Samstag, den 17. Januar 1891.
! 8. Jahrgang
Fuldaer Zeitung
Für die Redaktion verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda
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Eine Geburtstags-Rede.
Da wir Alle ein Bischen Schulüberbürdung mitgemacht haben, so wird Ihnen wohl nicht unbekannt sein, daß es im Jahre 1812 in Deutschland und in ganz Europa nicht gerade erquicklich aussah. Es gab damals zwar keine Sozialdemokratie und auch keinen „Evangelischen Bund", aber einen Napoleon, der mit Kronen und Ländern Fangball spielte. Alle Menschen dachten nur an diesen Gewaltmenschen und die Zukunfts-Spekulationen der Braven gingen nicht weiter, als bis zu der kühnen Hoffnung auf einen Befreiungskampf. Was später werden solle, überließ man vor- läusig dem Himmel. Die allwaltende Vorsehung aber sorgte nicht bloß für das Ende der napoleonischen Wirthschaft, sondern auch für die weitere Zukunft. Sie wußte voraus, daß 60 Jahre später ein grimmiger und langandauernder Kulturkampf in Deutschland toben und daß die deutschen Katholiken einen tüchtigen parlamentarischen Führer brauchen würden. Damit dieser Zukunftsposten richtig besetzt werden könne, wurde am 17. Januar 1812 in Cüldenhof bei Osnabrück ein kleines Menschenkind geboren, in welchem ganz besondere Eigenschaften schlummerten, von denen vorläufig selbst die glücklichen Eltern keine Ahnung hatten. Wenn ihnen Jemand gesagt hätte, daß dieses kleine Wickelkind mal Minister in Hannover werden würde, so würden sie den Propheten sür einen abgeschmackten Schmeichler gehalten haben. Hätte ihnen aber Jemand noch die weitere Zukunft enthüllen und ihnen zeigen wollen, in welch' einer ruhmvollen, weit über alle hannoversche Ministerherrlichkeit hinausragenden Stellung 4>er kleine Ludwig seinen 80. Geburtstag in Berlin begehen und wie das ganze katholische Volk Deutschlands die kleine Exeellenz feiern würde — so würde dieser Wahrsager einfach nicht verstanden worden sein. Denn wer hatte im Jahre 1812 eine Idee vom preußischen Landtag und deutschen Reichstag, von einer politischen Organisation des katholischen Volkes und von den Ehren und Lasten des Führers der Centrumspartei'?
Von 1812 bis 1891 — ein ungeheurer weiter Weg. Das Geburtstagskind hat ihn gemacht und wird ihn mit Gottes Hilfe noch weithin fortsetzen. Die Beinchen, welche 1812 die ersten Kraftübungen machten, sind nicht sehr groß, aber sehr zähe und ausdauernd geworden. Wenn die „kleine Exeellenz" im geschmückten Geburtstagssessel dasitzt in Mitten der hochgewachsenen Offiziere und Soldaten seiner Armee, dann erscheint das festliche Kosewort „Geburtstagskind" in diesem Falle schon viel weniger gewaltsam, als von anderen Geburtstagsfesten. Und wer ihm in das frische, freundliche Auge blickt und dem ungekünstelten Fluß der humorvollen Rede lauscht, der fühlt, daß neben der Weisheit und Kraft dieses Geistes ein kindliches
Sonnenried.
Roman von Marga Brechten.
(62. Fortsetzung.)
„So sind sie denn alle nutzlos gewesen, diese geheimen Kämpfe und unsäglichen Mühen, ich habe Dein so sorgsam gehütetes Glück nicht vor dem Mehlthau schützen können, den eine unbedachte Hand darüber ge- Meut™ sie, die es gethan, liegt oben als glückliche Braut, sanft schlafend, noch lächelnd im Traum! Mich hat sie in den Abgrund hinab gestürzt und doch muß ich vergeben und denken: „Gott hat es gelitten, wer weiß, was er gewollt?"--"
— Mich strafen für meine Sünde!" ergänzte Freidorf dumpf, „ich weiß jetzt, warum dieses entsetzliche Leid über mich hereingebrochen. In dieser Nacht stehen sie gegen mich auf und umschweben mich — die finstern Schatten der Vergangenheit. Das Unheil, das ich einst selbst über mein Haupt herabrief, ist eingettoff en. Ich darf nicht klagen, daß ich Dein Schicksal an das meinige knüpfte, das war meine Schuld. — Und dennoch, in Deiner Stimme liegt etwas, was wie Wahrheit klingt, — solltest Du sie gesprochen haben? Nein, nein, mein Argwohn läßt sich nicht beschwichtigen, — ich habe seit Wochen Dein Auge mich nicht mehr frei anblicken, Deinen Mund
Gemüth zu finden ist, dem alle Herbheit eines inhaltschweren Lebenslaufes von acht Jahrzehnten nichts anhaben konnte. Windthorst zeigt uns, daß man klein und doch groß, alt und doch jung, bewundert und doch geliebt fein kann. Es gibt Leute, welche behaupten, daß Windthorst nicht gerade der allergrößte Staatsmann in Deutschland sei. Darüber mögen sie ihre Meinung für sich haben; aber so viel steht über allem Zweifel fest, daß sie unter den „großen Männern" unserer Zeit keinen finden können, bei so viel Liebe — echte, warme, uneigennützige, durch keinen Zweifel oder Vorbehalt getrübte Liebe — sich erworben hat, als die kleine Excellenz. Und mögen die Verehrer des Fürsten Bismarck ihren Helden noch so sehr herausstreichen, sie werden nicht behaupten können, daß er außer der Verehrung und der Dankbarkeit sür seine Großthaten auch noch herzliche Liebe für seine Person wie Windthorst im Volke sich erworben habe. Sie werden sagen, er habe dieselbe auch nicht gesucht. Das zeigt nur, daß sie für diese Sache kein Verständniß haben. Wer in wohlberechneter Absicht auf die Suche geht, der wird die Liebe nicht finden; denn ein solches anspruchsvolles Streben verscheucht sie. Das Volk liebt nicht den, der geliebt sein will, sondern den, der Liebe verdient und durch seine Liebenswürdigkeit zur Liebe zwingt, ohne es selbst bewußt zu wollen. Fürst Bismarck hat Dotationen von Millionen Mark erhalten; aber die Dotation der Herzen ist ihm nicht zugefallen. Und doch ist das die köstlichste und schönste: auf ihr ruht keine Stempelabgabe, um deren Erlassung man einzukommen braucht; an ihre Fersen heften sich keine unangenehmen Erörrenmgen; sie- erregt- keine Mißgunst, nicht einmal bei den Sozialdemokraten; sie gibt einen Reichthum, den Rost und Motten nicht fressen; sie beweist mehr, als die Größe des Empfängers, da sie nur einem Guten unter den Großen zufällt.
Und dennoch kann man auch unserm geliebten Geburtstagskinde das Prädikat „habgierig" anhängen. Er will etwas haben, sogar recht viel haben, aber — das ist der kleine Unterschied — nicht für sich, sondern für die arme katholische Gemeinde in Hannover, für die dortige zweite Kirche. Wohlan, geben wir dem Achtzigjährigen schnell, was er für Hannover gebraucht, damit er das neunte Jahrzehnt seines Lebens hindurch auch noch für die Abstellung der Kirchennoth in Berlin sammeln tarnt! Zum neunzigsten Geburtstage Windthorst's muß schon wenigstens eine neue Kirche in Berlin fertig sein, welche von der Liebe des katholischen Deutschland zu seinem Windthorst Kunde gibt.
Wenn er diesen Wechsel auf seinen neunzigsten Geburtstag zu Gesicht bekommt, wird er vielleicht zweifelnd den Kopf schütteln, weil er zu bescheiden ist, auf eine solche Gnade des Himmels zu rechnen. Aber wir rechnen darauf, daß er es dem Grasen Moltke
mir nicht mehr zulächeln gesehen, Deine Küsse, Deine Worte, — sie können Lüge gewesen sein. — Und doch, — und doch, wenn Du meinen Verdacht widerlegen, mich nur in einem einzigen Dinge zu überzeugen vermöchtest, so würde ich Dir glauben, Alles für wahr halten."
„Sprich, was soll ich Dir beweisen, nenne mir Deinen Zweifel," sagte Felicitas. Ihre Kraft war zu Ende, denn ihr Herz war muthlos geworden.
„Kannst Du leugnen," begann er langsam, fast drohend, „daß Du meinem Sohne am Weihnachtsfeste Dein eigenes Bild gegeben?"
„Ja," rief sie hell und freubig, „ja, ich kann es, denn es war Dein Bildniß, das ihn begleiten, ihn stärken sollte in der Liebe zu Dir. Frage Jhno, wenn Du mir nicht glaubst."
„Es ist gut, ich glaube Dir."
„Aber wie ist mir denn," rief Felicitas plötzlich aufspringend, „ich hatte Dir das Bild ja gezeigt, Du hast es gesehen, wie durftest Du zweifeln?"
„Ja, ich durfte es," wiederholte er in leisem klagenden Tone; „ich habe das Bild, das Du gegen das Fenster hieltest, nicht gesehen, bringt doch in meine Nacht kein Sonnenstrahl, kein noch so schwacher Schein, kein Schimmer des Lichten! — Ich bin ja blind, unheilbar blind!"
nachmacht. Er gehört ja doch einmal zu den gesegneten Naturen, die blos an einem Tage des Jahres älter werden. Nämlich am Geburtstage, wenn sie sich ans Rechnen geben. Es ist das ein „rechnungsmäßiges" Altern, welches man sehr lange anshalten kann. Es geht ihrer Lebensfrist, wie der Eisenbahnschuld in Preußen, von welchen blos „rechnungsmäßig" abgeschrieben wird, wobei sie die schönste Anwartschaft auf Unsterblichkeit hat.
Es läßt sich ja auch leicht begreifen, warum die Vorsehung der kleinen Excellenz noch eine große Zahl von Jahren zulegen muß. Ohne Windthorst geht es nicht! Frhr. v. Franckenstein ist vorzeitig in Folge einer unglückseligen inneren Verletzung abberufen worden; Frhr. von Schorlemer ist noch immer durch Krankheit an der politischen Arbeit verhindert. Mehr als je ist zur Zeit Alles auf Windthorst angewiesen. Wir haben soeben die sogen, „neue Aera" begonnen. Sie bringt neue Ausgaben, schwere Aufgaben. Wenn wir den Führer Windthorst nicht hätten, so müßten wir ihn vom Himmel erbitten. Um so eher dürfen wir hoffen, daß unsere Gebete um Erhaltung seiner unersetzlichen Kraft Erhörung finde.
Also begleiten wir ihn froh und frisch auf seinem Wege in das Jahrzehnt mit der 8. Hoffentlich ist er im verflossenen Jahrzehnt im Allgemeinen mit uns zufrieden gewesen; aber es schadet nichts, wenn wir uns mal wieder zusainmennehmeit nnd noch zu bessern suchen. Das sei ihm denn auch zum Geburtstage gelobt. Der älteste Heerführer im Parlament soll sich auch rühmen können, die beste Truppe hinter sich zu haben. Das Schickfal^mderer Größen, in melancholischer Einsamkeit über die Untreue der Verehrer klagtn zu müssen, ist für ihn undenkbar. Und wenn auch etwa ein künftiger Falk bas Jesuiteugesetz auf bie kleine Excellenz ausdehnen sollte, er würde doch unser Haupt, unser Führer, unser Vater bleiben ; er brauchte keine Interviewer einzulaben, sonbern bloß den übermäßigen Andrang Getreuer freundlich zu wehren.
Im Anschluß an ein bekanntes Sprichwort kann man sagen: Jede Partei hat den Führer, den sie verdient ! Wenn bas richtig ist, so ist cntweber bas Ver- bienst unserer Partei sehr groß oder wir sind bei der Führervertheilnng übermäßig gut bedacht worden. Auf jeden Fall ist es gerathen, daß wir uns bemühen, des Führers würdig zu sein. Machen wir einen Anlauf, lauter kleine Windthorst's zu werden. Das sieht vermessen aus ; aber es wird ja von dem Durchschnittsmenschen nicht verlangt, daß er das hohe Muster erreich e, sondern nur, daß er nach seinen bescheidenen Kräften dem guten Beispiel nacheifere. Er ist that- krästig, selbstlos, treu und opferwillig im Großen: seien wir desgleichen im verjüngten Maßstabe.
Wenn der Gefeierte von dieser kleinen Festrede
„Blind?" stieß sie hervor, „blind?" — zaudernd, entsetzt, als ob sie die ganze furchtbare Bedeutung dieses kleinen Wortes nicht gleich zu fassen vermöchte: „barmherziger Gott, das kann ja nicht fein, o sage, daß es nicht wahr ist!"
Er gab keine Antwort, sondern sah sie an, still und traurig. Die großen, noch glänzenden, aber starren, lichtlosen Augen, redeten eine so eigenthümliche, schreckliche Sprache, — sie baten für ihn, den greifen, hüls- losen Mann. Sie warfen sein Unglück in die Wagschale gegenüber der Schönheit und Jugendkraft, und jene sank tiefer, das Leid kaufte ihm die Liebe der Gattin zurück, welche er zu verlieren gefürchtet hatte. Ihr war, als sei der Traum, das leidenschaftliche Sehnen verrauscht, wenigstens schlummerte es für jetzt, und an feine Stelle trat ein so schneidendes Weh, daß sie laut aufstöhnte, wie im heftigen, körperlichen Schmerze. Sie würde ihr Loben hingegeben haben, wenn sie ihm dadurch hätte Hilfe bringen können.
Ihr herzbrechendes Schluchzen hallte durch das Zimmer, es rührte ihn und sanft tröstend berührte er ihr Gesicht, das fast bis zum Boden herabgeneigt war. Da richtete sie sich auf, schlang die Arme um seinen Hals und rief mit einer Stimme, in der etwas wie plötzliche Erleichterung hindurchzitterte.
„O Gott, so darf ich Dir ja wieder alles fein,