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Freitag, den 23. Januar 1891.

18. Jahrgang

Fuldaer Zeitung

Druck u. «erlag der Fuldaer «ctiendruckerei («. Dilluiarm).

gtx die Rtbadton verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda

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Deutsches Keich.

Berlin, 21. Januar.

* Die Sperrgelder-Borlage ist jo eben dem Abge­ordnetenhause zugegangen. Dieselbe sieht die Heraus- zahlung des Kapitals an die Bisthümer vor, zur Be- srledigung der begründeten Ansprüche von Instituten und Personen durch die Dlözesan-Obern, welche in jeder Diözese eine Kommission aus drei Geistlichen und zwei zum Richlec-Awl vesähigteu, aber nicht im unmittelbaren Staatsdienste stehenden Laien einsetzen. Diese Kommission entscheidet über die Ansprüche end­gültig unter Ausschluß des Rechtswegs. Der Rest wird für Diözesan- und Kirchen-Zwecke sowie für Unter­stützung von Gemeinden bei Kirchenbauten verwendet, lieber die Verwendung des ganzen Kapitals werden die Diözesan-Obern dem Kultusminister Mittheilung machen. Der Kultusminister ist mit der Ausführung des Gesetzes beauftragt. Die Ermächtigung datirt vom 19: Januar. Das Erzbisthain Köln erhält .">,267,619 Mark 75 Pfg., Gnesen-Posen 1,954,205,27, Kulm 983,565,37, Ermland 1,037,239,34, Breslau

1,482,893,98, Hildesheim 681,334,65, Osnabrück

325,865,35, Paderborn 1,182,364,57, Münster

1,535,266,90, Trier 2,122,421,91, Fulda 823,819,35, Limburg 570,416,31, Prag 33,893,29, Olmütz 6865,11, Freiburg 1561,87, zusammen 16,009,333 M. 2 Pfg. Die Begründung ist sehr kurz. Dieselbe enthält keine Erklärung für das Verlasfen des bisherigen Stand­punktes von Seiten der Regierung. Die besondere Er­wähnung der Gemeinden wird daimt begründet, daß es zweifelhaft sein könnte, ob die Unterstützung derselben ohne weiteres alsDiözefanzweck anzuerkennen sei. Auch die vor Erlaß des Sperrgefetzes von 1875 einbehaltenen Beträge (die Dotation des Bischofs von Ermland rc.) sind in dem herauszuzahlenden Kapital mit enthalten. Bezüglich der Diözesanzwecke wird vorzugsweise auf Bildung eines Emeriten-Fonds, Unterstützung dxr Aspiranten zum geistlichen Stande, Gewährung der Mittel znr Ausbildung von Geistlichen, Deckung ver­mehrter Kosten der Diözefanverwaltung, Aufbesserung der Gehälter der Domherren, der Domvikare, der Beamten der bischöflichen Verwaltung hingewiesen. Die

Sonnenried.

Roman von M a r g a B r e ch t e n.

(67. Koryetzung.)

Plötzlich richtete sich Herbert von Freidorf noch einmal auf. Er tastete nach ihrer Hand und fügte halblaut, aber wunderbar deutlich:

„Dreimal! Damals war es das erste Mal — dann setzre ich über die felbstgezogene Schranke, als ich Dich heirathete, das war das zweite Mal. Doch ich muß dreimal hinüber — es kommt die Kluft, die letzte — diesmal ist er vor mir dort. Er steht schon am Rande, er wartet meiner, ich sehe ihn genau — Jhno, mein Sohn! Vergib mir, ich habe Dich doch geliebt wie —"

Er kam nie dazu, zu sagen, wie sehr er den Sohn geliebt hatte — feine Stimme brach ab mit einem röchelnden Laute, aber gewiß war, daß sein letzter Ge­danke ihm gegolten.

Aufspringend umfaßte Felicitas das theure Haupt und lehnte es an ihre Brust. Jetzt erst begriff sie, was dies Alles bedeutete, aber noch war es ihr, als ob ihre Liebe, ihre innige Umarmung ihn zurückhalten müßten von der geheimnißvollen Schwelle, welche ins Jenseits führt. Ob sein Geist dieselbe schon überschrit-

Fürstbischöfe von Prag und Olmütz haben ihre Rechte durch inländische Vertreter auszuüben. Die Regierung begibt sich jeder weitern Mitfprache.

* Die Budget-Kommission des Reichstags berieth gestern den Poft- und Telegraphen-Etat. Hinsichtlich der Petitionen von 234 Zeitungs - Verlegern erklärte Staatssekretär v. Stephan für nicht angänglich, für einzelne Geschäftsorte ' besondere Tarife einzuführen. Gegen eine Ermäßigung der Fernsprech-Gebühren sprach sich der Staatssekretär entschieden aus; eine solche würde der Entwickelung des Fernsprech-Verkehrs hin­derlich fein. Das Reich besitze gegenwärtig 53,000 Fernsprech-Stellen, das unterirdische Telephonnetz Ber­lins habe 1,863,000 Mark gekostet. In Berlin wür­den täglich 250,000 Gespräche geführt. Berlin habe mehr Fernsprech - Stellen als ganz Frankreich. Auf eine Anregung wegen Ermäßigung der Bestellgebühr für Telegramme auf dem Lande erklärte Herr von Stephan, daß das auch sein Ideal fei, dafür wolle er aber den Frankirungszwang einführen.

* Die Krankenversicherungskommission des Reichs­tags hat in ihrer heutigen Sitzung die Bestimmung, wonach der Anspruch auf die Mindestleistungen der Kaffe für die in Folge eingetretener Erwerblosigkeit ausscheidenden Personen wegfällt, wenn die Erwerbs­losigkeit durch Kontraktbruch hervorgerufen worden ist, auf Antrag der freisinnigen Abgeordneten gestrichen.

* Das Abgeordnetenhaus beauftragte das Präsi­dium S. M. dem Kaiser zu dessen Geburtstage die Glück­wünsche des Hauses zu überbringen. Dann begründete der Abg. Richter (brr.> ieinen Antrag, betr. die Fideikommißstempel, wobei er namentlich auf den Fall des Staatsministers Frhr. v. Lucius Bezug nahm. Dieser Fall habe großes Aergerniß erregt. Der Erlaß des Stempels sei ein Mißbrauch der Regierungsgewalt und eine grobe Verletzung des öffentlichen Rechts­bewußtseins. Finanzminister Dr. Miquel erklärte demgegenüber, daß das Recht der Krone, den Stempel zu erlassen, unanfechtbar sei. Vielleicht werde später eine Verständigung im Wege der Gesetzgebung über diesen Punkt möglich sein. Dem Frhrn. v. Lucius fei der Freiherrntitel unter der Bedingung, ein Fidei- kommiß zu gründen, kosten- und stempelfrei vom Kaiser Friedrich ertheilt worden. Abg. Schumacher (frks.) wies auf den Widerspruch hin, der darin bestehe, daß hier die Linke gegen die Rechte der Krone ankämpfe, die sie bei der Landgemeindeordnung zu schützen be­hauptete. Die Regierungshandlungen Kaiser Friedrichs verdienten nicht die von Herrn Richter geübte Kritik. Abg. Francke (ntl.) erklärte, daß seine Freunde bereit seien, einen Antrag einzubringen, die Regierung zu ersuchen, künftig solche Stempelerlaffe nicht zu ge­währen. Abg. Dr. Windthorst erachtete eine gesetz­liche Neuregelung der Stempelfrage für angezeigt. Abg. ten hatte? Die geängstigte Frau glaubte es nicht. Sie betete und drängte ihr Schluchzen mit Gewalt zurück, bis es sie fast zu ersticken drohte.

Es dauerte lange, bis die Seele den einst so urkrästigen Körper verlassen konnte; bann aber kam es heran, es kroch langsam schleichend von den Füßen bis zum Herzen herauf, das entsetzliche Gefühl, die bleierne Schwere des Todes. Felicitas empfand einen Ruck, ein jähes Strecken in feinem Körper — da schrie sie auf,:

„O Herbert, Du mein Gatte, mein Vater, verlaß mich nicht!"

Umsonst — sein Mund öffnete sich nicht mehr, und die langsam erkaltenden Finger gaben den Druck ihrer Hand nicht wieder. Jetzt wußte sie, daß sie Wittwe sei. Mit letzter Kraft ein kleines Kreuz von ihrem Halse reißend, faltete sie seine Hände darüber und streute die Blumen um ihn her — dann brach sie über ihm zusammen.

Eine traurige Gruppe dort am Fenster — der Herbstwind streicht über sie ihn, kalt, frostig. Sein Hauch entblättert die wenigen Rosen in des Tobten Hand.

Eine Stunbe später läuteten bie Glocken der alten Dorfkirche und verkündeten bas Ableben des Schloß- herrn; gleichzeitig trugen reitende Boten die traurige Kunde nach den benachbarten Gütern.

Es war schon sehr spät, als dieselbe in Haus Rast

Richter erklärte in seinem Schlußwort Fideikommisse überhaupt für ein Unrecht, weit sie bie Nachgeborenen beeinträchtigen. Die Krone habe nur die Rechte, die ihr bie Verfasfung gebe. Beschlossen wirb: Die Regierung um Vorlegung eines Comptabililätsgesetzes zu ersuchen. Alle übrigen Anträge wurden abgelehnt. — Morgen 2. Berathung bes Staaishaushaltsetats.

* Dr. Dernbmg hat irn Herrenhaus e zu der Vor­lage wegen Abänderung des Ausführungsgesetzes zum Gerichtsverfasfungsgesetze folgende Resolution einge­bracht: „Die Regierung zu ersuchen 1) in Berlin und seinen Vororten, sowie in den anderen größeren Städten der Monarchie Amtsgerichtsbezirke für etwa 30,000 Gerichtseingesessene mit dem Sitze bes Amtsgerichts innerhalb des Gerichtsbezirks im Wege der Gesetz­gebung einzurichten, 2) durch Maßnahmen der Verwal­tung und durch die Gesetzgebung darauf hinzuwirken, daß sich die Amtsgerichte bei der Verwaltung der tret« willigen Gerichtsbarkeit nicht auf eine blos formelle Thätigkeit beschränken, sondern innerhalb ihrer Zustän­digkeit den Gerichrseingeseffenen unterstützend und fvr- bernb zur Seite stehen."

* Die Nachricht betreffend Erkrankung WißmiUiii'ß bestätigt sich nicht, vielmehr brach Wißmann am 15. Januar, laut einer heutigen Nachricht des ,Berliner Tageblatts' aus Sansibar, mit 10 Offizieren und 500 Mann nach dem Kilima Ndscharo auf, da unter den dortigen Anwohnern Unruhe ausgebrochen und bie Karawanenstraßeli gefährdet sind. Der Berichterstatter des,Berl. ,Tagebl., befiudetsich im Gefolge Wißmann's.

* Wie die ,Schl. Ztg ' meldet, Hai der Kaiser Bem Fürsten Bismarck zu Weihnachten eine Anzahl von Aufnahmen aus den Kaiferzimmern im Palais Kaiser Wilhelms I. Übersendet. Auf das ehrerbietige Dank­schreiben des Fürsten Bismarck soll bann ein telegraphischer Neujahrswunsch des Kaisers erfolgt sein.

* Die in Bagamoyo, Tar-es-Salaam und Sansi­bar bestehenben beutschen Postanstalten nehmen fortan an bem Austausch von Postpacketen Theil. Der Aus­tausch erfolgt für Postpackeie bis 5 Klg. auf bem Wege über Hamburg, für solche bis 3 Klg. auf bem Wege über Neapel mittels ber Reichs-Postbampfer ber Deutschen Ost-Afrika-Lime. Das vom Absender im Voraus zu entrichtende Porto für ein Postpacket ans Deutschland nach jenen Orten beträgt auf beiden Wegen 3 Mk 20 Pfg. lieber bas Weitere erteilen bie Postanstalten auf Verlangen Auskunft.

* Die Centrums-Fraktion bes Reichstages beschloß eine Beileids-Adresse an Frhrn. v. Schorlemcr- Alst wegen des Todes seiner Gemahlin. — Die Ver­ewigte, eine geborene Freiiu v. Imbsen, war geboren am 27. November 1820 und mit Burghard Freiherrn v. Schorlemer-Alst feit dem 16. November 1852 ver­mählt. Langes schweres Leiden ging ihrem Ableben anlangte. Die beiden Schwestern hatten sich in ihr Zimmer zurückgezogen, unb Bertha erfuhr durch ihr Kammermädchen, was das ferne Läuten bedeutet hatte.

In ihrem langen, weißen Nachtkleide am Fenster stehend, blickie sie in der Richtung gen Freidorf hin­aus, dorthin, wo jetzt wohl schon das Paradebett stand. Ihr Gesicht war so weiß, daß es mit dem aufgelösten nußbraunen Haar fast erschreckend kontraskirte.

„Bertha", flüsterte Lydia von ihrem Lager her, „thue Dir nicht diese Gewalt an, ich habe es immer gewußt."

„O Schwester, das durftest Du nicht," rief diese neben ihr niedersinkend, „was mußt Du von mir denken?"

„Nichts, als daß Du jenen Mann einst, da er noch frei war, geliebt hast, und daß Du ihn nun als Freund betrauerst. Ist es nicht so?"

Sie nickte und legte den Kops neben das Kiffen des kranken Mädchens. In dem milden Licht der blauen Nachtlampe sahen Lydias Züge fast überirdisch aus. „Das war ein Blatt vom Zweige, wer wird das nächste Opfer fein?" sagte sie matt. „Bertha, sage mir, was wirst Du thun, wenn ich sterben muß? Ich fürchte, daß es bald geschieht."

„Lydia, schone mich, sprich am heutigen Abend nicht auch von diesem furchtbaren Schmerze, vor dem