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Freitag, den 27. Februar 1891.

18. Jahrgang

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

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Druck n. Verlag der Fuldaer Actiendruckerri (A. Diümann).

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ß Zur Sperrgelder-Dorlage.

Eine hochgradige Bewegung hat sich zur Zeit bei­nahe des gesammten deutschen Protestantismus gegen­über der katholischen Kirche bemächtigt. Die Katholiken Preußen- kämpfen für die Austreibung deS Falk'schen Geistes auS dem neuen Volksschulgesetze, sie verlangen die Rückerstattung der aus dem bekannten „Brodkorb- gesetz" angesammelten Sperrgelder an die Bezugs­berechtigten, und es ist eine Ehrenpflicht aller Katho­liken Deutschlands, die Aufhebung des Jesuitengesetzes zu fordern. Es soll also werden, wie eS vor dem Kulturkämpfe in Preußen und im Reiche war, nichts mehr und weiter. Man hat damals, dreißig Jahre lang, keinen Jammerruf vernommen, daß das „deutsche Evangelium" in Gefahr sei; im Gegentheile, es wurde von allen Kanzeln und Kathedern stolz erhobenen Hauptes auf uns als auf die geistig unebenbürtigen Glieder der Nation herabgeschaut. Und setzt soll der ganze deutsche Protestantismus von der, um mit Herrn Stöcker zu reden, „durch eine fehlerhafte Politik schon ganz ins Ungemeflene gestärkten Macht der katholische» Kirche" bedroht sein!"

Der Heidenlärm wegen der Erhaltung des Jesuiten­gesetzes könnte sich fast noch entschuldigen lasten; denn seit Jahrhunderten verbreitete und eingewurzelte Vor- urtheile machen unzurechnungsfähig und lasten die Dinge nicht mehr im natürlichen, sondern im gespen­stigen Lichte erscheinen. Aber daß gerade der Gesetz­entwurf wegen Rückerstattung der Sperrgelder den Unmuth aufs Höchste gesteigert hat, ist mehr, als zu erwarten war, wenn auch der nackte Geldneid mit im Spiele ist.. Diejenigen, welchen,,durch ein Gesetz ihre Bezüge beschlagnahmt warekk^Vllen entschädigt »erben und zwar ohne Zinsen, und in diesem Zuae- ständniß erblickt man sogar den angehenden Beweis, daß Preußen anfange, seinen Beruf bei der Gründung deS Reiches als „protestantisches Kaiserthum" zu ver­fehlen. Ohne Scham verräth man den Hintergedanken, daß es sich mit diesem Berufe gar nicht-vertrage, ben' Katholiken gerecht zu werben, geschweige denn ihnen Gelb zurückzugeben, bas ihnen nun einmal ab­erobert sei.

„Wenn biese Vorlage Gesetz wird," schreibt die nationalliberale .Augsburger Abendzeitung', „sich also Preußen ben Diktaten bes Dr. Windthorst fügt, bann wirb in ben nationalgesinnten Kreisen Sübdeutschlands ber Glaube an ben Führerberuf Preußen- bald Roth leiden." In demselben Tone hat ein „evangelischer Theologe" in der Berliner .Nationalzeitung' der „tiefen Mißstimmung aller Protestanten" Ausdruck gegeben. Auch er behauptet, in Folge „der unerquicklichen kirch­lichen Verhältnisse in Preußen seien die Evangelischen auch außerhalb Preußens" von tiefer Verstimmung

Auf Irrwegen.

Original-Novelle von Ferdinand Hartdegen.

(8. Fortsetzung.)

IV.

Von diesem Bilde der Trauer wird unser Geist jetzt weggeführt in die alterthümliche Stadt Bern in ber Schweiz, und zwar in das hotel des gentilshom- mes, einem der ersten Gasthöfe dortselbst, nahe bei dem Dome und der wegen ihrer herrlichen Aussicht be­rühmten Plattform.

Dort saßen in dem von mehreren Kronleuchtern in Hellem Lichtglanze strahlendem Speisesaale die drei Kameraden bei einer üppigen Abendmahlzeit. Ihr Kopf schien schon erhitzt zu sein von dem feurigen Burgunderweine, dm sie soebm zu ihrem Mahle ge­trunken hatten. Sie führten ein lebhaftes Gespräch, welches zuletzt die Aufmerksamkeit aller anwesenden Gäste erregte; doch sprachen sie nicht von ihrem ver- ' gangenen Leben, was man hätte erwartm sollen, son- bern prahlten gegenseitig mit großen Thaten, welche sie nie auSgeführt, unb sprachen von Dingen, welche sie nie gesehen ober erlebt hatten. Daß hierbei mancher Jrrthum zu Tage trat, barjber wirb man sich wohl nicht tounbem; unb daß die Erzählung von Hand- lungm, welche nach ben Umständen von Ort unb Zeit

gegen bie preußische Regierung erfüllt. „Es ist nur natürlich, baß gerabe bei benen, bie zuerst bem Reiche zugejauchzt haben, allmählig eine andere Stimmung Herr wirb unb bie reine Freude an diesem Reiche, in dem der Ultramontanismus so ausschlagend gebietet, ins Wanken geräth." Und erst der evangelische Bund mit seiner an daS Haus der Abgeordneten gerichteten Eingabe um völlige Zurückweisung der Vorlage über die Sperrgelder! Welch bedauernswerther Erguß nicht bloß deS engherzigsten konfessionellen Neides, sondern selbst eines wahrhaft fanatischen Hasies gegen die katho­lische Kirche!

Die Geistlichen der Landeskirche haben durch das Brodkorbgesetz auch nicht einen Pfennig verloren; au ihre Kosten hat sich nichts angesammelt, kann alst auch für sie über nichts verfügt werden. Dennoch ruft auch das konservative Hauptorgan in Berlin aus: „Das Vertrauen ber gejammten evangelischen Bevöl­kerung zur Staatsregierung steht auf bem Spiele." BollenbS erklärt bas Berliner Pastorenblatt: Wisse bie Regierung für bie 16 Millionen keine anbere Verwendung, so „versenke man sie ins Meer, wo eS am tiefsten ist." Solle aber die katholische Kirche eine solche „Dotation" zu freier Verfügung der kirchlichen Oberen durchaus erhalten, bann habe bie Regierung ein Gleiches gegenüber der evangelischen Kirche zu thun. „Wir Protestanten bedangen keine Bevorzugung für unsere Kirche, obwohl nnS die Geschichte des preußi- fchen Staates unb ber Umftonb, daß ber König unser SummepiskopuS (oberster Bischof) ist, ein Recht dazu geben, aber wir verlangen ernsthaft Parität."

Diesem fonberbaren Verlangen hat schon bei der Berathung deS vorjährigen Entwurfs über die Sperr­gelder bie Kommission eine ebenso fonberbare Gestalt­ung gegeben. Sie beschloß nämlich eine Aufforderung an bie Regierung, „ohne Berzug mit ben Organen ber evangelischen Landeskirche zur Herbeiführung einer sachgemäßen Ordnung ber Stolgebühr ins Benehmen zu treten." Die Entschäbigung für ben Verlust ber» selben aus Staatsmitteln war nämlich mit Erlaß bes Civilehegesetzes zugesagt, aber wohl auch wegen ber enormen Schwierigkeiten des Vollzugs, immer noch hinterblieben. Daß die Entschädigung ebenso den ka­tholischen, wie ben protestantischen Pfarrern zustehen würbe, scheint immer noch absichtlich übersehen zu werben, weshalb auch bie Vertreter bes Centrums er­klärten: es müßte jebenfalls bas Wort „evangelischen" gestrichen werben, wenn sie zustimmen sollten. Mit Recht wollten sie sich aber bei ber Resolution schon deshalb überhaupt nicht beseitigen, weil eine zur Be­rathung einer Entschädigung für das durch das Brod­korbgesetz ber katholischen Kirche zugefügte Unrecht be­rufene Kommiffion protestantische Interessen berathe, bie mit ber Sache in gar keinem Zusammenhänge zu urteilen, rein unmöglich sinb, unb von Dingen, welche in Wahrheit ganz anbexS erscheinen, als sie ge- schilbert würben, häufig ein Lächeln bieser ober jener noch anwesenden vornehmen Gäste, ja zuletzt ein Zischeln ober leises unwilliges Gemurmel unter denselben her­vorrief. ist eben wohl erklärlich. Jedoch um diese Wir­kung ihrer Prahlerei auf die anwesende viel gereifte vornehme Welt kümmerten sich die Drei wenig oder gar nichts. August Elmenreich, jetzt Wolf genannt, that auch sein Möglichstes in der Großthuerei, wobei ihm seine lebhafte Phantasie nicht wenig half. Ihr vergangenes Leben lag jetzt, nachdem sie ihr Geld be­kommen hatten, wie ein halbvergessener Traum hinter ihnen; sie lebten nur der Gegenwart und wollten die- elbe auf jede Weise genießen.

„Bringen Sie uns Champagner, Kellner, rief Karl Lehmann, welcher jetzt Werner hieß, der Burgunder ist alle geworden, unb bas Essen war so versalzen, baß unser Durst noch nicht gelöscht ist. Wahrlich! fuhr er ort, währenb ber Kellner dem Befehle Folge leistete, bas Essen in diesem Gasthause läßt an Geschmack viel zu wünschen übrig, auch die Bedienung ist nicht sonder­lich gut. Wie ganz anders war dies doch im Prater zu Wien, wo wir vor drei Wochen mit unseren ver­trauten Freunden, den Generälen von Sulzhofen und von der Holms, an der mit silbernem Eßgeschirr reich

stehen, und zwar obgleich die katholische Entschädigung von ber Kommission abgelehnt war. Die Erinnerung an tiefen Vorgang ist jetzt am Platze, ba ber Fall wiebergekehrt ist. Der Kultusminister hat ben Antrag als Wink für ihn unb als Vorwurf zu Herzen ge­nommen, als wenn bie Regierung nicht mehr im Lande bas Vertrauen besäße, bie evangelischen Interessen zu wahren, unb so ist sie bei ber neuen Vorlage zuvor­gekommen. Gleich in feiner einleitenden Rede vom 24. Januar hat ber neue Kanzler selbst erklärt: es seien nun bereits alle Einleitungen getroffen „bie evangelischen Desiderien in Bezug auf bie Stolze- bühren zu befriedigen, gemäß bem Vorschlag ber evan­gelischen Oberkirchenrathes, baß ber Staat jeder Ge­meinde birett so viel überweise, als nöthig sei, um bie Ausfälle ber Stolgebühren, bie jetzt durch Kirchen­steuern von ben unteren Steuerstufen gedeckt werben müffen, zu becken." Unb Herr v. Goßler sagte: wir werben alle Kräfte baransetzen, bie Materie mit ber Generaksynobe in ürbnung zu bringen. Vom 24. Januar, von ber Erklärung des Ministerpräsidenten ab, batirt meines Erachtens eine neue Periode für bis evangelische Kirche, unb bas ist meines Erachtens ber Lichtschein, ber auf meine Thätigkeit fällt."

ES liegt ein Dunkel auf bem Sinn bieser Worte, ba8 auch ber Abz. Stöcker, Hofprediger a. D., sofort anzeigte. „Der Minister erwartet eine neue Epoche für bie evangelische Kirche; doch nicht etwa wegen ber Stolgebühren-Entschäbiglma?" sagt er. Diese Kirche habe noch ganz anbere Schmerzen. Zwar erklärte er, nur für feine Person zu sprechen, aber ber Beifall kam auf ber konservativen Seite doch lebhaft zum Aus- bruck, als er fortfuhr: „Uns ist es vollkommen un­möglich, ben Sprung des Ministers — (nämlich von ber ersten zur zweiten Sperrgelbervorlage) mitzumachen, ohne im Laube bie Sympathien zu verlieren, beten eine große Partei nicht entbehren kann." Unb zum ersten Male in seinem Abgeorbnetenleben hatte er auch bie eigentlichen Kartellvarteien zu Bewunberern, als er feine Rebe schloß: „Ich möchte bie Regierung boch auch baran erinnern, baß Preußen ein wesentlich pro­testantischer Staat ist, bie Vormacht des Protestantis­mus, bie Vormauer ber größten evangelischen Kirche ber Welt. An dieser evangelischen Stellung verlieren wir, wenn wir auf ber schiefen Ebene weitergleiten, auf ber wir uns befinben. Wenn ber protestantische Charakter Preußens verwischt würbe, würben wir hun- bert mal mehr verlieren, als wir burch eine solche Vorlage bei unseren katholischen Mitbürgern gewinnen würben."

WaS wirb unter biefen Umjtänben, bei biefem protestantischen Zetergeschrei die Regierung wohl thun? Wird sie diesen zahlreichen Ausbrüchen eines kraffen protestantischen Fanatismus Rechnung tragen und bie besetzten Mittagstafel saßen! Wie war bort bie Be­dienung so schnell. Dort tiefen wohl hundert Kellner und Kellnerinnen herum, uns selbst bedienten allein zwei Kellner und eine Kellnerin, welche ihre Augen auf uns allein geheftet hatten, damit sie alsbald für unsere Befehle bereit ständen. Erinnern Sie sich Hessen noch, meine Herren?"

„Gewiß!" entgegnete Ludwig Müller, der frühere Reisende, indem er sein Gesicht zu einem Grinsen ver­zog , was wahrscheinlich ein vornehmes Lächeln be­zeichnen sollte.

„Nur zu wohl!" erwiderte August Wolf. „Wiffen Sie auch noch, meine Herren," sprach er Weiter, „wie »ort die frischen Austern so süßlich mundeten. Dort irauchte man keinen Citronensaft darauf zu träufeln, onbern man aß sie ohne Zuthat, nachdem man sie mit einem kleinen Messer in kleine Stücke zerlegt hatte."

Jetzt ließ sich ein nur mühsam unterdrücktes Lachen >er anderen Gäste hören. Ludwig Müller ermahnte >en unbefangenen Erzähler, indem er ihm auf den Fuß rat, zum Stillschweigen; er selbst gab alsdann dem Gespräch eine Wendung, indem er die mit dem schäu­menden Champagner gefüllten, fein geschliffenen Gläser auf ihr ferneres Wohl hell erttingen ließ unb darauf einen Vorschlag zu einem am anderen Morgen zu unternehmenden Ausfluge machte.