Freitag, den 6. Februar 1891.
JM 29
18. Jahrgang
Fuldaer Zeitung
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Deutsches Auch.
Berlin, 4. Februar.
* Die Spcrrfonds-Kommission hat sich heute kon- stituirt und zum Vorsitzenden Hrn. v. Rauchhaupt gewählt. Von der konservativen Fraktion gehört der Kommission u. a. auch der „Domprediger a. D." Stöcker an. Was aus der Sache wird, läßt sich mit Sicherheit noch nicht sagen.
* Der Abz. Windthorst hat, wie schon erwähnt, am Samstag bereits wieder der Sitzung der Volks- schulgesetz-Kommission beigewohnt. Abgesehen von den Hautabschürfungen, welche in rascher Heilung begriffen sind, hat der Sturz keinerlei übele Folgen gehabt. Auch der Abg. Spahn, welcher in den Sturz mit hineingezogenworden, ist mit dem Schrecken davongekommen. Nachdem der Unfall so glücklich vorübergegangen, hat sich der parlamentarische Humor nach verschiedenen Richtungen desselben bemächtigt. Ein „Kalauer" geht dahin, warum der Abg. Windthorst auch auf einen „Spahn" sich gestützt habe. Dem Abg. Windthorst selbst legt man gegenüber dem ihm beispringenden und ihm kalte Aufschläge machenden Minister die Aeußerung in den Mund: „Von dem Minister für die Medizinal- Angelegenheiten lasse ich mir Alles gefallen, von dem Kultusminister nichts." In Wirklichkeit hat der Abg. Windthorst diesen Scherz nicht gemacht. Als er am Samstag nach der Kommissions-Sitzung die Leipzigerstraße passirte, um sich zum Kaiserhof zu begeben, war er in noch höherem Maße der Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit, als das gewöhnlich der Fall zu sein pflegt. Gott Dank-, daß die Geschichte so gnädig abgegangen ist; dieselbe sah sich für die Augenzeugen bedrohlich genug an. Auch der Kaiser hat sich am Samstag nach Windthorst's Befinden erkundigen lassen. Es waren gerade mehrere Abgeordnete zum Besuch bei Windthorst, als der Flügeladjutant vorsprach. Reichskanzler v. Caprivi hatte alsbald nach dem Unfall seine Karte gesandt.
* Das dem Reichstage zugegangene Weißbuch über Ostafrika enthält Berichte Emin's vom 15. Mai bis 16. Oktober 1890. Emin beklagt wiederholt, daß seine Briefe um Auskunft, Instruktionen und Unterstützung unbeantwortet geblieben seien, und tadelt den von deutscher Seite gestatteten Waffenverkauf. Bei der Aufhebung eines Sklavennestes in der Nähe des Viktoria- See's wurden viele neue Vorderlader mit dem Stempel „Oswald-Kompagnie, Sansibar" erbeutet. Emin sandte massenhaft Elfenbein an die Küste, auch wissenschaftliche Sammlungen (für Berliner Museen). Das Weißbuch ist 38 Seiten stark.
* Der R eichstag setzte die Berathung des Etats des Auswärtigen Amts und speziell der kolonialen Aus-
Sonnenried.
Roman von Marga Brechten.
(78. Fortsetzung.)
„Hans Sturen," begann der junge Kapitän, „Ihr seid mir noch eine Erklärung schuldig, wie kämet Ihr auf das Wrack?"
„Herr, wenn Jhr's erlaubt, so möchte ich lieber darüber schweigen."
„Nein, Mann, so kommt Ihr mir nicht weg! Vor zwei Tagen, da ich noch Befehlshaber aus der „Meeresbraut" war, erinnert Euch wohl — in der letzten Stunde vor dem Sturm, da habt Ihr gar viel gesprochen, weil es Euer Wunsch war; jetzt sollt Ihr sprechen, weil ich es befehle! Also, noch einmal, wäret Ihr im zweiten Rettungsboote? Wenn mich meine Augen nicht täuschten, so sah ich Euch hinabspringen.
„Ja, Herr, ich war darin, aber ich wußte auch, daß Ihr die Leute gezählt und Euer Mitfahren von einem etwa noch freien Platze abhängig gemacht hattet. Das Boot aber wies feinen mehr auf; da sprang ich heraus, die Sturzwelle verbarg mich, aber sie stieß auch das Boot zu früh für Euch ab."
„Und Ihr verharrtet die ganze Zeit über hinten an der Regeling angeklammert?"
„Das that ich. Ich lugte nach einem Schiffe aus, früher oder später mußte doch eines kommen. Ob es
gaben fort. Abgg. Dr. Bamberger, Richter und von Vollmar verlangten Streichung der als Zuschuß zur Bestreitung der Verwaltungsausgaben im südwestafri- kanischen Schutzgebiet geforderten 293300 Mark. Das Gebiet sei werthlos und die Regierung thäte gut, sich desselben so rasch als möglich zu entledigen. Reichskanzler v. Caprivi erklärte, daß der gegenwärtige Zustand allerdings auf die Dauer nicht haltbar sei und daß es sich zunächst nur noch um ein Versuchsjahr handle. Er verwies die Angabe, daß er sich des Gebiets zu entäußern gedenke und daß es als Tauschobjekt dienen solle, in das Gebiet dec Fabel. Doch hat er nichts dagegen einzuwenden, wenn auch Nichtdeutsche in den deutschen Schutzgebieten wirken. Würden Letztere aber schließlich durch Nichtdeutsche exploi- dirt, so falle die Bedingung für den Reichsschutz weg. Von einer Verstärkung der deutschen Schutztruppe in Südwestafrika könne nach seiner Meinung erst die Rede sein, wenn es dort etwas zu schützen gäbe. Für die Bewilligung traten Abgg. Dr. Hammacher und Dr. Windthorst, letzterer aber nur unter der Voraussetzung ein, daß es sich um eine dauernde Bewilligung nicht handele. Die Forderung wurde schließlich gegen die Stimmen der Freisinnigen und Sozialdemokraten genehmigt. Die Position zur Unterdrückung des Sklavenhandels in Ostafrika und zum Schutze der deutschen Interessen dortselbst (3500000 M.) wurde von Abg. Bamberger bekämpft. Staatssekretär Frhr. v. Marschall fonftatirte, daß das ganze ostafrikanische Gebiet als Ganzes organifirt und behandelt werden solle. — Weiterberathung morgen.
* Das Abgeordnetenhaus trat in die Berathung des Antrages Dr. Reichensperger betreffend Errichtung von Succursal-Pfarreien im Gebiete des Oberlandesgerichts Köln. Nachdem der Antragsteller seinen Antrag begründet, erklärte Kultusminister v. Goßler, daß zwar die Nothwendigkeit zur Errichtung von etwa 113 Succursal-Pfarreien vorhanden wäre, die Regierung aber eine rechtliche Verpflichtung zur Errichtung derselben nicht anerkennen könne und bat der Minister, weil Letzteres im Anträge Reichensperger ausgesprochen werde, denselben abzulehnen. Ein aus dem Centrum gestellter Antrag, den Antrag Reichensperger an eine 14er Kommission zu verweisen, wurde gegen die Stimmen des Centrums abgelehnt, angenommen dagegen ein Antrag Limburg-Stirum (kons.), den genannten Antrag der Regierung zur Erwägung zu überweisen. — Es folgte die Berathung des Antrages Schmidt-Elberfeld (dfr.) betreffend Einberufung einer Sachverstän- digen-Kommission zur Begutachtung der Organisation des gewerblichen Fachschulwesens, und begründete der Antragsteller seinen Antrag damit, daß er das Vorhandensein einer solchen Kommission zwar zugab, aber uns retten würde ober könnte, war freilich eine andere Sache."
„Warum gabt Ihr kein Lebenszeichen?"
„Zunächst getraute ich mich nicht recht, weil ich ohne Eure Einwilligung zurückgeblieben war. Als das Schiff sich aber immer mehr neigte, hielt ich es für gefährlich, Euch von hinten anzurufen. Ihr würdet Euch umgedreht und vielleicht den Mast fahren gelassen haben; dann hätte das Nimmersatte Meer das Schiff mitsammt dem Herrn gehabt, das aber wollte ich nicht."
„Eure Erklärung genügt mir noch nicht vollständig. Ihr gehört seit kaum vierzehn Tagen zu meinen Leuten; warum tag Euch so viel daran — den Platz im Boote frei zu lassen?"
Herr, es gibt eine Treue, die zählt nicht nach Tagen und Jahren! Jan Sturen, mein Vater, pflegte, wenn er von seinem Herrn sprach, zu sagen, daß er für ihn ins Feuer gehen würde, für den Herrn Jhno von Skandenberg nämlich. Wenn nun ich ins Wasser gehen wollte für seinen Sohn, so kommt das so ziemlich auf Eins heraus."
„Gemach, gemach, so weit sind wir noch nicht! Ihr habt kein Recht, von einer bloßen Aehnlichkeit die Abstammung herleiten zu wollen. Wie aber, wenn kein Schiff vorübergekommen wäre?"
„Weiß Gott, ich hätt's bedauert um Euretwillen.
deren Thätigkeit vermisse, worauf Reg.-Komss. Geh - Rath Lüders erklärte, daß der Bericht über die Thätigkeit der Kommission in nächster Zeit dem Hause zugehen werde und daß der Antragsteller in diesem Berichte auf alle seine heute gestellten Fragen Antwort finden werde; übrigens erkenne die Regierung die Nothwendigkeit einer Verstärkung der Fachschulkommission an. Der Antrag Schmidt wurde nach längerer Debatte abgelehnt.
* Die Bndgetkommisfion des Reichstages nahm heute den Rest des Ordinariums des Militäretats an; u. a. wurde die Mehrforderung für die Kadetten- anftalten und für die Anfertigung von Patronen bewilligt. Die Patronen kosten jetzt 113 M. bas Tausend, früher nur 44 Mark. Gleichzeitig wurden vertrauliche Mittheilungen über das neue Pulver gemacht.
• Der deutsche Landwirthschastsrath nahm heute Resolutionen gegen eine Herabminderung der land- und forstwirthschaftlichen Zölle und für die Aufrechterhaltung der Schutzmaßregeln gegen die Einschleppung von Viehseuchen aus den Nachbarländern an. Diese Resolutionen sollen sowohl dem Reichskanzler, wie dem Reichstage mitgetheilt werden. Gleichzeitig wird eine ständige Kommission eingesetzt, welche die Frage der Handelsverträge eingehender bearbeiten soll, um im gegebenen Falle bei Abschluß neuer Handelsverträge die Interessen der deutschen Landwirthschaft zur Geltung zu bringen.
* Dem Berliner Magistrat ist folgendes Dankschreiben des Kaisers zugegangen:
„Der Eintritt in ein neues Lebensjahr gibt stets zu ernster Sclbstprüfung Veranlassung, besonders iu Meinem verantwortungsvollen fürstlichen Berufe, und weiß Ich es hochzuschätzen, wenn Mir bei solchen Gelegenheiten durch treue Kundgebungen dargethan wird, daß Meine auf die Wohlfahrt des Vaterlandes gerichteten Bemühungen verständnißvolle Würdigung finden und Mein Volk im Vertrauen auf Meine Führung unter Gottes gnädigem Schutze hoffnungsvoll in die Zukunft blickt. Diesen Hoffnungen und Gesinnungen bin ich zu Meiner Freude auch in der Adresse des Magistrats begegnet, in welcher derselbe Mir zu Meinem Geburtstage herzliche Wünsche widmet. Gern gebe ich daher dem Magistrat Meiner Haupt- und Residenzstadt Berlin für diesen erneuten Ausdruck treuer Anhänglichkeit Meinen aufrichtigen Dank zu erkennen."
* Bau der Isar, 3. Febr. Das Kultusministerial- blatt veröffentlicht bie neue Schulorb nung, burch welche ein Theil ber Gymnasialreform schon für bas laufende Schuljahr eingeführt wirb. Die neuen Bestimmungen über bie Aufhebung bes Schularrestes treten sofort in Kraft. Sehr wichtig erscheinen u. a. bie Bestimmungen, baß ber Schwerpunkt bes Unterrichts mehr als bisher in bie Schule zu verlegen ist, baß Hausaufgaben nur mehr aus dem Deutschen gegeben werden bürfen unb zwar nicht über den Sonntag. Die Zeit zu ben häuslichen Arbeiten bars in ber 1. Klasse 1 Stunbe, in ben übrigen Hans Sturen, hab ich zu mir gesagt, bein Kapitän hat wohl ein liebes Weib ober irgend Jemand, der nach ihm ausschaut — ob du ins nasse Bett hinunter mußt, oder ob du wiederkommst, darnach fragt Niemand."
Der junge Kapitän antwortete nicht gleich. Er war nicht der Mann, um viele Worte zu machen, und so einfach, wie die Wohlthat erzeigt worden war, so einfach wurde sie auch angenommen. Diese beiden Männer, so ungleich an Bildung und Lebensstellung, waren doch einander gleich an Seelenadel und Schlichtheit des Charakters. Hier wurde kein Wort von Aufopferung gesprochen, dort keines vorn Lohn.
Jetzt reichte Jhno von Freidorf dem Matrosen die Hand. Dieser ergriff sie stumm, während es in seinem Gesichte zuckte — wie von verhaltener Rührung. „Deine Kameraden werden auf anderen Schiffen Löhnung nehmen, Du aber trittst, wenn Du willst, von heute ab in meine persönlichen Dienste. Nun aber laß meine Hand los, Hans Sturen! An dem Tage, an welchem ich sie Dir wieder reiche, haben wir einen Pakt mit einander geschlossen, und Du wirst baftn erfahren, ob ich ein Friese bin ober nicht."
Als bie Tischglocke bie Passagiere der ersten Klasse in den Speisesaal rief, hatte Jhno von Freidorf seine gewöhnliche stramme Haltung wiedergewonnen, nur die tiefe Bläffe seines Gesichtes und der düstere Ernst in