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Freitag, den 13. März 1891.
18. Jahrgang
Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
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* Zum Verständnis der inneren Politik Gesterreichs.
Seit einer Reihe von Jahren kommen aus Oesterreich Klagen, daß das Deutschthum vernachlässigt und von der Regierung zurückgesetzt werde. Aber Oesterreich wurde ja mit Gewalt seiner Stellung als einer deutschen Macht entkleidet. Als es im Jahre 1866 durch Blut und Elsen aus dem deutschen Bunde hinausgedrängt wurde, da mußte nothwendig das Deutschthum daselbst sein politisches Uebergewicht verlieren. Der deutscheBolks stamm besaß die politische Führung in Oesterreich ja niemals durch seine Zahl, sondern durch seine höhere Bildung und besonders dadurch, daß die Deutschen Jahrhunderte hindurch die Grundlage gewesen waren, auf welcher die deutsche Kaiserkrone sich dem Hause Habsburg zugewendet hatte. Mit der Schlacht von Koniggrätz war das Alles zu Ende. Oesterreich schied aus dem tausendjährigen politischen Verbände mit den andern deutschen Stämmen. Sein Herrscherhaus trug nicht mehr die deutsche Kaiserkrone und war auch nicht mehr die Präsidialmacht im deutschen Bunde. Es sah sich nun genöthigt, zunächst den Magyaren jenseits der Leitha die gleiche politische Stellung einzuräumen, wie den Deutschen westlich dieses Flusses. Aber auch die slavischen Nationalitäten, die Czechen, die Slovenen re. und selbst die armen Slovaken verlangten nunmehr ihre nationalen Rechte, vor Allem Anerkennung ihrer Sprache in Verwaltung und Rechtsprechung. Das Nationalitätenprincip wurde durch Napoleon IH. und Fürst Bismarck gleichzeitig proklamirt und auch in jenen weltfernen Gegenden bald begriffen und sich zu Nutzen gemacht. Nachdem man diesen Völkern Volks- und höhere Schulen gegeben, konnte es nicht fehlen, daß sie mit der wachsenden Bildung auch der Rechte ihrer Nationalität bewußt geworden sind. Vom allgemeinen Kulturstandpunkte «us ist es sogar zu begrüßen, wenn auch jene Völker auf eine höhere Kulturstufe emporsteigen. Je freier sie sich in Oesterreich fühlen, je mehr sie sich an Wohlstand, Sitte und an berechtigter nationaler Eigenart entwickeln, desto kräftiger werden sie Mitteleuropa als Bollwerk dienen gegen Rußland und dessen panslavi- stische Lockungen. Das Bindeglied der verschiedenen Stämme Oesterreichs kann, wie die Dinge nun einmal liegen, nur das gemeinsame Herrscherhaus und der Katholizismus sein. Diesen zu pflegen und aus dem Schlafe josephinistisch - staatskirchlicher Erstarrung zu wecken, sollten sich Oesterreichs Kaiserfamilie und Staatsmänner mehr angelegen sein lassen. Sie würden damit vor Allem ihre eigenen slavischen Völker festigen gegen die Verlockungen des russischen Schismas. Aber auch auf der Balkanhalbinsel wäre die thatkräftige Förderung des römischen Katholizismus
Aus Irrwegen.
Original-Novelle von Ferdinand Hartdegen.
, (19. Fortsetzung.)
Jeder Verein wurde mit Kanonenschüssen empfangen, sobald er den Festplatz mit seinem Musikkorps, seinen Fahnen und Standarten betrat. Am Abend war nicht nur die ganze Stadt illuminirt, sondern auch das Münster und der ganze Festplatz mit bengalischem Feuer erleuchtet. Ueberall war Freude und Lust. Gleichwohl aber wurde die größtmögliche Ordnung durch eine Menge von Polizisten gewahrt. —
Lehmann und Eckard gaben sich einer ausgelassenen Stimmung hin; sie dünkten sich jetzt als reiche Leute gleichsam über das Gesetz erhaben und glaubten, sie brauchten sich vor keiner Strafe mehr zu fürchten. Jetzt trat die Roheit ihres Wesens recht zu Tage.
Als sie in dem sogenannten Metzgerthore der Stadt Straßburg einfuhren und den französischen Adler darüber erblickten, riefen sie laut, als wenn es Jedermann hören sollte, man sollte ihn herunterrerßm, Straßburg gehörte von Rechtswegen Deutschland und nicht Frankreich. Der ängstliche Sekretär Schreiber war darüber zum Tode erschrocken und bat sie dringend chre und feine Freude an der Festlichkeit nicht durch ungebührliche Reden zu stören, da die Leute in Straß-
eines der wirksamsten Mittel, um auch diese Völker den Lockungen Rußlands zu entziehen und sie dauernd an Mitteleuropa und das Abendland zu knüpfen. Man mag es bedauern, daß der deutsche Volksstamm in Oesterreich seine dominirende Stellung eingebüßt hat; man mag es beklagen, daß die rechte Zeit zur Ger- manisirung der österreichischen Slaven versäumt worden ist, allein diese Zeiten sind vorüber und werden nicht mehr wiederkehren. Am Allerwenigsten dürfen Jene darüber klagen, welche die Verdrängung Oesterreichs aus Deutschland (meist in konfessioneller Befangenheit) jubelnd beklatscht haben. Die Klagen über die Zurück- drängung des Deutschthums in Oesterreich werden bei uns von den liberalen Blättern mit besonderer Heftigkeit vorgebracht, allein gerade auf jener Seite hat man das wenigste Recht dazu. Der Heros unserer Nationalliberalen, Fürst Bismarck, ist der Urheber jener Politik, welche die Deutschen in Oesterreich ihrer bevorrechtigten Stellung entkleiden mußte. Dieselbe Politik mußte auch dahin führen, daß in Transleithanien die Deutschen den Magyaren unterworfen wurden. Gerade die Deutschliberalen Oesterreichs, welche am meisten über Zurücksetzung des Deutschthums klagen, billigen am meisten die Gewaltherrschaft, welche sich das Magyarenthum über die Deutschen und andere Stämme Cisleithaniens angemaßt hat. Nachdem in Oesterreich der Einheitsstaat sich als undurchführbar erwiesen hat, wird das Donaureich auf unabsehbare, Zeit bleiben müssen, was es immer war: eine mächtige Föderation v erschiedener Sprachen und Stämme, geeinigt durch die gleiche Liebe zmn Herrscherhause und die gemeinsame Religion. In dieser Gestalt ist Oesterreich eine europäische Nothwendigkeit, ein unentbehrliches Bindeglied zwischen West und Ost. Seine große politische und Kulturmission ist es, die zahlreichen Mittel- und Südslaven an Mitteleuropa zu knüpfen und alle seine verschiedenen Stämme, Slaven, Deutsche, Magyaren, Rumänen und Italiener in kräftiger mitteleuropäischer Hand zu vereinigen nach dem österreichischen Wahlspruch viribus unitis, d. h. mit vereinten Kräften. Das Bewußtsein von der Nothwendigkeit Oesterreichs in diesem Sinne drückt sich aus in dem anderen Spruche A. e. i. o. u., d. h. Austria erit in orbe ultima.
Man war gewohnt, in der österreichischen Monarchie das deutsche Element stets die führende Rolle spielen zu sehen und vergaß, daß die Deutschen nur eine Minderheit gegenüber zwanzig Millionen bilden, welche mit dem geistigen Fortschritt auch ein stark ausgeprägtes Nationalgefühl entwickelten und nun zu der altösterreichischen Idee eines Völker- und Staatenbund es halten, welche in der pragmatischen Sanktion und im Patente des Kaisers Franz I. vom Jahre 1804 betont wird. _____________________________
bürg ebensogut deutsch als französisch verständen. Aber die Beiden kümmerten sich nicht um die Warnung ihres Freundes. Sie hatten von jeher gegen die Ordnung und gegen das Gesetz sich aufgelehnt, hatten es früher, als sie noch in Freiburg waren, stets gewagt, in öffentlichen Wirthschaftsgärten über den Fürsten und die Regierung des Landes zu schimpfen, und waren nicht bestraft worden, da zum Glück für sie niemals ein Verräther es gehört hatte. Dieser Umstand gab ihnen den Muth, immer frecher aufzutreten. Durch unmäßiges Trinken berauscht wußten sie kaum, was sie sprachen und was sie thaten. .
Als auf dem Festplatze der Sitte gemäß em Hoch auf den Kaiser ausgebracht wurde, erkühnten sich Lehmann und Eckard sogar laut zu rufen :
„Nieder mit ihm! Straßburg gehört mcht dem Kaiser von Frankreich! Nieder mit ihm, dem —!" Es kamen nun sogar mehrere gemeine Schimpfwörter aus ihrem frechen Munde. .
Jetzt aber wurde es dem Sekretär Schreiber m ihrer Nähe allzu bange; schleunig und unbemerkt entfernte er sich von ihnen mit dem festen Entschlüsse niemals wieder mit diesen rohen und stechen Gesellen zu verkehren.
Und es war sein Glück. Denn diese unsinnigen Worte erregten, soweit nur ihr Schall dringen konnte,
Die nationale Gleichberechtigung der Slaven mit den Deutschen, Polen und Magyaren ist nun eine politische Nothwendigkeit geworden, wenn man Oesterreich sich die Mehrheit der Bevölkerung nicht entfremden und sie den Russen in die Arme treiben will. Auch darf die österreichische Regierung nicht vergessen, daß es die Sla ven waren, welche Oesterreich in den Jahren 1848 und 1866 ver- theidigten und retteten. In Wien brach 1848 die Revolution los, und die Magyaren begannen offenen Kampf gegen Oesterreich; damals haben sich die tapferen Kroaten unter Führung ihres ritterlichen Ban Jellacic erhoben; auch die Slovaken und Serben bildeten Freikorps und zogen ins Feld für Oesterreich gegen die Magyaren. Als nach der Schlacht von Königgrätz im Jahre 1866 den Führern der Slaven Böhmens von preußischer Seite die Wiederherstellung des Königreichs Böhmen um den Preis des Abfalles von Oesterreich angetragen wurde, da wiesen dieselben das Anerbieten in Oesterreichs Interesse, zurück. Die Slaven sind das Element, auf welches Oesterreich immer und besonders in den Tagen schwerer Bedrängniß sich verlassen konnte, sie ausrotten, wäre daher Wahnsinn.
Derjenige slavische Stamm, den man Oesterreich am wenigsten zugeneigt und panslavistifchen Ideen huldigend darstellte, waren die Ruth en en, aberTaaffe's Politik hat auch diese herangezogen. Das zielbewußte und entschiedene Auftreten der Jung-Ruthenen in der letzten Session des galizischen Landtages hat in allen politischen Kreisen einen nachhaltigen Eindruck gemacht. Die Borwürfe, die, wohl nicht immer berechtigt, aber zuweilen doch mit einem Schein von Begründung gegen das Ruthenenthum erhoben wurden, daß dasselche nach Rußland hinüber gravitire und zum Schisma strebe, sind den jungruthenifchen Erklärungen gegenüber gegenstandslos geworden, denn die Hauptpunkte ihres Programmes sind: treue Anhänglichkeit an Oesterreich und Festhaltung am katholischen Glauben. Die Führer der Ruthenenpartei Romaczick und Pater Siczynski haben ihre Bereitwilligkeit bekundet, auf dem Boden der öster- reichifchen Staatsidee eine Verständigung mit den Polen zu erzielen. Abg. Romaezick sagte, daß die Ruthenen nur in Oesterreich und bei Oesterreich Schutz ihrer nationalen Eigenart finden können. Ihr Programm läßt sich in folgende Punkte zusammenfassen: Schutz ihrer nationalen Eigenart und Sprache, Treue für Oesterreich und die regierende Dynastie, Anhäuglichkeit an die katholische Kirche, gemäßigter Liberalismus und Fürsorge für die Entwickelung des Bauern- und Bürgerstandes. Abg. Pater Siczynski bemerkte noch: „Wir Kleinruffen (Ruthenen) sind ein selbstständiges, von den Polen ebenso wie von den Russen abgesondertes Volk mit unserer eigenen Geschichte und unseren eigenen Idealen." .... „Wir müssen Oesterreich und seiner allgemeine 'Entrüstung über die frechen Gesellen, welche es wagten, die Ordnung des Festes zu stören. Alsbald wurden sie festgenommen und vor die Polizei geführt. Eckard versuchte zwar durch einen kräftigen Hieb gegen den Polizisten, welcher ihn erfaßt hatte, sich von demselben loszumachen und Lehmann fuhr fort zu schimpfen; aber hierdurch wurde ihre Lage nur verschlimmert. Nach einem kurzen Verhör über ihren Namen, ihren Stand und ihre Herkunft, sowie nach einer Untersuchung ihrer Papiere, wobei man schließlich fand, daß sie unter einem falschen Namen gereift waren, wurden die beiden Kameraden gefesselt in eines der Gefängnisse abgeführt, welche sich am Jll befinden; ein jeder kam in eine besondere Zelle. Wie sehr bereuten nun Eckard und Lehmann ihre unbedachten Worte! Jedoch es war zu spät. Entschwunden für lange Zeit war ihre Hoffnung auf die glücklichen Tage, welche sie demnächst in Amerika durchleben wollten. Sie hatten sich im Geiste schon als reiche Farmer dort gesehen mit vielem fruchtbaren Lande, saftigen Weiden und großen Viehheerden. Aber es war nur ein schöner Traum.
„Hätten wir doch nicht unser Geld m Karlsruhe gelassen, sondern wären alsbald von der Schweiz ans ohne weiteren Aufenthalt nach Amerika gereist, dann wäre unser Traum verwirklicht worden! Was hilft