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Mittwoch, den 4. März 1891.

18. Jahrgang

Für die Redactwn verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

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* Im Reichstage

gab es am letzten Freitag eine große Sitzung. Zu allgemeiner Ueberraschung wurden nämlich die Unter­offiziers-Prämien, die in der Budget-Kommission ge­strichen worden waren, deren theilweise Bewilligung heute aber sowohl seitens des Centrums, wie seitens der Nationalliberalen beantragt wurde, vom Reichs­kanzler von Caprivi mit der s o.z i a l d e m o k r a t i s ch e n Agitation in Verbindung gebracht und gewissermaßen als ein theilweiser Ersatz des Sozialistengesetzes befür­wortet. Der Herr Reichskanzler bezeichnete die Unter­offizier-Frage als eine unserer wichtigsten Fragen, deren Lösung wohl des Schweißes der Edlen werth sei. Man müsse sich hüten, die Unteroffiziere, diese Stützen der Armee, sowohl in der Front, wie im späteren Civil- dienst mißvergnügt und dadurch der sozialdemokratischen Agitation zugänglich zu machen. In neuerer Zeit sei schlechtes Material in die Armee ge­kommen, eine gewisse Zuchtlosigkeit sei eingerstssen, und es sei demgemäß den Unteroffi­zieren auch schwerer gemacht, ihre Autorität zu behal­ten. Deshalb müsse das Niveau des Unteroffizierkorps gehoben werden. Die Unteroffiziere müßten ihre Un­tergebenen vor Verführung zu behüten suchen, außer­dem bedürfe es für den Fall eines Straßenkampfes mit der Sozialdemokratie eines zuverlässigeren Unter­offizierkorps als vor dem ausländischen Feind, denn diesem gegenüber erhöhe der Patriotismus das Selbst­gefühl der Truppe, während beim Straßenkampf die Truppe das Gefühl habe, gegen Landsleute zu kämpfen, was angesichts der sozialistisch angehauchten Massen nur um so gefährlicher sei. Hier bei den Unteroffizier- Prämien könnten die Parteien nicht bloß durch das Wort, sondern auch durch die That zeigen, daß sie zu den staatserhaltenden Elementen gehörten. Wir lassen den wichtigsten Theil der Rede des Reichskanzlers hier im Wortlaut folgen:

„Es wird sehr viel über die Mißhandlungen in der Armee geklagt; man nimmt jetzt Statistiken darüber auf, man bringt grobe Fälle in die Zeitungen, und während ich die Ueberzeugung habe, daß es von Jahr zu Jahr besser wird, wird von Jahr zu Jahr mehr geklagt, worüber ich nichts sagen will. Es ist ein voll­kommen berechtigter Wunsch und auch von der höchsten Stelle vollkommen anerkannt, daß die Mßhandlungen aufhören sollen. Mehr geworden als früher sind es aber nach meinem Dafür­halten nicht. Indessen auch nach dieser Richtung hin ist uns der besser vorgebildete Unteroffizier mehr werth als der rohere; er wird seltener seinem Temperament, selbst wenn er gereizt wird, was oft vorkommt, die Zügel schießen lassen, als der unge­bildete. Wenn schon unter den gegenwärtigen gewöhnlichen Ver- hältniffen die Erhaltung der Disziplin erschwert wird, so wird das noch schwerer werden, wenn wir uns Zeiten vergegenwärtigen, in denen der Kampf gegen die Sozialdemokratie — ich will das Wort Kampf nicht einmal in dem Ausdruck von Schießen und Stechen brauchen — lebhafter wird. Meine Erinnerungen reichen noch in das Jahr 1848 zurück. Die Truppe trat damals in sehr schweren Verhältnissen ein, aber ungleich besser dafür situirt, als heutzutage; denn es war nicht eine lange Schulung des

Aus Irrwegen.

Original-Novelle von Ferdinand Hartdegen.

(12. Fortsetzung.)

„Jetzt ist es Zeit, August! ließ sich nun Ludwig Müller vernehmen. Nun muthig und eilig ans Werk, und achte wohl auf die Rathschläge, welche ich Dir gegeben habe. Karl und ich, wir wollen hier Acht haben, und wenn es nöthig ist, Dich warnen oder Dir behülflich fein."

Wolf gehorchte, kletterte über das niedrige Stacket und befand sich im Garten. Hier, hinter einem Ge­büsche, wo ihn seine Freunde nicht sehen konnten, blieb er eine Weile stehen. August schien nochmals zu über­legen, ob er den Diebstahl begehen sollte. In seiner Seele rangen die sich stets entgegenstehenden Gewalten der guten und der bösen Stimme. Ihr Kampf ist am hefügften, wenn der Mensch eine böse That vollbringen will. Da kommen bald die verlockenden Gedanken an das Glück nach dem vollbrachten Werke, bald treten Religion und Moral mahnend auf und auch warnend vor dm Folgen eines mißglückten sündhaften Unter­nehmens. Der Mensch wird unschlüssig; folgt er aber alsdann der bösen Lust, so tritt früher oder später die Stimme des Gewissens, die gute Stimme, desto ge­waltiger und zugleich auch schrecklicher hervor. —

Umsturzgedankens ; die Ideen traten plötzlich, wie wenn der Vor­hang weggezogen worden wäre, vor das Volk, und es war das allgemeine Gefühl vielfach in der Truppe: Was wird nun ? Da waren die alten Unteroffiziere diesen noch in keiner Weise sozia­listisch angehauchten Mannschaften gegenüber in einer ähnlich besseren Lage, als, wenn die Sozialdemokraten jetzt den Versuch machten, in die Armee einzutreten, unsere Unteroffiziere heute sein würden. Wir müssen von den Unteroffizieren mehr verlangen, als damals. Und wenn ich nun auch den äußersten Fall berühren darf, daß es einmal zum Kampfe mit den Sozialdemokraten käme, so bedürfen wir für einen solchen Kampf einer viel besseren Disziplin, als für den Kampf vor dem Feinde. Vor dem Feinde kann auch eine höchst dürftige Truppe durch den Patriotismus, durch erhebende Gefühle in einen Grad von Opferfähigkeit gesetzt werden, der sie zu großen Leistungen befähigt Der Straßen­kampf und was damit zusammenhängt, deprimirt; da ist kein Faktor, der geeignet wäre, das Selbstgefühl der Truppen zu er­höhen, da ist keine Kampfeslust. Auch hat jeder das Gefühl, er steht Landsleuten gegenüber. Es wird Jedem da sehr schwer, zum Aeußersten zu schreiten. Für einen solchen Kampf brauchen wir ganz andere Unteroffiziere, als wir sie im Gefecht selbst brauchen. Nun haben die Herren vom Fortschritt es gern ge­hört, was ich bei anderer Gelegenheit einmal gesagt habe: SBir werden das Gute nehmen, wo wir es finden. Dieser Meinung bin ich auch heute noch, das ist meine Ansicht auch heute und wird es bleiben. Aber ich möchte mir doch den Vorschlag er­lauben, es nicht lediglich bei guten Worten bewenden zu lassen, sondern auch einmal zum guten Werk überzugehen und nun mit der Regierung für eine Vorlage zu stimmen, bei der sie zeigen können, daß sie zu dem staatserhaltenden Elemente sich zu halten geneigt sind. (Beifall rechts.) Der Herr Abgeordnete Hinze hat uns gesprochen von weitergehenden Plänen, daß er für die Ver­besserung des Looses der Unteroffiziere in eine Berathung später einzutreten geneigt wäre. Er hat ein Wort nicht ausgesprochen, was, wenn ich mich nicht irre, sonst von jenen Bänken auch wohl geäußert worden ist: Macht doch die Unteroffiziere zu Offizieren, gebt ihnen doch diese Perspektive! Ich habe noch in einem Truppentheil mit einem solchen Unteroffizier zusammen gedient, der für Bravour vor dem Feinde zum-Offizicr befördert worden war. Es war das ein Mann, der sich in dem Offiziers­korps auch als Mensch der höchsten Achtung erfreute, mit dem wir Alle gern zusammen waren, der aber schließlich doch ein peinliches Dasein führte, denn er war in Verhältnisse gekommen, für die feine ganze Vergangenheit nicht paßte, und trotz alles Wohlwollens des Offizierkorps waren tausend Schwierigkeiten da, über die wir ihm nicht Hinweghefen konnten. Was die ver­bündeten Regierungen hier wollen durch diese Vorlage, ist, das Niveau unserer Unteroffiziere zu heben. Ich habe die Besorgniß, daß auf d-r anderen Seite Ideen eingewurzelt sind, die, wenn sie zur That werden sollten, die Folge haben würden, daß sie das Niveau unseres Offizierskorps herunterdrücken würden. (Bravo! rechts.) Dazu darf es nach meinem Dafürhalten nie kommen. Wir haben das erste Offizierskorps der Welt; das kann ich als preußischer Offizier mit Stolz hier aussprechen. (Bravo! rechts.) Das müssen wir behalten; das wollen wir be­halten. (Bravo ! rechts.) Aber wir können auch das erste Unter­offizierskorps der Welt haben. In der deutschen Nation sind die Elemente für das erste Unteroffizierskorps und wir bedürfen der Vergleiche mit der französischen Nation nicht. Lassen Sie doch an eine deutsche Einrichtung uns deulsche Anforderungen an­legen ! (Bravo!) Lassen Sie uns deutsche Unteroffiziere auf deutschem Boden erziehen! Die Mittel dazu haben wir. (Bravo!) Wenn aber eine Armee das nicht mehr leistet, wofür sie ge­halten wird, wenn sie also im Kampfe, da, wo der Vorgesetzte die schwersten Anforderungen an seinen Untergebenen stellen muß, der bereit sein soll, ohne Besinnen zu sterben, wenn der Vorgesetzte das verlangt: Wenn wir solche Elemente in unserer Nation haben, wenn wir diesen Zustand haben können, warum

Und August Wolf folgte leider der böfen Stimme, welche ihm auf der einen Seite Elend und Armuth als einen schrecklichen Abgrund, auf der anderen Seite nach der gelungenen That Reichthum und Ansehen in schillernden glänzenden Farben vormalte. August meinte auch, seine Kameraden würden ihn auslachen, wenn er so feig vor einer That zurückschreckte, zu welcher er doch vom Schicksal bestimmt worden wäre. Er dachte ferner daran, daß er nun die befte Gelegenheit habe, an dem Schlaffer Rache zu nehmen.

Muthig und rasch ging Wolf jetzt auf die Villa zu und hob sich an der breiten, äußeren Fensterbrüstung in die Höhe. Durch Zufall stieß hierbei seine Hand an den Fensterrahmen, das Fenster ging auf; es war also nicht ordnungsmäßig geschlossen, was für Wolf ein neuer Antrieb war, den Diebstahl zu vollbringen. Er stieg durch das Fenster ein und stand nun in einem nicht großen, aber wie er bald merkte, elegant ausgestatteten Zimmer. Die arge ihn umgebende Dunkelheit mahnte ihn zur Vorsicht; er ging leise, immer kleinere Schritte machend, indem er mit den Händen langsam um sich herfühlte und alle Gegen­stände betastete, im Zimmer auf und ab, immer eifrig nach dem Schranke suchend. Hier fühlte Wolf das weiche Polster eines Sofas, davor einen runden polir- ten Tisch, hier ein Paar gepolsterte Stühle, dort einen

wollen wir das nicht? Eine Armee, die in solchem Augenblick versagt, ist unter allen Umständen die theuerste von allen ge­wesen und immer zu ttjeuer. (Lebhaftes Bravo! rechts.)

Diese Auslassungen erregten im Hause allge­meines Aufsehen und man war gespannt, was die Sozial­demokraten antworten würden. Da ihr bester Sprecher, Bebel, im Hause nicht anwesend war, ergriff der Abg. Grillenberger, der zweitbeste Redner der Fraktion, das Wort, um dem Reichskanzler zu antworten und zugleich eine bemerkenswerthe antirevolutionäre Erklärung abzugeben. Seiner Partei, erklärte Gril­lenberger, liege es fern, eine gewaltsame Revolution zu provoziren; es wäre Thorheit, Wahnsinn, wenn die Sozialdemokratie an Barrikaden- und Straßenkämpfe denken wollte. Es könne doch keinen guten Eindruck auf die Arbeiterbevölkerung machen und könne der sozia­len Versöhnung keinen Vorschub leisten, wenn man die Sozialdemokraten als diejenigen bezeichne, die eventuell im Straßenkampfe niedergestochen und niederge- schoffen werden müßten. Neulich sei doch von hoher Stelle gesagt worden, „die Sozialdemokratie habe ihren Höhepunkt überschritten" ; wie komme es bann, daß man jetzt seine Partei als eine Macht hinstelle, mit der in militärischer Beziehung gerechnet werden müsse? Wenn seine Partei nicht ohnehin gegen das Prämienwesen wäre — denn diese Prämien liefen auf eine „Gesin- nnngs-Prämie" hinaus — so müsse sie heute nach der Rede des Reichskanzlers erst recht gegen dieselben stim­men. Einer besseren Besoldung der Unteroffiziere inner­halb der jetzigen Bewilligungen würde dagegen seine Partei zustimmeu.

Der volksparteilicheAbg. Hausmann wandte sich ebenfalls gegen die Ausführungen des Reichskanzlers. Er bedauerte dieselben hauptsächlich deshalb, weil durch dieselben die Sozialdemokratie dem Auslande gegenüber als eine selbst unser Heerwesen gefährdende Macht hin- gestellt würde, was im Auslande falsche Vorstellungen erwecken und zugleich den Großmachtskitzel der Sozialdemokraten steigern müsse. Unglücklich sei auch das Operiren mit dem Schlagwort „staatserhal­tend", denn dieser Begriff sei doch ein sehr wechselnder.

Deutsches Keich.

Berlin, 2. März.

* Die ,Voss. Ztg/ schreibt: In einer Reihe von Gewerben wird für die nächste Zeit eine umfassende Lohnbewegung vorbereitet. Wir erfahren, daß in ein­zelnen Fällen der Kersuch gemacht wird, gerade in Betrieben, in denen bisher das beste und freundschaft­liche Verhältniß zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmern herrschte und die Lage der letzteren eine vorzügliche war, Zwietracht zu säen und die Harmonie zu stören. Die Arbeitgeber werden nicht ermangeln dürfen, auf der Hut zu sein und sich unberechtigten Forderungen hohen Blumentisch, von welchem aus ein stark aroma­tischer Geruch ihm entgegen strömte, hier eine Kom­mode , welche mit reichen Schnitzarbeiten versehen zu sein schien, Nippsachen standen darauf und eine Glas- stülpe, unter welcher sich gewiß eine Uhr befand, welche aber still stand, denn das laute Ticken rührte von einer Wanduhr her in einem angrenzenden Zimmer; sonst war es mäuschenstill im Hause.

Aber wo mochte nur der Schrank mit dem Ver­mögen stehen? — Noch einmal ging er leise im Zim­mer auf und ab, nach einer anderen Richtung hin. Jetzt fühlte August den Ofen, welchen er vorher noch nicht gefunden hatte; und nun erfaßte er einen Ge­genstand — richtig es war ein hoher Schrank, eben hatte er auch das Schlüsselloch gefunden. Noch einmal horchte August, ob nichts Verdächtiges sich regte; aber es blieb still rings umher. —

Nun probirte Wolf mit mehreren Schlüsseln, welche er mitgenommen hatte; keiner njpttte passen. Endlich fand er den rechten. Doch ließ sich der Schrank nicht ohne Mühe aufmachen und gab bei dem Oeffnen ein Knarren und Brummen zu hören, daß August fast vor Angst vergangen wäre. Aber der Diener war ja schwerhörig und schlief oben, auf der anderen Seite des Hauses; das Geräusch konnte ihn demnach nicht aufgeweckt haben. Hastig fühlte Wolf in das Innere