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Sonntag, den 1. März 1891.
18.Iahrgan
Druck u. Verlag der
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9** Hierzu eine Beilage. "MiO
Deutsches Keich.
Berlin, 27. Februar.
* Die in der Budget-Kommission des Reichstages zu Tage geförderten neue« Flotten-Pläne bilden noch immer das Tagesgespräch. Der Marine-Etat verlangt zunächst eine Anzahl vierter, dritter und zweiter Raten für Kriegsschiffe, für welche der Septennats-Reichstag die ersten Raten bewilligte. Da man dieselben nicht im Bau stecken lassen kann, so wird man die folgenden Raten auch in diesem Reichstag bewilligen müssen, obwohl die ersten Raten für diese Schiffe in diesem Reichstag vielleicht nicht würden bewilligt worden sein. Der Etat fordert dann aber auch eine Anzahl erster Raten für neue Kriegsschiffe, und zwar für drei Panzerfahrzeuge, von denen jedes ausschließlich der Torpedo- und Artillerie-Armirung 4,200,000 M., für einen Kreuzer, der 2,000,000 M. und einen Aviso, der 1,463,000 M. kosten soll. Die bereits in Angriff genommenen Kriegsschiffe entsprechen dem Flottengründungsplan von 1889/90, und dieneu geforderten entsprechen demselben ebenfalls. Dcßhalb beantragte der Berichterstatter, Abg. v. KoScielsky, die Genehmigung, während der Centrumsabgeordnete Fritzen (Borken) als Korreferent die Streichung verlangte. Gegenüber diesem letztem Antrag hielt der Staatssekretär des Reichsmaxine-Amtes, Vice-Admiral v. Hollmann eine mehr als einstündige Rede welche geradezu Sensation hervorries. Er verlangte, kurz gesagt, daß unsere Marine zu einer Offensiv-Marine ersten Ranges ausgebildet werde, welche auf offener See der französchen oder russischen Marine die Spitze 6ieten könne. Was aber noch mehr in Erstaunen setzte, war die Begründung. Er ging noch weit über den Plan von 1889/90 hinaus, und erregte damit nahezu Schrecken bis in die Reihen der konservativen Fraktion hinein. Zur Abstimmung kam es noch nicht. Die Debatte wurde vielmehr vertagt. Wer jetzt schon kann man sagen, daß Hr. v. Hollmann durch seine Aufrichtigkeit die Aussichten der Bewilligung 1 etter ersten Raten noch erheblich verschlechtert hat. Selbst den Freundm des kartellreichStaglichen Flottenplanes von 1889/90 klang dieses Lied nicht mehr schön. Im vorigen Frühjahr die Zukunftsmusik des Herrn v. Berdy in Bezug auf das Landheer, jetzt die Zukunftsmusik des Hm. v. Hollmann in Bezug auf die Motte; das ist ein Fortisimo, welches auch starke Nerven nicht mehr auShalten. Das Eine steht fest: beide Stücke zugleich werden vom Reichstag nicht gespielt werden.
Aus Irrwegen.
Original-Novelle von Ferdinand Hartdegen.
(Fortsetzung aus der Bellage.)
WaS beabsichtigten nun Werner und Müller? Richts Geringeres als wo möglich durch einen Dieb- 1 rx i" ^efer Billa sich einen neuen Reichthum zu verschaffen. Es lag zwar kein äußerer Zwang zu einer W)en That für sie vor, indem sie ja Geld genug be- saßen. Allein die habsüchtigen Menschen konnten nicht SMtttgt werden. Das ist ja das Wesen der Habsucht, vaß sie das Berlangen des Mmschen beständig er* •"“tat, niemals stillt; die Habsucht mag es nicht dul- ven, wenn andere Menschen reicher sind; sie erweckt darum neben der stetigen Unzufriedenheit noch den Neid in der Seele des Menschen. Sobald aber der Neid in der Seele roher Menschen Wurzel gefaßt hat, kann er leicht die Veranlassung zu einem Diebstahle wnden. Besonders gereizt wurde ihre schlechte Absicht durch folgende Umstände: August Wolf hatte Studie traurige Lage geschildert, in welche sie in x- $e .kommen würden. Ihre Vermuthung, daß die Villa zeitweilig verlassen wäre, fanden sie durch rx $u?f.a9e ^S Dieners bestätigt. Derselbe war schwerhörig, weshalb seine Anwesmheit ihrem Plane kem besonderes Hinderniß entgegen stellte. Außerdem war der Diener so geschwätzig, daß er mehr auSplau- »erte, als er gefragt wurde.
* Innerhalb der Sozialdemokratie kann man sich über die Veröffmtlichung der Marx'schen Kritik noch immer nicht beruhigen. Hiesige Blätter hatten darüber folgende Mittheilung gebracht: Man hat sich wiederholt gefragt, wie es möglich war, daß Fr. Engels' Schreibm mit der Marx'schen Kritik des sozialistischen Programms in der ,Neuen Zeit" veröffentlicht werden konnte. Zur Erklämng des Vorgangs wurde sogar behauptet, im Grunde sei der Fraktion die Sache erwünscht gewesen. Herr Engels sandte den Marx'schen Brief an die Redaktion der ,Neuen Zeit". Herr Kautsky, der Redakteur der ,Neuen Zeit" ist Marxist strengster Observanz. Natürlich war er für den Abdruck. Nicht so Herr Dietz, der Verleger. Man sandte deshalb den Brief an Herrn Bebel zur Begutachtung. Aber Herr Bebel, der gerade mit der Hochzeit seiner Tochter zu thun hatte, ließ die Sache liegen. Man nahm daher in Stuttgart an, er habe nichts dagegen einzuwenden, und so erschien das Engels-Äarx'sche Schreiben in der ,Neuen Zeit". Dazu bemerkt der .Vorwärts": Diese Darstellung ist in einem wesentlichen Punkte unrichtig. Als Bebel einen Abzug des Marx'schen Artikels zu Gesicht bekam — es sei noch einmal hier bemerkt, daß Bebel den Inhalt des Marx'schen Briefes und der ihr beigefügten Kritik bis zu jenem Augenblick überhaupt nicht kannte und beides früher nie gesehen hat, weil er zur Zeit der Mittheilung jener Aktenstücke im Ge- fängniß saß, — war die Nummer der .Neuen Zeit' bereits fertig gestellt, und ein nächsten Tages nach Rücksprache mit Dietz abgesandtes Telegramm, das die Ausgabe zu inhibiren beorderte, kam zu spät. Wir können im Auftrage Bebels nachdrücklich erklären, daß, wenn jene Aktenstücke ihm rechtzeitig zugesandt wurden , dieselben in der veröffentlichten Form höchst wahrscheinlich nicht ausgenommen worden wären.
* Die ,Berl. Polit. Nachr." schreiben: „Wir habm neulich schon darauf hingewiesen, daß angesichts der von ben Agitatoren des Bergarbeiterftrikes geführten Sprache und angesichts des Verlaufs der letzten Ver- sammlungm der Bergarbeiter die preußische Staatseisenbahnverwaltung Vorbereitungen trifft, um von einer zeitweiligen Störung der Kohlenförderung nicht überrascht zu werden. Man wird kaum fehlgehen, wenn man die in den letzten Tagen von verschiedenen Seiten gemeldete und bisher unwidersprochen gebliebene Mittheilung, daß von der Staatseisenbahnverwaltung 25,000 Tons englischer Kohle bestellt oder angekauft feien, mit diesen Vorbereitungen in Zusammenhang bringt. Ebenso dürsten die großen Ankäufe von Kohlen, welche seitens einzelner indu- strieller Etabliffements in der letzten Zeit in England
„Ihre Herrin scheint sehr reich zu sein", bemerkte jetzt Ludwig Müller.
„Das will ich meinen," antwortete der Diener. Ich wünschte nur ein Dritttheil von dem Baarvermögen, welches die Frau Hartung in der Parterrewohnung hier in einem Schranke liegen hat, gehörte mir, dann brauchte ich nicht mehr den Diener zu spielen." 1
„Hören Sie einmal Freund, wandte Karl Wemer nach einer Pause ein, nachdem er den Diener eine Weile prüfend von der Seite betrachtet hatte, haben Sie keine Fürcht, daß, wenn Sie allein sind, ein Einbruch in die Villa verübt wird? Denn Sie scheinen, wie ich sehe, nicht unten, wo der Geldschrank sich befindet, zu schlafen, sondern oben, wo die beiden Fenster offen stehen. Sie scheinen auch leinen wachsamen Hund zu haben."
„Die Hunde kann meine Herrin nicht leiden, antwortete darauf der Diener. Außerdem habe ich keinen Einbmch zu befürchten, weil mein Sohn, ein kräftiger Mensch, während der Abwesmheit der Frau Hartung in jenem Zimmer schläft, das unmittelbar an die Stube stößt, worin der Geldschrank steht. — Dabei zeigte er unbedachter Weise nach diesem Zimmer. — Daß nun gerade jetzt mein Sohn auf eine Paar Tage nach Hause gehen mußte, weiß Niemand. Außerdem laffe ich auch Niemand in die Billa emtreten. Nur ein SKosser, Namens Waidele hier, hat in dem Zim-
bewerkstelligt worden sind, mit dem drohenden Strike in Zusammenhang stehen."
* Der Reichstag begann heute die zweite Lesung des Militär-Etats und lehnte entsprechend dem Kommissionsbeschluß nach kurzer Besprechung die Verwandlung der Stllen der dreizehnten Hauptleute in etatsmäßige Stabsoffizierstellen ab. Das Haus geht dann zur Berathung der Unteroffizier-Prämien über. Kriegs- minifter v. Kaltenborn befürwortet die Forderung, da die Militäranwärter-Stellen nicht ausreichten. Hinze (freif.) bestreitet den vom Kriegsminister behaupteten diesbezüglichen Nothstand in der Armee. Die Fehlzahl an Unteroffizieren betrage eigentlich noch nicht 4 pCt. Reichskanzler v. Caprivi begründet die Unteroffizier- Prämien als eine Maßregel gegen das Eindringen der Sozialdemokratie in die Armee. Die Rede des Reichskanzlers verursachte im Hause große Bewegung. Der volksparteiliche Abg. HauSmann sand die politische Motivirung der Vorlage durch den Reichskanzler bedenklich, weil er die Sozialdemokratie als eine selbst unsere Armee gefährdende Großmacht hinstelle, was im Auslande zu schiefen Auffaffungen führen könne. Die rothe Gefahr und Straßenkämpfe bei dieser Gelegenheit an die Wand zu malen, sei wenig glücklich. Der sozialdemokratische Abg. Grillenberger wunderte sich über die für die Macht feiner Partei gemachte Reklame, da ja jüngst von hoher Stelle geäußert worden sei, daß die Sozialdemokratie ihren Höhepuntt überschritten habe. Die noch folgenden Aussthrungen der Abgg. v. Benda (uatl.) und Hahn fanden bei dem unruhigen Hause wenig Beachtung. Morgen 12 Uhr soll die Debatte fortgesetzt werden.
* Das Abgeordnetenhaus erledigte heute den Antrag Brömel wegen Herbeiführung einer Reform der Personen-, Gepäck- und Gütertarife durch Uebergang zur Tagesordnung. Der Antragsteller führte in seiner Begründung aus, daß die jüngst bekannnt gewordenen Reformvorschläge durchaus nicht das böten, worauf das Publikum Anspruch habe, daß eine Ermäßigung der Tarife eine Steigerung des Verkehrs herbeifichren werde, also zu Besorgnissen vor EinnahmeauSMen keinen Anlaß biete nnd mit der Reform der Tarife eine Vereinfachung des Betriebes Hand in Hand gehen muffe. Der freikons. Abg. Stengel hält den Antrag für überflüssig, da die Regierung schon von selbst die erforderlichen Reformen einführen werde. Die fortgesetzte Steigerung des Personen- und Güterverkehrs zeuge für die Güte des jetzigen Systems. In gleichem Sinne sprach sich der Abg. v. Tiedemann (Bomst) aus, während der Abg. Pleß dem Antragsteller beitrat. Dieser erklärte in seinem Schlußworte, daß er, falls man über seinen Antrag zur Tagesordnung übergehe,
mer, wo der Geldschrank steht, an dem Schlosse der Stubenthüre neulich eine Reparatur vornehmen müssen; ich habe ihn zwar 10 Minuten lang allein in dem Zimmer gelassen; aber ich glaube niemals, daß er fähig ist, ein solches Verbrechen zu begehen. Er würde auch, wenn er den Schrank geöffnet hätte, das Geld noch nicht gesehen haben, weil dasselbe in einem Kistchen verborgen ist."
„Wie?" fuhr jetzt Wolf ans seinem Traume auf. „Nannten Sie nicht einen Schlosser Waidele, der hier wohnt? Lebte derselbe früher nicht in Mannheim in
Betroffen über diese unerwartete, sonderbare Frage des seither so schweigsamen Träumers sahen ihn seine Kameraden mit großen Augen an. Auch der Diener betrachtete ihn etwas verwundert, als er ihm erwiderte:
„Ganz richtig! Dieser Schlosser Waidele wohnte früher in Mannheim, er soll damals sehr reich gewesen sein; aber jetzt ist er froh, wenn er genügende Aufträge bekommt, um fein Leben fristen zu können. Der arme Mann hat, so scheint es, viele Unglücksfälle, auch wohl Schulden gehabt, welche sein Vermögen aufgezehrt haben. Bor ein paar Jahren ist er hierher verzogen. Er ist ein tüchttger Schlosser."
Bei diesen SBorten waren sie an der Eingangsthür in den Garten wieder angekommen. August Wolf schien noch etwas mit dem Diener sprechen zu wollen, aber eine Genossen drängten zur Rückkehr in ihren Gasthof