JM 52
Donnerstag, den 5. März 1891
18. Jahrgang
Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).
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Deutsches Keich.
Berlin, 3. März.
* Das Valksschulgesetz des Herrn v. Goßler, dieses „intimen" Gegners und Bekämpfers der katholischen Sache, darf man wohl für gescheitert halten. Das Abgeordnetenhaus hat es bekanntlich abglehnt, nach dem Willen des Herrn v. Goßler 20 Millionen Mark ans den Erträgen der lex Huene oder aus den Ueber- schüssen des neuen Einkommensteuergesetzes zu bewilligen und in die Hand des Kultusministers für Ausführungen von Schulbauten zu legen. Einen solchen Dispositionsfonds dem Minister zur Verfügung zu stellen, trugen selbst viele scharfe Gegner des Cen- trums Bedenken. Die Ablehnung der 20 Millionen stellt die freikonservative ,Post' als einen großen Erfolg des Ceutrums dar, mit welchem die Regierung es nicht verderben dürfe, weil es die Entscheidung über den Handelsvertrag mit Oesterreich im Reichstage in der Hand halte. Es ist richtig , daß die Regierung vielfach auf das Centrum Rücksicht nehmen muß, was aber speziell den Handelsvertrag mit Oesterreich anbelangt, so steht fest, daß dieser erst in der nächsten Session an den Reichstag gelangen wird, derselbe kann also in eine „Kombination" bezüglich des Volksschulgesetzes nicht hineingezogen werden. Weiter jammert die ,Post': „Nehmen die Dinge diesen Lauf, dann erweist sich die Einbringung des Volksschulgesetzes in der laufenden Session als ein schwerer politischer Fehler, wann er mit Aussicht auf besseren Erfolg wiederholt werden kann. Vor Beginn der Session ist aus ähnlichen Erwägungen vor der Einbringung des Bolksschulgesetzes in der laufenden Sefsion gewarnt worden. Es wäre im Interesse der Sache sehr zu beklagen, wenn die warnenden Stimmen Recht behielten." Hoffentlich wird jeder „große Anlauf", dem Lande ein Volksschulgesetz von so „kulturkämpferischer" Art, wie es dieses Goßler'sche war, aufzuerlegen, in Zukunft scheitern.
* Ueber den katholischen Lehrerverband schreibt die ,Köl. Vztg.': Neuerdings werden in Orten, in denen seiner Zeit katholische Lehrer-Vereine entstanden sind, die ihren Anschluß an den katholischen Lehrer-Verband erklärten oder eine dahingehende Erklärung bei der Gründung in Aussicht nahmen, Ermittelungen angestellt, ob die genannten Vereine noch bestehen bezw. ob dieselben Zweigvereine des Lehrer-Verbandes sind. Wer sich erinnert, wie bei dem Entstehen der Vereine die Regierung durch Schulräthe und Kreisschul-Jnspek- toren auf die Lehrer einwirken ließ, um deren Eintritt in den Verband zu verhindern oder ihren Austritt zu veranlassen, der erkennt leicht, wohin die angestellten Ermittelungen zielen. Es steht außer Zweifel, daß das
Aus Irrwegen.
Original-Novelle von Ferdinand Hartdegen.
(12. Fortsetzung.)
Bald traf er einen gutmüthig aussehenden Jungen. August redete ihn an. „Höre einmal, kennst Du mich?" Verblüfft betrachtete der Knabe den Fremden und antwortete in schweizerschem Dialekte: „Woher soll i di kenne? I hob ja goar nirnrna Di g'schaut."
„Nun wohl, mein Kind, kennst Du den Rath von Gehringsfeld, welcher draußen vor dem Thore in der schönen Villa mit den runden Bogenfenstern wohnt?"
„Den Namen hoab i scho g'hört, aber i kenn' ihn nit."
„Nun gut, ich bin derselbe. — Kennst Du auch nicht den Schmied Waidele?"
„G'wiß! antwortete nun der Knabe, den kenn' i, der wohnt drunten in der Aargasse, was soll es mit sell'm?"
„Hier hast Du zwei Francs, welche Dir gehören sollen, wenn Du dieses Kistchen zu ihm bringst mit der Bestellung, er sollte mir das lahm gewordene Schloß daran ausbessern; ich würde es bei Gelegenheit abholen lassen. Ich hätte es ihm selbst bringen wollen, weil es für mich werthvoll wäre, aber weil ich einen so brav aussehenden Bua gefunden hätte, solltest Du das Kistchen ihm bringen. Ich selbst hätte
„Rundschreiben an alle Zweigvereine und alle einzelstehenden Mitglieder des Verbandes katholischer Lehrer Deutschlands" die Ermittelungen veranlaßt hat. Man fürchtet einen Aufschwung des Verbandes in der Rheinprovinz durch die demnächst in Aachen stattfindende Generalversammlung, und wird den Beitritt der Lehrer zu verhindern suchen. Vergebens sucht man in den Statuten und in dem bisherigen Verhalten der Mitglieder des Verbandes nach einem Grund zu der Abneigung der Schulbehörde. Man hat demselben bei seiner Gründung besonders von Seiten der liberalen politischen und pädagogischen Presse den Vorwurf gemacht, er verfolge politische Bestrebungen. Die bisherige Thätigkeit des Verbandes, insbesondere seine erste Generalversammlung am 11. und 12. Okt. v. I. habe diesen Vorwurf in keiner Weise gerechtfertigt. Diese Vorträge und Resolutionen, auf dieser wie auf den Versammlungen der Zweigvereine dokumeiniren allerdings, daß es ihm mit der Bethätigung des Hauptzweckes, „für die Hebung der Volksschule nach den Grundsätzen der katholischen Kirche zu wirken und die materiellen Interessen des Lehrerstandes zu fördern", Ernst ist. Von politischen Bestrebungen jedoch nirgendwo eine Spur. Die politischen Bestrebungen sind es denn auch nicht, auf Grund derer die Regierungs- Organe ihren hemmenden Einfluß geltend machen. Es sind vielmehr die katholischen Bestrebungen, die Betonung der Grundsätze der katholischen Kirche, welche der Verband auf seinem Programm stehen hat, welche nach oben Anstoß erregen. „Schonung der protestantischen Gefühle" wird verlangt, wenn von Aufhebung des .Jesuitengesetzes^ Rückzahlung der Sperrgelder, größerem Einfluß der Kirche auf "dem Gebiete der Schule die Rede ist; wenn nur die katholischen Gefühle unverletzt blieben! Hoffentlich lassen sich die katholischen Lehrer durch solche Dinge von der Unter» stützung des katholischer. Lehrer-Verbandes nicht abhalten. Wer wollte auf die Dauer gegen eine den Verhältnissen der Zeit so angemessene Bereinigung, wie es der katholische Lehrer-Veröand ist, erfolgreich ankämpfen? Warum sollte den katholischen Lehrern das Vereinsrecht versagt sein, da es den Protestanten in so umfangreichem Maße gewährt ist? Anfangs vorigen Jahres gab es schon 13 evangelische Lehr er- vereine mit rund 14,000 Mitgliedern, die ihren Einigungspunkt im „Evangelischen Schul-Kongreß" haben. Möge man also auch die „katholischen Gefühle schonen" und den katholischen Lehrern gleiches Recht einräumen!
* Für die Reise der Kaiserin Friedrich nach Paris lehnt die Regierung jede Verantwortlichkeit ab. So erklärt die jetzt wiederum offiziöse ,Nordd. Allg. Ztg.' in folgender Kundgebung: „Gegenüber den mannig- auch noch einen nothwendigen Gang zu machen. Willst Du es thun, mein Sohn?"
„G'wiß von Herzen gern", erwiderte der Junge und lief freudestrahlenden Gesichtes wegen der geschenkten 2 Francs mit dem Kistchen eilends davon.
„So nun ist der Plan vollbracht, sprach jetzt August Wolf leise vor sich hin, indem er eilenden Schrittes sich aus der Stadt entfernte und auf Umwegen wieder zu seinen beiden Freunden ging. Hahaha! fuhr er in seinem Selbstgespräche fort, wohl ist das Kistchen werthvoll für mich, weil.hierdurch ein Anderer statt meiner ins Gefängniß kommt. Der dumme Schlosser wird nicht wenig erschrecken, wenn er um einer Geldkiste willen, welche der vermeintliche Rath von Gehringsfeld ihm bringen läßt, in wenigen Tagen eingesteckt wird. — Ader der Schuft, welcher an meinem Unglücke eigentlich die Schuld trügt, hat es verdient. Hahaha! Ich habe ihm einen Streich gespielt, der ein wenig ärger ist, als der, welchen er uns gespielt hat. O rote süß ist doch die Rache! — Gut war es übrigens sür mich, daß der Junge den Rath von Gehringsfeld nicht kannte, er hätte sonst einigen Argwohn tn dem Herzen des Schlossers erwecken können. Und wer weiß, ob dann die Sache so glatt ablaufen würde. — Aber nun kann ich fröhlich fein. Jetzt roeg mit dem Kummer und weg mit den Sorgen! Nun bin ich viel reicher als zuvor. Wie
fachen Gerüchten und Kombinationen über die Zwecke und Absichten des Besuches Ihrer Majestät der Kaiserin Friedrich in Paris sind wir in der Lage, zu versichern, daß bte Reise lediglich in Privatangelegenheiten unternommen war, und daß aus diesem Grunde die Botschafter Herbette in Berlin und Graf Münster in Paris auch erst im letzten Augenblicke von der Reise unterrichtet worden sind.
* Der Centralvorstand der natiomlllibrralen Partei erläßt eine Erklärung gegen den Abg. Kulemann roegen dessen Versuch, die Grubenbesitzer mit der national- liberalen Partei zu entzweien.
* Der Reichstag beendete heute die Berathung des Militär-Etats und genehmigte die einmaligen und außerordentlichen Ausgaben unter den von der Kommission vorgeschlagenen Streichungen. Nur in einem Punkte wurde von den Kommissions - Beschlüssen abgeroichen, indem zum Neubau von Mannschafts-Kasernen, Ställen und Wegeanlagen für die Schießschulen der Feld- und Fußartillerie auf dem Artillerie-Schießplatz bei Jüterbog als erste Baurate 400,000 Mk. bewilligt wurden; gefordert waren 600,000 Mk., deren Streichung die Kommission beantragt hatte. Den Kommissionsanträgen entsprechend wurden gestrichen: 70,000 Mk. für ein Kommandantur-Gebäude in Boyen, 59,000 Mk. für ein Generalkommando - Gebäude in Koblenz, 150,000 Mk. letzte Nate für ein Train-Depot in Danzig, 500,000 Mk. für ein Dienstgebäude für die Artillerie-Prüfungskommission in Berlin, 147,000 Mk. für eine Infanterie-Kaserne in Metz; bei verschiedenen anderen Positionen wurden Beträge abgesetzt. Insbesondere wurden zu Beschaffungen für artilleristische Zwecke 9 statt 10 Millionen bewilligt. — Morgen" Eisenbahn-Etat.
* Das Abgeordnetenhaus trat heute in die dritte Berathung des Einkommensteuergesetzes ein und führte die Generaldebatte zu Ende. In derselben erklärten sich die Redner der Freisinnigen gegen, die des Centrums, der Konservativen, Freikonservativen u. National- liberalen für die Vorlage, doch wurden mehrseitig für die Einzelberathung Abänderuugsanträge angekündigt, so hinsichtlich der Veranlagung, der Verwendungs- bestimmungen, der Erleichterung der mittleren Einkommen u. s. ro. — Einzelberathung morgen.
* Von P. Schynsr ist soeben aus Äukumbi, Südufer des Viktoria-Sees, 20. November 1890, ein Privatbrief eingetroffen. Die ,Köln. Vztg.' entnimmt demselben Folgendes: Die ersten Wochen marschirten wir im Regen. Mit den Gefechten in Ugogo war es nicht besonders schlimm. Es wurden wohl an einem Tage etwa 1000 Patronen verschossen, doch blieben deren noch über 30,000 und sämmtliche Geschützmunition, sowie ein guter Vorrath loses Pulver für Vorderlader. Auch waren die Kämpfe gar nicht so schnell hat sich mein Blättchen gewendet! O wie glücklich bin ich jetzt!" —
Von diesen fröhlichen Gedanken beseelt, kam August Wolf bald wieder zu seinen Freunden. Ludwig Müller rief ihm zu: „Wie ist es, August, bist Du die Kiste los geworden?"
„Ja, Herzensfreund", entgegnete August, indem er Müller und Werner freudestrahlend um den Hals fiel. Euch verdanke ich mein neues Glück. Darum schwöre ich Euch hier auf das Neue ewige Treue und Freundschaft!"
Mit diesen Ausbrüchen der Freude schien der tiep= gesunkene Mensch das ihn anklagende Gewissen unterdrücken zu wollen.
Karl Werner wehrte feine Liebkosungen ab mit den Worten: „August, bist Du vor Freude närrisch geworden? Laßt uns nur zurückkehren in unser Hotel, dort unsere Rechnung bezahlen und dann eilends diese Gegend verlassen, noch ehe der Diebstahl bekannt wird. Niemand von uns spreche eine Silbe weiter darüber!"
Darauf kehrten sie in die Stadt zurück, bezahlten ihre Rechnung in dem Gasthause und verließen in einem eleganten Reisewagen den Ort, wo sie neuen Reichthum auf schnelle Weise erhalten hatten. —
Zehn Tage waren vergangen. Der Schlosser Waidcle saß daheim in seiner Werkstätte und betrachtete ahnungslos und mit Bewunderung die fein polirte, aus Ahorn-