Einzelbild herunterladen
 

18. Jahrgang

Sonntag, den 8. Februar 1891.

Lirrteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringer­lohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage .Sterne undBlumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

W, Ä**c gewm,' erscheint »«glich, Smm- u>» Feiertage ausgenommen.

»Mietete rasten die einspaltige Zeile oder deren Raum H M, H Müderholungen entsprechender Rabatt.

Sonnenried.

Roman von Marga Brechten.

(80. Fortsetzung.)

Als Jhno von Freidorf die Thür des Speisesaales hinter sich hatte, athmete er tief auf. Dann eilte er auf das Verdeck, um sich zunächst nach seiner eigenen Kajüte zu begeben. An der Treppe, welche in den be­treffenden Gang führte, trat ihm Hans Sturen ent­gegen und sagte, auf den hinter ihm stehenden Neger zeigend:

„Vergebt, Herr, daß wir Euch hier erwarteten. Aber da ist dieser junge Mensch, welcher uns heute Morgen die Leine zugeworfen. Er sagt, daß er Euch gar gut kenne, und da er noch gar nicht zu Euch ge­langen konnte, so hat er sich an mich gewandt. — Männer müssen einander helfen/'

Da hast Dn Recht, Hans," erwiderte der junge Kapitän freundlich und faßte den Schwarzen scharf ins Ange Ihr Beide kommt überdies wie gerufen. Aber nicht "hier wollen wir verhandeln, Sturen er­wartet meine Befehle und Du folgst mir.

In der Kajüte angekommen, betrachtete Jhno fernen Begleiter genauer und sagte endlich:

„Wie heißest Du? Wenn Du mcht so sehr groß wärest, könnte ich fast denken, Du ferst der kleine

liken beruft sich der Kardinal auf die Encykliken Im- mortale Del und Sapientiae Christianae, ui welchen dargelegt sei, daß die Kirche keine Staatsformen grund- ätzlich verwirft, fondern mit jeder auskommen kann, wenn dieselbe die kirchlichen Rechte achtet. Das Wich­tigste ist der Schluß des Briefes: „Die ihres Namens würdigen Katholiken werden die jetzt aufgeworfene Frage lösen durch Hinnahme der jetzigen Staatsform und Verzicht auf unnützen Widerstand, welcher ihre An­strengungen zur Vertheidigung der Religion lahmen würde, sodann durch Herstellung einer wirksamen katho-

^Der Kirchenfürst wünscht also, daß die Katholiken die Frage der Staatsform hintansetzen, um sich desto rückhaltloser zur gemeinsamen Vertheidigung ewigen zu können. Aber gerade dieser Hauptpunkt ist im Jn- und besonders auch im Auslande am wenigsten beachtet worden; selbst katholische Blätter haben falsche Folge­rungen gezogen, während doch der Bischof von Annecy, Msgr. Jsoard, welcher dem Kardinal öffentlich zu- stimmte, deutlich genug sagte: „Wir gehen ein tu (Sure Republik, um sie zur unserigen zu machen. Die Katho­liken sollten sich am öffentlichen Leben betheiligen nicht als Gegner der bestehenden Republik, sondern indem sie von derselben ihre Rechte verlangen. Wir wollen unseren Platz unter der Sonne. Wenn wirihnnicht früher eingenommen haben, so ist es, weil die Katho­liken und Konservativen glaubten, es müsse zuerst die Staatsform geändert werden."

Die Republikaner ihrerseits haben die Sache sofort trefflich verstanden, aber auch eine Antwort gegeben, die ebmfaüs an Deutlichkeit nichts, zu wünschen ubng läßt Der Senator John L. Lemowne, seit 4(^Jahrm Hauptmitarbeiter des.Journal desDobats, einMann des linken Centrums, schreibt: „Die republikanische Partei, welche die Laisirnngs-Gesetze, diese nothwendige Folge der französischen Revolution, geschaffen, muß diesen Streit im kirchlichen Lager als aufmerksamer und gewarnter Zuschauer verfolgen. Bei der neuen Schwenkung und der Aenderung der Taktik handelt e» sich nur darum, den Geist der Revolution Mit dem Buchstaben der Republik zu schlagen. Mit dem Allen zustehenden Banner der Republik will man in das ge­meinsame Hans einziehen, sich dort einrichten und fest­setzen bis zu dem Augenblicke, wo man uns das alte Wort wiederholen kann: Dies Haus ist unser, Sie haben es zu räumen. Deshalb haben wir den Sena­torenwählern die Losung gegeben, diese Republikaner gut zu überwachen, vor Allem aber die Schulgesetzezu wahren, welche den ersten und wichtigsten Grundsatz der französischen Revolution bethätigen: die Säkulari­sation." Ebenso und mit seltener Einstimmigkeit sprachen sich alle republikanischen Blatter aus: um als Republikaner anerkannt zu werden, genüge

Kardinal t'nvigerie und die sranMsche Republik.

Unter der Aufschrift: „Die Katholiken in Frank­reich, ihre Stellung zur Republik", bringen tue .Histo­risch-politischen Blätter' in ihrem ersten Februarhefte einen ausführlichen Artikel, in welchem sie jenen be­kannten, vielbesprochenen Trinkspruch des Kardinals Lavigerie besprechen und darzulegen versuchen, ob und in wie weit der von dem Kardinal den Katholiken Frankreichs ertljeilte Rathschlag, die Republik ohne Vorbehali anzuerkennen, den jetzigen Verhältmffen ent- iprccßcnb jct.

Am 12. November v. I. hatte der Kardinal Lavl- gerie in Algier den Stab des Mittelmeer-Geschwaders und die Spitzen der Behörden zur Tafel geladen, wo­bei er in einem Trinkspruche sagte: „Wenn der Wille eines Volkes sich so entschieden betätigt, wenn die Staatsform an sich, wie Leo XIII. kürzlich verkündigt hat. nicht den Grundsätzen zuwider ist. durch welche allein die christlichen und gesitteten Völker leben kön­nen ; wenn, um das Land dem drohenden Abgrund zu entreißen, die Zustimmung ohne Vorbehalt zn der be­stehenden Staatsform nothwendig ist, dann ist der Augenblick da, um unseren Spaltungen em Ziel zu setzen und dem Heil des Vaterlandes Alles zu opfern, was Gewissen und Ehre zu opfern erlauben Ohne diese patriotische Hingabe ist es nicht möglich, Ord­nung und Frieden zu erhalten, noch die Welt von der sozialen Gefahr zu befreien, selbst nicht den Kultus zu retten, dessen Diener wir sind. Es wäre Tollheit, die Säulen eines Gebäudes stützen zu wöllen, ohne in Letzteres einzutreten." ...

Obgleich also der hochverdiente Kardinal ausdrück­lich die Rechte des Gewissens wahrt, wurde diese Er­klärung sofort als eine rückhaltlose Zustimmung zur Republik ausgegeben und darauf hin alles Mögliche gefolgert. Der Kardinal sah sich daher zu weiteren Kundgebungen genöthigt. In den algienschen Blattern erschien die erste Erwiderung: „Es ist durchaus falsch, zu behaupten, der Kardinal habe auch die Zustimmung zu allen Handlungen der Republikaner angerathen, in­dem er den Katholiken die Unterwerfung unter die Re­publik empfahl. Es ist eine wahre Niedertracht, einem Bischof, der selbst seit 20 Jahren gegen die BHruckan- gen der Kirche kämpft, einen solchen Gedanken zuzu- muthen. Der Kardinal hat ausschließlich nur in poli­tischer Hinsicht der Staatsform zugestimmt, und sich dadurch verpflichtet, nichts zu thun, noch zu fördern, was gegen dieselbe gerichtet ist. In religiöser Hinsicht behält er sich das Recht vor, gegen alle feinbjehgen Maßnahmen zu kämpfen und alle Katholiken einzuladen, sich zu diesem Zwecke mit ihm zu verbünden."

In einem Schreiben an einen hervorragenden Katho-

die äußere Zustimmung in keiner Weise, man müsse auch unbedingt alle republikanischen Gesetze anerkennen, vor allem die Gesetze der Laisirung, als den Kern alles republikanischen Wesens. Die Republik et die Revolution, d. i. die Laisirung der Geselljchast, die Austilgung aller christlichen Grundsätze und «puren aus den öffentlichen Einrichtungen, Sitten und Anstal­ten. „Die Republik in Frankreich", jagt das m An­gers erscheinende Blatt ,L’Anjou' „ist nicht eine bloße Staatsform, die an sich durchaus annehmbar wäre, sondern ein Lehrbegriff, dessen Verwirklichung in der Laisirung und Säkularisirung aller Gefetze und Ein­richtungen besteht. Dies ist die französische Republik von ihrem Ursprung, 1792, an gewesen, dies wurde ie 1848 geworden sein, wenn sie am Leben geblieben wäre, dies ist sie heute im Jahre 1890. Ihre Grund­sätze und Lehren sind durchaus unverträglich nut Der Lehre der Kirche. Deßhalb können die Katholiken unter keinem Vorwande der französischen Republik zu- timmen. Es ist ihnen untersagt, in das Haus einzu­treten wie der Kardinal Lavigerie ihnen rathet.

Alle republikanischen Blätter stellten, wie gesagt, als erste Bedingung die Anerkennung der republika­nischen, besonders der Schul- und Wehr-Gesetze Der Abgeordnete Piou, Führer der sogenannten konstitutio­nellen Rechten, welche indeß noch nicht als selbständige Partei dasteht, erklärte, auf alle monarchischen Bestre­bungen verzichten und zur Republik stehen zu wollen; aber diese müsse den Religionsunterricht in den öffent­lichen Schulen und die Wehrfteiheit der Priester wieder Herstellen, überhaupt mit den Feindseligkeiten gegen die Kirche aufhören. Dafür mieten ihm die Republikaner die Thiire: Piou und seine Anhänger hätten bei dm Rechten zu bleiben! „Zwischen dem Geist der Revo­lution und dem Geist der Kirche", sagt der radikale Abgeordnete Rank, „zwischen dem Geiste von 1789 und dem theokratischen Geiste ist keine Auslohnung möglich; daran werden die Versöhner von der Rechten wie von der Linken nichts ändern." Die Katholiken mögen also die Republik anerkennen, so viel sie wollm, so lange sie ihren Glauben nicht verleugnen, sind sie keine Republikaner. Auch das gewöhnliche Volk ist sich dieses Gegensatzes wohl bewußt. Em Republikaner ist in seinen Augen stets ein Kirchenfemd, und von einem kirchlich gesinnten Manne findet man es als selbstverständlich und unerläßlich, daß er kem Republi­kaner sei. „Aber das ist ja gar nicht möglich, als katholischer Journalist können Sw doch mcht amtlichen Festen beiwohnen," rief höchst erstaunt eme Frauaus dem Volke aus, als besagter ihr zufällig

mittheilte, er sei gelegentlich der Weltausstellung bet mehreren solchen Festen gewesen. _

Der Papst hat nichts gegen die Reden des Kar­dinal Lavigerie gethan, was ganz natürlich erscheint, stundenlang nrnnen sie einander nahe gewesen, ohne daß er von ihrer Anwesenheit eme Ahnung gehabt. Doch vielleicht wußte sie um leine Rettung und, sich Bill's erinnernd, fragte er:

Weiß Deine Herrm, daß ich hier bin t

"Ich habe ihr sagen wollen, aber Hanna wieder sehr "schlimm gegen arm Bill — sagt, er mache sie fr^hun, nun, laß nur gut sein, mein Junge. Gehe wieder hinauf aufs Verdeck, und wenn Du den Matrosen triffst, mit dem Du vorhin gesprochen hast, so sende ihn zu mir."

XL VII.

Felicitas war erwacht. Sie fühlte sich erfrischt und belebt von dem langen Schlummer und schickte Hcmna nach oben, einem unwiderstehlichen Verlangen, allein zu sein, nachgebend. Das sanfte, bleiche Oval ihre- Gesichtes trug heute eine höhere Farbe als sonst; und fo wie sie jetzt auf ihrem Ruhebette lag, m dem ein­fachen, weiß wollenen Kleide, sah sie sehr lieblich, fast kindlich aus. ,,x .....

Im Gefiihle eines lange nicht gekannten, fußen Friedens wandte sie den Kopf nach dem Heinen offenen Fenster und lieh den kräftigen Hauch der von dn See hereinwehte, um ihre Wangen und das braune, lockige Haar spielen. Dieser Abend war fo recht anze-

Fuldaer Zeitung

7 a K , . e,ltlha _ „ G Druck u. «erlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann),

gt, üt fijjnrt*— emnhwrttit: Ludmg Deibel in Fulda. . ■ B . -

Da hielt sich der Neger nicht länger. An ihm niedergleitend rief er freudig aufschluchzend : »O Massa, kleiner Bill ist sehr gewachsen, und nun so froh, so

h Du treuer Junge, so bist Du's wirklich? Und Deine Herrin — mit wem bist Du eigentlich auf dem „Graham meine Herrin, Hanna und ich, wir

wollten Massa Kapitän suchen, denn

Was ist's mit meinem Vater?

"Guter, alter Baron ist tobt.“

Jhno bedeckte seine Augen mit der Hand und wandte sich ab. Großer Gott, der Mann, der seme Jugend b^chützt und geleitet hatte, war tobt, und er, de/sich sein Sohn nannte, war fern von ihm gewesen, so weit, daß kein Rus ihn hatte erreichen können! ,

„Wann," fragte er endlich, „wann starb mein SRatet ? "

Schon lauge," antwortete Bill traurig, denn er verstand seines Herrn Kummer; »schon über em Jahr.

Und das Alles erfuhr er jetzt erst? Kem Bries hatte ihn erreicht, und auf dem Wege zur Heimalh, welche inzwischen verödet stand, verlor er sein Fahr­zeug/ fast sein Leben. Aber wunderbare Fügung des Himmel«, auf demfelben Schiffe, das ihn rettend auf­genommen, sollte er Felicitas Wiedersehen! Schon