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Donnerstag, den 15. Januar 1891.

18. Jahrgang

Fuldaer Zeitung

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Billige DetriebsKraft für das Handwerk.

* Unter der Entwickelung der modemen Technik hat wohl kein Stand so schwer zu leiden gehabt, wie das Kleingewerbe. Die Maschinen, eigentlich be­stimmt, dem Menschen die Arbeit zu erleichtern und zu beschleunigen, sind in der Hand des Großkapitals zu einer furchtbaren Waffe geworden, der fortgesetzt zahlreiche selbständige Existenzen und kleinere Betriebe zum Opfer fallen. Bereits ist es ein Glaubenssatz der Sozialdemokratie, daß die Verschlingung der kleinen Betriebe durch den Großbetrieb und die Proletarisirung des Kleingewerbes, besonders des Handwerkerstandes, eine unvermeidliche Sache sei.

Der oberflächliche Augenschein fömite den Sozialdemokraten Recht geben, aber schon seit längerer Zeit wird versucht, auf dem Gebiete der technischen Krafterzeugung und Krastfernleitung Neuerungen her­beizuführen, die auch dem Kleinbetriebe zu Gute kommen. Man hat versucht, die Maschinen mehr und mehr zu verkleinern und zu verbilligern, ohne die Leistungsfähigkeit derselben zu vermindern. Und Herr Siemens erklärte bei Begrüßung der deutschen Natur­forscher-Versammlung im September 1886 in Berlin: „Der Maschinentechnik wird es unfehlbar gelingen, das Hinderniß der Rückkehr zur konkurrenzfähigen Handarbeit zu beseitigen durch die Zuführung billiger mechanischer Arbeitskraft in die kleinen Werkstätten und die Wohnungen der Arbeiter. Das Endziel der Ent­wickelung des Zeitalters der Naturwissenschaft ist die Rückkehr zur Einzelarbeit." Bisher scheiterten aber an den hohen Kosten einer mechanischen Triebkraft meist die besten Bemühungen, denn abgesehen davon, daß die Krafterzeugung in kleinen Dampfmaschinen oder in Gasmotoren für die Krafteinheit um ein Vielfaches lheuerer zu stehen kommt, als in großen Anlagen, bieten auch die meisten kleinen Betriebe gar nicht die Möglichkeit, auch nur die kleinste Dampfmaschine oder den kleinsten Gasmotor voll auszunutzen. Dem kleinen Handwerker, welcher eine gewisse Summe von Kraft für seine bescheidene Produttion mit großem Nutzen verwerthen könnte, ist denn doch nur dann geholfen, wenn ihm einerseits die Krafteinheit nicht um gar zu viel theuerer zu stehen kommt, als dem Großbetrieb, und wenn er andererseits nicht mehr Kraft zu bezahlen braucht, als er wirklich verwendet. Das Aushilfs­mittel der sogen. Kraftvermiethungs-Anstalten hat sich bisher wenig bewährt.

Eine neue Methode der Fernleitung und V e r - tHeilung motorischer Kraft, von der man sich für das Handwerk etwas verspricht, ist die Verwendung gepreßter Luft zu diesem Zweck. Eine derartige

Sonnenrie-.

Roman von Marga Brecht« n.

(60. Fortsetzung.) XXXVII.

Es war auf Schloß Freidorf nicht Sitte, in der Sylvesternacht aufzubleiben; nur das Dienstpersonal hatte die Erlaubniß erhalten, in der großen Gesinde­stube den Jahreswechsel in gewohnter Weise zu feiern. Die letzten der von dem Baron ausgesandten Männer ^men zurück; sie schüttelten den Schnee aus den Kleidern und setzten sich mit in die Runde. Dorette, welche bis dahin mit ihrem Gärtner auf einer Seiten­bank gesessen, gesellte sich nun zu den Uebrigen; nur Bill, der arme kleine Reger, blieb still trauernd in seiner Ecke, denn die bevorstehende Abreise seines Herrn ging ihm gar nahe.

Die am Tische aber rückten dichter zusammen, und während der Punsch wacker kreiste, drehte sich das lebhafte Gespräch um die Ereignisse des heutigen Tages. Man sprach von dem Herrn und seinem verstörten Wesen, von der gnädigen Frau und vor Allem von dem Fräulein, welches in des Doktors Gesellschaft munter und guter Dinge heimgekehrt war.

„Ja, das lohnte sich wahrhaftig nicht, wegen der so in die Nacht hinauszustürmen, noch dazu bei solchem Hundewetter," sagte ein alter Knecht, der aus dem

Anlage ist jetzt in Paris im Betriebe, soll zur Zu­friedenheit aller dabei interessirten Faktoren funktioniren und an Großartigkeit und Ausdehnung alle bisher bestehenden Anlagen anderer Systeme übertreffen. Von einer Zentralanlage geht die komprimirte Luft, ähnlich wie Leuchtgas oder Wasfer, durch Rohrleitungen in die Stadt. Während aber bei den Beleuchtungs-An­lagen iu der größeren Zahl der Fälle es sich um starke Motoren über 10 Pferdekräfte handelt, fällt in den städtischen Gewerben, welche meistens kleinere Betriebe sind, die Haupttolle den kleinen und kleinsten Motoren zu. Es werden Nähmaschinen, Drehbänke, Druckerpressen, Zirkularsägen, Blechscheeren, Zuschneide­maschinen, Schleifsteine rc. in großer Zahl durch Luftmotoren betrieben, welche eine Stärke von zwei bis vier Pferdettäften bis herab zu sechs Kilo- grammometer haben. In kleinen Wohnungen, welche zugleich als Werkstätten dienen, und für welche Dampf­betrieb oder auch Gasmotoren vollständig ausgeschlossen sind, soll durch die Einführung der komprimirten Luft dem Bedürfnisse nach einer sicheren, verläßlichen und billigen Betriebskraft in vollkommenster Weise Rechnung getragen werden. Der Motor nehme nur einen Raum von 70 oder 80 Cmtr. nach der einen und 30 bis 4C Emir, nach der anderen Richtung ein; ein außen am Hause hinaufgeführtes Bleirohr schlüpfe beim Fenster herein, führe die tomprimirte Luft zu, und der kleine Unternehmer verfüge so oft und so lange er wolle über eine halbe oder ganze oder zwei Pserde- ttäfte. Wenn er die Kraft brauche, öffne er den Hahn, und wenn er sie nicht brauche/ so schließe er ihn zu. Ein Zentral-Apparat zeige an, wieviel Kubikmeter Luft er verbraucht habe und am Ende des Monats bezahle er seine Rechnung.

Prof. Riedler, der die Pariser Anlage zur Kraftversorgung mit Druckluft eingehend studirt und auf Wunsch des Pariser Gemeinderaths an deren Vervollkommnung erfolgreich gearbeitet hat, hat jüngst im „Verein für Förderung des Gewerbefleißes" in Berlin über die neue zentralsirte Luftdruckerzeugung einen höchst lehrreichen Vortrag gehalten, in welchem er auch der Behauptung entgegentrat, daß die Pariser Verhältmsie nicht maßgebend sein könnten, da dort die Rohrleitung in den leicht zugänglichen Kanülen untergebracht sei, während sie sonst in der Erde Platz finden müsse. Dem gegenüber erklärte der Vortragende, daß bei der älteren Pariser Anlage nur zwei Drittel der Leitung durch die Kanäle geführt seien, und daß bei der neuen Anlage für Rohre von * */2 Meter Durchmesser überhaupt fein Platz in den Kanälen sei, daß also auch hier die Erdleitung angewandt werden müsse. Prof. Riedler gilt als A u t o r i t a t auf di efem Gebiete. Angegriffen wird er nur von den Elektro­

Niesen und Husten gar nicht herauskam. „Na, der Herr behält auch zeitlebens sein Andenken an die Tour."

„Um den und die Gnädige kann's mir wirklich leid thun," meinte die Köchin und legte den Schürzen­zipfel an die Augen. „Keinen Bissen haben sie heute Abend angerührt; — geh', Lene, hol' noch den präch­tigen Braten — so, nun langt Alle tüchtig zu; die Herrschaft wird's uns danken, wenn wir ihn nicht umkommen lasten."

„Das will ich meinen," stimmte der Kutscher bei und hieb tüchtig ein; „da, kleiner Schwarzer, hast ein saftig Stücklein und einen Schluck Grog dazu — 's gibt halt keinen besseren Trost, sag' ich Dir."

* *

*

Mitternacht war vorüber. Auch in der Küche und der großen Hinterstube wurde es still, nur oben, in Felicitas' Zimmer schimmerte Licht. Jetzt, wo die Sorge um die Schwester in so befriedigender Weise gelöst war, trat diejenige um ihren Gatten wieder in den Vordergrund. Sie sehnte sich nach ihm, — ach, so war er noch nie von ihr gegangen! Ob er in seinem Schlafzimmer weilte? Eine Stimme in ihrem Innern widerlegte diese Vermuthung mit Bestimmt­heit. Sie erhob sich und überlegte. War es nicht rath- samer, die Sülle ihres behaglichen Zimmers dem

Momente vorzuziehen, dem sie möglicher

technikern, welche die Zukunft für ihren Krafterzeuger in Anspruch nehmen.

Bei uns ist erst der Anfang gemacht worden mit Einführung der Druckluft an lagen. Die Attien- gesellfchaft, welche das^Patent für das Reich erworben hat, und an deren spitze die Diskonto-Gesellschaft steht, hat zunächst in Rixdorf bei Berlin die Kon­zession erhalten. Dort soll in zwei Jahren die Anlage betriebsfähig sein. Dabei entsteht allerdings die Frage, ob nicht die Sache dadurch verthenert wird, daß sich die Spekulation derselben bemächtigt und sie monopo­listisch ausbeutet. Es verdient daher die vom.Reichs­boten' gegebene Anregung, es möchten die Gemeinden die Druckluftanlagen einführen, zum mindesten ernste Erwägung. Jedenfalls handelt es sich um eine An­gelegenheit, deren soziale Wichtigkeit »uf der Hand liegt, und die besonders die Aufmerksamkeit der Hand- werker-Gmossenschaften verdient. Die Zuführung einer billigen motorischen Kraft würde das Kleingewerbe unbedingt stärken, lebens- und entwickelungsfähig machen und der Proletarisirung weiter Handwerkerkreise steuern. Gesellt sich dazu noch eine zeitgemäße Organisation des Handwerks, dann wird schon viel zur Lösung der Aufgabe der christlichen Sozialreformer.' Aufrecht­erhaltung und Förderung des gewerblichen Klein- bettiebes, gefchehen sein. (Wests. Merk.)

Deutsches Keich.

Berlin, 13. Januar.

* Das Atters- uns Jillmliltttitts-Gesetz ist seit der kurzen Zeit seines Bestehens um nichts volksthümlicher geworden. Von allen Seiten, schreibt die ,Köln. Vzlg.' hört man Klagen über bureaukraüschen Apparat und Umständlichkeiten, und der Unklarheiten und Zweifel ist kein Ende. Namentlich in den ländlichen Kreisen ist das Gesetz sehr unbeliebt. Als ein bezeich­nender Vorgang wird in dieser Beziehung erzählt, daß dem Abg. Hitze jüngst in einer Komiteesitzung, an welcher Mitglieder vom Lande theilnahmen, von einem derselben ein Vorwurf daraus gemacht wurde, daß er das bekannte Schriftchen über das Gesetz verfaßt habe. Das war gewiß sehr unverständig, da der Abg. Hitze eben nichts anderes gethan hat, als das nun einmal vorhandene Gesetz in gemeinverständlicher Weise zu kommeutiren — ein unter allen Umstünden sehr ver­dienstliches Werk des hochverdienten Eenttumsmitglieds. Vielleicht hängt es mit jenem Vorkommnisse, welches „lief bhcken läßt", zusammen, daß die Gladbacher Vztg. in einem Leitartikel nachdrücklich die ablehnende Stellung der großen Mehrheit des Eentrums gegen­über dem Gesetze kennzeichnet und insbesondere die be­zügliche Rede des Abg. Windthor ft wiedergibt. Be-

Weise entgegen ging ? Entweder stieß Herbert sie rauh zurück, oder er überhäufte sie mit Vorwürfen; würde sie die Kraft haben, seine Heftigkeit zu ertragen? Ein Frösteln schüttelte ihre Glieder, sie wartete noch einen Augenblick, dann warf sie ein Tuch über ihr langes weißes Nachtkleid und ergriff einen Handleuchter. Ge­räuschlos die Thüre öffnend, schlüpfte sie auf den Korridor hinaus und trat an eines der Fenster, welche auf den Hof gingen.

Durch eine Biegung des Ganges konnte man von dort aus die Parterrefenster überfehen. Ihre Ahnung erfüllte sich — in der Bibliothek brannte auch Noch Licht. Ohne recht zu wissen, was sie eigentlich wollte, ging sie langsam zurück, an ihrer Thür vorüber.

Es war kalt und unheimlich in den Gängen, und Felicitas war zu sehr Weib, um nicht einen leichten Schauder zu empfinden, als sie in diesem Augenblicke sich der Sylvesternacht bewußt wurde und sich zugleich an alle mit dem Schlosse verwebten Sagen, — an Almut, die Ahnfrau, erinnerte. Der Weg nach unten war so weit — lautlos, als ob sie selbst ein Geist wäre, glitt sie die Treppe hinab in ihrem weißen, nachschleppenden Gewände mit der trübe brennenden Leuchte in der Hand. Da war der erste Absatz erreicht, von dort führte eine kleine Thür in einen Gang, welcher in dem Seitenthurme, dicht an Maren's Zimmer, endete. Als Felicitas jetzt genauer hinblickte, bemerkte