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Mittwoch, den 14. Januar 1891

18. Jahrgang

Fuldaer Zeitung

Druck u. »erlag der Fuldaer «ckendrackeret (L. Dilmauu).

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

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zugehen, während derselbe jetzt bekanntlich 5 Mark beträgt. Dre Schwierigkeiten, welche im Laufe der Vertragsverhandlungen sich ergeben haben, scheinen nun darin zu bestehen, die Ermäßigung auch wirklich auf die österr eich-ungarische Getreide-Einfuhr nach Deutschland zu beschränken und den russischen und rumänischen Wettbewerb auszuschließen — soweit eben der Osten in Betracht kommt —, da wir selbstver­ständlich allen Staaten, welche uns auf dem Fuße der Meistbegünstigung behandeln, die gleiche Zoller­mäßigung gewähren müssen, was bezüglich Rußlands nicht zutrifft. Da aber Oesterreich nur einen Zoll von l'/a Gulden auf die Tonne Getreide gelegt hat, so würde Rußland auf dem Wege über Oesterreich oder Rumänen, welches gar keinen Getreidezoll hat, fast die ganze deutsche Zollermäßigung auch für sich zu nutze machen können, es sei denn, daß Oesterreich seinen Getreidezoll entsprechend erhöhte, woran aber nicht zu denken ist, oder daß es durch Eisenbahn-Diffe- rential-Tarife gegen den russischen Mitesser sich schützt. Das letztere scheint in der Absicht zu liegen, wie man daraus entnehmen muß, daß von jetzt ab auch Eisen­bahn-Fachmänner an den .Beratungen theilnehmen werden. Die Verständigung zwischen Oesterreich und Ungarn, welche so eben in Bezug auf die Tariffrage zu Stande gekommen ist, wird man wohl nach dieser Richtung hin deuten müssen. Das wäre zugleich der einzige Weg, um für die deutschen Seestädte den rus­sischen Getreide-Verkehr zu erhalten. Am liebsten würden diese es freilich sehen, wenn Rußland gegen­über keine Ausnahme gemacht würde; unsere Land- wirthe im Osten würden aber dann erst recht unge­halten sein. Bei. den obwaltenden Schwierigkeiten ist an einen baldigen Abschluß der Verhandlungen kaum zu denken.

* Fürst Bismarck bestreitet durchaus, daß er je­mals das vielbesprochene Wort „le roi me reverra“ gebraucht habe. Die ,Freis. Ztg.' hatte neulich be­hauptet, diese Aeußerung sei an der Frühstückstafel im Reichskanzler-Palais am 21. März gefallen, und zwar in Gegenwart mehrerer Personen, durch deren zeugen­eidliche Vernehmung im Falle eines Strafprozesses die Wahrheit festgestellt werden könne. Die,Hamb. Nachr.' erklären das für Erfindung. Die beregte Aeuße­rung sei weder am 21. März im Reichskanzler-Palais, noch sonst irgendwo gefallen. Ehrenpflicht der ,Freis. Ztg.' sei es, die Namen der Gewährsleute zu nennen, die „es beschwören können". Die Bereitwilligkeit, die Behauptung gerichtlich zu vertreten, sei eine bedeutungs­lose Redensart, weil überhaupt keine Möglichkeit eines gerichtlichen Vorgehens vorhanden sei. Früher hat freilich der Fürst auch in den unmöglichsten Fällen Strafantrag gestellt, aber das mag jetzt anders liegen.

Deutsches Keich.

Berlin, 12. Januar.

* Nach den Preßstimmen aus verschiedenen Lagern dürfte das Einkommensteuer-Gesetz zu Stande kommen, während das Schicksal der Landgemeinde-Ordnung für den Oste» noch sehr fraglich ist. Die Konservativen wollen von ihrem Standpunkt nicht lassen, eben so wenig ist hierzu die Regierung geneigt nach der Er­klärung des Ministeriums im .Reichs-Anzeiger'. In­zwischen spricht man von Vermittelungsversuchen des Centrums und der Frei-Konservativen, über deren Aussichten sich nichts Bestimmtes sagen läßt. Die Be­fürchtungen einer Auflösung des Abgeordneten­haus e s wollen immer noch nicht verstummen, obschon das wohlverstandene eigene Interesse die Konservativen dazu veranlassen dürfte, alles zu vermeiden, was neue, ihnen keinesfalls so wie bisher günstige Wahlen herbei­führen müßte. Wahrscheinlich werden sie deshalb schließ­lich doch noch für die Landgemeinde-Ordnung zu haben sein. — Während wir dies schreiben, wird offiziös gemeldet: „In parlamentarischen Kreisen nimmt der Glaube zu, daß auf Grund der Zusicherung, daß das Gesammtministerium die Instanz abgeben solle für die Erklärung der Nothwendigkeit des Zu­sammenlegens mehrerer Gemeinden, resp. Gutsbezirke, und nicht das Einzelministerium, eine Verstän­digung über die Landgemeindeordnung auf der Basis der Regierungsvorlage erfolgen werde." Die Mehrheit der Kommission trat bekanntlich dafür ein, daß nicht die Regierung, sondern in drei Instanzen die Selbst­verwaltungs-Körper (Kreis-, Bezirk und Provinzial- Ausschuß) jene Entscheidung treffen sollten.

* Im Abgeordnetenhaus? legte heute Finanzminister Dr.Miquel den n e u e n E t a t vor, der mit 1,720,000,000 Mk. balanzirt, und zwar ohne Zuhilfenahme einer neuen Anleihe. Das Etatsjahr 1889/90 ergab einen Ueberschuß von ca. 97 Millionen. Das laufende Etats­jahr verspricht einen solchen von 33 Millionen. Diese Ueberschüsse sind mehr rechnerischer als wirthschaft- licher Natur, von denselben würde wenig übrig bleiben, wenn den Ansprüchen der Schuldentilgung in höherem Maße genügt worden wäre, als bisher. Bemerkens­werth war, daß der Finanzminister sich gegen das System der Stellenzulagen, wie gegen das bisherige System der Stellenaufrückung erklärte und eine ander- weite Organisatton der Beamtengehälter und des Auf- rückungswesens (nach Altersstufen) ankündigte. Ferner soll die Zahl der diätarisch beschäftigten Beamten ver­mindert und die der etatsmäßig Angestellten entsprechend vermehrt werden. Der neue Etat nimmt eine Neu­organisation der Gewerbeinspektionen und speziell eine Vermehrung der Gewerbeinspektoren in Aussicht. Beim

Sonnenried.

Roman von Marga Brechten.

(59. Fortsetzung.)

Welch' eine traurige Nacht! Es wurde stiller und IW61- Man hörte nichts als das Knistern und Knattern der langsam verglimmenden Holzscheite oder zuweilm einen bangen Seufzer aus derselben Rich- tung Plötzlich schrack Felicitas zusammen, sie glaubte em Geräusch wie von Pferdehufen gehört zu haben. Den Athem anhaltend lauschte sie, ob es sich wieder­holen werde nein, denn schon stürmte Jemand die Treppe herauf — die Thür flog auf und Illa, durch­näßt, mit wirrem, aufgelöstem Haar stürzte ins Zim­mer auf Felicitas zu — weinend und lachend. Vor ihr niederknieend umfaßte sie dieselbe und ries jubelnd:

..O Felicie, meine Schwester: kannst Du's glauben? Wir haben uns verlobt!"

Mit einem leisen Auffchrei lehnte sich Felicitas zu­rück, indeß Illa fortfuhr:

„Nein, erschrick nicht — ich habe nichts Unschick­liches gethan; er selbst sprach zu mir und warb um mich in seiner einfachen und doch fo herzlichen Weise. O, nun weiß ich, warum es noch in der letzten Stunde geschah — der kleine Hans hat für mich gebetet, wie er es mir sterbend versprochen, heute vor acht Tagen! — Verzech mir Alles — daß ich so hefttg war und

Etat der Eisenbahnverwaltung, so bemerkte der Minister, sei sehr vorsichtig zu Werke gegangen; größere Summer würden für Erneuerung des Oberbaues, wie für Er Neuerung der Betriebsmittel gefordert. Auch soll bei Eisenbaynminister ermächtigt werden, aus den Ueber- schüssen des laufenden Jahres 20 Millionen für Be­triebsmittel im Bedarfsfälle zu verwenden. Bei der Erwähnung der Forderung für ein zu gründendes Institut für Infektionskrankheiten kündigte der Minister die nahe bevorstehende Veröffentlichung der Zusammen­setzung des Koch'schen Heilmittels an. Nächste Sitzung Montag: Erste Berathung des Etats.

* Zur Sperrvorlage bringt die ,Lib. Korresp.', deren Auslassungen von einer Anzahl freisinniger Blätter übernommen werden, einen sehr vernünftigen Artikel, in welchem es heißt: „In der That trug die (vorjährige) Vorlage den Stempel der Bismarck'schen Politik, die selbst hier, wo es sich um Herausgabe von Staatsmitteln handelte, auf welche die katholische Kirche einen gesetzlichen Anspruch hat, die Verwen­dung derselben unter das discretionaire Ermessen der

Regierung stellen wollte. Das Centrum wußte wohl, weshalb es die Vorlage abiehnte. Aber die Kartell­parteien, die damals Herrn Dr. Windthorst halfen, das Bismarck'sche Vermächtniß zu beseitigen, sind be­greiflicherweise entrüstet bei der allzuspäten Erkenntniß, daß sie nur die Geschäfte des Centrums gemacht haben und daß Minister v. Goßler weise gehandelt hat, als er es ablehnte, sich „in Zukunft den Weg zu ver­schließen", der zu eurer endgikügen Regelung der Sache führt. Diesen Weg will die Regierung jetzt einschlagen, indem sie die Rückgabe des Kapitals an die Geschädigten beantragt und damit den Herren v. Kroecher und Genossen zumuthet, „nach Canossa zu gehen". Merk­würdigerweise ist dieser Weg derjenige, den einzu­schlagen Kultusminister Dr. Falk sich im Jahre 1875 bei Erlaß des Sperrgesetzes vorbehielt, wie aus den Motiven zu demselben unzweideutig hervorgeht. Mit dem Canossa-Geschrei, welches jetzt das Leiborgan des Fürsten Bismarck zu erheben versucht, möge man uns verschonen." Herr v. Goßler hat sich allerdings bei Bekämpfung der Centrums-Forderungen viel weiter vorgewagt, als die ,Lib. Korresp.' erkennen läßt.

* Offenbar hat die weitgehende Beunruhigung in der deutschen landwirthschaftlichen Bevölkerung wegen den zollpolitischen Verhandlungen mit Oesterreich ihre Wirkung auf den Bundesrath nicht verfehlt. Von den deutscherseits von vorn herein in Aussicht genommenen Zugeständnissen weiß man nur, daß unsere Vertreter ermächtigt worden sind, gegen gleichwertige Zugeständ­nisse von der andern Seite auf andern Gebieten, in Bezug auf den Getreidezoll schlimmstenfalls bis auf 3 Mark 50 Pfennig der Doppel-Centner herab-

Dich monatelang irregeführt! Sieh, ich liebte so heiß, so innig, aber ich schämte mich, einzugestehen, daß er, den ihr Alle für so häßlich hieltet, und der mich so unfreundlich, so strenge behandelte, der erste Mann war, der mein Herz gewonnen, den ich lieben mußte mit meinem ganzen Sein."

„Ich verstehe Dich nicht recht," sagte Felicitas er­staunt.

„Ja, das glaube ich," suhr Illa fort, während noch immer große Thränen über ihre Wangen rollten. „Niemand konnte mich verstehen, nur Jhno hatte es errathen — ihm gestand ich es ein. Und ich war so verzweifelt, als ich sah, daß er ein so eitles, oberfläch­liches Geschöpf nicht lieben und achten konnte. Da nähte ich mir denn in aller Sülle die Leinenkleider und dachte, ich wolle anders werden, ihm zu liebe! Aber auf einmal hörte ich, daß heute der letzte Tag sei, denn morgen gehe er auf das Schiff. Mein Pferd, das treue Thier, trug mich durch Sturm und Schnee hinab ins Dorf — es war so, er wollte gehen, fort­ziehen mit über das weite Meer, weil er, wie er mir später sagte, nicht um mich zu werben gewagt hatte. Als ich das vernahm, konnte ich mich nicht mehr hal- ten; vergib, Felicitas, ich will gewiß nie wieder etwas Unpassendes thun, aber sieh, ich war so erschöpft und brach auf einmal in Thränm auS! Da beugte er sich über mich und fragte so leise, so lieb, ob ich das Buch,

in dem ich einst lesen gewollt, und das ich so un- muthig fortgelegt, vielleicht doch als mein Eigenthum annehmen wolle? O Schwester, ich konnte nicht ant­worten; ich war ja seiner nicht werth! Aber er ver­stand mich und zog mich zu sich empor, ich ruhte an seinem edlen, treuen Herzen und vergaß Alles um mich her, außer ihm und meinem Glück! O, und nun will ich so gut fein, und Du mußt mich lehren, wie ich es anfangen soll, ihm eine stille, häusliche Frau zu wer­den. Und Alle meinen, es könne ganz gut gehen, und Fräulein Adelheid sagt, auch sie wolle mir helfen, und sie hoffe viel von meinem guten Willen, Pfarrer Wer­ner aber that den schönsten Ausspruch, er sagte: „Got­tes Segen und die wahre Liebe bringen Alles zu Stande.""

„Liebe Illa," unterbrach Felicitas den Strom der für sie unverständlichen Aeußerungen, „was sollen denn Fräulein Werner und ihr Bruder dabei? — Ist es nicht Jhno?"

„O nein, nein! Er hätte mich nie lieben können, ich merkte das schon in den ersten Tagen. Sein Be­nehmen war für mich nichts Neues, doch als ich ihn — Reinhard Werner, sah, der mir so kühl, alle äußeren Vorzüge verachtend, entgegentrat, da hatte ich meinen Meister gefunden! — Und denke Dir, er wird nun doch nicht als Schiffsarzt mit Jhno gehen, sondern die Stelle am neuen Krankenhause annehmen. Wir werden das hübsche kleine Nebenhaus bewohnen, ich will seinen