M 50
Dienstag, den 3. März 1891.
18. Jahrgang
Für dir Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).
Vierteljährlicher Abonnementsprcis ohne Bringerlohn Und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage .Sterne undBlumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.
Die .Fuldaer Zeitung erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen.
Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Zur Agitation der Sozialdemokratie auf dem Lande
bringt das Berliner Volksblatt (.Vorwärts'), das Hauptorgan der Sozialdemokraten, in Nr. 41 mehr ins Einzelne gehende Vorschläge, welche beinahe aussehen, als sei aus der Schule geplaudert worden, denn an Hinterlist und Verstellung lassen diese Pläne nichts zu wünschen übrig.
Zunächst wird angegeben, wie der „Bauernfang" praktisch einzurichten sei: da es schwer ist, auf die Dörfer zu kommen, sollen dieselben genau verzeichnet und dann einzelnen Städten als Agitationsfeld zugewiesen werden. In erster Linie handelt es sich darum, in den einzelnen Dörfern überhaupt Fuß zu fassen, und da meint der Verfasser des Artikels, am leichtesten würden sich Handwerker finden, die vorerst „Genossen" (Anhänger der Sozialdemokratie) würden und dann unter den Knechten und ländlichen Arbeitern die Werber spielten — die Handwerker besäßen nämlich eine größere Intelligenz, deshalb seien sie leichter zu gewinnen. Von den Städten aus sollen leichte verständliche Flugschriften kostenlos unter den Landarbeitern vertheilt werden, es soll ein regelmäßiger Verkehr zwischen ländlichen und städtischen Genossen stattfinden, „die ländlichen Genossen müssen mit den Bedürfnissen der Städter bekannt gemacht werden, damit sie auch ihre Bedürfnisse zu steigern wünschen."
Halten wir hier einen Augenblick ein. Gegen die Eintheilung der Agitationsbezirke kann man nichts zu erinnern haben, es ist Sache jeder Partei, wie sie ihre Verbreitungsarbeit praktisch oder unpraktisch einrichten will. An und für sich werden die ländlichen Arbeiter es sich zwar kaum zu besonderer Auszeichnung anrechnen, daß sie den städtischen Agitatoren einfach „zu- getheilt" werden, noch weniger, daß ihre „Intelligenz" so bedeutend niedriger geschätzt wird, als die der Handwerker auf den Dörfern, wenngleich sie anderseits doch wieder eine Befriedigung dariiber empfinden dürfen, daß sie nach Ansicht der sozialistischen Führer für die Irrlehren der Sozialdemokratie weniger Empfänglichkeit zeigen. Ueber die papierne Propaganda, welche schon jetzt in vielen Orten mit Eifer betrieben wird, haben wir uns schon früher ausgesprochen; am be- achtenswerthesten ist aber der letzterwähnte, wörtlich angeführte Satz des .Berliner Volksblattes', welcher über die Bedürfnisse handelt. Die Sozialdemokratie ist die Partei der Unzufriedenheit, in dieser findet sie ihr Agitationsfeld, sie kann nur dort Wurzel fassen, wo die Unzufriedenheit der Menschen mit ihrem Schicksal auf das Höchste gestiegen ist, deshalb nennt sie sich auch mit Recht revolutionär. Sonst war es ein allgemein anerkannter Grundsatz, daß die Zufriedenheit mit seinem Lose und die Abweisung unnöthiger Bedürfnisse das Glück des Menschen ausmache; solche
Aus Irrwegen.
Original-Novelle von Ferdinand Hartdegen.
(11. Fortsetzung.)
Diese Worte bewogen zuletzt August Wolf zum ver- hängnißvollen Schritte; es war ja auch zweifelhaft, ob ihn das Loos treffen würde. „Haha", riefen jetzt seine beiden schlechten Freunde, „er hat sich besonnen!" Jetzt würfelte jeder der drei Kameraden; August Wolf warf die höchste Zahl und wurde hierdurch bestimmt, den Diebstahl auszuführen. Er wandte nichts mehr dagegen ein, eine falsche Scham hielt ihn davon zurück; auch wurde seine Geldbegierde nunmehr befriedigt.
Darauf beriethen sie sich, wie der Diebstahl am leichtesten auszuführen wäre, und auf welche Weise am leichtesten jeder Verdacht von ihnen abgelenkt werden könnte.
„Das Mittel, uns vollständig frei vom Verdacht zu machen," sprach Ludwig Müller, „hat uns der geschwätzige Diener selbst in die Hand gegeben. Wenn wir die Geldkiste ihres Inhaltes entleert haben, machen wir das Schloß an derselben lahm und schicken dann die leere Kiste dem Schlosser Waidele zur Reparatur, mit dem Bemerken, daß sie in 8 Tagen ungefähr wieder abgeholt werden sollte. Sobald wir dann die Kiste
Leute können die Sozialdemokraten aber nicht gebrauchen, ihr Streben geht, wie hier offenkundig ausgesprochen ist, dahin, in dem Menschen die Augenlust, Fleischeslust und Hoffart des Lebens rege zu machen, dann werden ihnen, wie den Voreltern im Paradiese, die Augen aufgehen, sie erkennen, daß sie „nackend sind", d. h. daß es in der Welt noch mehr zu genießen gibt, als sie haben, sie werden unzufrieden und sind nunmehr reif für die Sozialdemokratie. Was für „Bedürfnisse" sind es denn, welche die Agitatoren den ländlichen „Genossen" beibringen sollen? Man kennt sie: in die Wirthshäuser laufen, über die Brodherren raisonniren, Bier trinken, Cigarren rauchen, Ausflüge machen, möglichst gut leben und wenig arbeiten. Bisher hat das Landvolk sein Glück in der Zufriedenheit gesucht und gefunden. Die Sozialdemokratie verkündet nunmehr offen, daß sie ihm mit der Unzufriedenheit das Glück neuesten Zuschnittes bringen wolle — ein sauberer Plan!
„Der Erfolg wird nicht ausbleiben", meint das sozialistische Centralorgan; dann sährt es in seinen Offenbarungen weiter fort: „Ist einmal die Unzufriedenheit erregt, sollen die bereits für die Sozialdemokratie gewonnenen städtischen Arbeiter und Handwerker, welche auf dem Lande ab und zu zu thun haben, als Apostel des Sozialismus weiter wirken, insbesondere die Bauhandwerker und Monteure landwirthschaftlicher Maschinen." Also es liegt im Plane der sozialistischen Führer, demnächst dafür zn sorgen, daß bei Bauten auf dem Lande möglichst viele Agitatoren verwendet werden, ferner sollen die Arbeiter, welche den Land- wirthen neue Maschinen aufstellen, zugleich als Verbreiter des Sozialismus thätig sein. An der Absicht fehlt es nicht, aber cs scheint uns doch recht fraglich, ob viel damit ausgerichtet wird.
Ohne Geld geht es nicht, deshalb verlangt der in Rede stehende Artikel, daß ein „Spezialfonds" für die ländliche Propaganda angelegt werde, zu dem „jeder Genosse gern beitragen werde". Die Führer müssen ihre Leute kennen.
Ist auf diese Weise das Feld vorbereitet, kann man an die Bearbeitung der zu gewinnenden ländlichen Genossen mittelst Versammlungen gehen. Hiebei wissen die Leiter des Sozialismus offenbar nicht recht, wie sie es machen sollen; auf dem Lande Versammlungen zu halten, so hat das .Berliner Volksblatt' schon früher verkündet, gehe nicht an, da dort die Bevölkerung zu wenig dicht sei, deßhalb, und wohl nebenbei auch, weil die Agitatoren fürchten, bei den Bauern eine etwas unsanfte Aufnahme zu finden, wird jetzt empfohlen, die Versammlungen in den Städten zu halten und die Arbeiter von den Dörfern zu denselben einzuladen. Die Sprecher sollen „mit den Verhältnissen und der Sprechweise des Landes möglichst vertraut sein" und, wie aus den weitern Ausführungen sich ergibt, den
los geworden sind, machen wir uns aus dem Staube. Ich will gehängt werden, wenn nicht dieser Schlosser dann für den Dieb gehalten wird. Ohne diese Vorsichtsmaßregeln aber könnte der Diener trotz seiner Dummheit Verdacht auf uns schöpfen, weil wir ihn ausgeforscht haben, er könnte unser Aussehen beschreiben und — wer weiß, welche Folgen dann der Diebstahl für uns haben könnte!"
„Fürwahr, du hast Recht!" sprach Karl Werner, „der Plan ist gut und leicht auszuführen."
August Wolf, welcher wieder in ernstes Nachsinnen gerathen war, weil er einen Diebstahl begehen sollte, fuhr nun, da er den Namm des Schlossers wieder hörte, aus seinen Träumen vollends auf. Zornesfunken sprühten wieder aus seinen Augen und seine Hände ballten sich. „Freunde," rief er, „ich will auch das Kistchen dem Schlosser in die Hände liefern und hierdurch an ihm rächen Alles, was er meinen Eltern und damit auch mir Uebeles gethan hat."
„Was ist es? Rede!" riefen Werner und Müller zugleich. „Du hast uns vorher schon, bei dem Diener, durch deine sonderbaren Zwischenfragen neugierig gemacht! Kennst du denn diesen Mann aus früherer Zeit?"
„Persönlich kenne ich ihn nicht, diesen Menschen,"
Landleuten gegenüber den Schafpelz umhängen: sie sollen nicht redm von dem Aberglauben (Religion!) und der Unwissmheit des Landmannes, sie sollen demselben vor die Seele führen, daß die Städte voll Hoffnung auf sie blicken, also ihren Stolz rege machen, eine um so offenkundigere Heuchelei, als wir oben bereits sahen, wie hoch die Agitatoren die „Intelligenz" der Landleute zu taxiren haben!
Eine sehr bezeichnende Stelle kommt jetzt: „Die Religion lasse man ungeschoren — ist der Pfarrer anwesend, so braucht man darum nicht zimperlich mit ihm zu verfahren; denn Religion und der Pfarrer sind den Landleuten nicht eins, dafür verkehrt man zu viel mit den Herren. Es hat sich auf dem Dorfe (wenn nicht gerade ein Muckerort in Betracht kommt) eine Philosophie in Sachen der Religion herausgebildet, die uns keineswegs ungünstig ist: religiös sind die Leute im Durchschnitt alle; — aber mit dem Pfarrer halten sie nicht, sie gehen auch in die Kirche und hören ihn an, aber sie geben nicht viel auf ihn, „das Reden ist sein Geschäft", heißt es — und die Arbeiter werden sich alle freuen und anstoßen, wenn dem Pfarrer einmal ordentlich heimgeleuchtet wird.
Der Mann, welcher dies geschrieben hat, geht sicher von protestantischen Verhältnissen aus, die er uns von einzelnen Gegenden aus zu beurtheilm scheint ; mit den Zuständen, wie sie Gott sei Dank noch in den weitaus meisten katholischen Bezirken sind, ist der Verfasser des in Rede stehenden Aufsatzes offenbar unbekannt. Wir brauchen nicht darauf hinzuweisen, wie das katholische Volk seine Priester ehrt, wir brauchen nicht an die Opferwilligkeit zu erinnern, welche namentlich auch das katholische Landvolk während der Sperre der Priester bewies, das ist eine Sache, die für unsere Leser keines Beweises bedarf; wenn somit die Sozialdemokraten darauf rechnen, daß sie mit ihren hergebrachten Schimpfereien über die „Pfaffen" etwas in katholischen Gegenden erreichen werden, so mögen sie nur kommen, dann werden sie bald ausgespielt haben, indem sie als das erkannt werden, was sie sind! Was uns interessirt, ist die cynisch zur Schau getragene Heuchelei, der richtige „Bauernfang". Die Religion soll ungeschoren bleiben, aber ihre Diener sollen angegriffen und beschimpft werden — wie das Eine neben dem Andern bestehen kann, ist nicht einzusehen. Wer die Religion ehrt, wird auch ihre Vertreter achten; „wer euch verachtet, der verachtet mich", sagt Christus, die Sozialdemokraten lehren aber nach dem Obigen die Verachtung der Diener Christi, folglich auch die Verachtung Christi, also die Verachtung der Religion selbst. Wo Religion im Herzen ist, kann die Sozialdemokratie nicht Einzug halten, die Ausrottung der Religion ist überall die erste Aufgabe der sozialistischen Propaganda; die Führer wissen nur nicht recht, wie sie bei den Landleuten es anfangen sollen, dieselben, antwortete August Wolf. „Aber ich entsinne mich, daß mein Vater kurz vor seinem Tode öfters mit meiner Mutter über diesen Schlosser Waidele sprach, wobei er jedesmal in die größte Aufregung gerieth. Und dies geschah nicht ohne Grund. Denn der Schlosser Waidele war der Neffe eines reichen Fabrikanten in Mannheim , der zugleich auch ein Halbonkel von meinem Vater war. Die Kinder des Fabrikanten und seine Frau starben vor ihm; er hinterließ als Erben nur diesen Schlosser Waidele, eine ledige Schwester des letzteren und meinen Vater, welchem er auch einen Theil seines Vermögens versprochen hatte. Aber bevor noch der Fabrikant ein Testament gemacht hatte, bekam er einen Schlagfluß, in Folge dessen er zuletzt geistesschwach wurde. Diesen Zustand wußte sein Neffe geschickt zu benutzen, indem er durch falsche gehässige Aussagen gegen meinen Vater bewirkte, daß derselbe bei der Theilung der Erbschaft leer ausging. Dieser Mensch trägt darum eine große Schuld an unserer Armuth. Ich hätte es schließlich vergessen, da seit meiner Knabenzeit, nach dem Tode meines Vaters, meine Mutter nur äußerst selten von diesem Schlosser redete; aber nun kehrt mit seinem Namen auch seine gemeine Handlung in mein Gedächtniß zurück. Und fürwahr, wenn ich an einem Menschen Rache nehmen