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JV 46

Donnerstag, den 26. Februar 1891.

18. Jahrgang

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Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

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Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).

Deutsches Keich.

Berlin, 24. Februar.

* Die von der Verwaltung der preußischen Staats- Lahnen geplante Herabsetzung der Personentarise findet in der Presse eine wenig freundliche Beurtheilung; denn durch dieselbe würden zwar die einfachen Fahrten billiger werden, durch Wegfall der Rückfahrts- und Rundreisefahrkarten und den Schnell­zugszuschlag aber würden sich weitere Reisen in zweiter und dritter Klasse, bei beiten der Reisende wieder zu dem AuSgangSorte zurückkehrt, theurer an­statt billiger gestalten. Die große Mehrzahl der Reisen- den hat also guten Grund, sich für solch ein Danaer­geschenk angeblich um die Hälfte herabgesetzter Tarife bestens zu bedanken. Im Gegensatz hierzu nimmt aber die .Kreuzztg.' zu der Angelegenheit gegen die Neuer­ung Stellung; das konservative Blatt meint, nur für kurze Reisen, auf denen sich der Tagesverkehr der Landgemeinden mit den Marktstädten abspielt, könne -er Tarif nicht billig genug sein. Die Wanderlust aber dürfe man nicht steigern. Wohin solle es kommen, tvenn z. B. jeder Schulbube und Lehrling, jeder Knecht «nd jede Magd auf dem Lande in den Stand gesetzt würden, die Sonn- und Feiertage in den glänzenden Hauptstädten mit allen ihren Verlockungen zu ver­bringen. Schon jetzt sei das ehrbare seßhafte Landvolk Nomadenhaft mobil geworden und dränge der gleißen- ben Großstadt zu. Es sei schon schlimm genug, daß die billigen Rundreisebillets die Touristenbummelei, den Besuch entfernter Bäder gefördert hätten. So gingen jetzt Leute auf Reisen, welche hübsch arbeitsam zu Hause bleiben sollten und dort in der Mußezeit durch Spaziergänge und Landparthien sich erftischen tonnten. Ob der Handlungsreisende etwas mehr Eisenbahnfahr- geld bezahle, sei bei den übrigen Reisekosten durchaus aleichgilttg. Das heißt, das Kind mit dem Bade aus­schütten ; denn ist das nicht die Forderung, man müsse weil manch einer seiner wirthschaftlichen Lage wegen besser zu Hause bliebe, den ganzen Verkehr unterbinden mnd allen Reisenden, die nicht Millionäre sind, die Benutzung der Eisenbahnen erschweren oder unmöglich machen? ES ist nicht zu befürchten, daß durch die Verbilligung der Tarife ein zweckloses Reisen gefördert wird, denn zu einem solchen gehört, neben dem Reise­geld, doch auch noch Freiheit und Zeit, zwei Dinge, deren sich die wenigsten Leute erfreuen.

* Der Reichstag setzte die 2. Berathung des Ar­beiterschutzgesetzes bei dm Bestimmungen über die Lohn­zahlung fort. Eine längere und lebhafte Debatte rief ein Anttag Bebel hervor, wonach zur Leistung von Beiträgen für die Betheiligung an Einrichtungen zur Verbesserung der Sage der Arbeiter oder ihrer Fami­lien die Arbeiter nicht sollten angehalten werden dür-

Aus Irrwegen.

Original-Novelle von Ferdinand Hartdegen.

(7. Fortsetzung.)

Da endlich erschien Eckard, als seine Freunde be­reits im Unwillen und Groll über ihn Weggehen woll­ten. Aber er ging nicht hastig auf sie los, um ihnen eine frohe Botschaft zu verkünden, sondern langsamen Schrittes, noch langsamer als er sonst zu thun pflegte. Darüber wurden Lehmann und Elmenreich noch un­williger als zuvor; sie eilten ihm entgegen und riefen ihm zu: „Mensch, warum lässest Du uns so lange warten und gehst so träge jetzt wie eine Schnecke? . Haben wir nichts gewonnen, so laß uns nicht so lange im Unklaren, wir wissen ja, was wir in diesem Falle zu thun haben."

„Nur gemach, Freunde," entgegnete Eckard, „ihr braucht unsere Angelegenheit nicht in die ganze Welt auszuposaunen. Vor Allem müßt ihr wissen, daß un­sere Zukunftspläne zum größten Theile wenigstens zu Luftschlössern geworden sind.

„Sprich kurz!" warf August barsch em. „Wie viel haben wir gewonnen? Aber hüte Dich, uns in der Summe zu täuschen!"

„Wenn Du, abgedanster Jneipient," erwiderte daraus in etwas höhnischem Tone Eckard, „mißtrauisch

fen. Abg. Bebel erklärte all' die Wohlfahrts-Einrich­tungen der Unternehmer für ihre Arbeiter lediglich als Mittel zur Knechtung der letzteren; dies gelte von den Arbeiter-Sparkassen, den Konsum-Vereinen und ganz besonders von den Arbeiterwohnungen, über welche sich Redner eingehend verbreitete. Handelsminister v. Ber­lepsch konstatirte, daß die Frage der Arbeiterwohnungen gar nichts mit den gerade zur Berathung stehenden Bestimmungen zu thun habe und legte dann einen von Bebel angeführten speziellen Fall klar. Die fiskalifche Bergwerksverwaltung deS Saarbrücker Reviers gewähre aus einem Fonds den Arbeitern, die sich ansässig machen wollten,Baudarlehne und Prämien,letztere L Fonds perdu. Wenn einem sinkenden Arbeiter die Prämie versagt worden, so fei das ebenso selbstverständlich, als daß man ihm während des Strikes keinen Lohn zahle. Wie wenig die Saarbrücker Einrichtung eine Knechtung der Arbeiter darstelle, gehe daraus hervor, daß jährlich Hunderte von Arbeitern um Darlehen und Prämien nachsuchten. Die Abgg. Müller (nl.), Frhr. v. Stumm, Beuschner (Soz.) und Rösicke (wild-lib.) traten Bebel sehr entschieden entgegen. Frhr. v. Stumm erklärte dabei, daß er in seinem Betriebe keine Arbeiter be­schäftige, die in die sozialdemokratische Bewegung ein­treten. Die politische Ueberzeugung komme dabei gar nicht in Frage, es handle sich hier um einen nothwen- bigen Akt der Selbsthilfe. Der Antrag Bebel wurde schließlich gegen die Stimmen der Sozialdemokraten und einzelner Freisinnigen abgelehnt. Bei § 119 a, welcher Lohneinbehaltungen behandelt, sprachen sich die Sozial­demokraten gegen LohneinbHaltungen überhaupt aus. Zn einer Beschlußfassung kam es nicht, da die Be­schlußfähigkeit deS Hauses bezweifelt und darauf die Weiterberathung auf morgen vertagt wurde.

* DaS Abgeordnetenhaus fetzte heute die 2. Be­rathung des Einkommensteuergesetzes mit den Verwen­dungsbestimmungen und damit in Verbindung die Be­rathung der Novelle zur lex Huene (20 Millionen zu Volksschulbauten) fort. Zur letzteren hatten die Abgg. Richter (dft.) und v. Zedlitz (fr!.) einen Antrag em- gebracht, wonach die Kommunalverbände, soweit sie nicht vom Minister des Innern und vom Kultus­minister von dieser Verpflichtung entbunden werden verpflichtet sein sollen, von dem ihnen aus den land- wirthschaftlichen Zöllen überwiesenen Betrage für 1890/91 ein Drittel und 1891/92 ein Viertel zur Unterstützung der Gemeinden bei Volksschulbauten bezw. zur Bildung von Schulbaufonds zu verwenden. Mi­nister Dr. Miquel erklärte, daß alle Anträge sich zur Annahme nicht empfehlen, da sie das Zustandekommen des Gesetzes gefährdeten. Wer das Ganze wolle, müsse über kleine Einzelheiten hinwegsehen. Bei der Ab­stimmung wird unter Ablehnung aller Anträge die Kommisstonsvorlage bezüglich der Verwendungsbestim- gegen mich wirst, so hat unsere Freundschaft alsbald ein Ende, und Du kannst mit Deinem Gelde meinet­wegen zum--gehen! Wer sagt es," fuhr er

weiter fort, indem er seinem Freunde Karl Lehmann einen bedeutungsvollen Wink mit den Augen gab, welcher aber für August unbeachtet blieb, „wer sagt es, daß ich euch täuschen wollte. Wir haben nur 9000 Gulden gewonnen, so daß es also einem Jeden von uns 3000 Gulden trägt. Hätten wir die Nr. 17598 anstatt der Nr. 17578 gehabt, so wäre uns für alle Zeiten geholfen gewesen. Denn auf diese Nummer ist ein Haupttreffer von 150,000 Gulden ge- fatlen^ie meinte August, „daß ich mir die

Nummer des Looses nicht ausgeschrieben habe!"

Halte Dein verleumderisches Maul, nef jetzt vor Wuth Eckard, „oder Du wirst die Kraft meiner Fäuste auf Deinem Rücken spüren."

Pst Freunde!" ließ sich fetzt Lehmann vernehmen, wir haben uns ewige Treue geschworen, und dürfen uns deshalb nicht streiten und zanken. Freund August wird solche mißtrauische Gedanken sich nicht wieder in den Sinn kommen lassen. — Jetzt ist es Zett, daran zu denken, wie wir unser Geld am besten verwenden. Ich schlage vor, daß ein Jeder von uns seinen Antheil nach seinem Gutdünken und nach seiner Neigung selbst

mungen angenommen, während die Novelle zur lex Huene mit allen dazu vorliegenden Anträgen abgelehnt wurde. — Mittwoch 11 Uhr: Einkommensteuerbera- thung (Wahlrecht).

* Die Kommission des Abgeordnetenhauses hat das Gesetz über auffichtführende Amtsrichter ganz ab­gelehnt.

* Die Butgetkommission des Reichstags hat, wie beim Militär- nun auch beim Marineetat die For­derung für Unteroffizierdienstprämien ge­strichen.

* Dr. Karl Peters geht nun doch, wie von ver­schiedenen Seiten übereinstimmend gemeldet wird, im Reichsdienst nach Ostafrika zurück.

* Fast 40,000 Petitionen sind beim Reichstag tu dieser Session schon eingegangen. Der größte Theil dieser Petitionen entfällt auf die Fragen: für und gegen Ermäßigung der Getreidezölle und für und gegen das Jesuitengesetz.

* Das »Deutsche Tageblatt' hatte vor Kurzem etn Gedicht veröffentlicht, in welchem mit Bezug auf den Abgeordneten Eugen Richter wegen feiner parla­mentarischen Kritik gegen Bismarck gereimt war:

Wo ist der Mund, der Richter niederschmettert?

Wo ist die Faust, die diesen Wicht zerschmettert?"

Die Staatsanwaltschaft hat darauf gegen das .Deutsche Tagblatt', wie es selbst rnittheilt, ein Strafverfahren aus § 111 (Oeffentliche Aufforderung zur Begehung einer strafbaren Handlung) emgeleitet. Das .Deutsche Tageblatt' beschwert sich darüber und fragt, wer der Urheber des Strafantrags fei. Herr Richter ist es natürlich nicht, wie auch die freisinnige Zeitung' erklärt.

* Seit einigen Jahren sind einige deutsche Handels­und Gewerbekammern eifrigst bestrebt, die Reichsregie­rung zu einer Aenderung des geltenden Prozeßrechts in dem Sinne zu veranlassen, daß seitens der Amts­gerichte in regelmäßigen Fristen die Liste der Personen veröffentlicht werde, welche den Offenbarungseid ge­leistet haben. Das Reichsjustizamt hat diesen Wünschen eine besondere Sympathie bislang nicht entgegen­gebracht, ttotzdem hat man aber die Bundesregie­rungen zu einer Aeußerung über die Stellung veran­laßt, welche sie ihnen gegenüber einnehmen. Wie nun berichtet wird, hat sich die Mehrheit der Bundes­regierungen ablehnend verhalten und es ist deshalb wohl anzunehmen, daß der bisherige Rechtszustand eine Aenderung so bald nicht erfährt.

* Auf dem vorgestern zu Frankfurt a. M. ab­gehaltenen sozialdemokratischen Parteitag für Hesse« und Hessen-Nassau waren die Wahlkreise Offenbach, Frankfurt, Hanau, Mainz, Höchst-Ufingen, Friedberg- Büdingen , Gießen, Alzey, Wiesbaden, Darmstadt, Worms, Erbach-Bensheim und Alsfeld, im Ganzen verwalte; hierdurch wird aller Streit vermieden. Seid Ihr damit einverstanden?"

„Man sieht, daß Du Advokat bist," erwiderte Elmenreich, „Du verstehst es, in allen Lebenslagen den besten Rath zu geben." . .

„Darum wirst Du wohl thun, mir in allen Din­gen "Folge zu leisten," entgegnete der schlaue Advokat. „Ich schlage ferner vor," fuhr er fort, „daß wir heute noch abreisen. Es geschieht dieses namentlich in Seinem Interesse, Freund August; Du ließest Dich am Ende sonst durch das Jammern und Bitten der schönen Marie und Deiner Mutter zum Zurückbleiben verleiten."

„Das würde wohl so leicht nicht geschehen," meinte August; „von meinem Vorhaben lasse ich mich durch Niemanden abhalten. Ich theile ihnen auf einem Billet kurz meine Abreise mit, und sobald ich mein Geld em­pfangen habe, sende ich der Mutter als ihren ver­sprochenen Antheil 500Gulden; dann sind wir fertig."

„Diesen festen Sinn hast Du durch uns bekommen," schaltete hier Ludwig Eckard ein, „Du kannst uns stets dafür Dankbarkeit erweisen. — Was nun unser Geld betrifft, so wird dasselbe mein Freund Schreiber in Karlsruhe in ungefähr 8 Tagen nach Bern in der Schweiz in das Hotel des gentilshommes unter der ihm bekannten Adresse uns nachsenden. Daß wir in der Fremde andere Namen annehmen, ist selbstverständ-