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Donnerstag, den 29. Januar 1891.

! 8. Iah-gang

Fuldaer Zeitung

Druck u. «erlag der Fuldaer Actiendruckerei («. Dill»»»»).

Für die Redaktion verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

* Kaisers Geburtstag

ist glänzend begangen worden. Das Wetter war herr­lich. Berlin war festlich geschmückt und die Umgebung des Schlosses und die zufüyrenden Straßen durchwogte eine nach Tausenden und Abertausenden zählende Menge in festlicher Stimmung. Die ersten Glückwünsche nahm der Kaiser von feiner erlauchten Gemahlin und feinen Söhnen entgegen. Daran schloß sich die Gratulation der näheren Umgebung. Vor der kirchlichen Feier in der Schloßkapelle vollzog sich noch ein ernster Akt, die Uederreichung einer Fahne an die Schloßgarde-Kom­pagnie durch den Kaiser. Der Kaiser hatte sich mit feiner Gemahlin, der Kaiserin Friedrich, dem Könige von Sachsen und den übrigen Fürstlichkeiten nach dem Weißen Saale begeben, wo die Schloßgarde-Kompagnie paradirte. Der Kaiser richtete an dieselbe etwa folgende Ansprache:

„Meine treuen Kameraden! Ihr Alle habt im Felde Meinem Vater und Meinem Großvater treue Dienste geleistet. Dafür dürft Ihr den Rest Eurer Lebenszeit dazu verwenden, meinen persönlichen Dienst zu thun und die Wache in Meinem Schlosse zu be­ziehen. Um Euch einen erneuten Beweis Meuter Aner­kennung für die geleisteten treuen Dienste zu geben, habe Ich beschlossen, der Schloßgarde-Kompagnie eine Fahne zu verleihen. Sie ist genau nachgebildet nach dem Modell derjenigen, welche dereinst die alte Schloß­garde-Kompagnie gehabt hat. Sie sei Euch ein Symbol der Freude und ein Sinnbild Eur^r Treue und Tapfer­keit. Hiermit übergebe ich der Kompagnie die Fahne."

Der Kommandeur der Kompagnie, Oberstlieutenant von Kessel, sprach dem Kaiser den ehrfurchtsvollsten Dank aus und schloß mit einem dreifachen Hurrah. Hierauf begann der Gottesdienst in der Schloßkapelle, dem sämmtliche Fürstlichkeiten, auch die katholischen, beiwohnten. Die Predigt hielt Konsiftorialrath Dryander. An den Gottesdienst schloß sich die Defiliercour im Weißen Saale. Die beiden jungen sächsischen Prinzen Johann Georg und Max trugen bei dieser Gelegenheit das Band des Schwarzen Adlerordens, den ihnen der Kaiser heute verliehen hatte. Der Kaiser und die Kaiserin standen unter dem purpurnen Thronhimmel, ihnen zur Seite der König von Sachsen und die Groß­herzogin von Oldenburg. Um sie herum gruppirten sich die übrigen fürstlichen Herren. Die Cour gewährte ein ungemein glänzendes Bild, wie es sich wohl noch selten in diesen Räumen dargeboten hat. Reichskanzler von Caprivi an der Spitze der Botschafter und Ge­sandten eröffnete den Zug, dann kamen, geführt vom Staatssekretär v. Bötticher, die Bundesrathsmitglieder, ferner die General-Feldmarschälle, die Ritter des Schwarzen Adlerordens u._ s. w. Der Kaiser reichte dem Reichskanzler, den Botschaftern, dem Staatssekretär

Sonnenried.

Roman von Marga Brechten.

(72. Fortsetzung.)

Auf dem Verdeck war es stille. Nur vor der Schiffsküchenthüre laßen einige Matrosen, kauten Tabak und erzählten sich ihre Erlebnisse, während der alte Steuermann unermüdlich von einem Ende des Fahr­zeuges bis zum anderen schritt. Der Kapitän weilte unten in der Kajüte, machte Einträge in das Tagebuch schrieb und verglich an der Hand einer großen See­karte die zurückgelegte Strecke.

Da öffnete sich die Thüre der kleinen Schlafkammer und ein Matrose, welcher zugleich den Dienst bei dem Kapitäne zu versehen hätte, ttat herein. Die von der Decke herabhängende Lampe gab nur ein schwaches Licht. Dies mochte die Ursache sein, warum sich Hans Sturen, so hieß der neu angeworbene Mattose, unge­wöhnlich lange am Thürpfosteu.aufhielt, um einen dunklen Gegenstand in seinen Händen zu betrachten.

Der Kapitän unterbrach die allzu eingehende Unter­suchung.

„Wenn wir in New-Aork gewußt hätten, wie lang­sam Ihr bei der Arbeit seid, so würden wir Euch nicht an Bord genommen haben, Hans Sturen," sagte w streng.

v. Bötticher, den Generalfeldmarschällen Graf Moltke und Blumenthal, dem Geh. Rath Hinzpeter und Kon- sistorialrath Dryander und einigen anderen Herren die Hand und beehrte sie mit Ansprachen. Nachmittags fand int Schlosse größere Familientafel und Abends Galaoper statt.

Deutsches Keich.

Berlin, 27. Januar.

* In Betreff der Sperrgelder-Borlage schreibt die „Kölnische Volkszeitung" neuerdings: Ob die Vorlage eine Mehrheit finden wird, steht einstweilen dahin. Um dieselbe zu sichern, hat der Reichskanzler die endliche Regelung der Stolgebühren-Frage in Aussicht gestellt. Ter Anspruch auf diese Regelung ist in so fern dem Anspruch auf Regelung der Sperr- gelder-Frage verwandt, als auch er ein Rechtsanspruch ist. Das preußische und das solgende Rcichs-Civil- ehegesetz hatte die Abschaffung der Stolgebühren als not Hw endige Folge der Anmeldung von Geburten, Todesfällen und Trauungen herbeigeführl, und hat dafür den betroffenen Geistlichen eine Entschädigung ausdrücklich zugesagt, und zwar den Geistlichen beider Konfessionen. Praktisch allerdings trifft die Sache die evangelische Kirche ungleich mehr wie die katholische. Wenn daher beide Rechtsfragen gleichzeitig im Geiste der Gerechtigkeit und Billigkeit entschieden werden sollen, so ist dagegen nichts einzuwenden. Beide Dinge stehen thatsächlich in einem gewissen innen: Zusammenhang und sind gleicher materieller Natur.

* Die ,Kölnische VolksztgN veröffemlicht einen vom 4. Oktober 1890 vom Südufer des Viktoriasees datirten Brief des Missionars Schynoe, welcher der Expedition Emin Pascha's zum Viktoriasee vorauszog. In dem Brief werden die Verwüstungen erwähnt, welche die Wangoni in ganz Unyamwesi anrichteten. Schynoe schreibt, daß der Marsch unter deutscher Flagge ohne Schwierigkeiten auch dort vor sich geht, wo derselbe früher große Opfer forderte und daß die Häuptlinge sich überall zuvorkommend betragen.

* Folgende Ordens-Verleihungen werden heute durch den ,Reichsanzeiger' veröffentlicht: der Rothe Adler­orden I. Kl. mit Eichenlaub an Finanzminister Dr. Miquel, der Stern zum Rothen Adlerorden II. Kl. mit Eichenlaub an Handelsminister v. Berlepsch und Landwirthschaftsminister v. Heyden und der Stern der Komthure des königl. Hausordens von Hohenzollern an den Minister des Innern, Herr- furth, sowie das Kreuz der Komthure des königl. Hausordens von Hohenzollern an Geh. Rath Dr. Hinzpeter in Bielefeld.

* Prinz Heinrich wird den Kaiser bei denTrauer- seierlichkeiten in Brüffel vertreten.

* In der Budget-Kommission des Reichstags sprach

„Mit Verlaub, Herr," erwiderte der Mann be­dächtig: „'s ist die Heimath, die's einem anthut."

„So?" seid Ihr etwa ein zwölfjähriges Mutter­söhnchen, das vom Heimweh geplagt wird? Da können wir im nächsten englischen Hafen Abhülfe schaffen — die „Meeresbraut" braucht flinkere Leute als Ihr seid, sie hat lange genug unfreiwillig gefeiert."

Während er so sprach, sah ihn der Mann unver­wandt an. Er lauschte augenscheinlich nur dem Klange der Stimme, und die Wotte des Schiffsherrn verfehlten demnach ganz die beabsichttgte Wirkung. Dann nickte er unwillkürlich mit dem Kopfe, wie Jemand, der die Bestätigung einer Vermuthung gefunden hat, und sagte ruhig:

„Verzeiht, Herr, so meinte ich es nicht. Eine echte Theerjacke, wie ich mich wohl nennen darf, wandelt nicht leicht das Heimweh an, namentlich wenn sie nichts Liebes zurückgelassen, wie eS bei mir der Fall ist. Aber seht, 's gibt Dinge, die erinnern einem gar deut­lich an die Zeit, wo man noch, an der Mutter Knie gelehnt, den alten Märchen vorn versunkenen Schiff gelauscht hat."

„Ihr habt eine gar lebhafte Phantasie, Mann; das taugt nicht zur Arbeit! Doch dem Umstande, daß wir uns auf der Rückreise befinden und die Hoffnung, die eigene Heimath wiederzusehen, meinen Sinn milder

Reg.-Kommissar Major Gaede eingehend über die For­derung für Ilnterossizier-Tienstpramien unter Hinweis auf Frankreich, das jährlich 19 Millionen Frcs. für Käpitatprümieu der Unteroffiziere ausgebe, während hier blos 3,8 Millionen geforvert würden. Seit 1886 seien jährlich durchschnittlich von mit Versorgungs­und Anstellungsscheinen abgegangenen .">070 Unteroffi­zieren 3235 unversorgt geblieben.

* Danzig, 23. Jan. Gestern Morgen wurde in der St. 'Brigitteukirche hierselbst ein feierliches -Hochanu abgehalten, nm Gottes Segen auf die nunmehr begon­nenen Arbeiten des Lokalkomite's zur Vorbereitung der Ende August hier tagenden XXXVIII. Generalver- fammlung der Katholiken Deutschlands herabzuflehen. Welche Begeisterung unter den Katholiken Danzig's für dies große Werk herrscht, bewiesen die Hunderte, welche dem feierlichen Gottesdienst beiwohnten, darun­ter das Lokalkomitee und viele Katholiken mit ihren Familienangehörigen.

Ausland.

* lieber die zur Feier des Geburtstages S. M. des deutschen Kaisers gestern Abend beim deutschen Botschafter in Pari« Grafen zu Münster, stattgehabte Soiree wird gemeldet, daß dieselbe überaus glänzend verlaufen sei. lieber 600 Personen waren erschienen; sämmtliche Minister, die Präsidenten des Senates und der Deputirtenkammer, die Spitzen der Civil- und Militärbehörden, der gejammte militärische Stab des Präsidenten ter Republik, sämmtliche hohe Beamte und AttachVs" tes^Aüswärtigen AmM, das gefammte diplo­matische Korps — an der Spitze der päpstliche Nun­tius — mehrere Generäle und namhafte politische Persönlichkeiten, Vertreter der französischen und deut­schen Presse, Wissenschaft und Kunst. Die Soiree endete erst nach Mitternacht. Die deutschen Gäste hatte der Botschafter zurückgehalten und in dem großen Speisesaale um sich vereinigt, wo Graf Münster in zündenden Worten einen Toast auf den Kaiser aus­brachte, der mit Jubel aufgenommen wurde.

* Rom, 26. Jan. Der Thäter des Ende Oktober vorigen Jahres an dem im Borgo Vecchio zu Rom wohnenden belgischen Priester Helleux begangenen Mordes wurde endlich in Ancona entdeckt und festge­nommen. ES ist ein alter Soldat, der sich in das Vertrauen seines Opfers eingeschmeichelt hatte. Er verrieth sich selbst durch seine Reden im trunkenen Zu­stande. Das ,Berl. Tagebl.' und nach ihm andere liberale Blätter hatten behauptet, ein Bettelmönch habe den Mord begangen.

* Aus Neapel wird gemeldet, daß dort fast alle Bauarbeiten eingestellt wurden; einige Tausend Arbeiter find brodlos. In Folge dessen hat sich eine Gährung unter den Arbeitern geltend gemacht. Eine Kommission stimmt als sonst, mögt Ihrs danken, wenn ich dies eine Mal Gnade vor Recht ergehen lasse und Euch so lange zu sprechen gestatte. Sagt mir nun ohne Um­schweife : Was in aller Welt kann Euch in meiner Umgebung an Euer Land erinnern ?"

„Biel, Herr, viel. Seht, das ist friesische Arbeit!"

.Die Decke dort? Das ist eine ganz gewöhnliche Strickerei."

Hans Sturen schüttelte den Kopf. „Sie ist gewoben nach friesischer Art, und wenn ich sie ansehe und dazu Euer Gesicht ..."

„Das müßt Ihr wahrlich auswendig kennen," unterbrach ihn der Kapitän, „denn seit Ihr auf dem Schiffe seid, habt Ihr nicht viel mehr gethan, als mich anstarren. Macht, daß Ihr bei Euren Kameraden nicht in Verruf kommt! Meinte doch der kleine Schiffsjunge noch gestern: Ihr wäret wie ein Mädchen!"

„Dem trägt’« Püffe ein,“ versicherte der Matrose in einem Tone, daß man an seiner guten Absicht nicht zweifeln konnte. „Aber Euer Gesicht hab' ich studitt, Zug um Zug

„Halt! Das Leben der Schiffsjungen ist nicht rosig — Ihr thut dem kleinen Taugenichts nichts! Dafür habt Ihr nun die Erlaubniß zu reden. Was für ein Landsmann seid Ihr doch?"

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