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JW 42

Samstag, den 21. Februar 1891.

18. Jahrgang

Deutsches Keich.

Berlin, 19. Februar.

* Die Kaiserin Friedrich ist mit der Prinzessin Margaretha in der Nacht 121/« Uhr in Paris ein- getroffen und von dem Botschafter Grafen Münster und dessen Tochter sowie dem ganzen Personal der Botschaft auf dem Bahnhof empfangen worden. Die Herrschaften wurden von dem aus dem Bahnhof ver­sammelten Publikum ehrfurchtsvollst begrüßt. Kaiserin Friedrich beabsichtigt, etwa 8 Tage in Paris zu ver­weilen.

* General Booth, der Höchstkommandirende der Heilsarmee, wird, wie die Blätter melden, demnächst aus England nach Berlin kommen, um eine Parade über die dortige Armee abzuhalten. Wir beabsichtigen nicht, bemerkt zu dieser Nachricht das.Deutsche Volks­blatt', das Lächerliche, welches in der Organisation der Heilsarmee liegt, hier zur Sprache zu bringen und an­erkennen, wie wir auch schon früher gethan, das Gute, das sie z. B. in sozialer Beziehung gestiftet hat. Aber eine andere Bemerkung möchten wir an obige Nachricht anknüpfen und jenen gegnerischen Blättern zum Nach­denken unterbreiten, welche gegen die katholischen Orden, besonders gegen die Gesellschaft Jesu, zu eifern belieben. Wie oft muß man von solchen auch den Ein­wand gegen die Orden hören: sie stehen unter einem fremden „General", empfangen Befehle von auswärts u. s. w. Hat man sogar schon untierfroren genug die Behauptung aufgestellt: Die Jesuiten sind, auch wenn sie von Geburt Deutsche wären, gar keine eigentlichen Deutschen mehr und „sind eine auswärtige Gesellschaft. Eingetreten in die spanische Kompagnie sind sie Deser­teure, die ihrem Vaterland abgeschworen haben". — Nun wohl: was ist General Booth? — jedenfalls kein Deutscher — was ist die Heilsarmee? — jeden­falls keine deutsche Institution — woher empfängt sie ihre Weisungen, ihre Regeln, ihre Disziplin, ihren Geist? — offenbar nicht aus Deutschland. Wir haben hier also auch einen General, der nicht bloß eine Lande, und in der Schweiz unser Glück versuchen! Dort werden wir schon Mittel und Wege finden, Geld zu bekommen, wenn wir im Lotteriespiele nichts oder wenig gewinnen sollten; wenn uns aber das große Loos zu Theil wird, dann wollen wir lustig leben."

„Topp, Freundchen," rief der Winkeladvokat, „es gilt! Wir gehen in die Schweiz; dort finden wir eher Gleichgesinnte als hier. Du, Bruder Elmenreich, sagst Deiner treulosen Braut Lebewohl und gehst mit uns in unser neues Heimathsland. Wir lassen hier unseren alten Griesgram zurück und fangen dort ein neues lustiges Leben an. Schlag ein, Bruder, Du hast es versprochen, uns zu folgen, und Dein Versprechen mußt Du halten!"

„Ja," erwiderte Elmenreich, „ich werde euch fol­gen. mein Wort nehme ich nicht zurück. Hier bin ich deS Lebens völlig fatt geworden; dort geht vielleicht ein neuer Stern uns auf. Aber was sollen wir in der Fremde beginnen, womit sollen wir uns den Lebens­unterhalt verschaffen?"

„Ich habe einen reichen Vetter in Mailand," sprach Lehmann, „er hat zwar seither sich wenig um mich gekümmert; aber wenn wir in Roth uns befinden, dür­fen wir getroft seine Hilfe in Anspruch nehmen; er wird stolz darauf fein, wenn er uns mit seinen Mit­teln beistehen kann." „Unb wenn er gleichwohl seine

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Bismarck auSgespielt werden, doch das würde hier zu weit führen. Es ist jedenfalls bedauerlich, daß dem AuSlande, insbesondere Frankreich, durch das Treiben der ,Hamb. Nachr.' Anlaß zu ganz falschen Schlüffen über die jetzige Lage der Dinge im Reiche gegeben wird. Wird doch Alles, was man auf Friedrichsruhe zurückführen zu können meint, in der ftanzösischen Preffe sensationell aufgebauscht. Immer allgemeiner verbreitet sich die Ansicht, daß eS so nicht weitergehen könne und man hat das Gefühl, als ob etwas in der Luft liege, daS von Neuern den alten Satz bestätigt, daß Niemand vor seinem Tode glücklich zu preisen ist.

hinein. Man konnte in Berlin sich nicht nachsagen laffen, daß man seit dem Rücktritt Bismarck's die freundnachbarlichen Verhältniffe zn Rußland vernach­lässige und die Basis der deutschen Politik preisgegeben habe und daß dem jetzigen Reichskanzler unausgesetzt vorgehalten werde, wie groß der Reichskanzler Bismarck war. So hat denn allmählich die öffentliche Diskussion den Charatter eines erregten Dialogs zwischen Berlin und Friedrichsruhe angenommen, wobei eS die Ironie des Schicksals will, daß dieselbe ,Nordd. Allg. Ztg.', die früher dem Fürsten Bismarck diente, sich jetzt gegen ihn wendet.

Neuerdings suchte man in dem Hamburger Blatte sogar aus dem Besuche des Erzherzogs Franz Ferdinand tn Petersburg polemisches Kapital zu schlagen. Man denunzirte Oesterreich-Ungarn, daß es sich mit Ruß­land verständigen wolle und man tadelte die deutsche Regierung, daß sie sich die russische Freundschaft von Ocherreich-Ungarn wegkapern lasse. Man suchte Un­willen gegen den derzeitigen deutschen Kanzler zu er­regen, der seine Sache so herzlich schlecht mache, daß er von den „zwei Eisen" des Fürsten Bismarck balb kein einziges mehr im Feuer haben werbe. Dies mußte um so mehr auffallen, als früher Fürst Bismarck in eigenen Reben unb beeinflußten Zeitungsartikeln Oester­reich-Ungarn zu einer Verständigung mit Rußland geradezu aufgemuntert und Oesterreich-Ungarn ins Gewissen geredet hat, es möchte sich mit Rußland über ein ordentliches Kompensationsgeschäft auf der Balkan- Halbinsel verständigen, weil eS doch nicht angehe, den deutschen Bundesgenossen mit den österreich-ungarischen Streitigkeiten, die ihn gar nicht kümmerten, zu be­lasten. Wenn also zu politischen Lebzeiten des alten Kanzlers die Intimität zwischen Oesterreich-Ungarn und Rußland nicht nur als gefahrlos, sondern als er­wünscht bezeichnet wurde, warum soll heute der freund­liche Verkehr, wie er in dem Besuche des Erzherzogs liegt, Gefahren für das deutsche Reich bringen? Und wie hat denn der Kanzler früher über die Freundschaft zwischen Deutschland und Rußland gesprochen? In seiner berühmten Februar-Rede bei der Septennats- vorlage suchte er nachzuweisen, daß aller Liebe Mühe der Deutschen gegen Rußland verloren sei, weil es nimmer gelingen könne, diese Macht zu versöhnen, es sei denn, daß Deutschland sich einfach in ihren Dienst stelle. Damals hat Bismarck mit dürren Worten die Unmöglichkeit einer freundschaftlichen Verständigung zwischen Deutschland unb Rußland bargelegt; jetzt über­häufen bie .Hamburger Nachrichten' Herrn v. Caprivi mit Borwürfen wegen der Entfremdung Rußlands.

Auch in anderen Punkten, fagt das ,Münch. Frdbl.', dem wir diese Aussührungen entnehmen, könnte der fttihere Reichskanzler Bismarck gegen den Journalisten

* Fürst Kismarck.

gg Übereinstimmend wird berichtet, daß der Kaiser auf dem letzten parlamentarischen Diner bei Herrn v. Caprivi einer Reihe von Abgeordneten gegenüber ein sehr scharfes Urtheil über die Haltung des Fürsten Bismarck gefällt habe. Ueberraschen kann das ange­sichts des letzten Friedrichsruher PreßtteibenS nicht. Wenn Fürst Bismarck als Minister im Amte von seinem entlaffenen Vorgänger in ähnlicher Weise be­kämpft worden wäre, wie er selbst bie Politik des Kaisers unb des Herrn v. Caprivi befehdet, dann hätte man etwas erleben können. Polizei und Staatsanwalt wären längst aufgeboten worden, und wenn das Sttaf- gesetzbuch nicht auSgereicht hätte, so wäre sicher die „Klinke der Gesetzgebung" ergriffen unb ein Seiten­stück zu bem „Arnim-Paragraphen" geschaffen worben.

Es ist wirklich eine tiefbetrübende Erscheinung, daß ein Staatsmann von der Bedeutung des Fürsten Bis­marck den Verlust der Macht nicht soweit verschmerzen und sein heftiges Temperament nicht soweit meistern kann, um sich mit Würde in sein Schicksal zu fügen, und sich eine Zurückhaltung aufzuerlegen, bie ihm so­wohl bie Selbstachtung, wie bie so oft betonte „Vasallen­treue" gebieten sollte. Gegenwärtig ist der ehemalige Reichskanzler auf bem besten Wege, selbst seinen Lor­beerkranz zu zerpflücken.

Als Fürst Bismarck von seinem Posten zurücktrat, butfte man glauben, daß der erste Paladin des alten Kaisers Wilhelm sich mit Würde in die neuen Ver­hältniffe finden würde. Aber Fürst Bismarck nahm von Friedrichsruhe aus sofott daS Wott und redete in einem Tone, der sowohl den Kaiser, wie die Re­gierung und daS Volk in hohem Maße befremden mußte. Er ließ keinen Zweifel, daß er unfreiwillig aus dem Amte geschieden sei. Er empfing Berichterstatter deutscher wie deutschfeindlicher Blätter und that ihnen «gegenüber Aeußerungen, welche geeignet sein konnten, einem Nachfolger Verlegenheiten zu bereiten. Insbe­sondere bediente er sich zu seinen Veröffentlichungen der,Hamb. Nachrichten', eines vorher wenig beach­teten Blattes, unb er gab gegenüber einer Anzahl von Gästen, bie er empfing, ausdrücklich zu, daß er Be­ziehungen zu jenem Blatte, dessen Herausgeber ge­legentlich in Friedrichsruhe weilte, unterhalte. Dadurch wurde die deutsche Preffe genöthigt, sich mit dem Fürsten Bismarck auch nach seinem Rücktritte zu be- schäfttgen, und die Ausführungen deS Hamburger Blattes besonders zu beachten.

Neuerdings wehte der Wind wieder sehr scharf aus der Ecke, anS welcher die ,Hamb. Nachr.' ihren poli­tischen Tagesbedarf beziehen. Und wie es auS dem Sachsenwalde herausschallte, so schallte es auch wieder

Aus Irrwegen.

Original-Novelle von Ferdinand Hartdegen.

(3. Fortsetzung.)

„Es ist zu spät," murmelte Elmenreich vor sich hin, „aber ich werde mich später noch an ihm rächen! Nun, sprich, Eckard," rief er jetzt wieder laut, „sttafe Deinen Freund Lehmann Lügen. O Gott, ich kann es nicht von ihr glauben," stöhnte es jetzt aus seiner tiefbe- klemmten Brust.

„Wenn Du mir versprichst, fein ruhig zu bleiben und unserem Rathe zu folgen", wandte der Kaufmann nach einem bedeutungsvollen Blinzeln des Advokaten ein, „so will ich Dir die volle Wahrheit sagen."

„Gut, ich verspreche es, ich will euch folgen," sprach willenlos August, „und wäre es mein Untergang; ich will die Wahrheit hören."

„Nun denn, Freund August," entgegnete Eckard, „Du hast die reine Wahrheit von unserem Freunde Karl vernommen. Als uns das Paar erblickte, stieg eine Helle Röthe in Beider Wangen. Wir thaten natür­lich so, als hätten wir nichts bemerft, setzten uns auf eine Bank vor der Kapelle und ließen uns eine Flasche Wein geben, welche uns Marie mit einem fragenden Blicke vorstellte. Der junge Mann aber erhob sich als­bald von seinem Sitze, nahm mit einem kräftigen Hände­druck von der Wirthstochter Abschied und ging an uns

vorüber. Jetzt konnte ich genau seine Züge erkennen; es war Dein Kollege Hausmann aus Freiburg, eben jener Mensch, welcher sich vorher aus dem Garten ent­fernt hat. — Was sagst Du nun dazu? Nun wirst Du wohl Deinem Freunde Lehmann Glauben schenken und bei ihm wegen der Beleidigung Abbitte thun, oder nicht?"

„O Gott," seufzte Elmenreich, „wie prüfest Du mich so hart! In meinem Berufe werde ich hinter Andere, welche jünger sind als ich, zurückgesetzt; überall betrachtet man mich mit verächtlichen Blicken, und nun verläßt mich noch das einzige letzte Glück: ein Mädchen- Herz, welches ich treu in der Liebe zu mir wähnte, muß ich nun als falsch erkennen! Und, um das Maß der Leiden voll zu machen, will gerade jener erbärm­liche Mensch, welcher bei den Vorgesetzten im Dienste mich stets zu verkleinern und lächerlich zu machen sucht, mir das letzte Glück rauben! — Nein, nun kann ich unter keiner Bedingung mehr in das verhaßte Bureau gehen; ich würde mich am Ende vergessen und ihn — Ich kann auch nicht länger hier im Lande bleiben, fort will ich, fo bald und so weit ich kann."

„Was hilft Dir das Klagen und Jammern?" ent­gegnete Eckard. „Was hilft Dir Gott? Laßt uns als wackere Brüder Zusammenhalten, mit Stolz be­strafen, die uns verachten, und als Männer unserem Schicksale Trotz bieten! Laßt uns weggchm ans diesem