbst; denn jene Gewaltthätig- keiten werden sich gegen dieses selbst kehren. D ie Katholiken werden k eineRevolution machen, aber sie werden nicht nachgeben. Wenn die Regierung auf dem Wege beharrt, den sie eingeschlazen hat, wird sie gegen alle preußischen Bischöfe gerade so vorgehen müssen, wie sie es gegen Msgr. Droste-Vischering ge- than hat, und die daraus hervorgehende Lage wird eine völlig unhaltbare werden. Diejenigen, welche-den Kaiser zur strengen Anwendung der gegen die katholische Kirche neugemachten Gesetze drängen, schließen die Augen gegen die unverantwortlichen Folgen dieses Verfahrens."
Die Voraussicht des Kardinals hat sich erfüllt. Doch sind die „Maigesetze" inzwischen großentheils wieder abgeschafft worden, und ist, um mit Papst Leo zu sprechen, wenigstens der „Zugang zum Frieden" wieder gefunden worden. Aber scheint die preußische Regierung mit dem vorgelegten Volksschulengesetze die in etwas verlassenen Geleise nicht aufs Neue beschreiten zu wollen? —
Mit dem Erfolge seiner eigentlichen Mission konnten der Kardinal-Erzbischof und seine Mandatare sehr zufrieden sein: Kraft kaiserlichen Beschlusses wurde die Kontribution auf das Drittel herabgesetzt. Pfr. E.
Deutsches Keich.
Berlin, 13. März.
* lieber das Befinden des schwer erkrankten Abg. Windthorst schreibt die .Germania' heute: Sind die nun Hilfe brachte, und zwar unerwartete Hilfe, welche mit einem Male für immer die Armuth aus allen Ecken vertreiben konnte.
Aber trotz der Armuth, welche sich überall kund that, bemerkte der Sekretär Schreiber doch eine große Reinlichkeit an den Hellen, blinkenden Fensterscheiben, in dem rein gewaschenen Hausflur, welche er jetzt betrat, und wo seine in alle Ecken prüfend blickenden Augen nicht eine Spur von Schmutz bemerkten. Das that ihm wohl. Er klopfte nun an einer Thüre zur Linken, vor welcher eine alte Strohmatte lag; hier gedachte er die Wittwe Elmenreich zu finden. Das laute Schnurren einer Spindel ließ sich aus dem Zimmer vernehmen. Jetzt stand das Spinnrad still, und eine schwache Frauenstimme rief: „Herein!"
Der Sekretär Schreiber trat in ein niedriges Gemach, in die Wohnstube der Registrators-Wittwe Die große Ordnung und Reinlichkeit, welche auch hier herrschte, und daneben eine angenehme Wärme von einem großen Kamine her machten das sonst ärmliche Zimmer in hohem Grade gemüthlich und erfüllten auch die Seele des Sekretärs mit einem gewissen Wohlbehagen und dazu mit einigem Erstaunen, da er die schon hochbetagt aussehende Frau bemerkte. Sie erhob sich von ihrem Sitze bei dem Kamine, sah den Fremden mit ihren dunkelen Augen, welche in ihrem ein-