Mittwoch, den 28. Januar 1891.
l 8. Iah -gang
Fuldaer Zeitung
Für btt Redaktion verantwortlich. Ludwig Deibel in Fulda.
Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (X. Dillwaou).
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Deutsches Keich.
Berlin, 26. Januar.
* Zum Geburtsfeste des Kaisers findet große Gratulatiouskur im Weißen Saale des Schlosses statt. In Berlin sind umfassende Vorbereitungen zu einer Jlluminalion am Abend getroffen. Besonders großartig verspncdl die Jllumlnatlvn der Berliner Elektrizitäts-Werke zu werden. Zur Beglückwünschung des Kaisers treffen heute Abend der König von Sachsen mit seinem Bruder, dem Prinzen Georg und dessen jüngeren Söhnen, Prinzen Johann Georg und Max, ferner der Herzog von Sachsen-Altenburg, der Großherzog, der Erbgroßherzog und der Herzog Georg Ludwig von Oldenburg, die Fürsten zu Schwarzburg- Rudolstadt, Reuß alt. und jung. Linie und Waldeck hier ein.
* Die Tperrgelder-Borlage ist bekanntlich an eine Kommission von 21 Mitgliedern verwiesen worden. Man muß staunen, wie eine so einfache Sache zu solchen leidenschaftlichen Kundgebungen hat führen können, wenn auch die Haltung eines Theiles der Presse darauf vorbereitete. Die Lösung, welche die Staatsregierung jetzt vorschlägt, entspricht den Anforderungen der Gerechtigkeit, sie ist geeignet, einen der schlimmsten Reste des Kulturkampfes zu beseitigen und den inne ren Frieden, der uns so nöthig ist wie das tägliche Brod, zu fördern. Mit vollem Recht bezeichnete der Kultusminister in der vorigen Session die Äiperrgelder- Frage als einen Pfahl im Fleische, ohne damals die Folgerungen aus dteser Anschauung. resolut zu ziehen. Jetzt hat sich die Staatsregierung dazu entschlossen, und man sollte meinen, die Landesvertretung müsse ihr bereitwillig auf diesem Wege folgen, nachdem sie im kirchen - politischen Konflikte so häufig bedenklichen Maßregeln zugestimmt hat. Wenn man die Maigesetzgebung selbst in zahlreichen wichtigen Bestimmungen preisgegeben hat, so müßte man doch naturgemäß auch mit den Folgen des gehässigen Gesetzes aufräumen, durch welches die als unhaltbar erkannten sonstigen Bestimmungen durchgeführt werden sollten. Wir wollen die Hoffnung nicht aufgeben, schreibt die ,Köl. Vztg.', daß die erregten Gemüther in der Kommission sich beruhigen werden und der Versuch unterbleibt, die Vorlage in einer Weise zu „amendiren", daß sie dem Zwecke: eine Befriedigung der durch das Tperrgesetz allein betroffenen katholischen Bevölkerung herbeizu- führen, nicht mehr dienen könnte. Wenn irgendwo, so gilt es hier, ganze Arbeit zu machen.
* Nach Steuerungen des Staatssekretärs des Reichsamts des Innern von Bötticher im Reichstage ist es wahrscheinlich, daß der Reichstag sich noch in der gegen® Pärttgen Tagung mit einem Gesetzentvurf über die
Bekämpfung der Trunksucht beschäftigen wird. Die Vorarbeiten zu diesem Gesetzentwurf haben eine lange Zeit in Anspruch genommen. Im Februar 1888 fand im Reichstage eine Verhandlung über eine Anzahl Petitionen statt> welche Maßnahmen zur Einschränkung und Vorbeugung der schädlichen Folgen des übermäßigen Genusses geistiger Getränke in Vorschlag brachten. Die Petitionen wurden dem Reichskanzler als Material zur Gesetzgebung überwiesen. Der Bundesrath, an den dieser Beschluß ging, überwies das Material seinem Vorsitzenden. Daraufhin wurden sogleich kommissarische Verhandlungen zwischen den verschiedenen Reichsstellen und den betreffenden Ministerien eingeleitet, um in Erwägung zu nehmen, was auf dem Gebiete der Bekämpfung der Trunksucht zu thun sei. Im Januar 1889 waren diese Verhandlungen zum Abschluß gekommen. Jedoch war die Herstellung eines endgiltigeu Gesetzentwurfs damals mcht leicht, weil auch nach dem Bericht der Kommissarien die vorgeschlagenen Wege zur Erreichung des Zieles sehr man- ntchfaltig waren. Es wurden denn auch noch einmal Verhandlungen mit den einzelnen Bundesregieruitgen eingeleitet. Nachdem auch diese zum Abschluß gelangt sind, ist es endlich möglich geworden, die Aufstellung eines Gesetzentwurfs in Angriff zu nehmen, derselbe wird sich, wie der Staatsminister v. Bötticher betonte, auf gewerbepolizeilichem und zivilrechtlichem Gebiete bewegen, und Strafvorschriften in Aussicht nehmen. Nachdem die Bundesregierungen vorher gehört worden sind, ist vorauszusehen, daß die Berathungen über den Entwurf im-Bundesrath mir'großem Schwierigkeiten nicht zu kämpfen Haden werden.
* Der Reichstag setzte die Berathung des Etats beim Reichsschatzamt fort. Ein hierzu vom Abg. Richter gestellter Antrag, wonach bei Dienstreisen von Beamten anstatt der Kilometergelder die wirklich für die Eisenbahn- resp. Dampfschiffsfahrkarten bezahlten Beträge vergütet werden feilten, wurde an die Budget- Kommission zur Vorberathung verwiesen. Abg. v. Kardorsf (Rp.) legte den verbündeten Regierungen die Währungsfrage ans Herz, indem er lebhaft für die Doppelwährung eintrat. Abg.Dr. Bamberger (bfr.) vertheidigte dagegen die Goldwährung. Präsident der Reichsbank, Dr. Koch, erklärte, daß unsere Metallbestände keinen Anlaß gäben, eine Aenderung unserer Währung zu wünschen. Das beste Mittel, unsere Währung gut zu erhalten, liege in einer geschickten Diskont- Politik. Für die Remonitisirung des Silbers trat noch Abg. Dr. v. Fr ege (kons.) ein. Nachdem noch Abg. Buhl (nL) unter dem Widerspruch desAbg. Rickert (frs.) eine Erhöhung des kaiserlichen Dispositions-Fonds zu Gnadenbewilligungen, und zwar behufs besserer Unterstützung von Invaliden mit gesteigerter Erwersun-
fähigkeit angeregt hatte, wurde der Etat des Reichsschatzamts angenommen. — Mittwoch: Etat.
* Auch heute hielten beide Häuser d-s preußischen Landtages Sitzungen ab. Im Hrrreuhansk beantwortete Minister v. Maybach die Interpellation des Herrn v. Woyrsch dahin, daß alle Vorkehrungen getroffen seien, um der Ueberschwemmungsgefahr zu begegnen und daß nach den bisherigen Meldungen der Eisgang des Rheins, der Weser, Elbe und Oder ohne allzu große Verheerungen von Statten gehen werde. — Dann wurde die Vorlage über die Vereinigung Helgolands mit Preußen einstimmig und unverändert angenommen. — Nächste Sitzung unbestimmt. — Das Abgeordnetenhaus nahm die Novelle zur Kirchengemeinde- und Synodalordnung an und setzte die Novelle zum Ausführungsgesetz für das Reichsgerichtsverfassungsgesetz von der Tagesordnung ab. — Mittwoch Interpellation Motty gegen die brasilianischen Auswanderungsagenten.
* Der von Konservativen, Freikonservativen und dem Gentrum eingebrachte Gesetzentwurf, betreffend das Verbot des gewerbsmäßigen Zwischenhandels mit Loosen und Loos-Abschnitten der preußischen Klaffen-Lotterie ist durchaus gerechtfertigt und findet hoffentlich nicht nur die Zustimmung des Abgeordneten-, sondern auch des Herrenhauses und der Krone. Nach den zahlreichen Anzeigen dieser Art in den öffentlichen Blättern zu schließen, muß ein sehr erheblicher Theil der Loose in den Händen des Zwischenhandels sich be- finderi. Ein. ganzeLLlwL kostet vlamuäßitz -468-Mark. Von den sogen. Lotteriegeschäiken werden aber bis zu 220 Mark dafür gefordert, also ein Aufgeld bis zu 52 Mark verlangt. Kleine Theile eines Looses kommen meistens noch erheblich teuerer zu stehen Trotz der im Jahre 1885 auf Antrag aus den Reihen der Abgeordneten vorgenommenen Verdoppelung der Anzahl der Loose, indem sie von 95,000 auf 190,000 erhöht wurde, können die königlichen Lotterie-Einnehmer der Nachfrage lange nicht genügen. In Folge der geplanten gesetzlichen Maßregel werden die bisher durch den Zwischenhandel vertriebenen Loose bei den staatlicherseits angestellten Lotterie-Einnehmern für das Publikum zum planmäßigen Preise wieder frei werden.
* Die kaiserlichen Postagenturen in den deutschen Schutzgebieten von Neu-Guinea, Deutsch-Ostafrika und Togo, sowie in Shangai und Sansibar nehmen laut Bekanntmachung im .Reichsanzeiger' fortan Bestellungen auf die in der Zeitungspreisliste des Reichspoftamtes aufgeführten 'Zeitungen und Zeitschriften im Wege des Postabonneinents an.
* Straßburg i. E., 26. Jan. Die Ernennung des Dr. Fritzen zum Bischof von Straßburg ist aus Rom eingetroffen. Es erhält sich das Gerücht, der Straß-
Sonnenried.
Roman von Marga Brechken.
s)ff (71. Fortsetzung.)
-9 anbrach und das Zwielicht mit seinem grauen schein das Zimmer erfüllte, war der Platz ?inpr^U9nf?e XeSxIeer' 3e[icita5 erwachte aus einem ä^tanbe der Betäubung, in welche sie die starke, seelische Erregung versetzt hatte.
War es em Traum? fragte sie sich. Aber nein, „ntinächtlichen Besuches, unb das Gehörte stand klar, in scharf gezeichneten Umrissen vor ihrem geistigen Auge.
„O Herbert, war es bas, was Dein Leben trübte!" rtef sie leise in Thronen ausbrechend aus; wie schwer hast Du um einer einzigen leichtsinnigen" Handlung willen gebüßt! Hattest Du doch wenigstens eine theil- nehmende Gattin gefunden, die es verstanden dm Druck von Deiner Seele zu nehmen!" Dann betete sie innig, daß Gott sie erleuchten und ihre ferneren Schritte leiten und segnen wolle.
Als die Dimer ihre geräuschvollen Morgengeschäfte begannen und die Sonne hoch am Himmel stand, lag die junge Herrin in einem tiefen, gesunden Schlat, aus dem sie erst gegen Mittag erwachte, um sofort ein von dem Arzte verordnetes Stärkungsmittel zu verlangen.
Marens Absicht war erreicht: Felicitas sah ein Ziel vor Augen, dem sie entgegenftreben durste, — sie wollte leben.
Sich die Vergangenheit und verschiedme, ihr schon früher aufgefallene Thatsachm vergegenwärtigend, zweifelte sie kaum an der Wahrheit von Marens Aussage.
Zu jenen gehötte zunächst der befremdliche Umstand , daß niemals von einer ersten Gemahlin ihres verstorbenen Gatten Erwähnung gethan worden, er selbst hatte auf eine diesbezügliche Frage nur ausweichend, fast abweisend geantwortet. Dann war das Verhältniß zwischm Vater und Sohn kein so inniges gewesen, als es hätte sein müssen, wären sie durch die Bande des Blutes verbunden gewesen. Ihr Bmehmen hatte stets einen mehr achtungsvollen, freundschaftlichen Ausdruck getragen; von Jhno's Seite war es höchst ehrerbietig, aber niemals zutraulich ober herzlich gewesen. Hatte er um das Geheimniß gewußt?
Als genau passenbe Fortsetzung zu Marens Geschichte, wenigstens so weit sie bie Geschwister betraf, ’onnte Fräulein Adelheid's Erzählung angesehen wer- )en. Pfarrer Werners gewandtes, mehr weltmännisches Aufttetm, seine stramme, fast militärische Haltung, der tiefe Ernst seines Wesens, sowie brr verttaute Verkehr mit bem Barone ließen auch jenen Theil des Ausgesagten nicht gar zu unglaublich erscheinen.
...j Den schwerwiegendsten Beweis bildeten jedoch ein
zelne Aeußerungen des Verstorbenen selbst; zunächst über den Verlust seines Augenlichtes, der Wunsch einer Verbindung zwischen seiner Gattin und dem Universalerben, welche nur in dem vorliegenden Falle möglich war, der Umstand, daß er erklärt hatte, über seinen Nachlaß nicht frei verfügen zu können, und zu allerletzt der angstvolle Ausruf des Sterbenden: „Die Sonne geht unter, das Meer leuchtet dunkel — da bringen sie ihn heim." Jetzt erklärten sich auch die Andeutungen in Bezug auf das Setzen über eine Kluft.
Dann kam Maren Kilda selbst; ihre fremdländische Erscheinung, ihre eigenthümliche Stellung im Schlosse, die abgöttische Liebe zu dem Erben und das Benehmen des Schloßherrn gegen die Amme, das zuweilen etwas von Trotz, bann wieder von geheimer Furcht an sich gehabt hatte.
Am Morgen des folgenden Tages kam Fräulein Adelheid Werner aus den Zimmern der Baronin. Ihre Augen waren geröthet, aber ihr Gesicht trug einen heiteren, fast glücklichen Ausdruck. Sie beeilte sich, um noch vor Mittag zu Hause zu fein und ihrem Bruder Mittheilung von bem Gegenstände ihrer Unterredung mit Felicitas machen zu können. Bill kam ihr nach mit einem großen Veilchenstrauß: „Es wären die ersten, für auf ben Heimweg!" sagte er fröhlich.
„Ei, Bill, was qibt's denn mit Dir?" fragte bie