Einzelbild herunterladen
 

’S. Ichrgmly

Sonnlag, den 18. Januar 1891.

Deutsche Treue, deutscher Geist und deutscher Humor werden ja vou unseren Chauvinisten so hoch gepriesen. Nun, so nenne man uns im weiten deutschen Vaterlande einen Mann, der in seiner Person vollendeter diese Eigenschaften verkörpert! Und dann gehe man hin und mache sich damit lächerlich, diesen Mann als einen „Reichsfeind" zu brandmarken. Ihm selbst wird es ja freilich auch nichts schaden, und er darf auch noch damit sich trösten, daß die Liebe des katholischen Volkes ihn für alle diefe Schmähungen überreich entschädigt.

Irland hat seinen „Befreier" O'Evnnel gehabt — wir haben unfern Windthorst. Feiern wir ihn bei dieser festlichen Gelegenheit, beten wir zu Gott, daß er dem Führer Kraft ver­leihen möge, noch viele, viele Jahre der katholischen Sache zn dienen und der Liebe des katholischen Volkes sich zu freuen. Ad multos annos eosque faustos!

®k .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage euigenommtn.

Inserate toste» die einspaltige Zelle oder deren Raum 16 W„ dei Wiederholung,» entsprechender Rabatt.

vierteljährlicher SbonnementSprei» ohne Bringrr- lohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage,Sterne und Blume»' in Fulda und auswärts 1 Mart 50 Pfennig.

Sonnenried.

Roman von Marga Brechten.

(W.Fortsesung.)

„Still, mein Herz, klage Dich nicht selbst an ! Der Blinde rechnet nicht nach Minuten, kaum nach stun­den; für ihn ist der Wechsel der Tageszeiten unmerk­lich, das ganze Leben gleicht einer einzigen, einigen Nacht."

„Kannst Du es tragen?" fragte sie leise weinend und drückte ihren Mund auf feine Wange.

„Ja, wenn Du bei mir bist; ich werde mich viel­leicht eines Tages zufrieden in mein Schicksal zu fin­den wissen, ich muß es ja. Es liegt eine erbliche Anlage zu diesem Uebel in unserer Familie, die aller­dings nur sehr selten zum Ausbruch kommt. Aber wir wußten Alle davon, und daher mag mir damals jener Ausspruch in dm Sinn gekommen sein; das Augenlicht galt uns eben stets als das Kostbarste, das jeder Träger unseres Namens zu verlieren fürchtete. Bei mir mag der Druck, welcher Jahre lang auf meinem Gemüthe lastete, das Leiden noch beschleunigt haben; dmnoch sehe ich es als eine Strafe an, weil ich mein Wort gebrochen."

„Weiß Jhno davon?" , t .,

„Ja, ich sagte es ihm sogleich, und er bat mich, für den Rest des Abmds auf seinem Zimmer bleiben

Windthorst.

Unter dieser Ueberschrift schreibt u. a. eine katho­lische Korrespondenz vieler Centrumsblätter ’.

Es gibt eine scharfe Grenzlinie zwischen den Aeilßerungen eines blinden und berechnenden Personenkultus und dem Aus­drucke ernsten und begeisterten Dankes, den ein Volk seinen «roßen zollt. Der erstere schändet den, der ihn als selbstver­ständlich annimmt und die, welche ihn üben; der letztere dagegen ehrt beide Theile.

Wenn das katholische deutsche Volk seinem Windthorst zum achtzigsten Geburtstage in Gebet, Festfeiern und Fest­gaben freudige Huldigungen darbringt, ehrt es sich und seinen Führer in dem weltbewegenden Kampfe um die heiligsten Güter der Menschheit.

„Die Perle von Meppen" hat man den Mann genannt, der an polnischem Geschick und Reinheit des Charakters unüber­troffen dasteht, und eine „Perle" ist er in der That, eine Perle, die das katholische Volk in das Gold unverbrüchlicher Treue gefaßt hat. Wenn es unseren Gegnern Freude macht, unter den Katholiken solche Windthorst'scher und nicht Wiudt- horst'scher Richtung zu suchen, lassen wir ihnen das Vergnügen; durch ihre eigenen so oft wiederholten Versuche, einen Keil zwi­schen Windthorst und das Volk zu treiben, bezeugen sie ja, wie hoch sie selbst den Werth dieses Mannes zu schätzen wissen; wieder ein Grund mehr für uns Katholiken, daß wir uns stets bewußt werden, welches Kleinod wir in diesem Manne besitzen.

Wir sind uns dessen schon lange bewußt. Wenn man heute mit Grund sagen darf: Das katholische Deutschland rüstet sich, den Tag, an welchem sein Führer die Schwelle des achtzigsten Jahres überschreitet, festlich zu begehen, , so liegt darin ausge- drückt, wie weit das (Gefühl des katholischen Volkes von dem Gedanken an diese Festfeier ergriffen ist.

Um Windthorst nach Gebühr zu würdigen, müßte man eme Geschichte der deutschen Katholiken seit den letzten zwanzig Jahren schreiben: es würde in diesem Buche, das gewiß viele Äeistesthaten katholischer Männer auch aus dem Laienstande: der Mallinckrodt, Reichensperger, p. Schorleiner, v. Franck en stein u. s. w. enthalten würde, Windthorst’? Name ungefähr auf jedem Blatte zu lesen sein. Windthorst be­deutet wie Clemens, August, Görres und Ketteler einen Markstein in der Geschichte des Katholizismus in Deutsch­land und seines Kampfes um seine Existenz und sein Recht.

In einer Zeit, wo in Deuy'chlaud auf allen Linien der Kampf gegen den Katholizismus entbrannte, hat das ganze katholische Volk sich im Laufe der Jahre daran gewöhnt, in dem einen Namen Windthorst sein Programm, das Programm der deutschen Centrumspartei, die Verkörperung der herrlichen Devise „für Wahrheit, Recht und Freiheit" zu erblicken!

Und dieser Mann ist solchen Vertrauens würdig! Wer, rote er, zwei Jahrzehnte vor der Front gestanden hat, als erstes Ziel aller feindlichen Angriffe, iver so unerschrocken und tapfer dem Feinde ins Auge schaute und, augethan mit der Rüstung des Glaubens, geschützt durch den fleckenlosen Schild eines reinen Charakters, mit dem scharfen Schwerte des Geistes unter die Gegner schlug und den Kampfplatz mit Leichen bedeckte, der ist ein erprobter Kämpfer und hat sich edleren Lohn verdient, als Reichthum und Ehrenstellen und Orden: er hat das Herz das Volkes gewonnen.

Der bestgeliebte Mann pflegt auch der bestgehaßte zu sem; das ist des Erfolges Mitgift. Wie haben doch in einer Zeit, die noch nicht lange vorbei ist, die offiziösen Soldschreiber des Bis- marck'schen Regimes den Führer des katholischen Volkes als „Reichsfeind", als „Welsen" verunglimpft! Wie hat selbst der eiserne Kanzler ihn öffentlich und rücksichtslos angegriffen, frei­lich, nicht ohne manche empfindliche Niederlage davonzutragen!

Deutsches Keich.

Berlin, 16. Januar.

* Die nationalliberale .Börsenztg.' beglückwünscht Dr. Windthorst zu seinem 80. Geburtstag. Es werde viele überraschen, daß der rüstige alte Herr mit der seltenen Geistesenergie und dem noch selteneren kaustischen Witze schon so hoch emporgeklommen sei im Lebens­alter. Der hohe Einfluß, dessen er sich erfreue, webe eine Glorie um sein Haupt. Die ,Börsenztg.' achtet in ihm den überzeugungstreuen Mann, dessen Charakter unantastbar und lauter sei und in dessen Fahnentreue sich ein echt deutscher Zug dokumentire. — Vom hl. Vater erhielt Dr. Windthorst ebenfalls ein Gratnla- tionsfchreiben.

* Herr Geheimrath Tr. Hinzpeter hat jetzt wieder Hierselbst im „Hotel du Nord" unter den Linden Wohnung genommen. Er leistet fast täglich dem Kaiser beim Morgeiffrühstück Gefellsch^ Auch seine Ge­mahlin, eine Französin, die nur mangelhaft deutsch spricht, welche früher ebenfalls in der kaiserlichen Familie auf erzieherischem Gebiete thätig gewesen ist, weilt augenblicklich wieder in Berlin. — Gleich den Sperrgeldern soll auch der WelfensonSs seinem rechtmäßigen Eigenthümer, dem Herzog von Cumber­land, zurückbezahlt werden. Der Reichskanzler, dem bisher dieser Fonds zur unbeschränkten Verfügung stand, würde dann einen Dispositionsfonds von mehreren Hunderttausend Mark verlieren.

* Der Reichstag führte heute die Verhandlungen der Anträge auf Beseitigung der landwirthschaftlichen Zölle zu Ende. Für die Aufrechterhaltung der Zölle sprachen Abgg. Schuler ('(Str.), Graf Mirbach (kons.) und Frh. v. Pfetten (Ctr.), dagegen Abgg. Schultze (soz.) und im Schlußwort Schumacher (soz.) und Richter (bfr.). Graf Mirbach folgerte aus den An­trägen, daß das mobile Kapital die Zeit für gekommen zu erachten scheine, bei der Landwirthschaft oder rich­tiger bei Grund und Boden Geschäfte zu machen. Abg. Richter erblickt in den Zöllen nur den Zweck, verarmte zu dürfen. Er war fo erschüttert, wie ich ihn nie ge- sehen habe. — Seit ich Dich hier in meinen Armen halte, erscheint mir Vieles anders, ich sehe es, wie in einem helleren, noch sehr fern schimmernden Lichte, ja, ich möchte sagen: es ist gut, daß Alles so gekom­men ist. Laß uns Beide Deine Gefühle für Jhno eine Jugendverirrung nennen, dies ist der einzig rich­tige Name dafür. Aber Du trägst keine Schuld, ich glaube, jeder, welcher ihn sieht und kennen lernt, muß ihn lieben. Als ich gestern Abend hörte, daß Illa — Du verstehst mich wohl, da steute ich mich um Deinet­willen. Eine Verbindung zwischen ihr und meinem Sohne wäre mir aus einem besonderen Grunde nicht erwünscht gewesen. Während ihrer Erzählung blitzte mir ein Gedanke durch den Kopf, nun weiß ich, daß er sich erfüllen kann. Mein ferneres Leben soll eine Sühne werden, aber Du, harre Du nur geduldig, denn das Ende, der Lohn für Deine Treue wird herrlich sein. Weißt Du noch, ich habe Dir einst gesagt: Du wirst es finden, aber warte darauf und suche es nicht, denn das Glück kommt ungerufen."

Sie verstand ihn nicht. Das Zimmer war kalt und ihre Glieder wurden schwer wie Blei. Es ftöstelte sie, sie biß die Zähne auf einander, damit ihr Klappern nicht hörbar wurde, und wickelte sich fester in ihr Tuch. Die ganze Aufregung des vorhergehenden Tages und dieser Nacht machte sich jetzt in einer äußersten Gr­

und verlumpte Geschlechter durch staatliche Privilegien künstlich zu erhalten. Dem Fürsten Bismarck habe er nicht immer opponirt, er habe z. B. seiner Zeit für die Aufhebung der Eisenzölle gestimmt. Schließlich wurde der Antrag Richter, für den auch die Sozral- demokraren eiutraten, mit 210 gegen 106 Stimmen abgelehnt. — Nächste Sitzung: Morgen.

* Professor Koch tritt in diesen Tagen eine inehr- wöchige Erholungsreise nach Egypten au, von welcher er im März zurückerwartet wird. _

* Professor Virchow nahm in der gestrigen Sitzung der medizinischen Gesellschaft einen Theil seiner un­günstigen Aenßerungen über Koch's Heilmittel zurück. Es hat sich nämlich herausgestellt, daß einer der Ge­storbenen, aus dessen Leichenbefund Virchow sich berief, gar keine Einspritzungen erhalten hatte. Mit Virchow halten einige Aerzte die Weiterverbreitung der Tuberkel- Bacillen durch das Koch'sche Mittel aufrecht, während Sanitätsrath Guttmann, der Direktor des Moabiter Krankenhauses, durchweg über günstige Erfahrungen berichtet. .

* Die Bergarbkiterbrwegung macht sich m letzter Zeit wieder mehr bemerkbar. Am 31. Mürz findet der internationale Bergarbeiter-Kongreß in Paris stakt, auf dem, nach allen Vorbereitungen zu schließen, die deutschen sozialistischen Bergleute in stattlicher An­zahl vertreten kein werden. Die Kosten für den einzel­nen Delegirten werden auf 300 Mark veranschlagt, und augenblicklich sind Sammlungen im Werke,_ um diese Summen aufzubringen. In Dortmund sollte am Sonntag die Wahl der Delegirten vorgenommen werden, die weiteren Versammlungen im Oberbergamts- bezirk Dortmund werden in nächste Woche folgen; auch die Bergleute des Königreichs Sachsen sind bereits mit den Vorbereitlmgen zur Delegirtenwahl be­schäftigt. Das polnische sozialistische Blatt wird un­ter den polnischen Bergleuten in Rheinland und West­falen augenblicklich stark verbreitet; das Verbandsbureau der Bergleute in Gelsenkirchen leitet die Verbreitung und hat den Bergleuten mitgetheilt, daß das Blakt selbstredend auch die bergmännischen Interessen ver­treten werde. Die Agitation für den Eintritt in den Verband deutscher Bergleute ist augenblicklich ganz be­sonders rege, überall sind Verttauensmänner ernannt.

* Zur Lehrrrprnfians-Fritgr schreibt der .Reichs­anzeiger' : Es sind Zweifel darüber geäußert worden, ob einem an einer öffentlichen Volksschule angestellk gewesenen Lehrer, welcher nach dem 1. April 1890, aber vor Ausführung des Erlasses vom 28. Ium 1890 m den Ruhestand getreten ist, nach Maßgabe dieses Erlasses die erhöhte Dienftalterszulage von »00 Mark für die Dauer seiner Dienstzeit nach dem 1. April 1890 zu gewähren sei und ob nut schöpfung geltend, aber sie suchte dieselbe sorgfältig zu verbergen; denn ihr Gatte halte erklärt, datz er noch unten bleiben wolle, bis er mit seinem Lohne gesprochen habe. Er empfand offenbar weder Kälte noch Müdig­keit, und sie blieb ruhig zu seinen Füßen sitzen, war doch ihr Platz bei ihm.

Wie viel Ubr ist es?" fragte er endlich.

^Fünf Uhr, es hat soeben geschlagen."

„So wird Jhno wohl auf sein, denn er wird um acht Ühr im Pfarrhause erwartet und gedenkt nach deni Gottesdienste abzureisen."

„Wenn Du es wünschest, will ich einen Diener wecken und zu ihm schicken."

„Nein, gehe selbst, Liebe, damit Du siehst, rote ich Dir vertraue. Klopfe an seine Thür und bitte ihn, herab zu kommen. Du bist mein tapferes, muthige-- Weib, ich habe Dir schweres Unrecht gethan," setzte er leiser hinzu. „ ,, ...

Nach wenigen Augenblicken kehrte lie wieder zuruck. Das Licht war jetzt ganz herabgebrannt und Dämme­rung lag über dem großen Raume. Als Jhno von Freidorf eintrat, waren die großen BücherspiA an den Wänden und die beiden Gestalten in der Mitie de- Zimmers kaum erkennbar. Nur Felicitas' langes weißes Gewand zeichnete sich hell und scharf von dem Auster a6; noch auf dem Kiffen knieend, lehnte sie m dem Arme feines Vaters, ihr Gesicht an seiner Brust beigem.

Fuldaer Zeitung

_ . . _ r, Druck u. Verlag der Fuldaer Aetiendruckerei («. Dillman»),

Fite die Rebection verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda. «P, iu 8