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JW 53

Freitag, den 6. März 1891

18. Jahrgang

Actiendruckerei (A. Dillmann).

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Für die Redaetion verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

Druck u. Verlag der Fuldaer

Deutsches Keich.

Berlin, 4. März.

* lieber Sozialdemokratie und Heer schreibt die ,Köl. Vztg.': Dieses Kapitel ist durch die Reichstags- Verhandlungen über die Unteroffiziersprämien wieder in den Vordergrund gerückt worden, nachdem die ,Nordd. Allg. Ztg.' schon im Frühjahr 1876 das Heer als den „ehernen Wall" bezeichnet hat, als die ultima ratio der staatlichen Ordnung, „an welcher sich der Unverstand sozialistischer Doctrinen den Kopf zerschellen werde." Daß eine umfassende planmäßige Agitation innerhalb der Armee vorhanden sei, möchten wir bezweifeln, nachdem erst noch jüngst die sozial­demokratische Presse vor einer solchen für den Ein­zelnen höchst bedenklichen Agitation ausdrücklich ge­warnt hat. Aber die Sozialdemokratie sucht auf Um­wegen Einfluß auf die Armee zu gewinnen, um so der „disziplinirenden und erziehenden Kraft des Heeres beim dreijährigen Dienst" ein Gegengewicht zu bieten. Zu diesem Zweck sucht sie einmal die Frauen und sodann die Landbevölkerung für ihre Partei­grundsätze zu gewinnen. Unter'm 27. August v. I. schrieb der Leipziger Wähler: „Unsere Frauen werden in absehbarer Zeit ganz anders über den Sozialismus denken lernen, wie es heute noch bei der Mehrzahl von ihnen >er Fall ist. Und dann werden allerdings, wenn auch keine geborenen Sozialisten, so doch Sozialisten von Haus aus als Rekruten in die Armee eintreten. Dann dürften freilich auch die disziplinirenden Mittel und die erziehende Kraft der Armee nicht mehr aus- reichen, das sozialistische „Gift" dem Heere vom Leibe zu halten." Unter diesem Gesichtspunkte verdient also das Bemühen, die Arbeiterfrauen in den Bannkreis der sozialdemokratischen Ideen zu ziehen, die ernsteste Beachtung. Das Gleiche gilt aber auch von dem ge­planten Zuge auf das platte Land. Die Statistik lehrt uns, daß die Landbevölkerung für die Wehr­kraft der Nation drei Mal mehr werth ist, als die durch den modernen Industrialismus theilweise körperlich heruntergekommene Stadtbevölkerung. Auf letztere hat die Sozialdemokratie bereits einen weit­gehenden Einfluß; es muß ihr also daran liegen, nun­mehr auch die Landbevölkerung, welche die meisten Soldaten stellt, zu gewinnen. Gleich dem letzten inter­nationalen Pariser Kongreß soll sich übrigens auch der für den dritten Sonntag des August nach Brüssel einberufene Kongreß wieder mit der Stellung und den Aufgaben der Arbeiterklasse gegenüber dem Militaris­mus befassen. In Paris hat man u. a. die Abschaffung der stehenden Heere und die allgemeine Volksbewaffnung nach schweizerischem Muster gefordert. Wahrscheinlich wird man in Brüssel dasselbe thun. In den öfter»

Aus Irrwegen.

Original-Novelle von Ferdinand Hartdegen.

£13. Fortsetzung.)

„Das wird sich bald zeigen," meinte der ältere Schutzmann. „Die kleinen Kinder sind fteilich zu be­dauern. Doch nun fort, wir haben keine Zeit mehr."

„Liebe Elly", sagte der Schlaffer zu seiner ältesten Tochter, deren schönes Gesicht von Thränen übergossen war, „weine nicht! Bete, daß dein Vater gerechtfertigt bald wieder zurückkehrt, und nimm dich derweilen deiner Geschwister an!"

Nach diesen Worten folgte er den Männern in das Gefängniß. Ein lauter Schmerzensschrei seiner jetzt gänzlich verlassenen Kinder drang noch in seine Ohren, als er aus seiner Hauschüre schritt. Da traten ein Paar Thränen in die Augen des Mannes, ein schwerer Seufzer entstieg seiner Brust. Vor wenigen Minuten erst hatte er bei sich gesagt, er habe keinen Grund zu klagen: Und jetzt? — Mußte fein Herz nicht vor Wehmuth und heftigem Seelenschmerze erbeben, wenn er an die Leiden und an die Schmach dachte, welcher jetzt seine Kinder und er selbst ausgesetzt waren? — Aber seine Unschuld mußte ja bald an den Tag kommen, dieser Gedanke hielt ihn aufrecht.

Freilich, verschiedene wichtige Momente kamen gegen den Schlosser in Betracht. Vor allem der Umstand, daß

reichischen Kasernen ist im Herbst v. I. ein Befehl der Heeresleitung verlesen worden, worin die Unter­offiziere unter Hinweis auf ihren Eid aufgefordert wurden, jeben Fall versuchter Propaganda in Soldaten­kreisen sofort zur Kenntniß ihrer Vorgesetzten zu bringen, ebenso sozialdemokratische Flugschriften unge­säumt den Vorgesetzten zu übergeben. Fest steht jeden» salls, daß bei der heutigen allgemeinen Wehrpflicht auch die Sozialdemokraten eine sorgfältige militärische Erziehung erhalten, so daß früher einmal Hasselmann im Reichstage daran erinnern konnte, daß seine Partei­genossen fast alle „die Muskete getragen hätten."

* Die Petitionskommission des Reichstages hat sich mit einer Petition der Tischler Kleemann, Huth und Langer in Merseburg beschäftigt. Dieselben bitten den Reichstag, dahin wirken zu wollen bei den verbündeten Regierungen, daß den Amtsvorstehern zur Pflicht ge­macht wird und auch den Landräthen, daß sich die­selben jeder amtlichen Beeinflussung der Gastwirthe in Bezug auf Versammlungen enthalten. Die Petenten führen aus, daß sie nicht Wahlversammlungen halten könnten, indem den Gastwirthen in den meisten Fällen unter Androhung der Entziehung der Konzession ver­boten werde, ihre Säle zu andern als konservativen Wahlversammlungen herzugeben, oder aber es werden den Wirthen allerhand Schwierigkeiten bezüglich des Rauminhalts der Säle gemacht. In der Kommission antwortete der Vertreter der verbündeten Regierungen auf die Anfrage, ob seitens der Reichsregierung Schritte gethan seien zur Beseitigung des amtlichen Einflusses auf Wirthe im beregten Sinne, verneinend. JnMück- sicht darauf, daß Handlungen seitens amtlicher Behör­den , wie Drohungen mit Entziehung der Konzession, Verweigerung der Erlaubniß, Tanzmusik abzuhalten, geeignet seien, das Versammlungsrecht und direkt auch das Wahlrecht zu beeinträchtigen, beschloß die Kom­mission diese Petition dem Reichskanzler zur Erwä­gung zu überweisen, ob nicht der amtlichen Be­einflussung der Wirthe seitens amtlicher Behörden ab­geholfen werden könne.

* Der internationale Kongreß der sozialdemokra­tischen Partei wird in diesem Jahre am dritten Sonn­tag des August eröffnet werden und eine Woche lang in Brüssel tagen. Auf der Tagesordnung stehen: 1) Der Stand der nationalen und internationalen Arbeiter­gesetzgebung und die Mittel sie auszubilden und wirk­sam zu gestalten. 2) Das Koalitionsrecht und seine Garantien; die Strikes und Boykotts; die gewerk­schaftliche Bewegung von internationalem Gesichts­punkte. 3) Die Stellung und die Ausgaben der Ar­beiterklasse gegenüber dem Militarismus. Die Berichte über die Sage der Arbeiter und des Sozialismus in jedem Lande sollen auf Kosten der Parteien und Orga- das Geldkistchen in seinem Hause gefunden worden war, ferner daß außer ihm keine fremde Person während der Abwesenheit der Frau Hartung das be­treffende Zimmer betreten, und drittens, daß der Schlosser sich so lange in dem Zimmer allein aufge­halten, so daß er, wie man annahm, den Schrank öffnen und darin das Geldkistchen hätte finden können. Und dennoch konnte vom Gerichte, wenigstens vor der Hand, kein endgiltiges Urtheil gefällt werden, weil man trotz einer wiederholten genauen Haussuchung bei dem Schlosser keine einzige Obligation vorgefunden hatte. Waidele mußte deßhalb einstweilen in Unter­suchungshaft bleiben, bis der geheimnißvolle Diebstahl sich aufklären würde. Von dem wahren Sachverhalt schien auch der Diener der Frau Hartung keine Ahnung zu haben. Von dem Besuche der drei Kameraden in dem Garten sprach er sonderbarer Weise kein Wort. Vielleicht erschien ihm darin nichts Auffälliges, weil der Garten wegen seiner Reize öfters von Fremden besucht wurde; vielleicht hegte er auch einigen Verdacht, befürchtete aber, seine strenge Gebieterin mochte ihn im Zorne über sein unbedachter langes Plaudern mit den drei Fremden sogleich wegjagen. Dazu kam noch, daß der Junge, welcher das Kistchen dem Schloffer gebracht hatte, wenige Tage darauf in die Fremde ge­gangen war. So hatten die drei schlechten Kameraden vollständig gewonnenes Spiel. Der Diebstahl blieb in

nisationen der betreffenden Länder in drei Sprachen (deutsch, französisch und englisch) gedruckt werden, zum Zwecke der Vertheilung an die Kongreß-Delegirten.

* Der Reichstag berietij den Etat der (Elsaß- Lothringischen) Reichs-Eisenbahnen. Ein Antrag des Abg. Dr. Broemel (frs.), den Reichskanzler zu ersuchen, dahin zu wirken, daß bei der in Aussicht genommenen Reform der Personen- und Gepäck-Tarife auf den Eisenbahnen in Elsaß-Lothringen eine durchgreifende Ermäßigung der Tarifsätze und Vereinfachung des Tarif­systems unter Ausschluß jeder Erhöhung der bestehenden Sätze herbeigeführt werde — wurde an die Budget­kommission verwiesen. In der Debatte wurde von freisinniger Seite u. a. verlangt, daß sich das Reichs­eisenbahnamt an die Spitze der Personen- und Gepäck- Tarifreform stelle. Dem wurde indeß entgegengehalten, daß das Reichseisenbahnamt hierzu nicht die erforder­liche Kompetenz besitze. Abg. Richter (dfr.) brachte das Schienenkartell zur Sprache und beantragte Vor­legung von jährlichen Uebersichten über die stattgehabten Schienensubmissionen, die deutschen und ausländischen, sowie die Zuschlagspreise. Er verlangte, daß die Staats­bahnverwaltungen vom Auslande kauften, wenn dieses niedrigere Preise stelle. Die Abgg. v. Kardorff (Rp.), Graf Mirbach (kons.) und Frhr. v. Stumm (Rp.) wiesen demgegenüber auf die Interessen der in den Eisenindustrieen beschäftigten Arbeiter hin. Nach längerer Debatte wurde der Antrag Richter an die Budget­kommission verwiesen. Das Ordinarium der Eisenbahn- Verwaltung wurde genehmigt. Weiterberathung morgen. Außerdem Marineetat.

* Das Abgeordnetenhaus setzte heute die 3. Be- rathung der Einkommensteuervorlage mit der Spezial- berathung fort. Mit dem § 1 (Konsumvereine) wur­den zugleich § 16 (juristische Personen, Aktiengesell­schaften) und ein neuer vom Abg. v. Zedlitz (frk.) beantragter § 65a (volle Besteuerung des Aktienkapitals, doch soll den Empfängern der Dividende rc. die darauf erhobene Steuer angerechnet werden) mit berathen. Bei der Abstimmung wurde der Antrag Schladitz (frk.), der die Besteuerung der Konsumvereine mit offenem Laden will, angenommen. Der zu § 16 gestellte An­trag v. Heede (ntl.), welcher 4°/o des eingezahlten Aktienkapitals auf das steuerpflichtige Einkommen an­rechnen will, wurde mit 178 gegen 149 Stimmen ab­gelehnt , dagegen der Antrag v. Jagow (kons.) (An­rechnung von 3^/zv/o) mit 184 gegen 116 Stimmen angenommen. Die vorn Abg. v Jagow (kons.) zu § 2 beantragte Streichung der Bestimmung über die Be­steuerung der Agenturen ausländischer H-mdlungs- häuser wurde debattelos genehmigt. Abgelehnt wurde ein Antrag v. Zedlitz (srk.), der die Fassung der Reg. Vorlage über die Heranziehung der bisher steuerfreien ein Dunkel gehüllt, welchem kein Licht der Aufklärung zu folgen schien.

Während der Schlosser Waidele im Gefängnisse schmachtete und von Tag zu Tag seine Hoffnung auf Befreiung mehr schwinden sah, lebten die drei nichts­würdigen Kameraden in Luzern in lauter Freuden und Genüssen. Sie hatten sich mit Fleiß von der Stätte ihrer frevelhaften That nicht weit entfernt; denn es intereffirte sie sehr, vornehmlich August Wolf, zu er­fahren, welche weitere Folgen der Diebstahl haben, und ob der Schlosser in der That für den Dieb ge­halten würde. Es waren ungefähr drei Wochen nach dem vollbrachten Diebstahle verstrichen, während welcher Zeit häufig kleine Zwistigkeiten das Band der Freund­schaft zwischen den drei Genossen, namentlich zwischen Wolf einerseits und Müller und Werner andererseits, etwas gelockert hatten.

Der Monat September neigte stark seinem Ende zu. Hier und dort zeigten sich schon gelbe Blätter an den Bäumen, aber noch schien die Sonne so warm, als wäre es mitten in der Sommerszeit. Unsere drei Kameraden beabsichttgten jetzt bald die Schweiz zu ver­lassen ; das Leben erschien ihnen mit der Zeit lang­weilig, weil die meisten Fremden bereits wieder heim­gekehrt waren.

Wir finden die drei Freunde wieder auf einem