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Donnerstag, den 22. Januar 1891.
18. Jahrgang
81t die Redaktion verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
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Windthorst und seine Gegner.
* Der Berliner ,Börsen-Kourier' schrieb zum 80. Geburtstage des Centrumsführers: „Ludwig Windt- horst ist der meistgenannte Parlamentarier, er ist der populärste und beredtsamfte. Zu keiner Zeit ein „eloquenter Streber", hat Ludwig Windlhorst stets den größten Werth darauf gelegt, Politik zu machen, nicht darauf, Politik zu treiben. Er ist ein Diplomat von derjenigen alten Schule, welche Höflichkeit für eine vornehmste Pflicht hält, und sein konziliantes Benehmen ,st es gewesen, das ihm zu vielen Erfolgen den Weg geebnet hat. Seine große geistige Ueberlegenheit machte er nie in schroffer Weise, sondern durch freundliche Belehrung geltend, und deswegen hat man ihm seine Ueberlegenheit gern verziehen. Selten wohl ist in den parlamentarischen Annalen eine so stürmische Heiterkeit zu verzeichnen gewesen, wie damals, als ein Mitglied der Fortschrittspartei, um zu beweisen, wie Eltern den Beruf ihrer Kinder verkennen können, sich auf ein Beispiel aus seiner Verwandtschaft berief. Ein Vetter, der nachmals seiner Familie am meisten Ruhm und Ehre gemacht, sei als Gymnasiast so querköpfig und widerspenstig gewesen, daß sich sein Vater entschloß, ihn bei einem Schuster in die Lehre zu geben, und sich nur sehr schwer durch Intervention aller Verwandten von diesem Entschluß abbringen ließ. „Der damals so Uebelbeleumdete, der sich später so hervor- ihat," so etwa schloß der Redner, „ist das verehrte Mitglied für Meppen." Wer im Parlammt hätte den einstigen hannoverschen Staatsminister und fetzigen Führer einer großen parlamentarischen Partei, Dr. Windthorst, statt auf der Rednerbühne in einer Schusterwerkstatt zu denken vermocht! Bezeichnend ist das Geschichtchen doch. Es zeigt einen angeborenen Starrsinn, jene westfälische Zähigheit, die, unbekümmert um Widerstand, er komme, woher er wolle, ihre eigenen Wege geht und ihren Kopf durchsetzt. Windthorst ist durch und durchs Osnabrücker, der Landsmann Justus Möser's und Stüve's, beiden Männern geistesverwandt, gleich ihnen ein advocatus patriae, d. h. seiner heimathlosen Landschaft geworden. Wir theilen nicht in allen Punkten die Anschauungen des Herrn Windthorst, seine politischen Ziele sind nicht die unseren; aber für seine Person haben wir jederzeit eine große Verehrung gehabt. Stets ein Mann des Rechts, zumeist ein Mann der Gerechtigkeit, selbstlos, unerschrocken und von einer den Durchschnitt weit, weit überragenden Begabung, gereicht er den Körperschaften zur Ehre, deren Mitglied
er ist. Dem ulten Windthorst gilt unser Glückwunsch: Ad multos annos!"
Das ,Ber liner Tagblattt läßt sich am Schluffe eines längeren Artikels wie folgt vernehmen: „Er hat die parlamentarische Taktik seiner Partei zu einer erstaunlichen Vollkommenheit gebracht. Man kann ihn mit Fug und Recht den Chef des ultramontanen Generalstabes in Deutschland nennen. Seine unbeugsame Methodik hat schließlich den gewaltigsten Minister unserer Tage und sicherlich einen der gewaltigsten Staatsmänner aller Zeiten und Völker zu einem Frieden gezwungen, dessen Bedingungen demürhig genug für den unterlegenen Staat waren. Von den Tagen, wo das stolze Wort „nach Canossa gehen wir nicht!" sich als unhaltbar erwies, schreibt sich der unerschütterliche Ruhmestitel Windtyorsts her. Der kleine Führer einer zielbewußten parlamentarischen Partei hatte den allmächtigen Fürsten Reichskanzler überwunden. Die Macht einer wirklichen Idee hatte über die gesetzgeberische Maschine des Staates, der Gedanke hatte wieder einmal über die bloße Mechanik einer Auffassung gesiegt. Man mag über die innerliche Berechtigung dieses fälschlich Kulturkampf genannten Streites denken wie man will, das wird man willig zugestehen, daß die Lösung desselben zu Gunsten der römischen Kirche nicht zum wenigsten das Werk Windthorsts, seiner unermüdlichen Ausdaner und seiner unübertrefflichen Geschicklichkeit ist. Auf diese große That seines Lebens, die allein ihm, einen dauernden Platz in der Geschichte sichert, darf er an seinem heutigen Ehrentage mit hoher und gerechter Befriedigung zurückblicken. Wir haben ihn in den meisten Fragen bekämpfen müssen. Allein heute, da Windthorst an die Schwelle des neunten Lebensjahrzehntes herantritt, rufen wir ihm einen herzlichen Glückwunsch für sein ferneres Wohlergehen zu. In den Jahrbüchern unserer parlamentarischen Geschichte wird Windthorst's Name als einer der leuchtendsten unter Allen hervorragen. Einem Volke von politisch entwickelten Sitten geziemt es, auch diejenigen seiner parlamentarischen Größen in hohen Ehren zu halten, welche nicht von der Gunst der öffentlichen Gewalten getragen werden. Es ziemt uns, auch in dem politischen Gegner die Ueberzeugungstreue zu ehren und seiner großen Begabung den schul- digenZoll abzutragen. Äuch das parlamentarische Talent adelt. Freund und Feind veremen sich aber an dem heutigen Tage in dem Wunsch: daß es dem greisen Windthorst noch lange beschieden sein möge, seines parlamentarischen Amtes zu walten."
Deutsches Keich.
Berlin, 20. Januar.
* Zur Windthorstspkilüe schreibt eine katholische Korrespondenz: Auf der im Jahre 1889 in Bochum abgehaltenen Generalversammlung der deuffchen Katholiken wurde ein (Somit« ernannt, um die zum Baue der Marienkirche in Hannover noch sehlende Summe zu beschaffen. Das Somite hat sich bemüht, die Sammlung in sämmtlichen Diözesen des Deutschen Reiches zu organisiren. In den meisten derselben ist dieselbe bereits zu einem günstigen Resultate gelangt, in anderen wurde sie noch nicht abgeschlossen, während sie besonderer Umstände wegen in eiiygen Diözesen noch gar nicht eingeleitet werden konnte.' Das Comitö hat nun durch sein Mitglied, Herm Abgeordneten Cahensly, welchem als Vertreter ihrer Diözesen die Herren Abgeordneten Baron von Heereman, Grat von Galen, Dr. Orterer, Dr. Schaedler und Justizrath Lohmann sich^angeschlossen hatten, da< Ergebniß der bis zum 17. Januar bet ihm eingegangenen oder angemeldeten Gelder, im Ganzen 46,647 M. 98 Pfg. Herrn Dr. Windthorst um Geburtstage übergeben. Herr Cahensly betonte in seiner Ansprache, wie glücklich das Coinitö sich schätze, dazu beigetragen zu haben, Excelleuz eine Freude zu bereiten und der Dankbarkeit des deutschen katholischen Volkes für das, was Epeellenz in den letzten zwei Jahrzehnten für dasselbe gewirkt habe, Ausdruck zu verleihen. Windthorst dankte liest gerührt- uuL-äuß«kte^ «etch« g-oße Genngchunirg er empfinde, die aus der Marienkirche lastenden Schulden zum Theil tilgen zu können; es werde ihm ein Stein hierdurch vom Herzen genommen. Ueber die Vertheilnng der Gaben nach den einzelnen Diözesen berichten wir noch speziell. An Windthorst selbst sind auch noch einige Tausende direkt gekommen. Es verbleiben jetzt noch ca. 40,000 Mk. Schulden auf der Marienkirche. Der Opfersinn der deutschen Katholiken wird sich ohne Zweifel dahin bethätigen, daß diese Summe im Lause dieses Jahres ihrem großen Führer für fein Lieblingskind, die Marienkirche in Hannover zur Verfügung gestellt werden kann.
* In der VolkSschulgeskykommisfion des Abgeordnetenhauses wurden seitens des Centrums sehr ernste Bedenken gegen den Uebergang des Schulvermögens auf die bürgerlichen Gemeinden laut. Die betreffende Bestimmung wurde schließlich in folgender Fassung angenommen: „Das gefammte Volksschulzwecken gewidmete Vermögen der Schulgemeinde (Schulsozietäten, Schulverbände), welche bisher als selbständige korporative Volksschuloerbände bestanden haben, sowie der
Sonueuried.
Roman von Ma rga Brech te n.
(66. Fortsetzung.)
r, siast Recht, mein Liebling, meine treue, sorq- ro^er•■'ödL^ar in ben letzten Jahren zwar eine Sn 1 aber Du wirst mich doch ver-
Äber ^nn^bsahr wie eine Mutter ihr krankes Kind. i ble Zsit diesen natürlichen Kummer
gemildert hat, dann wirst Du nach meinem Willen djjm, ich meine — sein Weib werden, Ihr werdet hier wohnen, manchmal an mich denken und sagen: „Seine ganze Liebe gehörte uns."" 9
Dieser abenteuerliche Gedanke machte Felicitas besorgt zu ihm anfsehen. sie war zwar gewohnt, daß er m der letzten Seit Steuerungen that, deren tiefer liegenden Sinn sie nicht verstehen konnte, weil sie überhaupt nichts aus dem früheren Leben ihres Gatten wußte und aus falschem Zartgefühl auch nicht darauf emgehen wollte; aber den oben erwähnten, unnatür- lichm Vorschlag hatte er noch nie gemacht. Sollte sein Geist umnachtet sein?
„Lieber Herbett," sagte sie, sich zärtlich um ihn bemühend, „sieh, ich will ja gern Alles thun, was Du wünschest, aber das Unmögliche kann ich doch nicht voll- bttngen."
„Wie —Du könntest meinen Sohn nicht heirathen? Ihr liebtet Euch ja einst? Ich verstehe nicht ganz mir wird das Denken so schwer — warum könnte
es nicht sein? O Gott, wenn es unmöglich wäre, was habe ich dann gethan? Was wirst Tu von mir denken, denn Alles, Alles ist fein! Ich konnte, durste nicht anders handeln! O, wie mich diese Sorge quält — die Angst nimmt zu, es ist, als ob sein Schatten mich wieder verfolgte! Felicitas, wo bist Du? O, geh doch nicht von mir!"
„Ich bin hier, mein Herbert," sagte sie, seineHände, die er mit angstvollem Stöhnen vor das Gesicht drückte, in die ihrigen nehmend. „Denke nicht an mich, wenn ich auch einst noch so arm sein sollte, werde ich mich reich wähnen in dem Bewußtsein, daß Deine Liebe mir gehörte. Aber komm und erzähle mir Alles, was Dich bedrückt, vielleicht wird es Dir dann leichter werden."
„Ja," antwortete der blinde Mann, tief aufathmend; „rücke ganz nahe zu mir her, noch in dieser Stunde soll es sein, bann magst Du selbst uttheilen, ob ich anders bestimmen konnte."
Der Augenblick nahte, wo das lang gehütete Siegel fallen und Felicitas das dunkle Geheimniß erfahren sollte, dessen beständiger Druck an dem Leben ihres Mannes gezehrt hatte. Auf einem niedrigen Tabouret zu seinen Füßen sitzend, verwandte sie kein Auge von seinem Munde.
Da trat ein Diener ein und meldete den Besuch des Pfarrers Werner. Etwas enttäuscht erhob sich die Baronin und begrüßte den alten Freund, dann zog sie sich in taktvoller Weise zurück. Als sie nach einer guten Stunde aus dem Gatten wiederkehrte, hotte sie
noch die leisen Stimmen der beiden Männer und blieb deshalb am Eingang der Halle stehen. Von hier aus hatte man einen schönen Fernblick über die Haide. Von der untergehenden Sonne beleuchtet, lag sie jetzt in purpurfarbenem Lichte da, und die junge Frau stand, mit den letzten Herbstblumen in der Hand, wie imAn- schanen verloren, den Kopf an einen der mächtigen Steinpfeiler gelehnt. Bald darauf wurde die Thür des kleinen Salons gefchlosfen und Pfarrer Werner am auf sie zu. Er war zum Heimwege gerüstet und ragte noch eilig:
„Hat Ihr Herr Gemahl Ihnen niemals Bekennt- niffe von besonderer Wichtigkeit gemacht, gnädige Frau ?"
„Nein, Herr Pfarrer, aber er war eben im Begriffe, es zu thun," erwiderte sie.
„So spät erst? Ich würde zwar nichts dagegen einwenden wollen, wenn er die Sache für immer ruhen ieße, denn ich hielt Alles für vortrefflich geordnet, aber er bezeigt Ihretwegen eine solche Unruhe wegen seiner etztwilligen Verfügung aus dem Grunde, weil Sie einen, mir natürlich unbekannten Vorschlag für unausführbar erklärt hätten."
Felicitas erröthete tief. Dann sagte sie leise: „Ja, ich that so, denn die Erfüllung seines Wunsches ist einfach unmöglich, ja geradezu widersinnig."
„O," sagte der Geistliche ernst, „wie wird das noch gehen! Ich sehe schon jetzt Verwirrung und Widerspruch au8 diesem unseligen Geheimnisse erwachsen. Ich beunruhige Sie so ungern, Frau Baronin, und doch,