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Dienstag, den 10. März 1891.
18. Jahrgang
Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).
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0Zur Aushebung des Jesuitengesetzes.
Im Bureau des Reichstages sind bereits anderthalbtausend Petitionen für und wider Aufhebung des Jesuitengesetzes eingelaufen. Ganz ähnlich wie gegen die Sperrgeldervorlage, ist auch die Hetze gegen die Wiedereinfetzung der Jesuiten in ihre staatsbürgerlichen Rechte unter dem Vorwande des „konfessionellen Friedens" eingeleitet worden, und zwar von dem Todfeinde desfelben, dem „Evangelischen Bunde". Nur mit dem Unterschiede, daß diese Herren ihre Namen nicht zu einem öffentlichen Aufrufe hergaben, im Ge- gentheile die Weisung erließen: „die Bewegung dürfe nicht unter der Firma des Evangelischen Bundes auftreten und ebenso wenig sich nur innerhalb der Grenzen desselben haltm"; es seien vielmehr von seinen führenden Mitgliedern womöglichst in Gemeinschaft mit anderen Evangelischen schleunigst größere Volks-, bezw. Ortsversammlungen zu berufen, Petitionen zu massenhafter Unterzeichnung aufzulegen und zu kolportiren, insbesondere auch sür Verbrettung üt den Zeitungen zu sorgen. Das Schreiben des „Centralvorstandes" verspricht seine Musterpetitionen überall hin zu senden, Material für die Redner zu besorgen, und verweist inzwischen auf die Artikel in der ,Kirchl. Korrespondenz' des Bundes.
Natürlich durfte die Freimaurerei im weiteren Bunde nicht fehlen. Alle deutschen Logen erließen ihre Aufrufe zum Kampfe, mit Ausnahme der demokratischen Logen-Sekte des Herrn Findel in Leipzig, die nicht in's Gewicht fällt. Das ,Bundesblatt' in Berlin, Hauptorgan der deutschen Freimaurerei, ging mit dem Beispiele voran: „Auch hier sind Petitionen gegen die Zulassung des Jesuitenordens aufgelegt. Wir machen die hiesigen Brüder mit dem Bemerken darauf aufmerksam, daß jeder deutsche Freimaurer es als seine Pflicht erachten sollte, nicht nur diese Petitionen zu unterzeichnen, sondern auch in seinen Bekanntenkreisen für die Unterzeichnung zu wirken. Von Seiten der Ultramontanen werden alle Hebel in Bewegung gesetzt, um ihren gewandtesten und rücksichtslosesten Vorkämpfern wieder offene Bahn (im Geheimen wirken sie sicher auch heute bei uns fort) zu sckmffen." Durch em merkwürdiges Zusammentreffen ist zu derselben Zeit in Berlin ein „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" gegründet worden; zu den Unterzeichnern des Aufrufes gehören Mitglieder beider Bunde, des offenen „evangelischen" und des geheimen der Loge. Die Herren beiderseits wollen die „volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung" der Juden vertheidigen helfen, dieselbe „volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung" der Nationsgenossen, die dem Jesuitenorden angehören, anzuerkennen, ist schwerlich einer von ihnen gewillt.
Es hieße, Wasser ins Meer tragen, wollte hier der
Aus Irrwegen.
Original-Novelle von Ferdinand Hartdegen.
(16. Fortsetzung.)
VIII.
So war Elmenreich in kurzer Zeit ein anderer Mensch geworden. Kaum war er in Brienz angekommen, so drängte es ihn, das Versprechen, welches er Gott gegeben hatte, zu erfüllen. Mit seinen früheren Freunden wollte August keine Gemeinschaft mehr haben. Nach Meyringen zu gehen, oder nach Luzern zurück zu kehren, hierzu lag für ihn keine besondere Veranlassung mehr vor. Seine nötigsten Kleidungsstücke und sein Vermögen, sowohl alle gestohlenen Werthpapiere, bis auf diejenigen, welche Lehmann und Eckard besaßen, als auch noch einen Theil seines gewonnenen Vermögens hatte er bei sich. Um der Kleinigkeiten willen, welche er in Luzern zurückgelasien hatte, wollte er sich nicht in die Gefahr begeben, auf's Neue sein Seelenheil unter seinen früheren Freunden zu vernichten.
August fuhr vielmehr schon am anderen Morgen auf einem Dampfschiffe nach Interlaken. „Vielleicht, so dachte er, ist der Diebstahl von der Dame noch gar nicht entdeckt worden, vielleicht ist dieselbe noch nicht zurückgekehrt! Dann würde sich noch Alles gut
Verlauf der Hetze geschildert werden, welche schon seit Monaten gegen die Aufhebung des Ausnahmegesetzes vom 4. Juli 1872 wüthet, und die Fluth des Hasses und der Verleumdung, die allen Schmutz dreier Jahrhunderte aufwühlt, um die Gehässigkeit jenes Gesetzes zu rechtfertigen. In keiner der zahlreichen Versammlungen, welche katholischerfeits wegen Aufhebung des Jesuitengesetzes abgehalten worden sind, ist die andere Konfession angegriffen, der „konfessionelle Friede" auch nur mit einem Worte gestört worden. Aber von irgend einer Sänftigung des Sturmes auf der anderen Seite war keine Rede, und man brauchte nicht die Finger einer Hand, um die Männer zu zählen, welche es wagen, offen gegen das wüste Treiben aufzutreten. Man sollte meinen, daß denn doch auch die verbissensten Köpfe über die Ungeheuerlichkeit nicht hinwegsehen könnten, daß „alle Jesuiten, die doch Deutsche sind wie wir", wie Herr v. Gerlach, einer jenen wenigen vorurtheils- freieren Protestanten sagt, „zu Bürgern zweiter Klasse gestempelt werden, während es Juden, die schamlos unser Volk aussaugen und vergiften, Anarchisten, welche die Vernichtung von Königthum, Christenthum und Gesellschaft auf gewaltsamem Wege als Programm bekennen, gestattet ist, sich des unbeschränkten Bürgerrechtes in Deutschland zu erfreuen."
Doch die „Jesuiten" nennt man, und nebenbei die „Ultramontanen", aber die Katholiken als solche meint man, sobald sie sich rühren und nicht blos geduldet sein wollen im Reich. Nicht selten läuft auch der Mund über von dem, was das Herz denkt. Kurz nachdem ein Bonner Professor die Gefahr geschildert hat, welche dem deutschen Kaiserthume von den^Jesuiten drohe, „unter die Dienstbarkeit des von der Gesellschaft Jesu geleiteten römischen Papstes" zu gerathen, hat ein Pastor auf einer Versammlung des „Evangelischen Arbeitervereins" zu Essen vom 7. Dezember v. I. den deutschen Katholiken überhaupt dieselbe Tendenz zugeschrieben. Die Sache war so arg, daß anderthalbtausend Krieger aus den Feldzügen seit 1864 sich versammelten zum Protest gegen „die böswillige Verleumdung, daß die Katholiken eine vaterlandslose und vaterlandsfeindliche Schaar seien, die ihr eigenes Vaterland schlecht mache und es lieber heute als morgen in Stücken gehen sehe," gegen die Frechheit, „die Katholiken mit französischen Kommunisten, russischen Nihilisten, spanischen Republikanern und deutschen Sozialdemokraten zu vergleichen, ja, sie noch unter dieselben zu setzen", gegen die grobe bewußte Unwahrheit, zu behaupten, „Millionen von Katholiken hätten ihr Vaterland im Vatikan zu Rom."
Wohin die Spitze aller dieser protestantischen Schreckbilder gerichtet ist, läßt sich mit unbewaffnetem Auge ersehen. Aber auch eine diplomatische Finte wird für dienlich erachtet, den Eindruck allerhöchsten Orts zu
machen lassen. Freilich fehlen jene 20000 Gulden, und die 1000 Gulden, welche Lehmann und Eckard für sich genommen haben. Aber sie werden dieses Geld schon wieder herausgeben müssen."
Mit diesen Gedanken beschäftigt, kam Elmenreich vor der Villa an. Nun sah er zu seinem Schrecken, daß er in seiner Hoffnung getäuscht war. In dem unteren Stockwerke, wo die Frau Hartung wohnte, und zwar gerade in dem Zimmer, in welchem er den Diebstahl verübt hatte, standen beide Fenster offen, was ihm anzeigte, daß die Dame zurückgekommen war. Jetzt stand August vor der geschlossenen Hausthüre. Seine Augen richteten sich nach jener Stelle im Blumengarten, wo er zum Fenster geschritten war; seine erregte Phantasie wähnte noch seine Fußtapfen in dem lockeren Erdboden zu erblicken. Er zog eine Glocke neben der Hausthüre, welche in lautem und ihn erschreckendem Klange ertönte.
„Vor kurzer Zeit stieg ich, dachte er, dem Geheiß meiner Verführer folgend als frecher Dieb zum Fenster ein; nun gehe ich als gebesserter Mensch den geraden Weg durch die Hausthüre."
Jetzt öffnete sich die Thüre. Der Diener erschien; es war derselbe, welcher Elmenreich und seinen beiden Kameraden vor wenigen Wochen den Garten gezeigt hatte, und welcher durch sein unbedachtes Plaudern
verstärken und an die Anstiftung einer europäischen Verschwörung glauben zu machen. Die Politik des Vatikans soll eine dem Dreibunde feindliche Wendung genommen haben und zwar unter dem Einflüsse der Jesuiten. Das eigentliche Organ dieser seit geraumer Zeit fortgesetzten Anschwärzung ist die Münchener ,Allgemeine Zeitung'.
Faßt man alles zusammen, was in diesem stürmischen Toben dem jungen Monarchen zu Gehör geredet wird, so muß man sagen, daß fast übermenschlicher Muth dazu gehören würde, in dem edlen Bestreben, mit der Bismarck'schen Hinterlassenschaft aufzuräumen, tapfer fortzufahren und zunächst die empörendsten Jnventar- stücke derselben zum Fenster der Reichs- und Staats- Kanzlei hinauszuwerfen: den Sperrgelderfonds und das Jesuitengesetz. In logischer Folge würde es sodann den Dritten im Bunde, den Welfenfonds, treffen. Nicht unwahrscheinlich, daß auch er zu einer Frage des „konfessionellen Friedens" gestempelt werden würde.
Deutsches Keich.
Berlin, 7. März.
* Der Kaiser hat dem polnischen Abg. v. Kos- cielski, welcher als Referent der Budgetkommission für den Marineetat bekanntlich für die geforderten ersten neuen Raten des Etats mit Ausnahme des Avisos eintrat, am Donnerstag durch den Flügeladjutanten ein Bildniß übersenden lassen, darstellend die Flotte des Großen Kurfürsten. Der Kaiser hat eigenhändig die Namen der Boote und deren Kanonenzahl am Rande des Bildes verzeichnet. Das Bild trägt folgende Widmung: „Dem Herrn v. Koscielski zur Erinnerung an sein mannhaftes Eintreten für Meine Marine von seinem dankbaren Kaiser und König." — Der Vorgang wurde in parlamentarischen Kreisen vielfach besprochen.
* Die Sozialdemokraten haben jüngst, um Ausständige zur Beharrlichkeit zu bewegen, das raffinirte Mittel angewandt, die Unterstützungsgelder oft nur auf Schuldschein oder auf Wechsel zu geben; unter diesen Umständen sind die Ausständischen dem Streik-Komitee vollständig ausgeliefert. Jetzt hat das Gericht in Altona eine Entscheidung getroffen, welche dieses Verfahren der Sozialdemokraten zunichte macht. Das Gericht hat nämlich eine Wechselklage des Unterstützungsvereins deutscher Tabakarbeiter gegen einen aus dem Verein getretenen Arbeiter abgewiesen; die Wechsel, die Arbeiter für empfangene Unterstützungsgelder acceptiren müssen, sind daher ungültig.
* Im Herrenhause ist die nächste Sitzung auf Donnerstag, den 19. März anberaumt. Auf der Tagesordnung steht die geschäftliche Behandlung der Steuer- ihnen alle Mittel zur leichten Ausführung des Diebstahls in die Hand gegeben hatte. Der Diener schien Elmenreich auch wieder zu erkennen; aufmerksam betrachtete er ihn, und da er den scheuen und ängstlichen Blick Elmenreichs bemerkte, schien er zu ahnen, daß nunmehr das Räthsel des Diebstahls gelöst würde. Erschreckt wich er vor August einen Schritt zurück, bald prägte sich ein Zug der Freude auf seinem Antlitze aus, daß jetzt vielleicht seine Herrin ihr gestohlenes Vermögen zurück erhalten und der Schlosser aus seiner Haft befreit würde, bald erfaßte ihn eine jähe Angst bei dem Gedanken, daß die Dame im Zorne über sein unüberlegtes Geschwätz ihn nun alsbald aus dem Hause jagen würde. Stumm zeigte er auf den Wunsch Elmenreichs das Zimmer, worin sich die Frau Hartung befände.
Zitternd und bebend trat Elmenreich ein. Es war dasselbe Zimmer, wo er den Diebstahl begangen hatte; alle Meubles standen noch an derselben Stelle wie in jener Nacht; dort stand auch der verhängniß- volle Schrank. In jener stürmischen Nacht hätte August nicht geglaubt, daß er bald darauf in demselben Zimmer sich" der bestohlenen Dame als der freche Dieb zu erkennen geben würde, um den unschuldig verhafteten Schlosser zu befreien. Wie hatte Gott in kurzer Zeit Alles so ganz anders gefügt!