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Donnerstag, den 19. Februar 1891.
18. Jahrgang
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Für die Redaktion verantwortlich: Ludwig Deibel üi Fulda.
Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).
Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage,Sterne undBlumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.
Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn« und Feiertage ausgenommen.
Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf„ bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Der ,Frankfurter General-Anzeiger^ in katholischen Häusern.
Le style c’est l’homme, „die Schreibweise charak- terisirt den Menschen", hat einst mit Recht eine berühmte Frau gesagt. Was aber vom Schreiben gilt, kann auch in gleicher Weise vom Lesen gesagt werden. Wie die Lektüre überhaupt, so läßt ganz besonders daS tägliche Lesen einer bestimmten Zeitung die religiöse Gesinnung und politische Richtung deS betreffenden Lesers erkennen. In nur seltenen Fällen wird das Urtheil ein irrige« sein. Ganz unzweifelhaft ist das tägliche Lesen einer bestimmten größeren Zeitung vom größten Einflüsse auf das Urtheil über die großen Fragen, die uns in jetziger Zeit auf dem politischen, auf dem sozialen und religiösen Gebiete bewegen. Was eine gesunde Nahrung thut zur Erhaltung und Kräftigung der Gesundheit, das leistet in ähnlichem Maße eine gesunde Geisteskost, die eine gute Zeittmg täglich ihren Lesern darbietet, zur Pflege und Erhaltung einer guten Gesinnung und zu einer ernsten und richtigen Beurtherlung der jeweiligen Zeitftagen und Zeitverhältniffe.
Die Faschingszeit mit ihrem tollen Jubel und Trubel, mit ihrer ungebundenen Ausgelassenheit ist vorüber, und das Aschenkreuz des Aschermittwochs hat die nunmehr begonnene Fastenzeit zu einer Zeit der Buße, einer Zeit der inneren ernsten Einkehr bei sich selbst, zu einer Zeit entschiedener Geisteserneuerung gestempelt. Und da wird wohl eher als zu einer anderen Zeit eine ernste Gewissensfrage gehört und zu Herzen genommen. Diese an die verehrten Leser dieser Zeitung gerichtete Frage lautet:
Befinden sich in Euren Häusern nicht katholikenfeindliche oder sittenv erd erb ende Zeitungen oder Zeitschriften? —
Zur thatkräftigen Unterstützung der katholischen Preffe und zum Fernhalten aller Erzeugniffe der schlechten Preffe find Die Katholiken schon sehr oft vom heiligen Vater, den katholischen Bischöfen und von berufenen Rednern auf allen größeren Katholikenversammlungen aufgefordert worden.
Und doch findet man in noch gar manchen katholischen Familien liberale oder farblose Blätter und ebensolche Zeitschriften. Die katholische Presse Deutschlands hat in den letzten Jahrzehnten eine solche Bedeutung erlangt, daß kein auch noch so gebildeter Katholik, auch bezüglich der Handels - und Börsenberichte kein größerer katholischer Kaufmann, nach liberalen, katholikenfeindlichen Blättern zu greifen braucht. Nach einer Statistik vom Jahre 1890 gibt es in Deutschland über 85 täglich erscheinende katholische Zettungen, mit den Wochenblättern und den nichtpolitischen Blättern zählt man über 404 katholische Blätter. Wie bei den Zettungen, so bietet sich auch den Katholiken die schönste Auswahl dar an guten katholischen illufirirten Unterhaltungsblättern, Konversationslexikons, Geschichtswerken, naturwiffenschastlichen Werken, bellettistischen Werken rc. Obwohl der katholische Büchermarkt ganz vorzügliche Erzeugnisse katholischer Autoren auf allen Wissensgebieten aufweist, gibt es viele Katholiken, deren Bibliothek gespickt ist mit ausgesprochen ungläubigen oder akatholischen Werken, während man katholische Werke nur in geringer An-
Aus Irrwegen.
Original-Novelle von Ferdinand Hartdegen.
(1. Fortsetzung.)
Am äußersten Ende des großen Gartens mitten im Dorfe saßen in einer Laube drei junge Männer um einen runden, steinernen Tisch herum. Trotz ihrer Jugend übten der sonnige, schöne Frühlingstag, der Frohsinn und die Heiterkeit, welche ringsum unter den Schaaren der Gäste sich kund thaten, keinen Einfluß auf sie aus. Sie waren und blieben ernst, geradezu mürrisch; ja es schien sogar manchmal, als ob sie sich ärgerten über das fröhliche Wesen und Treiben der sie umgebenden Außenwelt. Es war ein Kleeblatt von einerlei Sinnesart; ihre Stirnen waren schon mit Falten des Verdrusses durchzogen; übrigens war ihre äußere Erscheinung sehr verschieden, auch die Stellung, welche sie bekleideten, tuar nicht dieselbe.
Dem Eingänge zur Laube gegenüber saß ein großer, kräftiger Mann mit einem ziemlich stark gerötheten Gesichte, blondem Haare und röthlichem Schnurrbart. Sein lauernder, boshafter Blick, fiel oft, wenn das Gespräch zeitweilig stockte, auf ein Paar fröhliche Gesellen, welche vor dem Wirthschaftsgebäude an einem runden Tische heiter scherzten und lachten. Zu seinem lauernden Blicke paßte die scharf gebogene Adlernase, damit harmonirten feine dünnen Lippen, welche dem
zahl vorfindet. Wie es selten katholischen hervorragenden Männern glückt, eine ihren Fähigketten und Verdiensten entsprechende Stellung im Staate zu erhalten, so will es oft den besten katholischen Werken selbst in katholischen Kreisen nicht gelingen, sich Anerkennung zu verschaffen.
Auf einen Eindringling in katholische Häuser, der in manchen fast das Heimathsrecht erlangt zu haben scheint, aber von jeder kacholischen Famllie bei Erkenntmß seines schlimmen CharatterS nothwendig de« Laufpaß erhalten muß, soll hier ganz besonders aiffmerksam gemacht werden. Es ist dies der fast in allen größeren Städten existirende ,General-Anzeiger/ der keine besttmmte Pattei Beitritt und deshalb auch in katholischen Häusern ungehindert Einttttt erlangt hat. In Fulda ist es der .Frankfurter General-Anzeiger', der sich daselbst eingenistet hat und auch unter den Katholiken nicht wenig Abonnenten zählt.
Viele sehen in diesem Anzeiger nur ein großes, höchst unschädliches Annoncenblatt und kümmern sich um seinen weiteren Inhalt nicht. Manche Geschäftsleute halten ihn, um recht billige Makulatur durch ihn zu gewinnen, da er nicht viel kostet und täglich 8—12 Setten stark in großem Formate aus gegeben wird.
Der Schreiber dieses Attikels hat einige Zett hindurch diesen Anzeiger gelesen, um sich zu überzeugen, ob er ganz harmlos sei, wie man ihn vielfach hinzustellen sucht. Und nach dieser Prüfung muß er ein ganz entschieden verneinendes Uttheil fällen. Allerdings nimmt die Un- maffe von Annoncen den größten Raum des Anzeigers ein. Aber selbst unter diesen befinden sich gar manche, wogegen ein ftttenreines Gemüth sich empören muß. Es sind solch anstößige Inserate darunter, daß sie hier gar nicht erwähnt werden können. Bettachtet man aber das Feuilleton, so besteht es zumeist aus pikanten Romanen, die von Schauspielerinnen und anderen abenteuerlichen Personen handeln, worin aber in der Regel im Widerspruch mit allen christlichen Grundsätzen die Verletzung der dem Men- schen heiligsten Pflichten, z. B. der Bruch der ehelichen Treue, so ungescheut vettheidigt und entschuldigt wird, daß durch häufiges Lesen solcher „Sittenromane" alles sittliche Gefühl nach und nach ertödtet werden muß. Den übrigen Raum des Anzeigers nehmen hauptsächlich noch ein Skandalgeschichten, Berichte über Gerichtsverhandlungen, lange Beschreibungen von Festlichkeiten u. s. w. Auch in diesem Theile des Anzeigers, hauptsächlich in den Gerichtsverhandlungen , kommen ost die delikatesten Sachen zur Sprache, und nicht selten wird in cynischen Witzen und zweideuttgen, verblümten Ausdrücken aller Sittlichkeit Hohn gesprochen. Und oftsteht bei solchen gemeinen und schmutzigen Darstellungen noch mehr zwischen den Zeilen als in den Zeilen, so daß die einmal aufgeregte Phantasie vollen Spielraum hat, sich das gemeine Bild noch vollständiger auszumalen.
Zugegeben nun auch, daß ein ernster Famllienvater, ein viel beschäftigter Kaufmann und Beamter sich gar keine Zeit nimmt, diesen zuletzt besprochenen Inhalt zu lesen, oder daß derselbe nur ganz flüchtig die nichtpolittschen Berichte mit seinen Augen streift, wer bürgt aber dafür, daß nicht die andern Familienglieder, vor allem Kinder Gesichte einen Zug von Härte und Willenskraft verliehen. Er gab sich bald al- sogenannter Winkeladvokat zu erkennen und hieß Karl Lehmann. Früher war er, so schien es, Student gewesen; auf seiner linken Wange sah man noch die Spuren eines Duells; auch war er ein echtes Kneipgenie, welcher „Bor- und Nachtrinken" aus dem Grunde verstand.
Ihm zur Rechten saß ein schlank gebauter, etwas jüngerer Mann, von blasser Gesichtsfarbe, braunen Augen und dunkelem Lockenhaar. Er hatte ein fein geschnittenes Profil; sein gut gepflegtes Schnurrbärtchen trug nicht wenig zu seiner Schönheit bei; dieselbe wäre vollendet gewesen, hätten nicht der Unmuth und der Verdruß schon mehrere Furchen in seine Stirne gegraben und einen Zug von Erbitterung um seinen Mund gelegt. Er hieß August Elmenreich und war ein bei der Steuerdirektion in Freiburg auf Widerruf angenommener zweiter Jncipient. Zu ihm fühlte ich mich am meisten hingezogen, er schien ein vom Schicksale schwer geprüfter Mensch zu sein; und doch schreckte er auch wieoer ab, wenn seine starken dunklen Augenbrauen sich von Ingrimm.zusammen zogen, wenn aus seinen Augen Zornesfunken sprühten, und wenn er seine Hände krampfhaft zusammenballte. Dann schien seine Seele gewaltsam gegen des Schicksals Macht sich anzustemmen.
Mit Grausen wenden wir uns von diesen beiden
des Hauses, der nach intereffantem Lehrstoffe gern haschende Sohn oder das im Backfischalter befindliche Töchterlein mit lebhafter Phantasie, gerade diese pikanten Romane und Schilderungen mit Vorliebe lesen, sich an dieser vergifteten Geisteskost die Phantasie verderben und auf Sachen aufmerksam gemacht werden, die der Jugend noch vollständig verborgen bleiben sollten? Jeder Jugenderzieher weiß, wie leicht sich die Jugend zum Gemeinen herabziehen läßt, Geist und Sinn durch Beschäftigung mit demselben gegen die Eindrücke des Guten so abgestumpft werden, daß es äußerst schwer hält, einen so auf verkehrte Bahnen gelenkten Geist wieder für Tugend und Mtte empfindsam zu machen.
„Die Gewöhnung an schlechte Reden", sagt der hl. Bafilius der Große, „ist der Weg zur Sache selbst"; dies gilt in noch höherem Sinne vom häufigen Losen schlechter Schriften, weil das mit Aufmerksamkeit gelesene Wort in der Regel sich dem Gedächtnisse tiefer einprägt als das gehörte Wott. Die Bienen saugen nur Saft aus jenen Blumen, die Honigseim bieten, jene Blumen und Blüthen, die giftige Stoffe erhalten, verschmähen sie. Während diese Thierchen iustmktmäßig so handeln, muß in ähnlicher Weise bei der Auswahl einer guten und gesunden, nicht vergifteten Lektüre der gute Katholik sich von seinem Glauben und seiner gesunden Vernunft leiten kaffen.
Möchten doch diese Zeilen dazu beittagen, daß man aus den katholischen Häusern Fuldas diesen sittengefähr- lichen Frankfutter „General-Anzeiger", der in so mancher katholischen Familie schon lange als täglicher Hausfteund Aufnahme gefunden hat, ohne weiteres Bedenken entfernt — Auch ohne ihn werden die Geschäftsleute Fuldas auskommen können, und wird durch die Entfernung desselben aus dem Hause eine durch ihn der Familie bereitete Gefahr fttt gute Sitte und Tugend beseitigt
Deutsches Keich.
Berlin, 17. Februar.
* Das Staatsministerium soll beschlossen haben, von jedem Vorgehen, betreffend die auf den Fürsten Bismarck zurückgeführte Preßfehde, abzusehen, dagegen jede von dieser Seite kommende Veröffentlichung sofort auf ihren wahren Werth zu prüfen und durch den,Reichsanzeiger' richtig zu stellen.
* Der Reichstag setzte die zweite Berathung des Arbeiterschutzgesetzes bei § 105d fort, welcher bestimmt, daß der Bundesrath für bestimmte Zwecke, insbesondere für Betriebe, in denen Arbeiten vorkommen, welche ihrer Natur nach eine Unterbrechung oder einen Aufschub nicht gestatten, sowie für Betriebe, welche ihrer Natur nach auf bestimmte Jahreszeiten beschränkt sind, oder welche in gewissen Zeiten des Jahres zu einer außergewöhnlich verstärkten Thätigkeit genöthigt sind, Ausnahmen von den Bestimmungen über die Sonntagsruhe zulasfen kann. Von solchen Ausnahmen soll dem Reichstage Kenntniß gegeben werden. Die Sozialdemo- Personen ab und schauen auf die dritte Gestalt, zur Linken. Aber hier schreckt uns der erste Blick schon zurück. Unter einem breittandigen Hute sicht ein rohes, fast häßliches Gesicht hervor, mit kurzer, breitgedrückter Nase, wülstigen Lippen und dunkelem Vollbart. Struppiges, schwarzes Haar hängt zum Theil ungeordnet über die Stirne herab. Nur eine elegante Kleidung verdeckte etwas den unangenehmen Eindruck dieser Person, des Handlungsreisenden Ludwig Eckard aus Freiburg.
Nachdem die drei Kameraden eine Zeit lang geschwiegen und durch hastiges Trinken ihren Verdruß zu dämpfen versucht hatten, Hub der Winkeladvokat Lehmann, welcher als der Aelteste der Rathgeber der beiden Anderen zu sein schien, an zu sprechen.
„Wie wäre es, meine Freunde, wenn wir zusammen ein Loos der badischen Landeslotterie kauften? Ist die Frau Fortuna uns hold, daß wir den höchsten Treffer von 450,000 Gulden gewinnen, so hat unsere Noth ein Ende. Wir bauen uns dann eine Villa, die an Pracht allesammt in Freiburg überragt; wir halten uns Equipagen, Pferde, Diener mit Livree, wir essen und trinken, so viel , unser Herz begehrt. Dann wollen wir sehen, wer besser lachen kann, wir oder jenes hoch- müthige Volk in den Städten, welches nicht weiß, ob es uns ansehen darf oder nicht. — Aber freilich, sie meinen, ihre Ehre und ihr Stand würden dadurch verletzt, wenn sie den Gruß eines armen Winkeladvokaten,