Beilage zu Nr. 55 der „Fuldaer Zeitung".
Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda. Druck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).
Sonntag, den 8. März 1891.
S Eisenbahn-Reform.*)
Die Regierung vertheidigt in dem ,Staats-Anz/ ihren Eisenbahn-Reformplan gegen die abfälligen Ur- theile der Presse. Die halbamtliche Darlegung ist recht interessant. Besonders durch ihre Zugeständnisse. Natürlich ist der Vertheidiger ungehalten darüber, daß man den Reformplan als eine Vorlage über die Erhöhung der Personentarife bezeichnet hat. Aber er muß selber bekennen: „Erhöhungen treten nur ein bei Hin- und Rückreisen in Schnellzügen I. und II. Klasse, abgesehen von der Aufhebung des Freigepäcks." Da haben wir es ja! Erstens unmittelbare Erhöhungen des Fahrpreises für gewisse Klasse und Züge, zweitens eine mittelbare Erhöhung durch die Beseitigung der bestehenden Gepäckfreiheit. Die beigefügte Tabelle ergiebt, daß die Reisenden, welche im vorletzten Geschäftsjahr mit Doppelkarten I. oder II. Klasse die Schnellzüge benutzt haben, nach dem neuen Tarif rund 1,400,000 Mark mehr hätten bezahlen müsfen — „abgesehen von der Aufhebung des Freigepäcks." Will man zur Entschuldigung dieser Preissteigerung behaupten, dieselbe treffe nur reiche Leute, so ist doch zu bemerken, daß gerade die besten Schnellzüge nur I. und II. Klasse führen, und daß dieselben nicht bloß von bummelnden Millionären, sondern auch von weniger wohlhabenden Leuten, die in Geschäfts- oder Familien-Angelegenheiten eine Reise ohne Zeitverlust machen müssen, benutzt werden. Es liegt wahrlich kein Grund vor, hier eine Erhöhung eintreten zu lassen. Oder ist die Schönheit der Ziffern des Normaltarifs ein genügender Grund?
Zur Beseitigung der Gepäckfreiheit bemerkt der Vertheidiger , daß nur ein verhältnißmäßiger geringer Prozentsatz der Reisenden überhaupt Gepäck aufgebe; die große Mehrzahl reise (int Nahverkehr insbesondere) ohne Gepäck oder nur mit Handgepäck. Die Thatsachen sind richtig, aber die Schlußfolgerung nicht. Die Bahn läßt in den meisten Zügen einen Gepäckwagen mit erheblichen persönlichen und sachlichen Unkosten mitlaufen, ohne daß der fast ganz leere Wagen etwas Erhebliches einbringt. Der Wagen muß beibehalten werden; also muß man sorgen, daß er nicht ferner feinen Beruf verfehlt, sondern bei ausgiebiger Benutzung etwas einbringt. Eine ausgiebige Benutzung ist aber nur durch sehr billige Gepäckfrachtsätze zu erzielen. Die bisherige Gepäckfreiheit stellte einen kleinen Rabatt bei Fahrten auf größere Entfernung dar, weil von derselben in der Regel im Nahverkehr kein Gebrauch gemacht wurde. Wie alle anderen Vergünstigungen für größere Fahrten soll auch diese fortfallen. Das ist weder vom kaufmännischen noch vom wirthschaftspolitischen Standpunkt richtig. Aber schließlich könnte man sich mit der Beseitigung des bischen Gepäckfreiheit wohl zufrieden geben, wenn nur der ganze Gepäcktarif auf brauchbaren, billigen Sätzen aufgebaut würde, damit nicht zahlreiche Reisende genöthigt werden, die Coupss hinter dem leeren Gepäckwagen mit Kisten und Koffern zu Überfüllen oder ihre Habseligkeiten als Frachtgut nachkriechen zu lassen.
Wie weit nun die geplante Herabsetzung der Gepäckpreise gehen soll, verräth auch der heutige Artikel noch nicht. Aber er rühmt es schon als etwas Großes, wenn der bisherige Gepäcksatz auf die Hälfte herabgesetzt würde. Da würde also für jedes Gepäckstück unter einem Centner mehr als bisher bezahlt werden müssen und nur die über ein Centner wiegenden Stücke, also besonders die Musterkofier der Handlungsreisenden kämen etwas billiger fort. Es wird nicht zu einer ordentlichen Ausnutzung des Gepäckwagens kommen, wenn man in diesem Punkte nicht die Kilometer-Rechnung fallen läßt und vernünftige Zonensätze einführt.
Uebrigens geht der Vertheidiger an der bedenklichsten Seite der Gepäckfrage mit Schweigen vorbei. Wenn man die IV. Klasse beseitigt, so werden die früheren Kunden dieser Klasse ihre umfangreichen Bündel, Kisten und Koffer nicht mehr mit in den Wagen nehmen können. Sie verfallen der hohen Gepäckfracht. Darin liegt eine bedeutende und durchaus verwerfliche Ver- theuerung des Reifens für die Unbemittelten, die sich zu einer weiteren Reis; unter Mitnahme von Kleidern, Betten rc. veranlaßt sehen.
Damit kommen wir auf den wunden Punkt der Beseitigung der IV. Klasse. Der Vertheidiger sucht diese Maßregel zu beschönigen durch den Hinweis auf die Arbeiterfahrkarten. Aber haben denn Arbeiter oder sonstige kleine Leute gar kein anderes Reisebedürfniß, als zwischen Wohnung und Arbeitsstätte regelmäßig hin- und herzufahren? Im Vororts- und Marktver- kchr soll ja die IV. Klasse beibehalten werden. Also handelt es sich hier bloß um den sogen. Fernverkehr, zu welchem freilich auch schon die bescheidenste Sonntagsnachmittags-Reise des Städters gehören kann. Allen
*) Nachdruck nicht gestattet.
solchen Fernreisenden IV. Güte sagt nun der Reformplan: „Ihr allein sollt künftig keinen niedrigeren Tarifsatz genießen. Euch lassen wir zu dem alten Preise in der III. Klasse fahren; aber für diesen erhöhten Komfort müßt ihr auf die freie Beförderung der größeren Traglasten verzichten." Daß die kleinen Leute über diese „Wohlthat" durchgehends entzückt sein werden, glaube ich nicht. Wenn „Sozialpolitik" hinter diesem Plan steckt, so kann es nur die Absicht sein, die Freizügigkeit der Unbemittelten nicht gar zu frei werden zu lassen und insbesondere die „Sachsengängerei" in Schranken zu halten. Nun kann man ja über Freizügigkeit und Sachsengängerei verschiedener Meinung sein, aber darin müssen alle Unbefangenen einig sein, daß die Eisenbahnverwaltung die Aufgabe hat, den Verkehr zu erleichtern, und daß kein sachlicher Grund für sie vorliegt, die weniger Bemittelten bei der allgemeinen Herabsetzung der Fahrpreise leer ausgehen zu lassen, ja sogar mittelst des Gepäcksystems höher zu belasten.
Als mildernden Umstand muß man nun freilich gelten lassen, daß nach dem Zugeständniß ihres Ver- theidigers die preußische Eisenbahn-Verwaltung gerade zu den bedenklichen Punkten ihres Reformplanes durch die süddeutschen Eigenthümlichkeiten bewogen ist. Die Einheit, welche auf anderen Gebieten manchmal der Freiheit gefährlich wurde, hat sich hier der Billigkeit verderblich erwiesen. Weil Süddeutschland bloß 3 Klassen hat und dieselben behalten will, sollen die norddeutschen Proletarier von der Verbilligung der Preise ausgeschlossen sein. Weil Süddeutschland auch für Rückfahrkarten einen Schnellzug-Zuschlag berechnet, sollen wir mit dem hohen Zuschlag von 1 Pfennig, d. h. mit einer Erhöhung der Schnellzugspreise für die Doppelkarten zweier Klassen beglückt werden. Weil die Süddeutschen keine Gepäckfreiheit genießen, sollen wir in Sachen der Gepäckbeförderung einen Schritt rückwärts thun. Könnten denn die lieben Brüder in Süddeutschland nicht wenigstens einen Theil ihrer kostspieligen Eigenthümlichkeiten uns zum Opfer bringen? —
Von besonderem Interesse ist noch der halbamtliche Vorstoß gegen den sogen. Zonen tarif. In kunstvoller Weise (z. B. durch Ansetzung eines recht hohen Wechselkurses) wird der Nachweis versucht, daß nicht bloß die neuen österreichischen, sondern auch die vielberufenen ungarischen Fahrpreise für einige Entfernungen höher, für andere gleich oder nur unbedeutend niedriger seien, als die künftigen Preise nach dem deutschen Reformplan. Auf den österreichischen Tarif, den wohl Niemand für musterhaft hält, braucht man nicht näher einzugehen. Gegenüber dem ungarischen Tarif aber ist der deutsche Reformtarif auf den meisten Entfernungen theurer und zwar nicht bloß auf den sehr großen Entfernungen, was sich ja bei der Natur des Zonentarifs von selbst versteht, sondern auch schon auf Strecken von 35, 40 rc. Kilometer. Uebrigens darf doch das hochentwickelte Preußen- Deutschland nicht schon stolz sich in die Brust werfen, wenn es stellenweise mit dem Magyaren-Reiche gleichen Schritt hält. Je mehr Reisende, desto geringer die Transportkosten für die einzelne Person! Diese Wahrheit kennt der kleinste Omnibus-Unternehmer. Weßhalb verschließt sich denn die preußische Eiseubähnbehörde der Erkenntniß, daß sie bei dem weitaus größeren Reisebedürfniß Deutschlands mehr leisten kann und muß, als der Eisenbahnminister eines halbcivilisirten Landes?
Nun müssen wir aber gegenüber der halbamtlichen und auch anderen Polemiken feststellen, daß wir für unseren Theil za den Fanatikern des ungarischen oder des englischen Zonentarifs gehören. Wenn wir dem Zonensystem das Wort reden, so verfolgen wir besonders zwei Zwecke: Erstens eine Vereinfachung des bestehenden Billetwesens und zweitens Preisabschlag für weitgehende Fahrten. Wenn z. B. die preußische Bahnverwaltung vorschlüge einen steigenden Prozentsatz des Rabatts für größere Entfernungen zu bewilligen, so würden wir ohne Prinzipienreiterei auf diesen Boden treten. Wir verurtheilen die starre Kilometerrechnung, weil sie unter dem Deckmantel einer mechanischen Gerechtigkeit ein Hinderniß für den Aufschwung des Verkehrs und die rechte Ausnutzung der Schienenwege ist. Der P o st v e r k e h r hat sich über die Kilometerfuchserei erhoben, die ganze wirthschaftliche und soziale Entwickelung im großen Reiche fordert die Ueberwindung des Raumes, der die Jnfassen des einheitlichen Wirthschafts- und Kulturgebietes trennt. Die Eisenbahn ist zu dieser Aufgabe vor Allem berufen und geeignet. Der wohlhabende Mann, der nicht auf einige Markstücke zu sehen braucht, genießt schon jetzt die ganzen Vortheile der Eilzüge. Der kleine Mann kann sich aber erst dann frei im ganzen deutschen Hause bewegen, wenn man die Fahrpreise für größere Strecken feiner Leistungsfähigkeit etwas mehr anpaßt.
Schließlich sei noch der allgemeine Gesichtspunkt hervorgehoben, daß eine kleine Ermäßigung der Preise nur eine kleine Verkehrssteigerung Hervorrufen kann, während bei einer starken Herabsetzung ein großer Mehrandrang und deshalb mit mehr Wahrscheinlichkeit die Deckung des Ausfalles zu erwarten ist.
Bleibt es bei der jetzt geplanten halben Arbeit, so wird nach Einführung der neuen Normalsätze sofort wieder das alte Spiel beginnen. Von allen Seiten wird versucht werden, in den neuen Einheitstarif Breschen zu legen durch besondere Vergünstigungen für weite Fahrten, Sommerreisen rc., wie ja auch in den alten Normaltarif Breschen gelegt waren. Ein Tarif ohne Ausnahmen, der uns Stetigkeit und Frieden bringen soll, muß doch noch ganz anders aussehen, als der vorgeschlagene.
Kernssmahl der Kinder.
lieber diesen wichtigen Gegenstand bringt der ,Wests. Merkur' einen Artikel, der aller Beherzigung werth ist. Nur einiges führen wir aus demselben hier an:
Das Schuljahr 1890—91 neigt sich seinem Ende zu, und da tritt an manche Eltern die ernste Frage heran, was ihre aus der Schule entlassenen Kinder, namentlich die Knaben werden sollen. Die Berufswahl ist aber eine ebenso schwere wie wichtige; schwer weil die richtige Wahl nicht immer so leicht zu treffen ist, wichtig, weil von der richtigen Wahl die Zukunft des Kindes, sowohl die zeitliche wie die ewige, vielfach bedingt ist. Jeder Mensch hat einen bestimmten Berns, d. h. jeder Mensch muß nach göttlicher Anordnung arbeiten, sei es mit seinen körperlichen oder geistigen Kräften. Er hat die schwere, moralische Pflicht, seine Fähigkeiten nach bestem Wissen und Können zu ver- werthen zum Nutzen seiner Person, der Familie, der Gemeinde, der Kirche und des Staates. Auch das körperliche Wohlbefinden des Menschen hängt davon ab: denn Müßiggang ist nicht nur aller Laster Anfang , sondern er ist auch die Quelle einer Anzahl körperlicher Leiden.
Selbstverständlich kommt es bei der Wahl in erster Linie auf genaue Prüfung der geistigen und körperlichen Kräfte an. Gar viele Menschen gehen zu Grunde, weil sie einen Beruf wählten oder durch elterlichen Zwang wählen mußten, der ihren Fähigkeiten nicht entsprach. Zunächst hat nun jeder Einzelne sich selbst zu prüfen, aber in den wenigsten Fällen wird das ein eben aus der Schule entlassenes Kind schon selbst können. Da ist es also Pflicht der Eltern, prüfend, rathend und belehrend einzugreifen. Die Neigung für einen bestimmten Stand gibt sich selten frühzeitig kund, und namentlich die phantasiereiche, aber unerfahrene Jugend ist den Eingebungen der Eitelkeit und Laune, den Einflüsterungen urtheilsloser Kameraden und allen Vor- urtheilen ausgesetzt, welche das leicht erregbare Phantasieleben im Gefolge hat.
Fehlen die Talente, so lasse man den Sohn absolut nicht studiren, selbst wenn dieser den wohlhabendsten Eltern gehören würde; denn Reichthum ersetzt die Talente nicht. Da aber die Eltern gewöhnlich nicht genau wissen, wie ihre Kinder veranlagt sind und nur zu gern die Talente derselben überschätzen, so ist noth- roenbig, daß Eltern, die eine Berufswahl für ein Kind zu treffen haben, mit dem Geistlichen und Lehrer ihres Wohnortes Rücksprache nehmen, daß sie sich bei diesen nach dem Talent, dem Fleiße und sittlichen Betragen ihres Kindes erkundigen und sie wohl auch befragen, ob dieses ihr Kind zu diesem oder jenem Beruf hinreichende Fähigkeiten besitze und was sie von der ge- troffenen Berufswahl halten.
Vermischtes.
* Wie Schliemann fremde Sprachen lernte, darüber berichtet der ehemalige Leiter des St. Petersburger Hafenzollamtes, W. G. Rjassowskij, welcher dem verstorbenen Forscher persönlich nahe gestanden, in der Nowoje Wremja Folgendes. Als er z. B. die finnische Sprache erlernen wollte, miethete er für sein Haus nur finnische Dienstboten; dann lag es ihm daran, Tartarisch zu lernen, und so nahm er einen Tartaren als Kutscher an, mit dem er sich, zur Verzweiflung seiner Gattin, die sich aber doch schließlich in die Sache fügte, in die eingehendsten Unterhaltungen einließ. Um das Neugriechische sich anzueignen, suchte er an St. Petersburger Kaufleute und Börsianer griechischer Herkunft Annäherung, obwohl er sonst die Börsenmänner auf dem Strich hatte. Eines Tages traf Rjassowskij im Schliemann'schen Hause einen persischen Lakai an, von dem er erfuhr, daß Schliemann fast ganze Tage in der Gesellschaft eines Persers verbrachte. Zum Schluß bemerkt Rjassowskij, daß Schliemann wenigstens 20 Sprachen beherrscht haben muß.
Die Tugend der Sparsamkeit. Reichgewordener Restaurateur, einem Bekannten seine Billa zeigend: „Nicht wahr, ein schönes Besitzthum? Unter Brüdern wohl feine 60 000 Thaler werth." — Der Bekannte: „Ja wirklich ganz famos. Und das haben Sie alles Ihren Gästen vom Munde abgespart?"
* Ein Kunstfreund. „Sie schwärmen doch auch fürs Theater?" — „Gewiß! Weil meine Alte so oft 'neingeht und ich dann an meinen Stammtisch kann."