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Dienstag, den 27. Januar 1891

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* Ueber die erste Kerathung der Sperrgelder- vorlage im Abgeordnetenhause

bringt die .Germania' nachstehenden Bericht:

„Die erste Beratyung der Sperrgeldervorlage im Äbgevrd- nelenyause wurde eingeleitet mit einem kurzen Vorträge des Herrn Ministerpräsidenten v. Caprivi. Nach einer Erinnerung an die Geschichte der vorjährigen Vorlage hov der Herr Mini­sterpräsident hervor, daß die tn Köt n versammelten Bischöfe tm November zwei Eingaben bei der Staatsregierung eingercicht hätten. Auf die eine, die Volksschule betreffend, habe die Negierung nicht eingeyen können, wohl aber habe sie die zweite, die Sperrgelber betreffend, einer Prüfung unterziehen und auf die dartn medergelegteu Vorschläge ohne Schädigung des Staats-Interesses eingehen zu können geglaubt. Sie sei der Meinung, daß durch den in Der Vorlage enthaltenen Vorschlag die katholische Kirche befriedigt werde. Ebenso sei nicht unwahr­scheinlich, daß er diejenigen tiefriebige, bie im vorigen Jahre Bebenken gegen die Auszahlung eines so großen Fonds hatten. Sodann kündigte der Ministerpräsident an, baß die Regierung die Absicht habe, die Desidirien der evangelischen Kirche in Bezug aus die S t o l g e b ü h r r n zu besriedigen und den Vor­schlag des Ooerkirchenraths vom 1. Mai v. Js. auszusühren. Es feie» aber noch statistische Erhebungen itSthi-," so däst eine Vorlage in dieser Session nicht mehr eingebracht werden kann. Außeroem solle im Herbst erst noch die Generalsnnode gehört werden. Schließlich regte der Redner Verwahrung ein gegen die in der Presse ausgetauchte Behauptung, die Staatsregierung beabsichtige ein Handelsgeschäst mit einer Partei. So lange er Die Ehre habe, an der Spitze der Staatsregierung zu stehen, würde mit Angelegenheiten, die das Staatswohl betreffen, Handel nicht getrieben werden.

Die Reihe der Redner aus dem Haufe eröffnete der natld. Abg. v. Cuny, welcher ein grimmiges Nein gegenüber der Vorlage aussprach und nachzuweisen suchte, daß Die Regierung sich mir der Vorlage in vollstäiwigem Widerspruch zu ihrer früheren Haltung gesetzt habe und das von ihr ins Auge ge­faßte Ziel, die katholische Kirche zu beliebigen, doch nicht er reiche; werde doch jetzt schon in der Presse der Rus erhoben, man solle sich nicht darüber täuschen, daß trotz der Vorlage die Ansprüche an die Schule in vollem Maße aufrecht erhalten blieben.

Diesen Angriffen gegenüber suchte der Kultusminister von Boßler nachzuweisen, daß der jetzt von Der Regierung ein­genommene Standpunkt nicht im Widerspruch stehe mit Dem im vorigen Jahre von ihm vertretenen. Er glaube, daß der katholischen Kirche damals unendlich mehr geboten worden fei als jetzt. Die Kirche hätte keine größere Stärkung erfahren können, als durch die vorigjährige Rente. Es werde wohl die Jett kommen, wo man bedauern werde, daß die erste Vorlage nicht zu «taube gekommen sei. Bon bem jetzt zur Auszahlung Gelangenden roeroe wohl nach Befriedigung Der Empfangs­berechtigten nicht viel übrig bleiben. Nach rote vor erkenne er nidit an, baß es Empfangsberechtigte Dem Staate gegenüber

Sonnenried.

Vornan von Marga Brechten.

(70. Fortsetzung.)

Sas Unwetter ließ endlich nach; der Regen siel tropfenweise, und dazwischen tönte Maren Kilda » gehetmmßvoll flüsternde Stimme; selten zu­sammenhängende, meist abgerisiene, schattenhafte Scenen entrollend.

„Ich weiß weder die Gegend, noch Stadt und Dorf m der Rahe, aber es war ein einsames Gehöfte, ein niedriges, langgestrecktes Haus — aus rothen Ziegeln erbaut und mit einem überhängenden Dache. Das Land rings herum war flach, nicht weit davon brauste das Meer. Das Haus hatte eine sehr große Unterstube; der rothe Fliesenboden war mit Matten bedeckt, und im Kamin loderte ein mächtiges Holzfeuer. Das durste nimmer ausgehen, denn nicht weit davon stand die Wiege, und das Kind war noch klein. Während ich wob und spann, warf ich ab und zu ein Scheit in die Gluch.

„Als die Frau sich verheirathete, war ich mit herüber gekommen aus chrer Heimath, aber nun war sie todt, fast schon ein Jahr lang, und ebenso alt war das Kind. Ich zog es auf, es war sein einziges, und

gebe : nach wie vor sei er ber Ansicht, baß es bem Staate un­möglich wäre, bie sich als berechtigt MeidenSen zu beliebigen, unb baß es vom Nützlichkeitsflanbvnnkte ans eine verfehlte Politik wäre, wenn ber preußische Staat versuchen wollte, bie Ansätze zu befriebigeit, bie erhoben würben. Wir würben bann noch auf Jahrzehnte hinaus ben schönsten Kulturkampf haben unb hier immer neue Klagen unb Beschwerden hören. Aus ber Erfahrung werbe man wohl gelernt haben, daß es ein schwie­riges Unternehmen fei, ben katholischen Geistlichen Handlungen aufzuzwiugen, bie sie nicht aüssühren föuuten und wollten. Nun seien aber bie Bischöse selbst mit Anerbietungen gekommen, und ba halte er es für unmöglich, baß bie Bischöfe Handlungen, Deren Erfüllung sie anböten, nicht auch ausführten. Auf bie Regelung ber Ansprüche aller sich meldenden sog. Rechtsnach­folger könne ber Staat sich mit seinen Richtern unb Beamteu unmöglich einlasseu, unb er würde es bebauern, wenn sich hier eine Mehrheit finden sollte dafür, daß ber Staat mit feinen Organen irgendwie Einfluß auf bieje Angelegenheit ausübe. Die Bischöfe würden ohne Zweifel in eine schwierige Sage kommen. Für ihn fei es wie heißes Eisen, in diese Sache einzugreisen. Wenn man das Anerbieten ber Bischöfe nicht annehme, werbe ber Doru, von bem er im vorigen Jahre gesprochen, noch immer tiefer ins Fleisch einbriugen. Wenn man zu ber Ueberzeugung komme, baß etwas politisch nnb rechtlich nicht unmöglich, wenn auch menschlich unbequem sei, so halte er es für Pflicht, mit seiner Verantwortung dafür eiiizutreten Schließlich betonte ber Minister, daß für ihn ein freundliches Licht auf bie Sache da­durch falle, daß nach der heutigen Erklärung des Minister­präsidenten oom 24. Januar ab eine neue Periode bet evan­gelischen Kirche batirc.

Hieraus beleuchtete ber Abg. Dr. Reichensperger bie Vorlage nach der rechtlichen Seite nud wies nach, baß nur bie Ausaniwortung ber (Selber bem Rechte entspreche, unb verthei- bigte bie Regierung gegenüber beit Vorwürfen, welche ber Vor­lage wegen gegen sie gerichtet werden. Er hofft, daß der Ent­wurf eine Mehrheit finden werbe.

Abg. v. Epnern trat in feiner bekannten Manier ben „spitzfmlligen Ausführtuig»«" -des.KültusMnisters entgegen. Nach feiner Darstellung ist die Rückzahlung ber Sperrgelber nur bie Äriegseittfchäbigung, mit welcher bet Staat nach erlittener Niederlage sich ben Frieden erkauft. Die Politik, welche bie „geistige Befreiung" unseres Volkes zum Zwecke gehabt, sei nun enbgiltig gescheiten. Die Nationalliberalen würben natürlich ein­stimmig gegen die Vorlage jein und sich auch nicht durch bie verheißene Regelung ber Stolgebührenstage bie Zustimmung „abtaufen" lassen.

Der Abg. Dr. Winbkhorst .zerriß bas fabenscheinige Mäntelchen, welches Herr v. Epnern seinem „nein" umgehängt hatte, unb erklärte, baß bie Katholiken mit bet Vorlage einver­standen seien. Freilich könnten sie beßhalb, weil ihnen hier ihr Recht geworben, nicht ihre heiligsten Forbetungen aus anberem Gebiete, namentlich hinsichtlich ber Schule, aufgebeu. Nie unb nimmer, benn hier handele es sich nur um (Selb, bort aber um bas Seelenheil unserer Kinbet.

Gras Limburg-Stirum (kons.) erklärte sich Namens eines Theils ber Konservativen für Kommissionsberathnng, um bort genauer zu befiniren, wie bie (Selber verwendet werben müßten, unb bem Staate ein Kontrolrecht ber Verwendung ein« zuräumen. Seiner Auffassung nach ist bie Anwendung lediglich eine Geldfrage und nicht eine prinzipielle Frage.

Der entgegengesetzten Meinung wat natürlich Herr von Zeblitz ifreikvns.), der mit ber gesummten freikonservativen Partei gegen bie Kommissionsberathmig wie gegen bie Vorlage selbst stimmen wirb, weil sie keinen Frieben bringe, sondern nur ben Streit verschärfen wird.

Der Abg. Stöcker erklärte sich gegen bie Vorlage in ihrer jetzigen Gestalt, weil sie bie konfessionellen Machtverhältnisse zu Ungunften ber evangelischen Bevölkerung so seht verschiebe, baß

sorgte auch für die anderen, di: da waren, er hätte sie nicht aufzunehmen gebraucht, aber er hatte es der Frau versprochen. Gr war ein stiller, fleißiger Mann, groß und stark. Das Gut war nicht sein, sie hatten es in Pacht.

„Wie der Sommer kam, brachte er einen Freund mit, einen reichen, tollkühnen Mann. Der ritt umher und fuhr auf der See, und es war nicht wie sonst. Auch der Herr ritt mit hinaus, da kamen sie an eine tiefe Schlucht. Die Pferde scheuten und wollten nicht hinüber, er dachte wohl an sein Kind daheim und wandte das Thier nach dem Heimweg. Ich weiß nicht, wie es kam, aber sie sagten, der fremde Freund mit dem wilden jungen Blut soll spottend gelacht und dem Pferde einen Schlag gegeben haben. Da setzten sie Beide über — aber nur Einer kommt drüben an — die Schlucht war so tief!

„Seht Ihr, wie die Sonne untergeht? Blutigroth und so glüht auch das Meer. Da bringen sie ihn heim mit zerschmetterten Gliedern — auf das Bett in der großen Unterstube haben sie ihn hingelegt — weh' mir, und das Kind, sein schöner Knabe, schläft so süß!

„Die Nacht bricht los, eine wilde, stürmische Nacht. Die See rollt dumpf und der Wind heult. Es ist so weit, die Wiege steht am Kamin — iefi kann n'ckft

Preußen seinen Eharakter als Vorkämpfer des ProtestantismuK verlieren müsse. Diese evangelische Bundesrede, bie mit Siebens- Mürbigkeiten für Herrn Goßlet unb die Staatsregierung gefpieft war, erntete bei einem Theile ber Rechten lebhaften Beifall.

Nachdem noch Abg. v. JazbzewSki kurz seine Zustimmung zur Vorlage, Dr. Arendt seine Ablehnung ausgesprochen, ergriff

Abg. Rickert ) freisinnig) bas Wort für biefelbe. •

Die Vorlage wird fobann gegen bie Stimmen ber National- liberalen, Freikonservativen unb eines Theiles ber Konservativen einer Kommission von 21 Mitgliebern überwiesen.

Deutsches Keich.

Berlin, 24. Januar.

* Der ,Reichsanzeiger' ist gegenüber den Mitthei- luugen der ,Saale - Zeitung' über ein angebliches Ge­spräch, das bei dem vom Kaiser besuchten Mittags­mahl im Finanzministerium über die Abrüstungsfrage geführt worden sei, zu der Erklärung ermächtigt, daß im ganzen Verlause des Festmahls die Abrüstungsfrage mit keinem Worte berührt worden und alles in dem Artikel darüber Gesagte, insbesondere die dem Kaiser in den Mund gelegten Aeußerungen vollständig erfun­den seien.

* Nach dem schon erwähnten, dem Herrenhause zu­gegangenen Gesetzentwurf soll Hrlgolanü vom 1. April 1891 ab mit der preußischen Monarchie für immer vereinigt werden. Die preußische Verfassung tritt in Kraft. Helgoland wird in Bezug auf die staat­liche Verwaltung der Provinz Schleswig-Holstein und dem Kreise Süderdithmarschen, sowie für die Wahlen zum Hanse öSr Abgeordnekendem diesen Kreis um­fassenden Wahlbezirke zugetheilt, aber mit dem Kom- munalverbande der Provinz und des Kreises nicht vSr- einigt. Das in der Provinz Schleswig-Holstein gel­tende Recht über die Veröffentlichung der Gesetze, Ver­ordnungen und Verwaltungsvorschriften tritt für die Insel Helgoland in Kraft. Ebenso werden die in der Provinz Schleswig-Holstein denLandräthen zustehenden Rechte und obliegenden Pflichten einem auf Helgoland seinen Wohnsitz nehmenden Hilfsbeamten des Landraths insoweit übertragen, als sie nicht von dem Landrathe des Kreises Süderdithmarschen selbst wahrgenommen werden.

* Der Bundesrath nahm gestern die Verordnung, betreffend das Verbot von Maschinen zur Herstellung künstlicher Kaffeebohnen und den Vertrag wegen des Zollanschlusses der österreichischen Gemeinde Mittel­berg an^Deutschland an.

* Die für einige Tage unterbrochenen deutfch-äster- reichischen Zollverhandlungen werden am Montag wieder ausgenommen. Die 2. Lesung der landwirthschastlichen Zölle ist beendet; nun werden zunächst die veterinär­polizeilichen Vereinbarungen sodann die deuffcherseits von Oesterreich geforderten Konzessionen und schließlich der Text des Vertrages und im Zusammenhänge damit Alles sehen, was sie thun; aber ich kann zählen, wer dabei ist, eins, zwei, drei, vier. Jetzt flackert das Feuer auf und da, da ist ja auch er, der es ver­schuldet! Hu! wie die Reue ihn martert! sein vor­nehmes Gesicht ist so weiß wie das Papier in seiner Hand. Wer ruft da? Jemand hat des Kindes Name« genannt — und nun hallt es ganz laut in der Stube:

„Ich will ihm Vater sein. Mein Schloß und Alles, was mein ist oder noch mein sein wird, soll ihm gehören. Nie will ich einen anderen Sohn haben, und eher soll das Licht meiner Augen von mir ge­nommen werden, als daß ich mein Glück über sein Glück zu setzen begehre. Mein Versprechen will ich so heilig halten, wie einen Schwur.

„Er hört das Gelöbniß — der Arme mit dem zerschellten Körper. Er hat nicht sterben können in dem Gedanken an das Kind. Und der zu seinen Füßen steht, der hört es auch — der junge, schöne Offizier, wie die goldenen Tressen und Schnüre so seltsam blitzen im Feuerschein. Weißt Du, Kind — es ist der Brüder der tobten Frau, er kam erst heut zu Besuch, hu, gerade recht zu einem Begräbniß. Er bewegt sich nicht, starrt immer nach dem armen Gesicht, aber in der Stube wird's so kalt, und das Kind sängt zu w-in-n nn. Der Mnd LAsi stärker, er rüttelt an bin