Dienstag, den 20. Januar 1891.
18. Jahrgang
Fuldaer Zeitung
Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dtlmeuro).
Kßr die Rebaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
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Neue Miltheilungen Dr. Sachs über Heilung der Zchwiudsucht.
Berlin, 17. Januar.
Der Schleier ist gelüftet worden: Dr Koch hat die langersehnte Mittheilung über die 'Jiatur seiner Lymphe gemacht. Die Kennzeichnung des Alitttls ist sehr kurz und einfach: es ist nichts weiter, als „em Glycerin-Extrakt aus den Reinkulturen der Tuverkelbacillen." Den meisten Lesern wird wohl bekannt sem, was eine Reincultur von Bacillen ist. Wenn der Forscher den Auswurf aus einer schwindsüchtigen Lunge untersucht, so findet er neben dem Tuberkelbacillus, der die Krankheit verursacht, auch noch andere Bacillen. Jmpfl er kleine Theilchen von diesem Auswurf, oder von Ausscheidungen eines bösartigen Geschwürs auf einer Kartoffel oder auf einem anderen guten Nährboden, so wachsen und vermehren sich die S»eitlen, es giebt eine „Kultur", aber vorläufig ist es eine gemischte, in welcher allerhand Bacillen neben einander sich eniwickeln. Der Forscher sucht nun die besondere Bacillenarl, welche er studiren will, aus dem Gemisch herauszuheben und auf einem neuen Nährboden zu verpflanzen. So erhält er schließlich noch mit viel Sorgfalt und Mühe eine Anlage, auf welcher ausschließlich Tuberkelbacillen wachsen, eine Reinkultur derselben. Die Tuberkelbacillen bringen nun bei ihrem Wachsthum sowohl in den lebenden Geweben als auf dem künstlichen Nährboden gewisse Stoffe hervor, welche ans die lebenden Elemente ihrer Umgebung, die Zellen, nachtheilig einwirken. Darunter befindet sich ein Stoff, welcher im Stande ist, lebendes Gewebe zum Absterben zu bringen, wenn er in geringerer Verdünnung in das Gewebe kommt. Einen solchen Stoff scheiden natürlich auch die Tuberkelbacillen im Körper aus, aber bet der Kleinheit des Bacillus ist der gewebetödtende Stoff so gering, daß er nur schwach auf "bie" nächste Umgebürtg wirkt, so daß der Bacillus noch immer Nahrung genug zum Wachsen und zur Vermehrung findet. Wenn man nun in der Umgebung des Bacillus den Vorrath an gewcbetödtendem Stoff ein wenig vermehren könnte, so würde sich um den Bacillus schnell ein Mantel von abgestorbenen Gewebstheilen bilden; diese tobte Umgebung würde den Bacillus in Nahrungs- mangel versetzen und, wenn die abgestorbenen Theilchen ausgeschieden würden, so würden sie den Bacillus mit sich fortreißen. Das ist es nun eben, was das Koch'sche Mittel erstrebt. Aus den Reinculturen von Tuberkelbacillen gewinnt er den geweoetödtenden Stoff, und zwar durch eine Auslaugung mit Glycerin (natürlich wird dafür gesorgt, daß keine Bacillen in die Lauge übergehen). Dieser besondere Giftstoff wird nun soweit verdünnt, daß er für sich allein das Gewebe des menschlichen Körpers nicht zerstören kann. Kommt aber der Stoff in die Umgebung von Tuderkelbacillen, so trifft er dort mit einem kleinen Vorrath seines gleichen zusammen. Diese vereinigten Giftstoffe greifen nun das Gewebe, in welchem die Bacillen sitzen, erfolgreich an, die Zellen in der nächsten Nachbarschaft sterben ab und bei dieser „Nekro- tifinmg" stellen sich die fieberhaften Erscheinungen ein, die bekanntlich auf dre Koch'schen Einspritzungen folgen. Wenn nun die abgestorbenen Gewedstheilchen aus dem Körper
Sonnenried.
Roman von Marga Brechten.
1.64. Fortsetzung.)
Als Jhno von Freidorf die Treppe hinaufstieg, fühlte er sich plötzlich am Arme erfaßt
„Bist Du es, Maren?" fragte er leise.
„Ja, komm," erwiderte eine flüsternde Stimme.
„Nur auf einen Augenblick!"
„Hast Du vor Deiner letzten Reise nicht einmal Zeit, um Abschied von mir zu nehmen?"
„Doch, aber wer sagt Dir, daß es meine letzte ist?"
„Ich," antwortete sie und schritt voran. Er folgte ihr, in dem dunklen Gange vorwärts tappend und mit Unbehagen die feuchte, kalte Luft aus öem Thurme empfindend. Sie kannten Beide den Weg, aber er, lange nicht mehr hier gewesen und ganz versunken in dem Gedanken an die tyeuren Menschen, die er soeben verlassen, verfehlte oftmals die Stufen. Da blitzte ein Lichtschimmer über die schwarzgrauen Wände, noch eine Biegung und sie standen in Maren's Gemach. Es war rund und sehr groß. Durch die kleinen Scheiben der alterthümlichen Fenster erschien die schneebedeckte Haide wie in schwaches, röthliches Licht getaucht. Der Tag graute, und der Morgen, der erste des neuen Jahres, dämmerte heraus.
herausbefördert werden und die eingeschlossenen Bacillen mitnehmen, so tritt Genesung ein, weil die Krankheitskeime entfernt sind. Werden aber die Bacillen aus den Avgestorbenen herausgespült, ehe dasselbe den Körper verlassen hat, so können sie sich an anderer Stelle wieder ansiedeln; es muß dann derselbe Versuch, sie einzukapseln, noch einmal gemacht werden.
So hat man sich, nach den neuesten Mittheilungen Koches die Wirksamkeit des Mittels vorzustellen. Aber Koch sagt selber, daß die Erklärung, welche er für die Wirksamkeit des Mittels zu geben sucht, vorläufig nur eine Hypothese, eine Vermuthung ist. Er ist zu seinem Heilmittel auf dem praktischcn Wege der Versuche an lebenden Thieren gekommen. Zu diesen Versuchen haben Meerschweinchen herhalten müssen. Aus seinen ?Hein= fulturen von Tuberkelbacillen har Koch sowohl gesunde als auch tuberkulöse Meerschweinchen geimpft. Dabei hat er beobachtet, daß die Jmpfwunde bei den Thieren, die bereits krank gewesen waren, sich anders gestaltete, als bei den bisher gesunden Thieren. Er hat nun aus Reinkulturen geimpft, deren Bacillen er vorher getestet hatte, und auch da zeigte sich das verschiedenartige Verhalten des gesunden und des tranken Thierkörpers. Wenn er gesunden Meerschweinchen etwas von getöbteten Reinkulturen unter die Haut spritzte, so entstand nichts weiter, als eine örtliche, vorübergehende Eiterung. Aber wenn er schwindsüchtigen Meerschweinchen etwas davon einspritzte, so trat eine sehr starke Wirkung zu Tage; bei größeren Dosen starb das Thier, aber bei kleinen, verdünnten Gaben trat eine Heilung der vorhandenen Kranheit ein.
Herr Koch berichtet über diese Versuche so kurz und in so einfachen Worten, daß man erst nachdenken muß, um sich klar zu machen, welch' eine Menge von Arbeit, Umsicht, Geduld und Scharfsinn erforderlich war, ehe er die erste Station auf feinem Forscherwege erreicht hatte und den Satz niederschreiben konnte : Die Einspritzung von abgetödteten Reinkulturen der Tuberkelbacillen hat' eine Heilwirkung auf den tuberkulösen Thierkörper.
Nun war aber die Ersindung noch lange nicht fertig. Er konnte noch nicht zum Versuch an Menschenkörpern schreiten, weil die Jmpsungen mit seinen verdünnten Reinkulturen Eiterheerde an der Impfstelle hervorriefen. Es mußte jetzt unterfucht werden, was diese Eiterungen veranlasse. Da ergab sich, daß an der Impfstelle die abgetödteten Bacillen liegen bleiben und die Eiterung veran- laffen. Also nun handelte es sich darum, die Bacillenleichen aus dem Impfstoff zu entfernen, ohne den wirksamen Heilstosf zu schädigen. Das muß eine harte Nuß gewesen sein, denn an dieser Stelle entschlüpfte logar dem geduldigen Koch der Seusier: „Diese Aufgabe hat viele Müh und Zeit beansprucht." Endlich gelang es ihm, mit Hilfe einer Glycerinlösung den Heilstoff von den Bacillenresten zu trennen. Damit war der Impfstoff für die Menschen fertig, und nun konnten die Proben am menschlichen Körper beginnen.
Nach der Enthüllung des Koch'schen Geheimniffes wissen wir freilich immer noch nicht, aus welchen Bestandtheilen der wirksame Stoff gebildet ist. Dr. Koch kann es nicht verrathen, weil er es selber nicht weiß. Er hat ihn genommen, wie er ihn in den Reinkulturen fand. Die Che-
Jhno stand gegen die Thür gelehnt, während Maren sich am Tische zu schaffen machte. Dann trat sie zu ihm hin, reckte ihre Gestalt noch höher empor, legte ihm beide Hände auf die Schultern und sah ihn unverwandt an. Es war eine eigenthümliche Stunde und eine ebenso sonderbare Lage, in welcher er sich befand. Er fühlte es und sagte ungeduldig:
„Was willst Du von mir, Amme?"
Sie murmelte etwas in einer fremden, ihm unverständlichen Sprache, dann plötzlich in einem leidenschaftlichen Ton übergehend, flüsterte sie heiß, dicht an seinem Ohre:
„Du mein Herzblut, Du Liebling meiner Seele! Um Deinetwillen hat Maren einst ihre Heimath verlassen, um Deinetwillen wird sie auch den Schatz hüten, den Du zurücklaffen mußt! In den langen Nächten, während der Sturm um den Thurm pfiff und die Eulen ihr Lied dazu sangen, hat ihre Hand dort die Decke fiir Dich gewebt. Bersprich mir, daß Du sie über Dich breiten, daß Maren's Gabe Dich wärmen darf in jeder Nacht, wie einst ihr Mantel Dich schützte vor Regen und Wind."
„Gern, Amme, gib her, sie soll noch heute in meine Kajüte kommen. Und nun hier meine Hand — Gott sei mit Dir und uns Allen!"
Die morschen Stufen krachten unter seinem davon-
mifer können sich nun dahinter machen, um die Natur dieses räthselhaften Stoffes zu ergründen. Wer das zu L-tande bringt, hat Aussicht auf einen Platz in der Ruhmes - Halle neben Koch. Es ist ein ganz wunderbarer Stoff mit überraschenden Eigenschaften. In der Lymphe, die Koch verschickt, findet sich nach feiner Angabe noch nicht einmal ein ganzes Prozent des Heilstoffes, jiun wird die Lymphe bekanntlich vor dem Gebrauch wiederum verdünnt. Im Anfang gibt man oft nur ein Tausendstel Gramm von der Koch'schen Lymphe; das wäre also noch nicht einmal ein hunderttausendstel Gramm von dem Heilstoff selbst. Diese Kleinigkeit Arznei vertheilt sich nun in dem ganzen Körper, sodaß auf die kranken Stellen wiederum nur ein geringer Bruchtheil von dem hunderttaufendstel Gramm kommt. Und doch die starken, manchmal sogar lebensgefährlichen Wirkungen! Mit Riecht sagt Koch, daß die Wirksamkeit dieses Stoffes weit über das hinausgeht, was uns von den am stärksten wirkenden Arzneimitteln bekannt ist.
Nach der Enthüllung Kochs versteht man auch, was der Kultusminister in seiner bekannten Landragsrede andeutete, als er von den Vortheilen sprach, welche die Koch'sche Erfindung der chemischen Wissenschaft, insbesondere der wichtigen Lehre von den Eiweißkörpern, bringen könnte. Die volle Kenntniß dieses absonderlichen Stoffes verspräche in der That ein ganz neues Licht zu werfen auf die Räthsel der organischen Ehemie im Allgemeinen und auf die geheimnißvollen Vorgänge im Zellenfvstem des Körpers im Besonderen.
Wenn wir erst den Stoff gefaßt hätten und ganz rein ohne jede Beimischung Herstellen könnten, so würde ver- muthlich auch die Wirksamkeit des Koch'schen Mittels sich sicherer erproben lassen, als jetzt. Die Berichte der Aerzte über die Folgen der Einspritzungen weisen bekanntlich vielfach unregelmäßige, unerwartete Wirkungen auf. Man sucht das aus »en Besonderheiten der einzelnen Körper zu erklären. Aber ist die Vermuthung nicht vielleicht berechtigt, daß bei der jetzigen Herstellungsweise des Mittels, welche den eigentlichen Heilstoff mit allerhand anderen Abfällen der Reinkulturen vermischt läßt, nicht immer eine gleichmäßige Vertheilung der wirksamen und der unwirksamen Stoffe in der Lymphe stattfindet, so daß der Kranke manchmal mehr, manchmal weniger von dem Heilstoff erhält, als der Arzt ihm zugedacht hat? Es ist ja überhaupt sehr schwer, bei so winzigen Gaben, wie sie hier abgetheilt werden müssen, immer ein richtiges Maß m finden. Das sieht man u. a. auch aus dem fortwährenden Streit über die Vorzüge und Mängel der verschiedenen Spritzchen, die auf den Markt der medizinischen Geräthe gebracht werden. Eine Spritze, welche auch Bruchtheile eines Gramms sicher und leicht abmessen läßt, scheint überhaupt noch nicht erfunden zu sein.
Ich weiß nicht, ob die mangelhafte Abmessung mttge- wirkt hat zu den anscheinend ungünstigen Ergebnissen, welche von einzelnen Forschem und Äerzten beklagt werden. Aber soweit ein Nichtsachmann das vorliegende Material beurteilen kann, scheinen mir die günstigen Ergebnisse auch jetzt schon weitaus das Uebergewicht zu haben. Darum kann auch Koch in seiner neuesten Veröffentlichung mit Fug sagen, daß die zweimonatliche Ersahrung seine ersten eilenden Schritt. An die Kainmerthür gelehnt lauschte Maren dem allmählig verhallenden Geräusch. Als sie nichts mehr hörte, stützte sie sich schwer «us den Tisch und wandte den Blick gen Osten.
17. Kapitel.
Dreimal.
So ist benn endlich diese Rächt vorbei, Die meine Seele lodesbang durchschaucrt! Wie bat der heiße Kamps so lang gedauert, Bis ich gerungen mich zum Lichte frei!" —
Ged. v. d. Heide.
XXXVIII.
Es war ein sehr heißer Tag. Die Sonne brannte versengend und selbst in dem dichten schattigen Walde herrschte eine erdrückende Schwüle. An den Fenstern des Forsthauses von Rüsterwalde waren die grünen Jalousien Herabgelaffen; kein Lüftchen regte sich in den Kronen der alten Rüstern, welche das Haus umstanden, und auch hinter den epheuumsponnenen Mauern zeigte sich kein Leben.
Ueber den schmalen Waldpfad kamen jetzt zwei Männer auf die Lichtung zugeschritten.
„Machen Sie noch einen Gang nach der neuen Anpflanzung, lieber Winter," sagte der vornehmere von Beiden, „mir scheint, die vorgeschriebene Ordnung ist nicht ganz eingehalten worden. Dann mag » für heute genug sein. Sie wissen, meine Schwester ist zu